Über den Nationalismus der „kleinen Leute“

Herr Keiners/Uli Schultes neueste Veröffentlichung:
„Aus dem Fundus von unveröffentlichten Geschichten haben wir eine Auswahl getroffen, Korrekturen vorgenommen und publizieren 35 Geschichten, die größtenteils im Luxemburger „Tageblatt“ erschienen sind.“

Gleich die erste Geschichte hat mir gefallen:

„Über den Nationalismus der „kleinen Leute“

Nach einer Diskussionsveranstaltung kam eine ältere Frau zu Herrn K. und sagte: „Ich finde es ja sehr ehrenwert, dass Sie mit Ihren Geschichten den Versuch machen, vor allem die ‚kleinen Leute‘ zum Nachdenken zu bringen und zu versuchen, diese über ihre ungute Lage in diesen Verhältnissen aufzuklären. Doch ich halte solch einen Versuch für vergebliche Liebesmüh, denn ich habe überall nur Leute erlebt, die für diese gesellschaftlichen Verhältnisse sind, Leute, die sich an diese Verhältnisse nahtlos angepasst haben.“

Darauf antwortete Herr K.: „Dass sie sich angepasst haben, das sehe ich auch, aber dass diese Anpassung ‚nahtlos‘ sein soll, das sehe ich nicht. Denn besagte ‚kleine Leute‘ haben sich Tag um Tag daran abzuarbeiten, dass die herrschenden Arbeits- und Lebensverhältnisse, für die sie Partei ergreifen, nicht für sie eingerichtet sind. Sie sind nicht Nutznießer der Verhältnisse, für die sie Partei ergreifen.“ „Sicher“, sagte die Frau, „das sehe ich auch so, doch ich habe in meinem Leben nur ‚kleine Leute‘ getroffen, die auf die herrschenden Verhältnisse nichts kommen lassen wollen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit stolz die Fahne ihrer Nation hochhalten und nichts davon wissen wollen, dass diese ihre Nation die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihnen zu schaffen machen, mit Gesetzeskraft eingerichtet hat und absichert.“

„Das mag schon so sein“, entgegnete Herr K., „doch sie vergessen hinzufügen, dass diese verbreitete Parteinahme für den nationalen Zusammenhalt nur mit falschen Gedanken im Kopf, nur mit Fehldeutungen der eigenen Lage zu haben ist. Das sollte man aufzeigen und den Menschen erklären, warum sie sich mit der Verklärung ihres nationalen Zusammenhangs keinen Gefallen tun. Denn das Leben in dieser Gemeinschaft wird von lauter gegensätzlichen Interessen bestimmt, was dafür sorgt, dass das Interesse derjenigen, die als Arbeitende oder Arbeitslose über die Runden kommen müssen, andauernd und systemnotwendig unter die Räder kommt.“

„Ja, ja, aber wenn die Leute sich von einer solchen Aufklärung nur gestört sehen, soll man sie da nicht besser in Ruhe lassen“, gab die Frau etwas gereizt zurück. Herr K. überlegte eine Weile und sagte: „Man sollte nicht enttäuscht sein, wenn die eigenen Argumente nicht das gewünschte Resultat bei den Adressaten erreichen. Warum sollte man den eigenen Ärger über die herrschenden Verhältnisse, wenn er begründet ist, nicht auch denen mitteilen, die als die ‚kleinen Leute‘ von diesen Verhältnissen betroffen gemacht sind? Auch wenn diese sich das so zurechtlegen, dass sie mit allen Anforderungen zurechtzukommen haben. Diese Haltung ist jedenfalls nicht zu ihrem Besten, warum also sollte man damit aufhören, das den Leuten – nicht unbedingt bei jeder Gelegenheit, aber doch des Öfteren – mit guten Argumenten darzulegen. Das mag als Störung empfunden werden, doch warum soll das ein Problem sein?“, fragte Herr K. „Im Unterschied zu vielen anderen im Leben erfahrenen Störungen nötigt man doch niemandem etwas auf, man gibt einfach nur etwas zu bedenken. Nicht mehr und nicht weniger“, sagte Herr K.“


