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Zur Kritik moderner „Religionskritik“

„Die Religion gewinnt in den letzten Jahren gesellschaftspolitisch wieder an Bedeutung. Da wäre beispielsweise die Tea-Party-Bewegung in den USA… In Lateinamerika stellt das evangelikale Christentum eine zunehmend einflussreiche soziale Bewegung dar… In Teilen Afrikas stehen evangelikal-christliche Kräfte mit der Verfolgung von Menschen aus der LGBT-Community in Verbindung. In Frankreich mobilisieren rechte Gruppierungen Hunderttausende, vor allem aus den kulturkonservativen, katholischen Milieus, zu Demonstrationen gegen die Homo-Ehe. Und in Teilen Osteuropas scheint sich ein neuer Block an der Macht herauszubilden, der aus Versatzstücken postkommunistischer Staatsapparate, nationalistisch-faschistischer Bewegungen und den durch den Kommunismus hindurch relativ stabil gebliebenen Kirchenstrukturen besteht. Und dann wäre da nicht zuletzt der politische Islam…“ (Müller 2014)

Diesen Trend kann man nicht bestreiten. Im Zuge der antiislam(ist)ischen Feindbildpflege hat aber nicht nur Religion, sondern auch Religionskritik, jedenfalls in der Öffentlichkeit des Westens, gesellschaftspolitisch wieder an Bedeutung gewonnen. Hier wird speziell das Erbe der Aufklärung beschworen und gegen den rückständigen Islam in Stellung gebracht, wobei kurioser Weise – bis hinein ins christdemokratische Milieu – explizit oder summarisch an die Marxsche Religionskritik angeknüpft oder zumindest erinnert wird. In dem Zusammenhang ist freilich eine eigenartige Tendenz zu verzeichnen. Angeblich soll es bei der aufklärerischen Kritik der Religion um deren Modernisierung, also gewissermaßen um eine Rettung gegangen sein. Mehr noch: In die Marxschen Schriften wird eine Interpretation hineingelesen, der zu Folge ihr Autor die frühe Religionskritik, wie sie 1844 in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern formuliert wurde („Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie…“, MEW 1), später widerrufen habe, weil mit dem „Kapital“ – siehe den berühmten Abschnitt über den Fetischcharakter der Ware – der Kapitalismus als die eigentliche Religion ins Visier geraten sei, der man ideologiekritisch zu Leibe rücken müsse.

So kommt gerade unter Marxisten – wie die Zeitschrift Das Argument 2012 in einer dem Schwerpunkt Religion gewidmeten Ausgabe exemplarisch vorführte (vgl. Schillo 2015) – eine Absage an die Religionskritik des jungen Marx in Umlauf. Nicht mehr die Religion soll Kritik verdienen, sondern der Götzendienst des Mammons, der Tanz ums goldenen Kalb, den der Kapitalismus veranstalte und der gerade vom Standpunkt des abendländischen Monotheismus aus verwerflich sei, ja durch Kirchenmänner wie Papst Franziskus oder – in historischer Perspektive – den Reformator Luther am Entschiedensten bekämpft werde (vgl. Segbers/Wiesgickl 2015, Schillo 2017). Die Religion vollführt demnach heute das Geschäft der Kritik, Religionskritik wird überflüssig, ja schädlich. „Religionen sind“, so Rolf Bossart im Argument, „auch als Orte permanenter Religionskritik aufzufassen“, woraus dann die Notwendigkeit einer permanenten Kritik „jeglichen – auch des atheistisch-aufgeklärt sich verstehenden – Glaubens“ abgeleitet wird (Bossart 2012, 683). Das Fazit dieser eigentümlichen Umkehrung lautet: Jede Äußerung zu religiösen oder Sinnfragen ist Glaube; wer die Vernünftigkeit des Glaubens bestreitet, glaubt selber an etwas und ist damit im Grunde unaufgeklärter als der religiöse Mensch, der in seiner Glaubensgemeinschaft mit permanenter Religionskritik vertraut gemacht wird. (mehr…)

Wahlbeitrag 2017

Ausgangspost von irgendjemand bei Facebook:

„Es mag keine Wahlpflicht geben, aber die Wahl ist eine Aufgabe, die sich alle, die in einer Demokratie leben und leben wollen, selbst gestellt haben.“

AK dort: „THC?“

Meine Antwort: „Nein, denn wenn er von denen spricht, „die in einer Demokratie leben und leben wollen“, hat er ja völlig recht.“

AK daraufhin: „Die Aufgabe haben sie sich nicht selbst gestellt.
Das irre an dieser Art Phantasmen ist ja grad die affirmative Umdeutung des Vorgefundenen in den Schein von Handlungshoheit.“

Ich: „Die alte Geschichte: Ja, in einer Demokratie müssen alle leben (jedenfalls in einer Demokratie, es geht ja auch anders, wie man weiß). Aber hier leben *wollen* müssen die halt nicht. So blöd sind die schon jeweils selber. Es zwingt sie nun wahrlich niemand mit Stockschlägen dazu, am nächsten Wochenende z.B. mal wieder ganz überwiegend zu den Wahlurnen zu pilgern.“

AK: „Der Autor sagt, dass die Wahl eine Aufgabe ist, die sich Demokraten selbst gestellt haben.
Da gilt es erst mal nüchtern festzuhalten, dass das nicht stimmt.
Da steht im Hintergrund sowas wie „Wir alle sind doch der Staat“, könnten es zumindest sein.
Das ist ne Einbildung.
Die Affirmation gründet sich ja darauf.
Das ist kein Akt der dienender Untertänigkeit, sondern entspringt dem Wunsch, Subjekt zu sein.
Ob man dafür Wählen geht, zu Jesus betet, G20 protestiert, Alahu Akbar ruft – alles die selbe Sorte Selbstbetrug durch Blindhandlungen.“

Renate Dillmann zu „Aufbau des Sozialismus“

Auch lesenswert folgende Ausführungen von Renate Dillmann auf ihrer Webseite:

Ist ein Aufbau des Sozialismus auch in Ländern ohne entwickelte Produktivkräfte möglich?
(und wäre er im Fall der Volksrepublik China möglich gewesen?)

Die skeptische Überlegung dazu lautet:
”Solange ein gesellschaftlicher Mangel herrscht, gäbe es zwar mit staatlicher Gewalt die Möglichkeit, diesen Mangel zu verallgemeinern (alle haben wenig), eine ökonomische Entwicklung kommt so allerdings nicht zustande.
Dazu braucht es schon erst ´mal die Konzentration des spärlichen Reichtums in relativ wenigen Händen (z.B. Männer und Frauen, die von der anstrengenden Feldarbeit befreit sind, um sich z.B. einem wissenschaftlichen Studium widmen zu können und insgesamt bessere Lebensbedingungen haben).
Das heißt letztlich nichts anderes als eine Klassengesellschaft mit Privilegierten einerseits und ärmeren Menschen andererseits. Um dieses gesellschaftliche Verhältnis der sich in einer auf materiellen Mangel begründeten Gesellschaft mehr oder weniger zwangsläufig herausbildenden Klassen tatsächlich aufheben zu können, braucht es nunmal entwickelte Produktivkräfte, die es ermöglichen, genügend Wohlstand für alle Menschen zu schaffen.”

Zu dieser Passage einige kritische Anmerkungen:
Zunächst sollte man m.E. unterscheiden.
• Wenn eine sozialistische Gesellschaft Lehrer und Wissenschaftler, die am technischen Fortschritt tüfteln sollen, von der normalen Arbeit freistellt und mit Lebensmitteln versorgt, mag das ein vergleichsweiser Vorteil gegenüber dem hart körperlich arbeitenden Rest der Bevölkerung sein. Das aber ist nicht gleichzusetzen mit der Einrichtung von Privilegien – im Gegenteil: die Bevorzugung ist nicht auf dauerhafte Besserstellung angelegt; sie dient ja umgekehrt gerade der Überwindung dieser als mangelhaft begriffenen Situation.
Privilegien wiederum sind nicht identisch mit dem, was der Begriff „Klassengesellschaft” sagen will, sondern sind sozusagen die bürgerliche Fassung davon: Sonderrechte, Bevorzugung gegen ein allgemeines Gleichheitsideal. Der Begriff Klassengesellschaft dagegen behauptet, dass es sich um eine Gesellschaft handelt, in der der Nutzen der einen Klasse der Ausbeutung der anderen entspringt und die Interessen der Klassen in einem unüberwindbaren Gegensatz stehen (was man von den Interessen der für einen sozialistischen Aufbau forschenden Wissenschaftler nicht sagen kann).
Insofern finde ich es auch falsch, jede Besserstellung von Funktionären, jeden Vorteil, den sich irgendwer in den realsozialistischen Gesellschaften verschaffen konnte, gleich als „Wiederauferstehung der Klassengesellschaft” zu titulieren. Das trifft den Zweck dieser sozialistischen Projekte als Ganzes nicht: Die realsozialistischen Ökonomien bestanden nicht darin, einer neuen, anderen Klasse zu Reichtum zu verhelfen, sondern einen unter staatlicher Leitung planmäßig produzierten Reichtum volksfreundlich zu verwenden. Dieser Zweck führt mit all den Implikationen, die ihn ihm stecken (Stichworte: geplante Wertproduktion mit ihren Widersprüchen, Ansprüche der sozialistischen Staatsführung an den Aufbau der Ökonomie im Wettbewerb mit anderen Nationen) zu den bekannten Resultaten einer sozialistischen Mangelwirtschaft mit viel Arbeit und wenig Ertrag für die Produzenten und ist darin kritikabel. Es trifft aber auch nicht die in diesen Gesellschaften aufkommende „kleine Korruption”, bei der die Machtstellung innerhalb der Partei/des Staats zur Aneignung von Reichtum ausgenutzt wird – was verglichen mit den demokratischen Marktwirtschaften, deren Zweck im privaten Reichtum besteht, eine ziemlich poplige und zudem immer skandalträchtige Angelegenheit ist und bleibt.

Einmal anders überlegt: Jede kommunistische Bewegung/Partei mit dem Programm „genügend Wohlstand für alle Menschen zu schaffen” hätte in der mangelhaften Industrialisierung Chinas oder eines anderen ähnlichen Landes extrem schwierige Bedingungen vorgefunden. Ein Teil ihrer Maßnahmen hätte also in der Tat zwangsläufig zunächst darin bestehen müssen, den vorgefundenen Mangel zu verwalten – damit auch: den Menschen Funktionen in der Arbeitsorganisation und Zugangsberechtigung zum Konsum zuzuweisen. Allgemein gesagt: Eine solche nicht industrialisierte Gesellschaft zu entwickeln, ist ohne staatliche Gewalt, ohne Herrschaft nicht denkbar, und zwar auch dann nicht, wenn diese das Ziel verfolgt, allen Mitgliedern der Gesellschaft möglichst schnell zu einem annehmlichen Leben zu verhelfen, und dieses Ziel planmäßig angegangen wird.

