Mythologie der linken Debatten über die Russische Revolution 1917

Ich bin auf folgenden Artikel in der Zeitschrift Prokla, Heft 187 Juni 2017, hingewiesen worden, der gut zu den Threads bei NestorMachno zur Kritik an den Positionen des GegenStandpunkts (und früher der Marxistischen Gruppe) zum Charakter und den Entwicklungen nach der Oktoberrevolution in der nachmaligen Sowjetunion paßt:
„Mythologie der linken Debatten über die Russische Revolution 1917″
Autor ist Ewgeniy Kasakow, Doktorand der Forschungsstelle Osteuropa Bremen


7 Antworten auf „Mythologie der linken Debatten über die Russische Revolution 1917“


  1. 1 Krim 18. August 2017 um 22:08 Uhr

    Nicht schlecht der Artikel. Ich hab in den Letzten Tagen auch ein bisschen geschmökert und festgestellt, dass das Thema saumäßig kompliziert ist, weil es so viele unterschiedliche Pole gibt. Selbst die Revolutionäre waren sich ja keineswegs einig. Unglaublich verwirrend. