Peter Decker: Imperialismus ist kein Notbehelf für wachstumsunfähiges Kapital!

Contradictio hat jetzt ein Thesenpapier von Peter Decker vom GegenStandpunkt zu Rosa Luxemburgs Imperialismustheorie veröffentlicht. [Anmerkung von Contradictio: Der obige Text ist vermutlich im Kontext der Rosa-Luxemburg-Konferenz 1997 entstanden]. Zu Rosa Luxemburg konnte man bei mir vor Jahren schon etwas von Karl Held lesen, der 1972 ihre „Einführung in die Nationalökonomie“ (Hamburg 1972) herausgebracht hatte. 2007 hat nämlich jemand diese Einleitung hier gepostet. Ich habe dies dann Jahre später noch mal aufgehübscht gebracht.


9 Antworten auf „Peter Decker: Imperialismus ist kein Notbehelf für wachstumsunfähiges Kapital!“


  1. 1 Mattis 19. Januar 2019 um 17:38 Uhr

    Als Textnachweis ist bei contradictio angegeben:
    http://konspekte.blogsport.de/2019/01/16/imperialismus-luxemburg/
    Dort enthält der Text eine Vielzahl kursiv gedruckter Formulierungen; diese Formatierungen wurden von contradictio jedoch nicht übernommen (Stand 19.01.2019).

  2. 2 Nestor 06. Februar 2019 um 14:36 Uhr

    Soweit ich das verstehe, ist der einzige Kritikpunkt der, daß es sich beim Überschreiten der nationalen Grenzen nicht um ein Notprogramm, sondern eine Grundeigenschaft des Kapitals handelt: Will es wachsen, so kann es notwendigerweise keine Grenzen kennen.

    Ansonsten sind die Gedanken von Luxemburg dazu im Großen und Ganzen richtig.

    Die Anschauung, als sei das Kapital sozusagen ein Getriebenes, das immer nach Auswegen aus der Dauerkrise sucht, erscheint angesichts dessen als eine Kindesunterschiebung. Luxemburg konstruiert hier eine Not, weil sie den krisenhaften Charakter des Kapitals nachweisen will, um auf sein baldiges Ende hinzuweisen. Mut, Genossen! Der Wunsch ist hier der Vater des Gedankens.

  3. 3 Neoprene 06. Februar 2019 um 15:39 Uhr

    „Der Wunsch ist hier der Vater des Gedankens.“

    Das scheint mir in der Tat auch der Hintergrund dieser Theorie zu sein, die sich eine revolutionäre Wende ohne Zusammenbruchsszenario nicht wirklich vorstellen konnte. Schade aber auch.

  4. 4 Krim 07. Februar 2019 um 12:35 Uhr

    „Ansonsten sind die Gedanken von Luxemburg dazu im Großen und Ganzen richtig.“

    Nein im Großen und Ganzen ist die Theorie falsch. Und auch deine Vorstellung scheint in Luxemburgs Richtung zu gehen, wenn du bei Imperialismus vom Kapital sprichst und nicht von Staaten. Das Kapital überschreitet Grenzen, indem es handelt, Waren kauft und verkauft, nicht indem es Imperialismus macht. Dazu nochmal Punkt 3 lesen.

    „Nach Luxemburg ist die Eroberung von Kolonien eine Strategie des Kapitals zur Sicherung seiner Reproduktionsbedingungen; der Staat, soweit von ihm überhaupt die Rede ist, kämpft im Auftrag des Kapitals. „Das Kapital im Allgemeinen“ gibt es auf der Weltbühne aber gar nicht; Wachstum überhaupt ist keiner Nation ein Anliegen, jeder geht es um das Wachstum ihrer nationalen Wirtschaft. Deshalb fördert sie das Wachstum der Weltwirtschaft – und behindert es, je nach nationaler Kalkulation. Imperialismus ist eine Tat des kapitalistischen Staates, der seine Reichtumsquelle, sein nationales Kapital fördert.

    Wer das nicht im Kopf behält, verwechselt ähnlich wie Luxemburg und Lenin die Subjekte: Staat wie Kapital bekommen Eigenschaften zugeschrieben, die nur dem jeweils anderen zukommen. Mit Einsichten wie „Räuberische Kapitalisten machen Beute und streiten sich auf den Schlachtfeldern darum.“, hat man vom Imperialismus gar nichts verstanden. Kapitalisten machen Geschäfte; wenn sie erobern, dann erobern sie Märkte und zwar nicht mit Waffen, sondern mit konkurrenzfähiger Ware. Die nach außen gerichtete Gewalt der kapitalistischen Gesellschaft betätigt der Staat – und zwar im Interesse seiner Bereicherung am Ausland.