Eine Bewegung, die dieses Ziel in einem nicht-industrialisierten Land verfolgen will, wäre insofern eine Art „Entwicklungsdiktatur”. Was wären deren Aufgaben? Sie müsste den Menschen klar machen, dass ihre Kooperation selbst eine Produktivkraft ist, so dass – zumal auf dem Land – bereits das Zusammenlegen der Kräfte und vorhandenen bescheidenen Mittel die Ergebnisse für alle verbessert. Sie müsste Wert darauf legen, dass die Abgaben, die die Bauern weiterhin zu leisten haben, für sie selbst erkennbar nützlich sind, weil mit ihnen der Aufbau von Gesundheitswesen, Schulen, Hochschulen finanziert wird. Mittelfristig müssten sich die Früchte dieser Zeit, die von viel Arbeit und langsamem Fortschritt gekennzeichnet ist, zeigen in einem deutlichen Zuwachs an materiellen Mitteln, die den ländlichen Produzenten ihre Arbeit erleichtern und ihre Resultate vervielfachen (dadurch, dass es Staudämme, Straßen und Maschinen für die Landarbeit gibt, wissenschaftlich verbessertes Saatgut, die Anleitung der neu ausgebildeten Agraringenieure, Lehrer, Mediziner usw.) Für die kommunistische Herrschaft wäre das eine keinesfalls einfache Gratwanderung von praktischem Zwang (gegenüber denen, die diesem Programm feindselig gegenüberstehen, weil sie am bäuerlichen Klein- oder Großeigentum festhalten) und gedanklicher Überzeugungsarbeit.
So wäre in etwa die Politik einer kommunistischen Partei in einem nicht-industrialisierten Land, das keine nennenswerte Hilfe von außen zu erwarten hat, angelegt. Dabei spielen selbstverständlich weitere Bedingungen des Landes – seine Größe, seine natürlichen Voraussetzungen, der körperliche und geistige Zustand der Bevölkerung usw. – eine Rolle, weshalb diese Überlegungen notwendigerweise grob und abstrakt sind.

Insgesamt kommt es ganz und gar darauf an, ob die kommunistische Führung ihrerseits klar vor Augen hat und im Laufe der ersten nachrevolutionären Phase auch daran festhält, dass diese Organisation einer Übergangsgesellschaft mit der Beseitigung des materiellen Mangels den Zweck hat, diese Herrschaftsfunktionen, sprich: sich selbst als hervorgehobenen und damit auch privilegierten Teil der Gesellschaft überflüssig zu machen. Daran zeigt sich, ob das Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung wirklich darin aufgeht, die Menschen mit möglichst wenig anstrengender Arbeit materiell zu versorgen, so dass sie ein angenehmes Leben führen können. Oder ob es sich – von Beginn an oder inzwischen – bei der Entwicklung der Gesellschaft um die In-Wert-Setzung der Bevölkerung für ein übergeordnetes Ziel handelt, etwa den Aufstieg der eigenen im Wettstreit der Nationen. Wenn das zum Zweck der kommunistischen Entwicklungsdiktatur wird, hat die Partei irgendwann auch kein Problem mehr mit ihrer Rolle als immerfort nötiger „Vorhut”; stattdessen verlangt sie von ihren Massen Dankbarkeit und Einsatzfreude und sieht es als ganz und gar gerechtfertigt an, wenn sich die eigenen Kader ihren anstrengenden Dienst mit kleinen Sonderrechten vergelten.

In dem angesprochenen Streitgespräch ging es mir vor allem darum, die sog. „Etappentheorie” zurückzuweisen. Darin wird behauptet, dass es die historische Phase des Kapitalismus braucht, um die Produktivkräfte eines Landes zu entwickeln, auf deren Basis der Sozialismus dann seine paradiesische Wirkung entfalten kann. Diesem Argument liegt eine Verwechslung zugrunde: Aus der Tatsache, dass die kapitalistischen Unternehmen für ihre Konkurrenz um Vermehrung ihres Eigentums die technische Entwicklung in einer bis dahin unbekannten Art und Weise vorangetrieben und eingesetzt haben, folgt nämlich nicht, dass es ohne kapitalistisches Verwertungsinteresse keine schnelle Industrialisierung geben könnte. Wieso sollte das so sein? Wieso sollte ein sozialistisches Land keine nützlichen Maschinen konstruieren und bauen können? Wieso sollte es dabei nicht die aus der kapitalistischen Verwendung der Technik folgenden negativen Wirkungen auf Arbeiter und Natur vermeiden? Und wieso sollten ausgerechnet Leute, die sich klar gemacht haben, was die Härten der „ursprünglichen Akkumulation” bei der Entstehung kapitalistischer Gesellschaften beinhalten – systematische Verarmung einer Landbevölkerung, die darüber in den elenden Status eines Industrieproletariats gezwungen wird bei gleichzeitiger Bildung großer Geldvermögen, die auf Vermehrung sinnen –, der Meinung sein, dass nur das Erleiden eines solchen „Prozesses” am Ende die Maschinen hervorbringen könnte, die ein sozialistischer Planer gerne einsetzen will? Die Behauptung, die notwendige Vorbedingung einer sozialistischen Gesellschaft sei ihre technische Entwicklung durch eine kapitalistische Phase halte ich insofern nicht für stimmig.
Vorgebracht wird dieses Argument übrigens meistens da, wo bestimmte strategische/taktische Entscheidungen kommunistischer Parteien legitimiert werden sollen: Angesichts dieser und jener Ausgangsbedingungen sei nichts anderes möglich (gewesen) als …
Allein im Falle Chinas gibt es mehrere Beispiele für die Verwendung dieses Arguments:
• Die Hilferufe der chinesischen Kommunistischen Partei an die Führung der jungen Sowjetunion wurden mit dem Argument, im feudalen China stehe jetzt keine sozialistische, sondern eine bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung der Weltgeschichte, abschlägig beschieden und die chinesischen Kommunisten wurden zur Bildung einer Volksfront mit der Guomindang-Partei aufgefordert (vgl. S. 49 ff).
• Deng Xiaoping hat mit dem Argument, zunächst müssten die Produktivkräfte der Volksrepublik entwickelt werden, die Einführung kapitalistischer Produktionsmethoden begründet (vgl. S. 145 ff) und bis heute legitimiert die chinesische KP so die sozialen Härten ihrer Politik: Als leider unvermeidliche Kollateralschäden bei der Entwicklung der Vorbedingungen für eine wahrhaft sozialistische Nation, die es aber erst in ferner Zukunft geben könne (vgl. S. 327 ff).
In diesen Beispielen wird deutlich, dass die vorgefundenen Bedingungen ins Feld geführt werden, um Entscheidungen zu rechtfertigen und gegen jede kritische Nachfrage zu immunisieren. Erstens werden die Bedingungen dafür im Blick auf die spätere Entscheidung entsprechend gedeutet. Zweitens lässt sich aus einer Summe von Bedingungen logisch niemals zwingend der Inhalt des Umgangs mit ihnen erschließen, schließlich sind es nur die Bedingungen für etwas (anderes).
In unseren Beispielen sind es praktisch eben Zwecke der KP-Führungen (die außenpolitischen Interessen der jungen Sowjetunion, der Anspruch der chinesischen KP an die Entwicklung ihres Sozialismus als Mittel eines nationalen Wiederaufstiegs), die die Bedingungen des Landes auf sich bezogen und daraus ihre Entscheidungen abgeleitet haben. Vorgetragen aber haben diese die Entscheidungen als innere Sachnotwendigkeiten, die kein anderes Vorgehen erlaubt hätten.

Renate Dillmann zur „Gebrauchswertökonomie“

Von der Homepage von Renate Dillmann [Danke an Mattis für den link, hatte ich bisher tatsächlich übersehen]:

Frage eines Lesers:
In deinem China-Buch schreibst du auf S. 89, wie die Arbeitszeit in einer rationellen „Gebrauchswertökonomie“ – welche leider nicht die Programmatik der chinesischen Kommunisten war – in zweierlei Hinsicht relevant wäre, nämlich erstens in der Produktionsplanung selbst, zweitens aber auch bezüglich der Verteilung: „Wer sich Konsumwünsche über eine entsprechend ordentliche Grundversorgung hinaus erfüllen will, hat dafür mit einem Einsatz zu zahlen, der ebenfalls über die von allen zu leistende (und gegenüber heutigen Verhältnissen deutlich minimierte) Arbeit hinausgeht.“ Ich kann diese Ausführungen großenteils teilen, habe mir aber mit dem Aspekt einer an der individuellen Arbeitsleistung bemessenen Konsumtion jede Menge Kritik eingefangen. Zum einen wird mir dazu vorgehalten, ich würde eine Unersättlichkeit der Menschen unterstellen, denn ansonsten bräuchte man die individuelle Konsumtion von keinerlei Kriterien abhängig machen, sondern schlicht und einfach nur befriedigen. Zum anderen wird mir vorgeworfen, das wäre ja genau so übel wie Lohnarbeit, wenn man sich im Sozialismus eine erhöhte individuelle Konsumtion durch einen erhöhten eigenen Beitrag für die gesellschaftliche Produktion verdienen müsse, und die Gebrauchswerte seien insofern dann doch wieder Waren mit einem zu entrichtenden Preis. Mich würde interessieren, mit welchen Argumenten du auf so eine Kritik antworten würdest.

Die Antwort von Renate Dillmann:
Mit meinen kurzen Bemerkungen zu einer „Gebrauchswertökonomie“ wollte ich gegen mehrere Missverständnisse anschreiben: Auf bürgerlicher Seite gegen die Vorstellung, dass eine kommunistische Planwirtschaft notwendigerweise alles über einen Kamm scheren muss und in ihrer Gleichmacherei auf individuelle Wünsche keine Rücksicht nehmen kann. Auf linker Seite gegen die Vorstellung, dass sich mit der Beseitigung von Eigentum, Klassengesellschaft und der dafür nötigen Staatsgewalt auch so ungefähr alle ärgerlichen Phänomene in Luft auflösen und von heute auf morgen Friede, Freude und Eierkuchen herrschen. Letzteres ist eine Vorstellung, die bspw. in GSP-Kreisen vorkommt und vielleicht etwas damit zu tun hat, dass man sich dort weigert, über die Frage der Übergangsgesellschaft im Hier und Jetzt nachzudenken, wo diese Frage doch keineswegs anstehe. Das stimmt ja bedauerlicherweise, ist aber m.E. nach kein schlüssiger Grund dafür, sich solche Gedanken einfach zu verbieten. Auch das oft vorgetragene Argument, dass sich aus der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft bereits genügend klar „ergibt“, was demgegenüber eine sozialistische auszeichnen würde, so dass man sich darüber gar nicht mehr äußern müsse, finde ich nicht logisch. Denn dann ließe sich ja auch festhalten, dass die Bestimmungen einer sozialistischen Gesellschaft im Umkehrschluss deutlich machen, welche Kritik an der jetzigen ihr zugrunde liegen…
Wie auch immer – das Thema ist eigentlich wirklich interessant und wert, dass es einmal ausführlicher behandelt wird. In meinem China-Buch habe ich ja lediglich einige ziemlich dürre Andeutungen dazu gemacht. Jetzt aber zu deinen Fragen und was ich dazu sagen würde.

