Renate Dillmann zur „Gebrauchswertökonomie“

Von der Homepage von Renate Dillmann [Danke an Mattis für den link, hatte ich bisher tatsächlich übersehen]:

Frage eines Lesers:
In deinem China-Buch schreibst du auf S. 89, wie die Arbeitszeit in einer rationellen „Gebrauchswertökonomie“ – welche leider nicht die Programmatik der chinesischen Kommunisten war – in zweierlei Hinsicht relevant wäre, nämlich erstens in der Produktionsplanung selbst, zweitens aber auch bezüglich der Verteilung: „Wer sich Konsumwünsche über eine entsprechend ordentliche Grundversorgung hinaus erfüllen will, hat dafür mit einem Einsatz zu zahlen, der ebenfalls über die von allen zu leistende (und gegenüber heutigen Verhältnissen deutlich minimierte) Arbeit hinausgeht.“ Ich kann diese Ausführungen großenteils teilen, habe mir aber mit dem Aspekt einer an der individuellen Arbeitsleistung bemessenen Konsumtion jede Menge Kritik eingefangen. Zum einen wird mir dazu vorgehalten, ich würde eine Unersättlichkeit der Menschen unterstellen, denn ansonsten bräuchte man die individuelle Konsumtion von keinerlei Kriterien abhängig machen, sondern schlicht und einfach nur befriedigen. Zum anderen wird mir vorgeworfen, das wäre ja genau so übel wie Lohnarbeit, wenn man sich im Sozialismus eine erhöhte individuelle Konsumtion durch einen erhöhten eigenen Beitrag für die gesellschaftliche Produktion verdienen müsse, und die Gebrauchswerte seien insofern dann doch wieder Waren mit einem zu entrichtenden Preis. Mich würde interessieren, mit welchen Argumenten du auf so eine Kritik antworten würdest.

Die Antwort von Renate Dillmann:
Mit meinen kurzen Bemerkungen zu einer „Gebrauchswertökonomie“ wollte ich gegen mehrere Missverständnisse anschreiben: Auf bürgerlicher Seite gegen die Vorstellung, dass eine kommunistische Planwirtschaft notwendigerweise alles über einen Kamm scheren muss und in ihrer Gleichmacherei auf individuelle Wünsche keine Rücksicht nehmen kann. Auf linker Seite gegen die Vorstellung, dass sich mit der Beseitigung von Eigentum, Klassengesellschaft und der dafür nötigen Staatsgewalt auch so ungefähr alle ärgerlichen Phänomene in Luft auflösen und von heute auf morgen Friede, Freude und Eierkuchen herrschen. Letzteres ist eine Vorstellung, die bspw. in GSP-Kreisen vorkommt und vielleicht etwas damit zu tun hat, dass man sich dort weigert, über die Frage der Übergangsgesellschaft im Hier und Jetzt nachzudenken, wo diese Frage doch keineswegs anstehe. Das stimmt ja bedauerlicherweise, ist aber m.E. nach kein schlüssiger Grund dafür, sich solche Gedanken einfach zu verbieten. Auch das oft vorgetragene Argument, dass sich aus der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft bereits genügend klar „ergibt“, was demgegenüber eine sozialistische auszeichnen würde, so dass man sich darüber gar nicht mehr äußern müsse, finde ich nicht logisch. Denn dann ließe sich ja auch festhalten, dass die Bestimmungen einer sozialistischen Gesellschaft im Umkehrschluss deutlich machen, welche Kritik an der jetzigen ihr zugrunde liegen…
Wie auch immer – das Thema ist eigentlich wirklich interessant und wert, dass es einmal ausführlicher behandelt wird. In meinem China-Buch habe ich ja lediglich einige ziemlich dürre Andeutungen dazu gemacht. Jetzt aber zu deinen Fragen und was ich dazu sagen würde.

