Trotzkisten für Katalonien

Die Trotzkisten von der ICL, 6 October 2017:

„Two days ago, the Spanish state unleashed massive repression aimed at preventing an independence referendum in Catalonia. Over two million people defied the savage police mobilization to cast their ballots, and 90 percent voted in favor of an independent republic in Catalonia.“

„Massiv“? wo mal gerade 10.000 Mann nach Katalonien verlegt wurden?

„aimed at preventing an independence referendum“

Wohl kaum, denn dazu war das ganz offensichtlich zu wenig: Es gelang ihnen mal gerade 92 von über 2000 Wahllokalen zu blockieren.

„Over two million people defied the savage police mobilization“

Wird schon so ungefähr stimmen, eine Abstimmung nach kerkömmlicher Art war das ja nicht (und konnte es offensichtlich auch nicht sein). Was aber ist mit dem Rest der Menschen in Katalonien? Bekanntlich haben von den Wahlberechtigten (wer war das eigentloch nochmal genau?) novh nicht mal die Hälfte abgestimmt, was Workers Vanguard tunlichst verschweigt. Ich vermute, daß es zur Zeit dort ungefähr soviele Befürworter wie Gegner einer Unabhängigkeite geben wird.

„the Spanish prison house of peoples“

wird ausschließlich dadurch definiert, daß Spanien gegen die Unabhängigkeit von Katalonien (und der anderen autonomen Regionen) ist.

„The state of siege“

Wenn das schon ein Belagerungszustand war, dann sind die ICLer wirklich schnell dabei, sowas festzustellen.

„the national oppression of Catalans“

Wie immer die Frage, und woran kann man die festmachen? (Außer der Verweigerung der Unabhängigkeit)

„The only principled position for revolutionary Marxists is to demand the immediate independence of these nations and to rally the workers of Spain and Europe to this struggle.“

Und warum sollten klassenbewußte Arbeiter in Spanioen und Europa (warum eigentlich nur da, ein großer Teil der Arbeiter in Spanien kam doch aus nordafrikanischen Staaten) das nun tun?

„Despite the police terror tactics, the Catalan people remain unbowed.“

Da ist der Begriff „katalanischen Volk“ ein recht brutaler Kampfbegriff der dortigen Separatisten, befürchte ich. Und was passiert nach Erfolg dann mit den „Volksfeinden“? Also rund der Hälfte der dortigen Bevölkerung?

Mehr habe ich dann schon nicht mehr aufmerksam gelesen.


3 Antworten auf „Trotzkisten für Katalonien“


  1. 1 Neoprene 14. Oktober 2017 um 19:28 Uhr

    Noch eine trotzkistische Perle:

    „Das ganze Land befindet sich an einem Scheideweg, wo die Frage der Revolution oder Konterrevolution keine Übertreibung ist. Wenn Rajoy die katalanischen NationalistInnen durch Einschüchterung oder Gewalt zur Kapitulation zwingt, wird es einen noch nie da gewesenen Rückschlag für Spaniens 40 Jahre alte Demokratie darstellen. Der Ernst der augenblicklichen Lage erfordert eine angemessene Reaktion von Seiten der katalanischen ArbeiterInnen- und Sozialbewegungen: einen allgemeinen, unbefristeten Generalstreik, um die Initiative zu übernehmen und die Macht den Händen der einen bekriegenden bürgerlichen Fraktionen zu entreißen und der organisierten ArbeiterInnenklasse zu übertragen.“
    aus dem Artikel der Gruppe ArbeiterInnenMacht „Rajoys Verfassungsputsch stoppen!“

    http://arbeiterinnenmacht.de/2017/10/12/rajoys-verfassungsputsch-stoppen/

  2. 2 Neoprene 15. Oktober 2017 um 16:07 Uhr

    Aus einer Diskussion bei Facebook. Paul Cockshott ist ein schottischer marxistischer Ökonom, seinen Disskussionsgegner kenne ich nicht.

    M.A.S.: So what about white majority of Pacific Northwestern US? Would you support their separation into a white ethnic Volkstaat? What about the Confederate States of America?

    If a majority of people in the Pacific Northwestern states voted for independence from the US, but the largest coalition member backing independence were white nationalists, would you support it, yes or no? According to you, all it takes is modern suffrage and a majority in a particular territory.

    PC: If a majority of the State of Washington voted to have independence, obviously that should be respected. This is such a basic democratic point that 1 dont see why you ask.
    So what if a Pacific NW Volkstaat wanted to declare independence and got majority support?