Zum „unersättlichen Menschen“ würde ich sagen, dass Menschen ja viel wollen können, aber wohl kaum „unendlich“ viel. Das ist ein Konstrukt der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre, das eine gegenüberstehende „Knappheit“ der Güter konstatiert. Ja klar, wenn die Menschen so beschaffen sind, dass sie nie zufrieden sind, dann sind die Güter – egal, wie viel produziert werden – eben immer zu wenig. Aus diesem zielstrebig erdachten Dilemma wird dann eine Welt der Konkurrenz, der Preise und alles mögliche andere gerechtfertigt. Dieser Gedanke ist also in sich verkehrt.
Umgekehrt ist es aber auch gar nicht der Zweck einer kommunistischen Gesellschaft, jedem jedes (irgendwie nur denkbare) Bedürfnis zu erfüllen. Sondern es ist ihr Zweck, dass die Mitglieder dieser Gesellschaft sich die wesentlichen Probleme vom Hals schaffen, die ihnen eine auf Eigentum beruhende Ökonomie einbrockt. „Eine ordentliche Grundversorgung“ ist in diesem Zusammenhang also etwas ganz anderes als das Existenzminimum unter Hartz-IV-Bedingungen: Mit möglichst geringem Arbeitsaufkommen (so in der Größenordnung von 3 – 4 Arbeitsstunden pro Tag) das zu erhalten, wovon sich schon gut und schön leben lässt:
• Lebensmittel, die den Namen verdienen
• ein gutes Gesundheitswesen, auf dessen Auskünfte und Behandlung sich die Leute verlassen können
• eine Bildung, die die Teilnehmer der sozialistischen Gesellschaft befähigt, selbst und bewusst über ihre Verhältnisse zu entscheiden
• Kooperation statt Konkurrenz, sichere Lebensverhältnisse statt den ewig unsicheren und rastlos umgewälzten kapitalistischen usw. usf.
Anzumerken wäre auch, dass die Bedürfnisse, die Menschen entwickeln, natürlich auch sehr weitgehend Produkt der Verhältnisse sind, unter denen sie leben. Damit meine ich nicht nur, dass der Kapitalismus viele idiotische Bedürfnisse erzeugt, um daran verdienen zu können. Sondern ich denke auch an Beispiele der Art, dass ein anders organisiertes Arbeitsleben, das die Menschen nicht in eine solche Hetze stürzt wie ihr bisheriges Erwerbsleben, ergänzt um für alle nutzbare und gut ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel (bis hin zum Fahrrad- und Carsharing in den Städten) den Stellenwert eines eigenen Autos ziemlich herabsetzen würde.

Über die genannte Grundversorgung, die allen Mitgliedern dieser Gesellschaft zukommt, hinaus sollte sich die sozialistische Gesellschaft bewusst sein, dass es individuelle Unterschiede und Gegensätze in den Vorstellungen von Bedarf, Produktion, Arbeits- und Freizeit gibt, und dafür geeignete Formen der Auseinandersetzung bzw. Wahlmöglichkeiten zwischen Zeit und Konsum entwickeln. Das gegen das weit verbreitete bürgerliche Vorurteil, eine Planwirtschaft müsse notwendigerweise alle Bedürfnisse über einen gleichmacherischen Kamm scheren. Individuelle Unterschiede bezüglich Konsum und Arbeitszeit (der eine will gerne diverse Sachen haben und nutzen, der andere lässt es lieber ruhig angehen) können und sollen in einer geplanten Wirtschaft durchaus zum Zug kommen, ohne dass das den gemeinsamen Zweck: eine Produktion zu organisieren, die möglichst wenig Gegensätze zwischen den Produzenten schafft und möglichst viele zufrieden stellt, aushebelt.

Von linker Seite wird sich oft nach einer ganz anderen Seite hin übertreibend vorgestellt, dass eine solche Gesellschaft einfach alles im Überfluss hat, man sich nur etwas wünschen muss und gleich alles haben kann – eine genau so abstrakte und weltfremde Konstruktion wie die Vorstellung eines Nimmersatt-Menschen. Und eine ziemlich kindische Ausmalung dessen, wie schön es ist, wenn nur der Kapitalismus mit seinen Gegensätzen weg ist. Die Aufhebung von Eigentum und bürgerlicher Staatsgewalt schafft viele, aber noch lange nicht alle praktischen Probleme von Arbeitszeit und Konsum aus der Welt – und es wird sicher (und gerade dann!) einiges an unterschiedlichen und gegensätzlichen Vorstellungen dazu zu diskutieren und zu entscheiden geben. Nur einige Beispiele:
• Eine Lebensmittel-Produktion zu organisieren, die weniger giftig ist und wohlschmeckende Resultate erzeugt, ist im Vergleich zur kapitalistischen Landwirtschaft vermutlich erheblich arbeitsintensiver – da stellt sich für eine solche Gesellschaft die Frage, welche Option sie da bevorzugt (möglicherweise einen länger andauernden Übergang).
• Es gibt weltweit viel Armut und Unterentwicklung, für deren Beseitigung eine solche Gesellschaft vielleicht nach ihren Möglichkeiten einstehen will – in dieser Frage müssen die Gesellschaftsmitglieder entscheiden, wie viel Reichtum (und damit Arbeit) sie für ein solches Ziel einsetzen wollen.
• Zeit- und ressourcenschonendes Produzieren ist eine Zweckbestimmung, die im Rahmen einer Gebrauchswertökonomie vernünftig ist, aber in einem wahrscheinlich nie aufzuhebenden Gegensatz zur puren Überfluss-Produktion steht. Usw. usf.
Da gibt es also einiges an widersprüchlichen Überlegungen – gesamtgesellschaftlich wie individuell. Und es wird eine erste Leistung der sozialistischen Gesellschaft sein, dass ihre Mitglieder über diese Fragen überhaupt gemeinsam und bewusst entscheiden (und diese Frage nicht, wie im Kapitalismus „hinter dem Rücken“ derer, die den Reichtum der Gesellschaft herstellen, durch den Sachzwang des Wert entschieden wird).

Dazu ein Blick zurück auf die jetzige Gesellschaft. In der sind all diese Dinge praktisch entschieden – und zwar durch die Macht des Geldes. Die Geldbesitzer entscheiden darüber, was hier produziert wird (weil es sich lohnt) und wie viele Menschen hier wie lange und zu welchen Bedingungen arbeiten müssen/dürfen (weil es sich lohnt). Mit diesen Berechnungen entscheiden sie letztlich auch darüber, was sich ein normaler Sterblicher hier leisten kann (weil er so und so viel Geld verdient hat), wie viel Dreck er dafür zu schlucken und anzuziehen hat und wie viel Armut in den kapitalistischen Ländern und auf der ganzen Welt herrscht. Der Zwang zur Lohnarbeit und seine Folgen für die Lebenszeit, über die jeder verfügt, bzw. den Anteil am Reichtum, den er sich damit erwirbt, ist also etwas sehr verschiedenes von dem, was ich als Prinzip einer sozialistischen Gesellschaft erläutert habe. Da solltest du deinen Diskussionspartnern durchaus einmal den Vorwurf machen, dass sie von dieser bürgerlichen Gesellschaft nicht allzu viel verstanden haben, wenn sie das für annähernd dasselbe halten.

Also weder unersättlicher Mensch noch Neuauflage eines Arbeitszwangs. Sondern nur die – gegenüber einer kommunistischen Paradiesvorstellung, wo von heute auf morgen alles in Butter ist, so dass man keine Einschränkungen und keine Streitereien mehr kennt, – relativ nüchterne Überlegung, dass es so ideal nicht sein wird und es eine Reihe von individuellen und gesellschaftlichen Feldern geben wird, in denen die Menschen ganz praktisch verschiedenes wollen. Arbeitszeit gegen Konsum zu verrechnen, mit anderen Worten: die Individuen im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Planung in Teilbereichen selbst über das Verhältnis von Aufwand und Ertrag entscheiden zu lassen, das sie für sich wollen, wäre da meines Erachtens nach eine durchaus denkbare Lösung.

Herr Keiner: Der deutsche Imperialismus und die Politik der neuen US-Regierung

Aus dem Rundbrief zu den Geschichten von Herrn Keiner:

da viele Leser dieser Seite auch Leser der politischen Vierteljahreszeitschrift “Gegenstandpunkt” sind, halten wir es für nützlich, auf die theoretischen Fehler aufmerksam zu machen, die dort wie bei den Redaktionsterminen des Münchener “Jour fixe” bei der Beurteilung der Leistungen des deutschen Imperialismus zu registrieren sind. Diese bestehen allesamt darin, die “Machtprojektionen” des deutschen bzw. europäischen Imperialismus deutlich zu überhöhen.
Vielleicht kann eine Debatte über diesen theoretischen Fehlgriff dabei helfen, die Lage eines imperialistischen “Projekts” genauer zu fassen, was da und in welcher Weise von der Kampfansage der neuen US-Regierung betroffen gemacht ist.
Bei Fragen, Kritik oder Ergänzungen kann, bzw. sollte man schreiben an: UlrichSchulte@gmx.net

Der deutsche Imperialismus und die Politik der neuen US-Regierung

Anmerkungen zu Ausführungen der Zeitschrift „Gegenstandpunkt”

1. Eigentlich hätten die Verfasser bei ihren Äußerungen über den deutschen Imperialismus (in: GSP 4-16) schon vor dem Auftreten eines Donald Trump stutzig werden müssen, wenn sie korrekterweise klarstellen, dass sich die weltweit wahrgenommene „politische Verantwortung” Deutschlands nicht auf eine eigene kriegerische Schlagkraft stützen kann:

”Sie nehmen dazu die NATO in Anspruch, das größte Kriegsbündnis der Welt mit der Supermacht USA an der Spitze. Mal mehr, mal weniger explizit bezieht sich Deutschland auf die Abschreckungs- potenzen dieses Bündnisses, als hätten deutsche Verantwortungsträger sie in der Hand.” (S.13)

Damit ist der entscheidende Widerspruch der weltumspannenden Außenpolitik Deutschlands benannt: Diese ist abhängig von der Duldung, d.h. den politischen Kalkulationen der Macht, die das Kriegsbündnis namens NATO gestiftet und mit diesem die dauerhafte militärische Unterordnung ihrer „Alliierten” unter die Interessen der eigenen Herrschaft begründet hat.