Zum „unersättlichen Menschen“ würde ich sagen, dass Menschen ja viel wollen können, aber wohl kaum „unendlich“ viel. Das ist ein Konstrukt der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre, das eine gegenüberstehende „Knappheit“ der Güter konstatiert. Ja klar, wenn die Menschen so beschaffen sind, dass sie nie zufrieden sind, dann sind die Güter – egal, wie viel produziert werden – eben immer zu wenig. Aus diesem zielstrebig erdachten Dilemma wird dann eine Welt der Konkurrenz, der Preise und alles mögliche andere gerechtfertigt. Dieser Gedanke ist also in sich verkehrt.
Umgekehrt ist es aber auch gar nicht der Zweck einer kommunistischen Gesellschaft, jedem jedes (irgendwie nur denkbare) Bedürfnis zu erfüllen. Sondern es ist ihr Zweck, dass die Mitglieder dieser Gesellschaft sich die wesentlichen Probleme vom Hals schaffen, die ihnen eine auf Eigentum beruhende Ökonomie einbrockt. „Eine ordentliche Grundversorgung“ ist in diesem Zusammenhang also etwas ganz anderes als das Existenzminimum unter Hartz-IV-Bedingungen: Mit möglichst geringem Arbeitsaufkommen (so in der Größenordnung von 3 – 4 Arbeitsstunden pro Tag) das zu erhalten, wovon sich schon gut und schön leben lässt:
• Lebensmittel, die den Namen verdienen
• ein gutes Gesundheitswesen, auf dessen Auskünfte und Behandlung sich die Leute verlassen können
• eine Bildung, die die Teilnehmer der sozialistischen Gesellschaft befähigt, selbst und bewusst über ihre Verhältnisse zu entscheiden
• Kooperation statt Konkurrenz, sichere Lebensverhältnisse statt den ewig unsicheren und rastlos umgewälzten kapitalistischen usw. usf.
Anzumerken wäre auch, dass die Bedürfnisse, die Menschen entwickeln, natürlich auch sehr weitgehend Produkt der Verhältnisse sind, unter denen sie leben. Damit meine ich nicht nur, dass der Kapitalismus viele idiotische Bedürfnisse erzeugt, um daran verdienen zu können. Sondern ich denke auch an Beispiele der Art, dass ein anders organisiertes Arbeitsleben, das die Menschen nicht in eine solche Hetze stürzt wie ihr bisheriges Erwerbsleben, ergänzt um für alle nutzbare und gut ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel (bis hin zum Fahrrad- und Carsharing in den Städten) den Stellenwert eines eigenen Autos ziemlich herabsetzen würde.

Über die genannte Grundversorgung, die allen Mitgliedern dieser Gesellschaft zukommt, hinaus sollte sich die sozialistische Gesellschaft bewusst sein, dass es individuelle Unterschiede und Gegensätze in den Vorstellungen von Bedarf, Produktion, Arbeits- und Freizeit gibt, und dafür geeignete Formen der Auseinandersetzung bzw. Wahlmöglichkeiten zwischen Zeit und Konsum entwickeln. Das gegen das weit verbreitete bürgerliche Vorurteil, eine Planwirtschaft müsse notwendigerweise alle Bedürfnisse über einen gleichmacherischen Kamm scheren. Individuelle Unterschiede bezüglich Konsum und Arbeitszeit (der eine will gerne diverse Sachen haben und nutzen, der andere lässt es lieber ruhig angehen) können und sollen in einer geplanten Wirtschaft durchaus zum Zug kommen, ohne dass das den gemeinsamen Zweck: eine Produktion zu organisieren, die möglichst wenig Gegensätze zwischen den Produzenten schafft und möglichst viele zufrieden stellt, aushebelt.