3 Antworten auf „Über den Nationalismus der „kleinen Leute““


  1. 1 Krim 08. Juli 2020 um 12:16 Uhr

    „warum sie sich mit der Verklärung ihres nationalen Zusammenhangs keinen Gefallen tun.“ Leider lässt das auch auf den GSP-Fehler schließen die Nation sei nichts weiter als die Apotheose/Verklärung/Ideologie der staatlichen Gewalt, also gar keine wirkliche Gemeinschaft, sondern bloß eine Zwangsgemeinschaft. Der nationale Zusammenhang wird hier praktisch durch eine Gewalt hergestellt und die Leute verklären ihn nur zu einer Gemeinschaft. Wenn die Nation aber real nur reiner Zwang ist, der die Gegensätze einer Eigentumsgesellschaft zusammenhält, dann fragt sich doch wo die Verklärung herkommt? Bei Zwang müsste die Verklärung in dem Moment aufgeben werden, wenn eine Erklärung erfolgt. Also ist Verklärung selbst eine Verklärung. Die Leute haben ein Interesse an der Nation und deshalb lassen sie auf die Staatsgewalt nichts kommen. Es ist ja gar nicht so, wie der Begriff „Verklärung“ nahelegt, dass sich die Nation nur in rosaroten Farben ausgemalt wird. Die kleinen Leute wissen durchaus um die Härten, die sie Zugehörigkeit zu diesem Kollektiv mit sich bringt.

  2. 2 Krim 09. Juli 2020 um 13:33 Uhr

    Darin steckt auch der weitere Fehler, dass es sich bei Nation nicht um eine Gemeinschaft handeln kann, weil die Gesellschaft aus lauter Gegensätzen besteht. Als wäre das ein Widerspruch als müsste es in eine Gemeinschaft ohne Gegensätze sein, um eine zu sein. Das wäre aber noch nicht mal beim Kommunismus der Fall. Eine Gemeinschaft ist nicht durch die Abwesenheit von Gegensätzen bestimmt, sondern dadurch dass ihre Mitglieder an eine Gemeinsamkeit glauben, die sie zu einer nationalen Gemeinschaft macht. Entscheidend ist nicht, dass diese Gemeinsamkeit real und wahr ist, entscheidend ist, dass die Mitglieder glauben, dass es etwas gibt oder geben muss, das sie verbindet. Deshalb können die Rechtfertigungen der Gemeinsamkeit auch wechseln und für die Kritik heißt das, dass die Widerlegung einer Ideologie nicht den Nationalismus zum Verschwinden bringt, sondern höchstens eine Begründung durch die andere ersetzt. Deshalb sind die wissenschaftlichen Gründe für die Nation auch zu trennen von den Ideologien zur Nation. Die Widerlegung der Ideologien ist nicht zu Verwechseln mit dem Beweis der Nichtexistenz der Nation, die in Wirklichkeit n u r ein staatlicher Zwangszusammenhang ist. Das ist sie zwar auch, das ist aber nicht der Grund der Nation. Dass die Rechtfertigungen der Nation, also die Ideologien, nicht die wahren Gründe dafür sind, dass Nationalisten an ihre Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft glauben, beweist das etwas anderes dafür verantwortlich sein muss. Nicht ein Grund hat ihnen eingeleuchtet, sondern wie üblich denken sie umgekehrt, sie haben ein I n t e r e s s e an der Nation und suchen sich deshalb Rechtfertigungsgründe. Eine Kritik der Nation hat folglich dieses Interesse zu bestimmen und zu kritisieren, und nicht als „Verklärung des nationalen Zusammenhangs“ zu verharmlosen und zu vernebeln.

  3. 3 Fundstück 18. September 2020 um 18:57 Uhr

    Dass das Zurechtschneidern des Programms der Linken auf Wählbarkeit und Koalitionstauglichkeit innerhalb der Partei nicht ohne Friktionen abgeht, zeigt der Austritt der berühmtesten Hartz IV – Kritikerin:

    „Wenn ich nach Bremen blicke, wo die Linke mitregiert, dann schwant mir Übles. Im Wahlkampf hieß es noch: „Hartz ΙV muss weg!“ Im Koalitionsvertrag wurde das einkassiert. Da steht nur noch: Die Sanktionen müssen bei Haushalten mit Kindern abgeschafft werden, und bei den anderen Betroffenen müssen wir versuchen, sie zu senken. Versuchen! Auch in Thüringen waren sie vollmundig, und im Koalitionsvertrag steht nur noch ein einziger Satz zu Hartz ΙV. Aus Bremen haben mich Rückmeldungen von Hartz-ΙV-Empfängern erreicht, die bitter enttäuscht sind von der Linken.“

    https://www.freitag.de/autoren/cbaron/die-linke-dient-sich-der-spd-an

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