2. Sicher, man kann sich wie die Verfasser des Artikels darüber wundern, was sich Deutschland auf dieser widersprüchlichen Basis seiner Macht „in aller Welt vornimmt und zutraut” (ebenda), doch die Redakteure vom „Gegenstandpunkt” erklären diesen Widerspruch glatt für obsolet, wenn sie sich zu solchen Übertreibungen hinreißen lassen, dass es Deutschland bei der angeblich „gnadenlosen Ausnutzung der amerikanischen Gewaltpotenzen” (S.16) inzwischen selbst zu einer solchen Machtfülle gebracht hat, welche der der Weltmacht USA ziemlich ebenbürtig ist:

”Genauso wie Amerika ist Deutschland vielleicht nicht für alles, aber für alles Wesentliche auf der Welt zuständig, nämlich für alle Fragen von Geschäft und Gewalt. Doch Deutschland pflegt diese imperialistische Weltordnung friedlicher und ‚besonnener‘ (Steinmeier) – also einfach besser als die USA.” (ebenda)

3. Man sollte schon zwischen der Einbildung der politischen Akteure und der imperialistischen Wahrheit unterscheiden, wonach Staaten einzig am Kriterium ihres Erfolges und nicht an den Leistungen ihrer (moralischen) Selbstdarstellung gemessen werden. Entscheidend in der Welt des Imperialismus ist einzig die Macht, die ein Staat in die „internationalen Beziehungen” einbringen kann, um den Willen anderer, konkurrierender Souveräne gefügig zu machen. Als „bloßer” Exportweltmeister hat Deutschland eine solche Macht nur sehr bedingt; diesem Land fehlt es an einer überlegenen militärischen Schlagkraft, um den eigenen Interessen zur Durchsetzung zu verhelfen.

4. So nimmt sich der „Gegenstandpunkt” die Freiheit, das umtriebige Auftreten Deutschlands in „weltweiter Verantwortung” für das Handeln einer wirklichen Weltmacht zu nehmen, die einen Sonderweg gefunden hat, den anderen Staaten aufzunötigen, was diese zu tun oder zu lassen haben. Wie lächerlich das ist, ist am „machtvollen Auftritt” Deutschlands in der Flüchtlingsfrage zu sehen. Dazu heißt es in dem genannten Artikel zum „deutschen Imperialismus”:

”Wenn Deutschland sich des Problems ‚Flüchtlinge‘ annimmt, dann schreibt es seinen Partnern vor, was das Problem auch für sie bedeutet und von ihnen verlangt. Das gilt sogar für die Beteiligten eines Bürger- und Stellvertreterkrieges in Syrien … Und das heißt nichts anderes als die Zuteilung von Rechten und Pflichten an andere Staaten in der grundsätzlichen Frage, um die es souveränen Gewaltsubjekten geht.” (S.17)

Die Wahrheit ist: Auch eine Politik aus dem Geist „humanitärer Verantwortung” braucht – will sie wirksam sein – die Mittel einer überlegenen Gewalt. Eine „Weltflüchtlingsmacht”, die kriegführenden Parteien Vorschriften machen kann, gibt es nicht. Diese Macht gibt es nicht einmal im Verhältnis zu subalternen europäischen Verbündeten wie Polen oder Ungarn: Diese widersetzen sich einer von Deutschland angeforderten „europäischen Lösung des Flüchtlingsproblems” und – beschädigen damit die deutsche Führungsmacht und ihre Weltmacht-Ambitionen.

5. Auch der aktuelle GSP (1-17) schreibt diese Überhöhung des deutschen Imperialismus fort, so dass man in einigen Passagen über die „Sicherheitspolitik Deutschlands” den Eindruck hat, als sei bei der Bestimmung der Größe und Reichweite deutscher Macht eigentlich gar nicht von Deutschland, sondern der Weltmacht USA die Rede:

”Die deutsche Politik geht aus von der Tatsache eines ‚internationalen Systems‘, das erstens universal gilt und zweitens keinerlei ‚Fragmentierung‘ duldet, also entschieden unipolar ist; sie lässt keinen Zweifel darüber, wie in diesem System die Positionen von maßgeblicher Instanz und geordneten Objekten verteilt sind; und sie will mit der ‚Bindungswirkung‘ dieses Systems ‚Machtprojektionen‘ fremden Ursprungs ausgeschlossen wissen, beansprucht also ein Regime über den Gewaltgebrauch souveräner Mächte weltweit.” (S.35)

Sicher, auch hier ist wieder von einem Deutschland als Teil eines welthistorisch einmaligen Bündnissystems konkurrierender Mächte die Rede, dessen „Bindungswirkung” nach dem Entfallen des alten Bündniszwecks – Kampf gegen den Kommunismus – zunehmend im Schwinden begriffen ist. Doch die deutschen Berechnungen für das weitere Festhalten an der NATO werden in einer Weise dargestellt, als hätte es Deutschland darauf abgesehen und könnte es darauf absehen, perspektivisch die USA als Führungsmacht abzulösen:

”Wenn sie (die deutschen Politiker) Verantwortung und Führung versprechen, dann kündigen sie an, die Allianz, an der sie als Prämisse ihrer Weltpolitik festhalten, dadurch zu retten, dass sie ihr ihren Zweck vorgeben, also gegen die anderen durchsetzen, worin und wofür sie existiert.” (S.42)

6. Um eine derart verwegene imperialistische Anspruchshaltung Deutschlands (im zitierten Weißbuch ist das so nicht zu finden)als haltlos dingfest zu machen, hätte es eigentlich nicht die Kampfansage eines Donald Trump gebraucht. Die USA haben sich auch schon unter den Vorgänger-Präsidenten von Deutschland nichts sagen lassen. Jedenfalls nichts Maßgebliches. Das Getue einer verantwortlichen „Weltfriedensmacht” war von der einzig wirklichen Weltmacht schon immer durchschaut, und der neue Präsident klagt auf hohem Niveau, wenn er in den eingegangenen „internationalen Verpflichtungen” lauter Abhängigkeiten von fremden Staatsinteressen diagnostiziert, die zu Amerikas Schaden geraten sind. So schreibt der GSP richtig, dass mit der Politik eines „America first” den bündnispolitischen Kalkulationen Deutschlands die „Grundlage entzogen” wird, und weiter heißt es zum imperialistischen Zweck der Kampfansage der neuen US-Regierung:

”Was er zurückgewinnt: die volle Ermessensfreiheit im Umgang mit allen anderen, für sich genommen allesamt schwächeren Staaten auf der Welt. Das ist ihm offensichtlich mehr wert als ein Pakt, der zwar vor allem die großen Konkurrenten an die USA fesselt, ihm aber vor allem als Fesselung Amerikas vorkommt.” (S.43)

7. Richtig ist auch, was auf dem Münchener „Jour Fixe” von der Gegenstandpunkt-Redaktion zu der Bemerkung Trumps, die NATO für „obsolet” zu halten, ausgeführt wurde:

”Von seinem Standpunkt, Einsatz amerikanischer Gewalt für amerikanische Interessen, kommt Trump die NATO vor als: da ist glatt die amerikanische Gewaltmaschinerie nicht für Amerika, sondern für fremde Interessen zum Einsatz gekommen. Sie kümmert sich um Probleme, die andere Staaten haben und sorgt für deren Schutz. So etwas soll es in Zukunft nicht mehr geben, und wenn es so etwas gibt, dann sollen die anderen gefälligst dafür zahlen.” (Jour fixe v. 6.3.)

Die Verbündeten sollen auf jeden Fall mehr für die NATO zahlen, und – wie zu sehen ist – hat die deutsche Kanzlerin bei ihrem Treffen mit Trump versprochen, dieser Forderung der USA nachzukommen. Was jedoch nicht zu sehen ist, dass die Europäer – wie auf dem „Jour fixe” behauptet – auch nur irgendwie eine „kongeniale Antwort” auf dieses Programm eines „America first” gefunden hätten. Dass man als imperialistisches Projekt „auf eigene Machtmittel verwiesen” ist, das wissen die Europäer schon seit 1952, als sie die „Europäische Verteidigungsinitiative” (EVG) ins Leben gerufen haben, aus der bekanntlich nichts nennenswert Militärisches hervorgegangen ist. Sie haben sich bis heute zum „Schutz ihrer Interessen” auf die NATO, also die überlegenen Machtmittel ihres größten Konkurrenten, die USA, verlassen. Wie sich das mit dem Aufstocken des Beitrags für eben diese NATO ändern soll, ist wirklich nicht zu sehen.

Fazit:

Das politische Programm der neuen US-Regierung, jedwede Schranken für den Erfolg Amerikas aus der Welt zu schaffen, hat die Union der europäischen Staaten in eine „imperialistische Bredouille” (Jour fixe) gebracht. Doch diese Bredouille ist viel fundamentaler, als dass diese mit dem ein oder anderen nationalen Aufrüstungs- beschluss zu beheben wäre. Das Projekt „Europa” wird durch die neue US-Regierung auf die Unfertigkeit ihres Imperialismus gestoßen, der seine militärische Grundlagen nicht in eigener, autonomer Machtentfaltung, sondern davon getrennt im NATO-Bündnis hat. Einem Bündnis, in dem die Machtverhältnisse eindeutig geklärt sind. Das macht den Imperialismus Europas in besonderer Weise erpressbar und setzt ihn ganz grundsätzlich außerstande, auf den Vorstoß der USA eine vergleichbar wuchtige Antwort zu finden. Gleich, was sie versuchen und mit Sicherheit versuchen werden.

© HerrKeiner.com 24. März 2017 („Nachdruck“ mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Zur Kritik des trotzkistischen „Übergangsprogramms“

Folgende Diskussion habe ich gerade bei Facebook gefunden:

MH:

„Unter den Bedingungen des sich zersetzenden Kapitalismus führen die Massen weiter das düstere Leben von Unterdrückten, die jetzt mehr denn je von der Gefahr bedroht sind, in den Abgrund des Pauperismus geworfen zu werden. Sie sind gezwungen, ihr Stück Brot zu verteidigen, wenn sie es schon nicht vergrößern oder verbessern können. Es besteht weder Möglichkeit noch Notwendigkeit, hier all die verschiedenen partiellen Forderungen aufzuzählen, die jeweils aus den konkreten nationalen, lokalen und beruflichen Bedingungen hervorgehen. Aber zwei wirtschaftliche Grundübel, in denen sich die wachsende Sinnlosigkeit des kapitalistischen Systems zusammenfaßt, nämlich die Arbeitslosigkeit und die Verteuerung des Lebens, erfordern verallgemeinerte Losungen und Kampfmethoden.“

[zitiert aus dem „Übergangsprogramm“ der trotzkistischen Vierten Internationale von 1938 https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/ueberg1.htm ]

trotzki ist klar, dass die proleten der 30er nicht kollektiv kommunisten sind und schafft es trotzdem, ihnen zu unterstellen, schon auf der richtigen seite zu stehen, dem diktat der geschichte zu folgen: wer so arm ist, dass er vorm hungertod steht, der kann gar nicht anders, als reaktionär an dem bestehenden festzuhalten. auch eine art, sich idealistisch zurechtzulügen, dass die „zeichen der zeit“ dem eigenen standpunkt recht geben.