    M.A.S.: Modern states aren’t universal suffrage regimes, but nativist suffrage ones. The immigrant and migrant worker population (and in the US also many felons; and passive suppression of working class and especially working class of color vote in general) is disenfranchised.

    P.C.: There are two questions. 1, should a socialist party in a territory advocate a vote for independence, 2, if a vote takes place should the majority vote be honoured. I would say that on the first case the answer is conjunctural, based on a judgement by the socialists in the territory in question. On 2, the answer is unconditionally yes, socialist parties must commit to respecting majority votes.

    Neo: What do you mean with „respecting“? When a majority takes their part of the country to independence then that is is. As every citizen of this new state socialists have to follow the new rules or go to jail as in the old state. But of course they can even then argue that this independence does the workers no good for instance. Or the other way round as it could happen in Catalonia.

    P.C.: By respecting I mean a. Not advocating in their press that the majority vote be overridden, b. If the existing state tries to supress or ingore the vote, then they should agitate and organise for it to be respected. Socialists in the original ruling state should agitate against any attempt by the ruling powers to suppress the vote or the result. Similarly if a vote goes against independence the socialists should oppose any attempt by nationalists to still go ahead and force independence.

    Neo.: „The immigrant and migrant worker population is disenfranchised“ is important for Spain/Catalonia too with its sizable north african part of the class.

    M.A.S.: Exactly why I am questioning Catalan chauvinist tailism.

    The worst part about sub-Stalinist tailism of the lowest vintages of bourgeois nationalism is how transparently opportunistic, unconvincing, and pathetic it is. They think by tailing this there will be any dividends paid the left, but nobody will notice or care for the geriatric politics pulled into tow, the nationalists will pocket the pro bono agitation like pennies found in the couch, and the sectarians will remain where they started. Cockshott really supports this because of his Scottish fantasies, which I suppose while more pathetic is at least better than sincerely being willing to support white nationalists.

    P.C.: What you call sub-Stalinist tailism is simply the literal application of Lenin’s line on self determination. Since Stalin was the person delegated to lead the policy of the Bolsheviks on the national question, I suppose you could argue that Lenin was in this context a sub-Stalinist, but the arguments of Lenin on the Right of Nations to Self Determination are, I think, clearer and less given to nationalist concessions than those of Stalin in his roughly contemporaneous pamphlet on the National Question.
    ____

    Cockshotts formeller Leninismus in der Nationalitätenfrage scheint mir ein gutes/schlechtes Beispiel dafür zu sein, wo man landet, wenn das Bestehen auf demokratischen Verfahren völlig absieht von den Inhalten, über die abgestimmt wird. Dann haben halt Separatisten „recht“, weil sie die Mehrheit sind und man braucht nicht mehr zu fragen, warum sie eigentlich raus wollen aus ihrem bisherigen Staat.
    Und weil es sich linke Anhänger dieser Art von Leninismus nicht anhängen lassen wollen, daß sie doch nur sturzdemokratische Nationalisten sind oder immerhin bejubeln, erfinden sie regelmäßig die schlimmste nationale Unterdrückung gegen die, die sie beschlossen haben zu unterstützen und ihnen „Recht“ zu geben. Was man am Beispiel Katalonien eben wieder mal verfolgen konnte.

  3. 3 Neoprene 15. Oktober 2017 um 16:10 Uhr

    Ein weiteres Diskussionsschnipsel auf einem Blog

    TAP/DGS.: „„In Katalonien hat sich die Bevölkerung bereits entschieden, sich in einem formellen Referendum zu trennen, so dass sich die Achse von der Verteidigung des SelbstbestimmungsRECHTES zur Verteidigung des SelbstbestimmungsAKTES verlagern muss.“ (Ein Zitat aus dem Statement der IBT , von TAP übersetzt)
    bestreite ich in seiner analytischen Prämisse.“

    Dem stimme ich zu:
    Sowohl IBT als auch die IKL thematisieren die Frage, wer in der nun wirklich nicht homogenen katalonischen Gesellschaft eigentlich welche Position hat und warum überhaupt nicht mehr, sondern sehen nur noch eine „katalanische Nation“, die eben Recht hat. Da sind dann die Fragen, wofür die inhaltlich eintreten, was deren Programm ist, genauso unwichtig wie die Frage, ob die wenigstens die Mehrheit hinter sich haben und was es eigentlich bedeutet, wenn in einer so zentralen Frage für die Zukunft des Landes die Auffassungen 50:50 gegenüberstehen, nebensächlich geworden. Hauptsache, es geht gegen den franquistischen Nachfolgestaat. Also eigentlich um einen Kampf gegen den Faschismus, wenigstens Post-Faschismus.

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