    Das Gewaltmonopol des Staates ist die erste Existenzbedingung der inneren Ausbeutungsverhältnisse. In der begrenzten territorialen Reichweite dieser Gewalt entdeckt der Staat zugleich die Schranke, die er den Geschäften zieht, die er ins Leben ruft. Seine Grenzen hemmen das Wachstum seiner eigenen materiellen Basis. Deshalb eröffnet er einheimischen Kapitalisten den Zugriff auf Reichtumsquellen außerhalb der Reichweite seiner Macht, indem er mit anderen Staaten die Erlaubnis zu wechselseitiger Benutzung der inneren Reichtumsquellen durch die Geschäftsleute der Partnerstaaten aushandelt. Die Übereinkunft zur beiderseitigen „Öffnung“ ist alles andere als harmonisch: Schließlich will jede Nation sich an der anderen bereichern.“

  5. 5 Nestor 07. Februar 2019 um 23:12 Uhr

    @Krim

    Natürlich, das Verhältnis zwischen Staat und Kapital ist nicht richtig besprochen, weil der Staat als ausführendes Organ des Kapitals besprochen wird. Das hat ihre Imperialismustheorie mit der Lenins gemeinsam. Das gestehe ich als zweiten Schwachpunkt der Theorie ein.
    Dieser Fehler mag dem Interesse der Sozialdemokratie auf Übernahme des Staates geschuldet sein. Da war es angemessen, den Staatsapparat als neutrale Hülle zu sehen, die man über verscheidene Wirtschafts- und Eigentumsverhältnisse drüberstülpen kann.

    Was mir nicht gefällt, ist die Ausdrucksweise mit dem „Wachstum“. Das Wachstum des nationalen Kapitals als Ziel, das Erstellen von BIPs, also die ganze nationale Bilanzierung der Kapitalakkumulation ist in dieser Form eine neuere Erscheinung.
    Früher schickten die Staaten Kanonenboote und Truppen und merkten dann am Widerstand der anderen Kolonialmächte, daß da eine Grenze gesetzt wurde. Aber in die Bilanzen der Firmen wurde damals meines Wissens nicht so genau hineingeschaut, weder von der Steuer, noch von den Banken.
    Das sollte man dazudenken, wenn man die Luxemburgsche Imperialismustheorie betrachtet. Die Sphären von Geschäft und Gewalt waren weniger verflochten.

  6. 6 Krim 08. Februar 2019 um 2:37 Uhr

    „die ganze nationale Bilanzierung der Kapitalakkumulation ist in dieser Form eine neuere Erscheinung.“

    Mag schon sein, dass die Bilanzierung des Wachstums neueren Datums ist. Es geht ja aber nur um Wachstum und nicht seine Bilanzierung.

    „Aber in die Bilanzen der Firmen wurde damals meines Wissens nicht so genau hineingeschaut“

    Wozu sollte wer in die Bilanzen von Unternehmen schauen? Im Verhältnis zum Ausland geht es ja nicht um Bilanzen des Kapitals, sondern um die Bilanzierung von Im- und Export. Irgendwie verstehe ich deinen Gedanken nicht.

  7. 7 Nestor 10. Februar 2019 um 13:26 Uhr

    Vielleicht noch einmal ein Versuch, wie ich es gemeint habe:
    Die Luxemburg hat ja recht darin, daß die Bewegung des Kapitals maßlos ist und des Weltmarktes bedarf.
    Die Staatenwelt, die Verhältnisse der Souveräne untereinander, und wie sie auf ihre Art und Weise diesem Bedürfnis Rechnung tragen, ist von ihr nicht begriffen. Sie versteht Imperialismus nur aus der Notwendigkeit des Kapitalverhältnisses heraus.

    Die Schwierigkeit, das Zusammenwirken von Geschäft und gewalt zu begreifen, gibt es bis heute.

    Ich frage mich nur, ob das Verhältnis zwischen den beiden Seiten damals vielleicht anders ausgeschaut hat. Und ob es zielführend ist, mit Kategorien wie „Wachstum“ auf diese Theorie von Luxemburg loszugehen.

    Aber ich nehme es mir jetzt nicht vor, das Werk von ihr durchzuarbeiten. Nur damit keine Mißverständnisse aufkommen.

  8. 8 Krim 10. Februar 2019 um 16:39 Uhr

    “ Und ob es zielführend ist, mit Kategorien wie „Wachstum“ auf diese Theorie von Luxemburg loszugehen. „

    Ich denke Decker wollte hier auf die unterschiedliche Perspektive von Staat und Kapital auf das Wachstum aufmerksam machen. Der Staat will, dass s e i n e Reichtumsquelle sprudelt und das ist was anderes als die Akkumulation des Kapitals. Die Differenz der verschiedenen Perspektiven wird an der Außenhandelsbillanz offenbar. Die Import- und Exportkapitalisten haben beide Geschäfte gemacht. Für den Staat stellt es sich aber als Abfluß oder Zufluß von Geld dar.

  9. 9 Hulk 11. Februar 2019 um 0:01 Uhr

    „Ansonsten sind die Gedanken von Luxemburg dazu im Großen und Ganzen richtig.“

    Man merkt, dass Nestor die Argumentation von Marx im Kapital Bd. 2 genauso wenig verstanden hat wie Luxemburg, die in den Reproduktionsschemata den Mangel entdeckt haben will, dass Marx nicht erkläre, woher das Geld herkommt, in welchem die Kapitale ihre akkumulierten Gewinne realisieren. Befremdlicherweise geht Luxemburg mit keinem Wort darauf ein, dass Marx ausdrücklich und ellenlang diese falsche Frage kritisiert, die sie dann falsch damit beantwortet, dass es immer akkumulationsexterne, also kapitalismusexterne Quellen braucht, woraus sie ihre Imperialsimustheorie zimmert. Und Nestor vermutet mal eben, dass man mit der Kategorie „Wachstum“ hier wohl nicht weiterkomme, obwohl es um nichts anderes geht.

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