MH: der sieht die kritik an der lohnarbeit gar nicht darin, dass man für die akkumulation von kapital arbeitet, das hält er nicht für den grund der verelendung der massen, sondern er sagt, zeitgemäß wäre jetzt, den verlust von arbeit und die verteuerung des lebens zu beklagen, weswegen er folglich auch für ein recht auf arbeit plädiert. er gibt den massen in ihren reaktionären haltungen also recht, wenn sie arbeit und billigere waren fordern, begründet das mit einer „zersetzung“ des kapitalismus, was er für ein zeichen der geschichte hält und stellt so eine einigkeit zwischen seiner sache und der der proletarier ideell her.

MH:

„Will es sich nicht selbst dem Untergang ausliefern, dann darf das Proletariat nicht dulden, daß ein wachsender Teil der Arbeiterschaft zu chronisch Arbeitslosen, zu Elenden gemacht wird, die von den Krümeln einer sich zersetzenden Gesellschaft leben. Das Recht auf Arbeit ist das einzig ernsthafte Recht, das der Arbeiter in einer auf Ausbeutung begründeten Gesellschaft besitzt.“

PR: du liest da zu viel rein. Trotzki weiß das sehr wohl, er denkt nur, dass das viel zu abstrakt für Agitationszwecke ist

MH: das habe ich doch geschrieben, dass er das denkt: er meint, marx kritik hätte mit der lebensrealität einer vom pauperismus bedrohten arbeiterklasse nichts zu tun.

PR: „nichts damit zu tun haben“ und „kein direktes mittel der Agitation sein“ sind zwei verschiedene Dinge.

„der sieht die kritik an der lohnarbeit gar nicht darin, dass man für die akkumulation von kapital arbeitet, das hält er nicht für den grund der verelendung der massen“

du unterstellst dem einfach, dass er das nicht wüsste, weil er das nicht in den fokus stellt

MH:

„Sie sind gezwungen, ihr Stück Brot zu verteidigen, wenn sie es schon nicht vergrößern oder verbessern können.“

mal abgesehen davon, dass die aussage fast schon eine tautologie ist, unterstellt trotzki hier, die proletarier müssten ihr brot verteidigen, denn die zustände ließen ihnen keine andere option. deswegen sei kommunistische kritik überflüssig. das ist verkehrt: wenn mir der kapitalismus den pauperismus einbringt oder droht, es zu tun, wäre es doch gerade unlogisch, ihn deswegen zu verteidigen. dann machte es sinn, ihn loszuwerden, sonst hörte das mit der armut gar nicht auf.

PR: “. deswegen sei kommunistische kritik überflüssig. “ zeig das mal am Text, und nicht an deiner Schlußfolgerung.

das ist jemand, der erfolgreich eine Revolution mitgemacht hat, nicht weil er so viel Kapitallesekreise gegründet hat, oder so viele Veranstaltungen zur Kapitalismuskkritik durchgeführt. Sondern, weil er in eienr Partei war, die zum richtigen Augenblick die Leute in Russland mit der richtigen Forderungen „Frieden, Land, Brot“ für sich gewinnen konnte. offensichtlich hat so jemand ein vollständig taktisches Verhältnis zu Propaganda. Das heißt nur überhaupt nicht, dass er Marx‘ Kritik nicht versteht; der zieht da nur andere Schlüsse daraus.

Du scheinst zu meinen, aus der Marx’schen Kritik ergebe sich sozsuagen automatisch-determiniert, was zu tun sei, nämlich so in etwa die MG/GSP-Schiene. Das halte ich schlicht für Quark

PR: (das ist jetzt übrigens keine Zustimmung zu Trotzki; es soll bloss klar stellen) (mehr…)

Zum Dissens zwischen „Trotzkismus“ und GSP (auf Facebook)

Für mich überraschend gibt es auf Facebook doch ab und zu wenigstens mal Ansätze zu einer ernsthafteren Diskussion unter Linken. Hier die beiden längeren Beiträge aus dieser Auseinandersetzung, die vielen kleinen Schnipsel habe ich weggelassen.

Proletariat & Bewusstsein

Martin Gutlederer
• Mittwoch, 18. Januar 2017

Zum Dissens zwischen „Trotzkismus“ und GSP. In Antwort an Martin Hagel. Vorweg zur Methode meiner Argumentation: Es geht mir hier nicht darum einen Dissens zu überwinden oder zu überzeugen, sondern im Sinne des „geduldig Erklärens“ die Richtigkeit des Trotzkismus oder vielmehr revolutionären Marxismus darzulegen.

„liebe trotzkisten: wenn trotzki gar nicht verteten hat, dass man ein höheres anliegen verfolgen muss, damit das eigene streben legitimität erhält, sondern er einfach nur wollte, dass der prolet eine kritik der hiesigen gesellschaft geliefert bekommt und dann aus dieser einsicht heraus den kapitalismus umstürzen will, wenn ihr also diesen moralismus ablehnt, dann haben wir ja keinen dissens und können damit anfangen, den proleten die verhältnisse zu erklären, statt uns in strategiedebatten zu verlieren, oder?“

Der Dissens liegt schon in der Grundannahme des Marxismus, die abgelehnt wird: Das Proletariat hat ein inhärentes in seiner Ausbeutung liegendes Interesse an der Überwindung des Kapitalismus und damit an der Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Im Gegenzug dazu denkt der oben Zitierte, dass es sich umgekehrt mit der Realität verhält: Das Proletariat ist ob seiner Stellung im Kapitalverwertungsprozess prinzipiell “pro-kapitalistisch” eingestellt und es gilt ihm die Schwächen des Lohnsystems klar darzulegen und wenn dann verstanden wird, wird sich der Rest schon weisen. Damit ist natürlich jede Strategie obsolet und es gelte nur “Die Kritik der hiesigen Gesellschaft” zu liefern.

Darin liegt der Grundfehler und jede weitere Analyse muss auch falsch sein. Das Proletariat als Proletariat “an sich” nimmt zwar seine Ausbeutung wahr und hat damit ein Interesse an der Überwindung dieser Ausbeutung, aber ein gesamter Ideologie- und Herrschaftsapparat sind in Stellung gebracht um die Widersprüche (des Kapitalismus) dieser Gesellschaft zu verschleiern und auch materiell mit Gewalt zu verhindern, dass dieses System überwunden wird. Jetzt macht sich jeder Mensch und damit auch das Proletariat in Summe verschiedene Ideen von der Welt wieso sie denn so ist und welche Rolle man darin spielt. Dieses Bewusstsein ist davon geprägt in welcher Lage sich das einzelne Individuum befindet. In einer stabilen Situation und insbesondere in einer Situation in welcher der Kapitalismus tatsächlich lange Zeit eine Besserung der Situation für alle mit sich brachte ist dieses Bewusstsein davon beherrscht, dass der Kapitalismus “ja doch eh funktioniere” und wenn er in gewissen Dingen nicht funktioniert sorgt der gesamte bürgerliche Ideologie- und Herrschaftsapparat schon dafür, dass man sich falsche Vorstellungen davon macht, warum es denn falsch läuft.

Die Aufgabe von MarxistInnen ist es a) die richtigen Vorstellungen zu verbreiten und b) den Einfluss des bürgerlichen Ideologie- und Herrschaftsapparates zu brechen um c) den Kapitalismus zu überwinden. Eine Rätedemokratie und Planwirtschaft zu errichten. Was spricht Marx/Engels dazu: “Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse. Man spricht von Ideen, welche eine ganze Gesellschaft revolutionieren; man spricht damit nur die Tatsache aus, daß sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, daß mit der Auflösung der alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen gleichen Schritt hält.”

Gleichzeitig werden diese “herrschenden Ideen” durch die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und Brüche in der herrschenden Klasse erschüttert und weichen auf (in vorrevolutionären oder revolutionären Situationen). In diesen Situationen ist es von Bedeutung richtige Losungen aufzustellen, die am Bewusstsein des Proletariats angesichts seiner Lage anknüpfen und die eine Brücke bilden vom derzeitigen Bewusstseinstand und den “Alltagsproblemen” hin zur Überwindung des Kapitalismus. Im Trotzkismus nennt sich das Übergangsprogramm.

Deshalb ist es von Bedeutung über Strategie zu sprechen. Weil es darum geht die falschen Ideen, die sich nicht bei allen durch das reine Argument brechen lassen werden aufgrund der materiellen Lage, die bestimmend ist durch die richtigen Ideen zu ersetzen. Darum nimmt man am realen Klassenkampf teil, weil sich dann die Ideen des Marxismus in der Praxis beweisen können und damit der Einfluss der “herrschenden Ideen” zurücktreiben lassen indem man dazu beiträgt, dass die Elemente der neuen Gesellschaft stärker werden, dass sie bewusster werden und, dass sie dann auch materiell mit der richtigen Strategie die ganze Gesellschaft revolutionieren. Deshalb nimmt man auch am ökonomischen Klassenkampf teil und es wird auch im Werk “Lohn, Preis, Profit” vorgeschlagen: “Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß ihre Kämpfe um den Lohnstandard von dem ganzen Lohnsystem unzertrennliche Begleiterscheinungen sind, daß in 99 Fällen von 100 ihre Anstrengungen, den Arbeitslohn zu heben, bloß Anstrengungen zur Behauptung des gegebnen Werts der Arbeit sind und daß die Notwendigkeit, mit dem Kapitalisten um ihren Preis zu markten, der Bedingung inhärent ist, sich selbst als Ware feilbieten zu müssen. Würden sie in ihren tagtäglichen Zusammenstößen mit dem Kapital feige nachgeben, sie würden sich selbst unweigerlich der Fähigkeit berauben, irgendeine umfassendere Bewegung ins Werk zu setzen.” – K.M.

Damit lässt sich auch darlegen, wie es um Zusammenhang zwischen dem alltäglichen Kampf und dem Kampf bestellt ist. Es braucht den einen, aber er ist nicht genug: “Sie sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind. Statt des konservativen Mottos: „Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!“, sollte sie auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: „Nieder mit dem Lohnsystem!” Um zu resümieren: “3. Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.”

So lässt sich der Zusammenhang und Notwendigkeit der Untrennbarkeit zwischen “Alltagskämpfen” und “Überwindung”, zwischen “Erklärung der Verhältnisse” und “Strategiedebatte” darlegen und beweisen und deshalb liegt “der GSP” falsch, wenn er die “falsche Praxis” außerhalb von Propaganda (sie nennen es fälschlicherweise Agitation) als falsch und unnötig bezeichnet.