Von linker Seite wird sich oft nach einer ganz anderen Seite hin übertreibend vorgestellt, dass eine solche Gesellschaft einfach alles im Überfluss hat, man sich nur etwas wünschen muss und gleich alles haben kann – eine genau so abstrakte und weltfremde Konstruktion wie die Vorstellung eines Nimmersatt-Menschen. Und eine ziemlich kindische Ausmalung dessen, wie schön es ist, wenn nur der Kapitalismus mit seinen Gegensätzen weg ist. Die Aufhebung von Eigentum und bürgerlicher Staatsgewalt schafft viele, aber noch lange nicht alle praktischen Probleme von Arbeitszeit und Konsum aus der Welt – und es wird sicher (und gerade dann!) einiges an unterschiedlichen und gegensätzlichen Vorstellungen dazu zu diskutieren und zu entscheiden geben. Nur einige Beispiele:
• Eine Lebensmittel-Produktion zu organisieren, die weniger giftig ist und wohlschmeckende Resultate erzeugt, ist im Vergleich zur kapitalistischen Landwirtschaft vermutlich erheblich arbeitsintensiver – da stellt sich für eine solche Gesellschaft die Frage, welche Option sie da bevorzugt (möglicherweise einen länger andauernden Übergang).
• Es gibt weltweit viel Armut und Unterentwicklung, für deren Beseitigung eine solche Gesellschaft vielleicht nach ihren Möglichkeiten einstehen will – in dieser Frage müssen die Gesellschaftsmitglieder entscheiden, wie viel Reichtum (und damit Arbeit) sie für ein solches Ziel einsetzen wollen.
• Zeit- und ressourcenschonendes Produzieren ist eine Zweckbestimmung, die im Rahmen einer Gebrauchswertökonomie vernünftig ist, aber in einem wahrscheinlich nie aufzuhebenden Gegensatz zur puren Überfluss-Produktion steht. Usw. usf.
Da gibt es also einiges an widersprüchlichen Überlegungen – gesamtgesellschaftlich wie individuell. Und es wird eine erste Leistung der sozialistischen Gesellschaft sein, dass ihre Mitglieder über diese Fragen überhaupt gemeinsam und bewusst entscheiden (und diese Frage nicht, wie im Kapitalismus „hinter dem Rücken“ derer, die den Reichtum der Gesellschaft herstellen, durch den Sachzwang des Wert entschieden wird).

Dazu ein Blick zurück auf die jetzige Gesellschaft. In der sind all diese Dinge praktisch entschieden – und zwar durch die Macht des Geldes. Die Geldbesitzer entscheiden darüber, was hier produziert wird (weil es sich lohnt) und wie viele Menschen hier wie lange und zu welchen Bedingungen arbeiten müssen/dürfen (weil es sich lohnt). Mit diesen Berechnungen entscheiden sie letztlich auch darüber, was sich ein normaler Sterblicher hier leisten kann (weil er so und so viel Geld verdient hat), wie viel Dreck er dafür zu schlucken und anzuziehen hat und wie viel Armut in den kapitalistischen Ländern und auf der ganzen Welt herrscht. Der Zwang zur Lohnarbeit und seine Folgen für die Lebenszeit, über die jeder verfügt, bzw. den Anteil am Reichtum, den er sich damit erwirbt, ist also etwas sehr verschiedenes von dem, was ich als Prinzip einer sozialistischen Gesellschaft erläutert habe. Da solltest du deinen Diskussionspartnern durchaus einmal den Vorwurf machen, dass sie von dieser bürgerlichen Gesellschaft nicht allzu viel verstanden haben, wenn sie das für annähernd dasselbe halten.

Also weder unersättlicher Mensch noch Neuauflage eines Arbeitszwangs. Sondern nur die – gegenüber einer kommunistischen Paradiesvorstellung, wo von heute auf morgen alles in Butter ist, so dass man keine Einschränkungen und keine Streitereien mehr kennt, – relativ nüchterne Überlegung, dass es so ideal nicht sein wird und es eine Reihe von individuellen und gesellschaftlichen Feldern geben wird, in denen die Menschen ganz praktisch verschiedenes wollen. Arbeitszeit gegen Konsum zu verrechnen, mit anderen Worten: die Individuen im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Planung in Teilbereichen selbst über das Verhältnis von Aufwand und Ertrag entscheiden zu lassen, das sie für sich wollen, wäre da meines Erachtens nach eine durchaus denkbare Lösung.