Es braucht beides. Den gemeinsamen Kampf überzeugter KommunistInnen mit dem Proletariat (deren Teil sie ja auch gerade heute in den allermeisten Fällen selbst sind) und den Kampf um die Köpfe des Proletariats, die untrennbar miteinander verbunden sind um der Überwindung des Kapitalismus zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu braucht es in weiterer Folge auch Dinge wie Kaderpartei, Taktik, Strategie, usw. usf. Den praktischen Beweis liefert hier auch die sich zum 100sten Mal jährende Oktoberrevolution unter Führung der Bolschewiki unter Lenin und Trotzki, wobei letzterer diese Ideen weitergetragen hat wider der stalinistischen und reformistischen Degeneration der Arbeiterbewegung.
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Weder Proletariat noch Bewusstsein

Schaden & Ursache • Freitag, 20. Januar 2017

Eine Antwort auf eine Diskussion mit Martin Gutlederer. 1. Wir wollen etwas richtigstellen: Aus der Ausbeutung des Proletariats folgt nicht notwendigerweise ein Interesse an der Überwindung des Kapitalismus. Bloß weil eine ausgebeutete Klasse etwas davon hätte die Ausbeutung abzuschaffen, will sie das noch lange nicht. Dazu braucht es allemal noch, dass das einzelne Individuum sich diese Verhältnisse erklärt und zu einem Urteil darüber kommt, nämlich, dass es sich um eine Ausbeutung handelt, die zu Gunsten einer für sie besseren Organisation der Gesellschaft überwunden werden muss. Richtig ist dabei, dass zu diesen Verhältnissen eine Menge Ideologie unterwegs ist, die nicht allein, aber wesentlich auch vom Ideologieapparat des kapitalistisch verfassten Staates gepflegt und verbreitet wird. Falsch ist, dass daraus folgt, dass man die propagierte Ideologie notwendig übernimmt. Die Behauptung, dass aus der Lage das negative Urteil über sie kommt, wird also gar nicht einfach umgedreht (als seien sie alle gezwungenermaßen pro-kapitalistisch), sondern somit als falsche zurückgewiesen.

2. Dem falschen Urteil über das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu Grunde liegend ist ein interessierter Blick auf dieselbe. Was man selbst über die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten erkannt hat, wie diese die Bedürfnisse der Lohnabhängigen beschädigen und dass sie zugunsten der Arbeitenden zu beseitigen wären, wird dem Lohnarbeiter als „eigentliches“, „inhärentes“, „objektives“ Interesse unterstellt. Den Lohnarbeiter gibt es also gleich doppelt: Einmal als den realen, den echten und dann als den eigentlichen, den ideellen. Der echte Prolet ist derjenige, der sich positiv auf die hier geltenden ökonomischen Verhältnisse und den Staat bezieht. Und der ideelle ist jener mit dem Auftrag, die Klassengesellschaft abzuschaffen. Der Arbeiterklasse wird dabei ein „eigentliches“ Bewusstsein unterstellt, das es hätte, wenn es nicht durch ungünstige Bedingungen verfälscht würde. Diese Bedingungen hat Martin Gutlederer z. B. mit dem Begriff des „Ideologie- und Herrschaftsapparates“ bebildert. Dieser sorge dafür, dass die Arbeiter gegen ihr eigentliches Interesse durch Gewalt und Propaganda dazu gebracht würden, die bürgerliche Gesellschaft zu affirmieren. Unterstellt wird also, dass die Arbeiter sich ohne diesen „Ideologie- und Herrschaftsapparat“ richtige Gedanken über diese Gesellschaft machen und folglich zu dem Schluss kommen würden, den Kapitalismus abzuschaffen. Ausgehend von der Bestandsaufnahme zur realen Arbeiterklasse wäre es sinnvoll, folgende Frage zu klären: Was sind die Gedanken, die zur Bejahung derjenigen Verhältnisse führen, in denen die Proleten ausgebeutet werden? Stattdessen stellen sie sich die Frage, durch welche Strategie und unter welchen Bedingungen der „eigentliche“ Proletarier zu verwirklichen wäre. Gesellschaftliche Ereignisse oder Lagen werden aus einem Anwendungsstandpunkt heraus als Chance betrachtet, die man für die Weiterentwicklung des Arbeiterbewusstseins nutzen sollte, statt sie zu erklären. Strategie bedeutet hier also nichts anderes als Überlegungen dazu, wie man an den unverstandenen Standpunkt der Arbeiter anknüpfen kann, an dem Trotzkisten so einiges finden, weil sie von den kapitalistischen Verhältnissen die positive Meinung haben, diese seien ein Mittel für die Abschaffung ihrer selbst. Und diesen positiven Bezug darauf teilen sie mit den Proleten. Während der Prolet diese Gesellschaft als das Mittel für seine Interessen nimmt, nehmen die Trotzkisten sie als Mittel für den Kommunismus. Nicht verwunderlich ist es daher, dass aus diesem Standpunkt heraus die Aufklärung der Arbeiterklasse über die Ursachen ihrer Schäden und die Schaffung der dafür nötigen Rahmenbedingungen nicht als Strategie und Praxis anerkannt werden.

3. Eine solche sieht sinnvollerweise wie im Folgenden zitiert aus:

„Agitation ist nicht Affirmation des vorgefundenen Bewußtseins der Arbeiter, sondern gerade dessen Veränderung: sie muß sich aus wissenschaftlicher Einsicht ableiten, nicht aus dem Zuspruch, den sie bei den Massen findet. […] Das setzt einen Prozeß der Ausbildung voraus, der als obiektiver Bestandteil der Organisation die Forderung an jedes Mitglied stellt, im Erwerb des Wissens und der Einsicht in den daraus folgenden Zweck seine Privatinteressen als kapitalistische zu reflektieren und nicht mehr als Zweck seines Handelns gelten zu lassen, denn der kommunistischen Organisation geht es nicht um die Zusammenfassung und Durchsetzung partikularer Interessen in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern um den Kampf gegen sie als ganze.“ – Programmatische Erklärung der Roten Zellen/AK

Gesundheit ein Gut und sein Preis

Der GegenStandpunkt hat zum Thema Gesundheit, Gesundheitswesen, Gesundheitspolitik und dem immer größer werdenden Geschäft mit der Gesundheit Mitte 2016 ein Buch herausgebracht (Autoren sind Sabine Predehl und Rolf Röhrig).
Dazu gab es bisher auch einige Veranstaltungen, zuletzt in Wien und Bremen. Ansonsten sind mir bisher keine Reaktionen aufgefallen.
Nun habe ich, wohl von libelle, einen Hinweis bekommen auf „ein paar kritische Gedanken zum im Betreff erwähnten Buch“ an diesem Projekt: „Gesundheit ein Gut und sein Preis – Kritik und mehr

Keinort zu Krim: Das Volk und die Staatsmacht – wer dient hier wem?

Im Thread „Hoch lebe die Korrelation“ gab es zum Schluß einen Hinweis von Jacko auf einen Artikel von Peter Schadt/KeinOrt:

„Dresden – Verfechter deutscher Wesenseinheit
stören deutsche Einheitsfeier:
„Volksverräter“
http://keinort.de/?p=1021″

Krim hat darauf dort geantwortet:

„Der Artikel auf dem Blog von Peter Schadt ist mal wieder ein typisches Beispiel der GSPschen Dämlichkeit, die sich selbst austrickst, um die Tatsache, dass sich das Volk als Volk sieht und damit eine Gemeinsamkeit hat, also das Volk i s t, zu leugnen.
Die Argumentation ist immer dieselbe. …“

Peter Schadt hat nun auf Facebook folgenden Beitrag als Antwort geschrieben:

„Hier die Antwort von KeinOrt auf die Kritik von Krim – interessant nicht nur für die Leserinnen und Leser des Neoprene Blogs, sondern für alle, die sich über das Verhältnis von Volk und Staat klarwerden wollen.“

Der Artikel auf KeinOrt:

„Das Volk und die Staatsmacht – wer dient hier wem?

Völker- und staatsrechtlich ist ein Staat durch drei Merkmale gekennzeichnet: ein Staatsgebiet, ein auf diesem ansässiges Staatsvolk und eine Staatsgewalt, die auf diesem Gebiet über das Staatsvolk hoheitliche Macht ausübt. Die Staatsgewalt hat das Gewaltmonopol inne, was heißt, dass es staatlichen Organen vorbehalten ist, „unmittelbaren physischen Zwang“ auf die zum Staatsvolk zählenden Menschen auszuüben. (alles wikipedia)

Sinn und Zweck das Ganzen ist aber nicht, diese Menschen zu unterdrücken. Sie dürfen und sollen vielmehr alle gleichermaßen ihre Interessen verfolgen – im Rahmen des gesetzlich Erlaubten und Gebotenen. In einem „modernen“ Staat – das sind heutzutage so gut wie alle – gehören dazu zuallererst Garantie und Schutz des Eigentums. Alle Mitglieder des Volkes dürfen nicht nur, sondern sollen für ihr materielles Wohlergehen sorgen, indem sie Eigentum erwerben, nutzen und mehren. Das heißt für die, die über Eigentum, über Geld verfügen etwas anderes als für die, die keines haben. Deren Existenz ist dann davon abhängig, dass andere, die welches haben, sie für dessen Vermehrung arbeiten lassen. Und diese Vermehrung klappt um so besser, je mehr sie arbeiten und je weniger sie vom Arbeitsresultat abkriegen. Die Behandlung aller – gleichgültig, über welche Mittel sie verfügen – als freie und gleiche Personen sichert den Mittellosen ihre Mittellosigkeit und den Bemittelten das Wachstum ihres als Kapital eingesetzten Eigentums.

Vom Reichtum, der auf diese Weise zustande kommt, greift der Staat das Seine ab. Er garantiert diese Verhältnisse schließlich, um die eigennützigen ökonomischen Anstrengungen seiner Bürger zur Quelle seiner Machtmittel und zum Instrument seines Erfolgs gegen andere staatliche Souveräne zu machen.

Die Privateigentümer konkurrieren gegeneinander und nehmen einander dabei als Quelle und Mittel des jeweils eigenen Gelderwerbs, als Lieferanten und Käufer von Waren und Dienstleistungen in Anspruch. Dieses Zusammenwirken von einander entgegenstehenden ökonomischen Interessen kann gesellschaftlich nur funktionieren, wenn eine über den Konkurrenten stehende Macht diese zusammenzwingt und ihrer Interessenverfolgung die dafür nötigen Schranken setzt. Diese Gewalt beaufsichtigt und regelt das Gegeneinander der Kapitalisten und das Gegeneinander von Kapitalisten und Lohnarbeitern. Ersteren sichert sie rechtlich die Anerkennung und Respektierung ihres Eigentums (Vertrags-, Patent-, Bank-, …recht) und die sachlichen Voraussetzungen für ihre Geschäftstätigkeit (Verkehrs- und Nachrichtenwesen, Forschung und Lehre, „Schutz“ der natürlichen Ressourcen …), die sie mangels Rentabilität selbst nicht schaffen oder wegen Rentabilität ruinieren. Letztere, also die Lohnarbeiter, würden durch das Gewinninteresse ihrer Arbeitgeber zugrunde gerichtet, wenn Arbeits-, Sozial- und sonstiges Recht nicht dafür sorgte, dass sie ihre marktwirtschaftliche Rolle überhaupt aushalten und damit ausfüllen können. Die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft für die einen möglich/profitabel, für die anderen aushaltbar zu machen, das ist – wenn man es so nennen will – der Dienst, den der bürgerliche Staat seinem Volk leistet.

Auf dieser Basis halten Angehörige aller Klassen und Stände eine staatliche Herrschaft für nützlich, die mit keinem Einzelinteresse zusammenfällt und staatliches Interesse = das „Gemeinwohl“ gegen die Privatsubjekte durchsetzt. Dabei wollen alle, dass das eigene Interesse den Rang eines hoheitlich geschützten Rechts erhält – und andere in die Pflicht genommen werden. Dieses Bedürfnis und damit der positive Bezug auf „ihre“ Herrschaft ist den unterschiedlichsten sozialen Charakteren im Volk gemeinsam. Auch die, bei denen sich mangels produktiven Eigentums Wohlstand nicht einstellt, nehmen den Umstand, dass sich alles Lebensnotwendige in der Hand von Privateigentümern befindet, als die Verhältnisse, mit denen sie zurechtzukommen haben. Und dass dieses Zurechtkommen ihnen erhebliche Schwierigkeiten bereitet, bringt sie nicht dazu, die in diesen Verhältnissen geltenden marktwirtschaftlichen Grundsätze negativ zu beurteilen. Die sind ja nun mal „wie sie sind“, und in denen wollen sie materiellen Erfolg erzielen. Sie sehen auch davon ab, dass es staatliches Werk ist, das sie auf gegensätzliche Interessen und Mittel verpflichtet, und wenden sich mit der Bitte um Abhilfe von Übeln aller Art ausgerechnet an den Urheber und Garanten der geltenden Geschäftsordnung. Ihre Regierung soll dafür sorgen, dass sie im Konkurrenzkampf zu dem kommen, was ihnen „gerechterweise“ zusteht. Jeder „soziale Missstand“ beweist ihnen nur deren „Versagen“ und die Notwendigkeit einer „guten“ Herrschaft, die sich der Betreuung und Bewältigung der Missstände machtvoll annimmt.

Die Rechten wollen an Stelle einer souveränen Macht, die sich der Konkurrenz nützlich macht, einen Souverän setzen, der die Konkurrenz als Staatsdienst organisiert. Eine gute Führung leistet ihrem Volk den Dienst, alle Volksgenossen in Dienst zu nehmen – für die Sache des Volkes. Die besteht für sie darin, sich unter dieser Führung gegenüber allem, was im Land und weltweit nicht zum Volk gehört, zu behaupten und durchzusetzen. Nationalsozialisten und ihre modernen Apologeten kennen und kritisieren keine Ausbeutung. Sie kennen Unternehmer, Arbeiter usw. nur als Volksgenossen, die jeweils an ihrem Platz der völkischen Gemeinschaft und dem Vaterland dienstbar sind. Und sie werfen den derzeit Regierenden vor, diese Dienste nicht richtig in Anspruch zu nehmen und zu ermöglichen. Soziale Missstände im Volk sind für sie immer nur der Beweis, dass die Regierung den Volksgenossen eine pflichtgemäße Lebensführung und die Förderung, die ihnen dafür zustünde vorenthält. Statt dem eigenen Volk dient sie volksfremden Interessen. Beweis heutzutage: Hier werden massenweise Ausländer untergebracht. Wenn die Führung das tut, nimmt sie ihren Gevolksleuten was weg – Geld, Kultur, Arbeitsplätze bla, bla ….
Dafür kriegen die Rechten derzeit viel Zuspruch – auch von den Armen und den Arbeitern. Die setzen auf ihre Erwerbsquelle, die Lohnarbeit, und werden rechtsradikal, wenn die Ordnung nicht leistet, was sie sich von ihr erwarten, also in ihrem Urteil die Einheit von Staat und Volk untergräbt.

Das Setzen auf die Erwerbsquelle Lohnarbeit und auf die übergeordnete Staatsmacht, die ihnen den Zwang zum Geldverdienen und damit zur Lohnarbeit aufnötigt, sollten diese Leute lassen, weil sie damit Verhältnisse affirmieren, die ihnen schaden. Und den dämlichen (und brutalen) Übergang zum Ausländerhass auch, denn der Schaden, den sie haben, kommt nicht von den Ausländern, sondern von den eigenen Volksgenossen und ihrer Führungsmacht!

Mehr wie immer auf http://www.keinort.de

Kuba-Diskussionen auf diesem Blog

Aus Anlaß des Todes von Fidel Castro hier nichts Neues, sondern eine Reihe von Verweisen auf Threads zum Thema Kuba auf diesem Blog in den letzten zehn Jahren:

Zum Vortrag von Amelie Lanier über Kuba in Salzburg (18.08.2015)

„Patria o Muerte“? Zur Rettung ihres Staates ist für die KP Kubas der Sozialismus gestorben (06.03.2012)

Theo Wentzke zu den wohlmeinenden Kubafreunden
(12.07.2011)

Wolfgang Möhl (GSP): „Kuba ist nicht zu helfen …“ (30.06.2011)

„Sozialismus“ als nationalistischer Kampfbegriff: Dieterichs „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ (13.06.2011)

26.05.11 | Berlin| Wentzke zu „Kuba nach dem sechsten Parteitag“
(11.05.2011)

GSP-Vortrag zu Kuba 1997 II (13.03.2007)

Wissenschaft und/oder Agitation?

Da der (ewige) Streit mit libelle (und natürlich auch mit anderen Antikommunisten) über Wissenschaft und bzw. oder Agitation ein eigenes Thema ist und libelle hier wieder mal relativ ausführlich seinen Antikommunismus belegt und begründet, ziehe ich die bisherigen Kommentare zu diesem Thema aus dem Thread „Hoch lebe die Korrelation!“ hierhin um.

Veranstaltungsankündigungen

Für eine bessere Übersichtlichkeit habe ich jetzt einen Veranstaltungs-Thread eingeführt.

Hermann Lueer: Das Gespenst der Deflation geht um

Hermann Lueer hat ein neues Büchlein geschrieben:
„Das Gespenst der Deflation geht um
Argumente gegen den Kapitalismus“

Seine einzelnen Punkte:

Das Gespenst der Deflation geht um.
Sinkende Preise für Güter und Dienstleistungen bedrohen »unseren« Wohlstand.
Staatliche Rettungsprogramme für faule Kredite sollen eine Kreditklemme verhindern.
Die Verschuldung steigt weltweit auf ein Vielfaches der jährlichen Wirtschaftsleistung.
Zur Stabilisierung des weltweiten Finanzsystems beginnen die USA, Japan und die EU mit dem Aufkauf ihrer eigenen Staatsanleihen.
Negativzinsen sollen die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.
»Helicopter Money« – das Drucken und Verteilen von Geld kommt als Lösung ins Gespräch.
Steht das kapitalistische Finanzsystem am Rande des Zusammenbruchs?
Was ist eigentlich eine Weltwirtschaftskrise?
Wieso kann zu viel Reichtum in Form von Überkapazitäten zum Grund für Massenverelendung werden?

Broschiert: 159 Seiten
Verlag: Monsenstein und Vannerdat (4. Juli 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3956458680
ISBN-13: 978-3956458682

Hoch lebe die Korrelation!

Wenn man sich ein besonders unerquickliches Beispiel für ein Zusammentreffen von bürgerlicher Wissenschaft und Marxismus anhören will, dann und nur dann sollte man sich den Mitschnitt der Veranstaltung „Bielefeld | 01.06.2016 | Rechtspopulismus und Rassismus im Aufwind? Deutsche Zustände im Kontext der ‚Flüchtlingskrise‘ [Podiumsdiskussion]“ anhören.
Gibt es bei Soundcloud zum Anhören
Es läßt sich aber auch runterladen:

Nach einigen wirklich interessanten Veranstaltungen aus Bielefeld in den letzten Jahren, so der wirkliche Disput zwischen Michael Heinrich und Peter Decker
oder der Veranstaltung „Was heißt hier eigentlich wir?“
konnte man hier eigentlich nur einen geradezu archetypisch ignoranten bürgerlichen Sozialwissenschaftler von Korrelation zu Korrelation bis hin zum Höhepunkt seiner Argumentation, dem hohen Lied der Moral hören. Das aber bis zum Abwinken. Schade aber auch.

Da kann man mehr zum eigentlichen Thema mitnehmen, wenn man sich den Mitschnitt der Nürnberger Veranstaltung „Fundamentalismus, demokratisch: Die Toleranz“ vom 16.6.2016 anhört.

Freerk Huisken: Abgehauen… eine Flugschrift zur neuen deutschen Flüchtlingspolitik bei VSA

Im Hamburger VSA-Verlag ist eine weitere Veröffentlichung von Freerk Huisken erschienen:

Abgehauen – Eingelagert aufgefischt durchsortiert abgewehrt eingebaut – Neue deutsche Flüchtlingspolitik. Eine Flugschrift.
Hamburg, VSA, 120 Seiten, ISBN 978-3-89965-692-3, 9.80 €.

i-v-a.net hat das so kommentiert:

Wenn die deutsche Bundesregierung die Grenzen für Flüchtlinge öffnet, Tausende unkontrolliert einlässt, aufnimmt und betreut, dann sind die Kritiker der heimischen Flüchtlingspolitik erst einmal überrascht, dann aber des Lobes voll. Endlich, so ihr Urteil, wird dem wahren Sinn des Grundrechts auf Asyl praktisch Rechnung getragen. Dass Politiker, gerade solche vom Schlage der
Bundeskanzlerin, die Europa zu mehr Weltgeltung führen will, mit humanitären Aktionen dieser Art ein politisches Interesse verbinden, sollte eigentlich nicht unbekannt sein.
Worum es diesmal geht, das könnte man leicht der Neudefinition nationaler Flüchtlingspolitik entnehmen: Es handele sich bei den Fluchtbewegungen um ein »globales Problem«, das auch entsprechend »global« kontrolliert, betreut und den Schleuserbanden aus der Hand genommen werden muss, heißt es.
Nichts anderes als eine imperialistische Offensive kündigt Angela Merkel zugleich mit ihrer humanitären Hilfe an, die Deutschland als treibende Kraft angehen will. Von dieser, ihren innen- und außenpolitischen Brutalitäten und Widersprüchen handelt Huiskens Flugschrift.

Sie haben dazu auch einen längeren Beitrag in ihrem Blog veröffentlicht.

Peter Schadt von KeinOrt hat Anfang April ein Interview mit Freerk Huisken veröffentlicht, das zuerst in der Fachzeitschrift „Auswege – Perspektiven für den Erziehungsalltag“ veröffentlicht wurde und jetzt auch bei KeinOrt und auf der Facebook-Seite von Peter Schadt nachlesbar ist.

Albert Krölls‘ „Kritik der Psychologie – Das moderne Opium des Volkes“ 3. Auflage erschienen

Folgender Hinweis erschien zuerst bei IVA und dann bei contradictio:

Ende März 2016 ist die dritte, aktualisierte und erweiterte Auflage von Albert Krölls‘ „Kritik der Psychologie – Das moderne Opium des Volkes“ erschienen. Dazu eine Information der IVA-Redaktion.