6 Antworten auf „Renate Dillmann zur „Gebrauchswertökonomie““


  1. 1 Michael Hübner 31. August 2017 um 23:23 Uhr

    Auf der Webseite „stattkapitalismus.blogsport.de“ gibt es übrigens ein Buch zu lesen (in dem auch z.B. die Fehler der „realsozialistischen“ Wirtschaftssysteme und sonstiger bisherigen Alternativen aufgezeigt werden), in dem der Autor konsequent eine „Gebrauchswert-Ökonomie“ (die er „Bedarfsorientierte Versorgungswirtschaft“ nannte) aus der Kritik von Karl Marx in „Das Kapital“ entwickelt hat.

    Obwohl er anscheinend dem GSP nahe stand, sind einige von denen anschließend derart übel über ihn hergefallen, daß er seitdem aus der Öffentlichkeit verschwunden ist.
    (Schließlich hat er gegen das „Bilderverbot“ verstoßen, sich ‚mal das vorzustellen, was sich aus der Kritik am Kapitalismus praktisch ergibt.)

    Jedenfalls sehr lesenswert.
    Grüße
    Michael Hübner

  2. 2 Mattis 02. September 2017 um 22:10 Uhr

    Also ob der Alfred Fresin verstummt ist, weil man ihn kritisiert hat oder an das „Bilderverbot“ gemahnt hat, glaub ich jetzt eher nicht.

    Fresin gehört übrigens zu denen, die die ökonomischen Voraussetzungen beäugen danach, ob Planwirtschaft funktionieren könne. Er schätzt den Stand der Produktivkräfte ab und kommt zu einem vorsichtig beruhigenden Fazit, da „die Arbeitszeit auf drei bis fünf Stunden pro Tag beschränkt“ werden könne, weshalb ausreichend Motivation vorhanden sei, die eigene „Arbeitskraft der BVW-Gesellschaft zur Verfügung zu stellen“.

    Fresin hat zwar fleißig viele gute Argumente zusammengetragen, aber er teilt leider das, was ich den „naiven Idealismus“ nenne, formuliert z.B. seine Sicht auf die neue gesellschaftliche Organisation so: „Erinnert sei an das Beispiel des Freundeskreises, der gemeinsame Aktivitäten unternimmt“.

    aus Alfred Fresin: Die bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft, Kapitel 6.5 bzw. 11.1

  3. 3 Michael Hübner 03. September 2017 um 1:05 Uhr

    Hallo Mattis,
    hinsichtlich Alfred Fresin magst Du Recht haben.
    Ich kenne ihn nicht und habe nur die Debatte auf seinem damaligen „Yahoo-Forum“ verfolgt, wo offensichtlich aus GSP-Kreisen üble Vorwürfe kamen.
    Die weniger die Inhalte seiner Ausführungen kritisiert, sondern die Tatsache, daß er ein solches „Zukunftsmodell“ entwirft, zurückgewiesen haben.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Auf „youtube“ gibt es übrigens noch einige wenige Videos aus der damaligen Zeit mit ihm, in denen er seinen Standpunkt (z.B. in einer Diskussion mit anderen) näher erklärt.
    (Und der m.E. mit dem des GSP weitgehend identisch ist.)
    Seitdem habe ich von ihm nichts mehr gelesen, gehört bzw. gesehen.

  4. 4 Marcel Zenner 08. September 2017 um 19:04 Uhr

    Auf streifzuege.org gibt es vier Texte von Alfred Fresin betreffend Staat, Demokratie, Geisteswissenschsft.