Zehn Jahre nach der erstmaligen Veröffentlichung seiner „Kritik der Psychologie“ hat Albert Krölls eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe vorgelegt, die den bereits in der zweiten Auflage von 2007 aufgenommenen Diskussionsteil neu konzipiert und in seinem Umfang erweitert hat. Dokumentiert wird hier die Kontroverse, die der Autor unter dem Titel „Die geheime Macht des Unbewussten – Ein untauglicher Rettungsversuch der Psychoanalyse“ mit einem Anhänger der Freudschen Theorie geführt hat. Die Antwort auf einen weiteren Leserbrief bringt zudem „vertiefte Ausführungen zur Kritik der ebenso beliebten wie falschen Fragestellung ‚Freiheit versus Determination des Willens?’“ (Krölls 2016, 9). Grundlegend überarbeitet wurde ferner das für die Beweisführung des Buches zentrale erste Kapitel, das jetzt die Überschrift „Psychologie:

Wissenschaft als Menschenbildpflege“ trägt. Im Rahmen einer neuen Schlussbetrachtung erläutert Krölls – anknüpfend an den Untertitel vom modernen „Opium des Volkes“ – den Nutzwert, den die psychologische Weltanschauung für die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft hat.

Im Folgenden sollen grundlegende Thesen aus Krölls‘ Kritik vorgestellt und mit anderen Diskussionsbeiträgen konfrontiert werden, die eigene Kritikpunkte formulieren, eine Krise der Psychologie konstatieren oder deren wissenschaftlichen Status – gerade angesichts des neurowissenschaftlichen Booms mit seinen neuartigen Erkenntnissen übers Seelenleben – problematisieren. … [mehr bei IVA]

Albert Krölls steht übrigens weiterhin für eine Diskussion seiner Thesen zur Verfügung, und zwar unter der E-Mail-Adresse:

AKroells@web.de.

Ich habe vor Jahren mal eine Abschrift eines Vortrags von Kröll zur Verfügung gestellt (Skript des Vortrags von Albert Krölls zu seinem Vortrag zur Kritik der Psychologie vom 10.05.2012 in Augsburg). Der früher verlinkte Mitschnitt aus Tübingen aus 2009, den ich mal gelobt hatte, ist aber wohl nicht mehr verfügbar.

Der Grabbeltisch der Erkenntnis – Untersuchung zur Methode des Gegenstandpunkt

Bierwirth fängt in seiner Broschüre bezeichnenderweise nicht mit irgendeinem zentralen Fehler an, den er meint, beim GSP ausgemacht zu haben, sondern ausgerechnet mit der Kategorie „Attraktivität“:

„Über die Attraktivität einer sich als radikal verstehenden Kritik des Kapitalismus entscheidet nicht nur die Frage, ob sie ihren Gegenstand trifft und ihrem Anspruch gerecht wird, sondern ob sie in der Lage ist, die sozialpsychologischen Befindlichkeiten gesellschaftskritischer Aktivistinnen abzupassen – sie „da abzuholen, wo sie stehen“, wie es immer heißt.“

Was für Linke, deren wie auch immer gearteter „Erfolg“ das ist, was sie antreibt und leider eben auch befriedigt, halt eine enorm wichtige Sache ist.

Ein Vorwurf, der heutzutage natürlich unbedingt an den Anfang gehört:

„Allem Anspruch auf Befreiung zum Trotz reproduzieren die Gruppen im Umfeld des Gegenstandpunkts autoritäre Strukturen in erheblichem Maß. Statt im Austausch von Argumenten zu bestehen, haben ihre Veranstaltungen oft den Charakter einer Publikumsbeschimpfung.“

Ganz schön schwerwiegend, da sollte man erwarten, dass das seitenweise belegt wird, bzw. so dargestellt wird, dass man überhaupt nachvollziehen kann, was am GSP so beurteilt wird. Da kommt aber gar nichts, das reicht Bierwirth schon, dass er das mal gesagt hat.

Der nächste Vorwurf ist etwas, worüber man lange streiten könnte:

„Statt mit ArbeiterInnen gegen das Kapital zu agieren, werden im Wesentlichen Intellektuelle (oder solche, die es gerne sein möchten) agitiert.“

Das wird beim GSP schon ungefähr so sein, wie bei vielen linksradikalen Gruppen, die Mitglieder sind zumeist mänliche „deutsche“ Intellektuelle, wenige Arbeiter, wenige Frauen, kaum Migrationshintergrund. Um aus dieser offensichtlichen statistischen Tatsache ein Argument zu machen, müsste man nachweisen, dass es so kommen „musste“. Das fehlt aber wieder.

Interessant wäre es gewesen, wenn Bierwirth was dazu geschrieben hätte, was das denn ist oder wäre, wenn man „mit ArbeiterInnen gegen das Kapital“ agitiert, da kommt ja nur, dass es dem GSP mangele an „realen Bezug auf die tatsächlich geführten sozialen Kämpfe.“ Ich befürchte, dass der „reale Bezug“ eine hochtrabende Bezeichnung für ganz handfeste Anpassung an das aktuelle Massenbewußtsein der Arbeiter ist. Denn wirklich gegen das Kapital agitieren kann man mit den Arbeitern, so wie sie in überwältigender Mehrheit politisch drauf sind, ja nicht. Sonst bräuchte man ja nur Bezirksleiter der IG Metall oder von ver.di werden zu wollen. Also geht es wohl darum, die Arbeiter „da abzuholen, wo sie stehen“? Das machen ja viele linke Organisationen, ohne dass sie oder die Arbeiter viel davon gehabt hätten. Der GSP macht jedenfalls wie alle anderen linksradikalen Gruppen seine Sachen halt mit den Menschen, die er für seine Agitation gewinnen konnte.

Der zentraler Vorwurf Bierwirths lautet:

„Das Auftreten, die Inhalte und der theoretisch-philosophische Standpunkt des GSP sind in sich weitestgehend kohärent. Sie nehmen ihren Ausgangspunkt in der utilitaristischen Vorstellung, jedes gesellschaftliche Verhältnis, jede soziale Beziehung und jede menschliche Regung gehe in Interessen und Zwecken auf; daher brauche das zur Revolution bemächtigte Proletariat zur Ausführung seiner Mission lediglich noch das gesicherte Wissen über seine Interessen und die Zwecke, denen die herrschende Ordnung dient. Ausgehend davon versucht der GSP zu zeigen, dass jede Gesellschaftskritik, die diese Prämissen nicht teilt, in die Irre führen muss.“

Wie der Autor dann zu folgendem kommt, ist mir schleierhaft:

„Wo aber der Klassenkampf sich längst als immanenter Interessenkonflikt entpuppt hat, daraus aber keine theoretischen Konsequenzen gezogen werden, bleibt nur noch ein völlig irrealer verbaler Bezug auf ihn übrig.“

Wen meint er denn damit? Den GSP trifft das ja nun überhaupt nicht, bekanntlich hat der GSP schon vor vielen Jahren mit seinem Proletariat-Buch geschrieben: „Die grosse Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende.“ Das war als vernichtende Kritik gemeint und nicht als sozialdemokratische Bejubelung.

GSP und Frauenfrage

Der Haus-GSPler hier hat einen Kommentar beliebig reingepappt, weil hier halt nur ich Artikel bringen kann. Das ist aber ein eigenes Thema, das ich hiermit separat aufmache:

„Wenn erst Wagenburgen auch als eingetragene Lebensgemeinschaft anerkannt sind, dann kommen noch die alternativsten Lebensentwürfe in den Genuss, vom Staat benutzt zu werden. Dann wird vor der Auszahlung von Hartz IV erstmal die alternative Wohngemeinschaft in Haftung genommen, bei Krankenhausaufenthalten das polyamoröse Netzwerk zur Kasse gebeten und für die Kinder dürfen dann drei Väter aufkommen…“

So fasst http://keinort.de/?p=979″>Peter Schadt von „Kein Ort“ seine Kritik an der Politik der Modernisierung der Geschlechterbeziehungen (‚Genderpolitik‘ statt / plus „Familienpolitik“) zusammen.

Etwas kämpferischer kommt ein kommunistischer Aufruf zum Weltfrauentag 2016 daher …
http://aufbaubremen.blogsport.de/2016/03/02/heraus-zum-frauenkampftag/

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Dazu ein Vortrag von 1989:
https://zhenles.wordpress.com/2012/07/11/peter-decker-zur-frauenfrage/

Aktuelleren Datums ist dieses Vortragsmanuskript von Peter Decker:
Die bürgerliche Familie
- Ort des Glücks, des Psychoterrors und des Amoklaufs

Nürnberg, 16.12.2010
Zum Anhören

Margret Wirth zur Frauenfrage in Wien 2014

Marginalien zum ‚demographischen Faktor‘

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(Die eingangs gelobte Debatte mit A. Krölls habe ich leider nicht mehr gefunden. Versus scheint nur Vorträge ab 2010 aktuell zu archivieren.)

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Von Seiten Antideutscher aus Leipzig bzw. dortiger Falken wurde die Kritik geäußert, dass die Moralkritik des GSP lediglich das bürgerliche Interesse reproduziere.
In einem anderen Thread hier gab es darüber eine Kritik von Krim

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Kontroverse Debatten gab es schon 2013 über den Text:
„Fickt das System!?“

Eher old-school-mäßig kommt im März 2016 erwartungsgemäß daher
https://www.freitag.de/autoren/hans-springstein/was-frauen-und-maenner-unterschiedet

Arian Schiffer-Nasserie: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?“ YouTube-Video

Auf YouTube findet man ab heute den Vortrag:
„Abweichende Überlegungen zu ‚Flüchtlingskrise und Willkommenskultur‘ – Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?“
von Arian Schiffer-Nasserie.
Das Video besteht wegen der Länge aus sechs Teilen und findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=UtxkBGr8iJk&index=1&list=PLfwJxCTtjuovROgzbieKcpHuXe7lmom7g

Der Vortrag behandelt die folgenden Punkte:

Flüchtlingskrise – Was ist das?
Die alte europäische Flüchtlingspolitik
Die bisherige Flüchtlingspolitik gilt als ‚gescheitert‘ – Warum?
a) Herkunftsländer
b) Anrainer- und Transitstaaten
c) EU-Südstaaten
Warum ändert Deutschland seine Flüchtlingspolitik?
Die neue deutsche Flüchtlingspolitik – eine einzige Offensive…
nach Außen…
…und nach Innen.
Willkommenskultur als ideologische Großoffensive gegen das „gesunde Volksbewusstsein“ (Teil 2)

Schriftlich sind die Überlegungen auch hier nachzulesen.

Geoffrey McDonald: What Sanders Wants

Geoffrey McDonald hatte mit Datum 18.12.2015 auch schon einen Artikel zu Bernie Sanders, dem für US-Verhältnisse vergleichsweise weniger rechten Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei, geschrieben, auch in Counterpunch.