  5. 5 Neoprene 08. September 2017 um 19:13 Uhr

    Ja, zu seinen Thesen zum bürgerlichen Staat habe ich ihn vor Jahren offensichtlich sogar mal selber kritisiert. (Sonst diskutiert dort ja so gut wie nie jemand mit den Autoren, auch nicht mit Fresin, wieso eigentlich nicht?):
    „Der bürgerliche Staat – Kritik und Alternativen“

    Wie viel bürgerliche Geisteswissenschaft braucht der Mensch? – Anmerkungen zum Philosophicum in Lech

    Produktionsverhältnis weg, Staat weg – Geld passé!

    Die Volksherrschaft und ihre Wahlen – Ein paar Anmerkungen zur Demokratie

  6. 6 Mattis 23. September 2017 um 18:57 Uhr

    Für die von Renate Dillmann kurz als „Gebrauchswertökonomie“ bezeichnete Produktionsweise findet man bei Marx eine dem entsprechende Bemerkung im Kapital Band 1, gleich im 1. Kapitel, wo es um die Ware geht. Marx skizziert dort das Prinzip einer bewusst gemeinschaftlichen Arbeitsteilung, als Gegenbild zur warenproduzierenden Ökonomie:

    „Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. (…) Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten. Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.“
    MEW Band 23 Dietz-Verlag, S. 92/93 (im 1. Kapitel, 4.)
    http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_049.htm

    Unter anderem ist auffällig, dass Marx hier nicht von einer selbstverständlichen Ergebnisfülle des Arbeitens ausgeht, die die vorhandenen Bedürfnisse problemlos abdeckt. Sondern eben: „Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten.“

    Marx ist offenbar klar, dass so eine Losung wie „Jedem nach seinen Bedürfnissen …“ nicht per Beschluss umgesetzt werden kann, sondern nur die Leitidee, das kommunistische Ideal ist, dem man sich in der Praxis der Verteilung nur entsprechend den aktuellen Bedingungen annähern kann.

    Der GegenStandpunkt unterstellt bei überwundenem Kapitalismus sogleich die Passgenauigkeit von produktivem Output und Bedürfnissen, und erspart sich daher die zweifellos undankbare Thematik der Regelung der Verteilung, ja polemisiert sogar explizit und heftig gegen alle in diese Richtung gehenden Vorstellungen. Einer solchen Feigheit im Theoretischen dürfte eine ziemliche Hilflosigkeit bzw. Chaos im Praktischen folgen. Die Realität richtet sich nunmal nicht nach einem Ideal, das wir uns ausdenken und stillschweigend voraussetzen.

    Marx skizziert also die Arbeitszeitrechnung als eine mögliche Basis für die Verteilung. Denkt man diesen Ansatz weiter, dann erlaubt er zum einen, eine ökonomisch gebotene Begrenzung der Konsumtion allgemeingültig festzulegen, die den verfügbaren Arbeitsleistungen entspricht, so dass es in der Summe zu keiner Überforderung der Produktion durch die Nachfrage kommen kann.

    Zum anderen kann auf diese Weise auch das Bedürfnis nach individueller Festlegung der Arbeitszeit berücksichtigt werden. Wer mit eher wenig Konsum auskommt, weil seine Bedürfnisse entsprechend beschaffen sind, der soll auch den Wunsch umsetzen können, weniger zu arbeiten. Damit ist zugleich ein Einstieg gemacht in eine Entwicklung, bei der nicht nur die konsumtiven Bedürfnisse der Individuen anerkannt werden, sondern auch solche Bedürfnisse, die mit Umfang und Art des Arbeitens selbst zu tun haben.

    Abhängig vom Stand der Produktivkräfte und weiteren gesellschaftlichen Bedingungen können dann nach und nach Begrenzungen für bestimmte Produkte oder Dienstleistungen aufgehoben werden, beispielsweise durch freien Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln u.a.m. Dem kommunistischen Ideal wird sich insofern innerhalb des Sozialismus stufenweise angenähert, immer gemäß den erreichten Möglichkeiten.

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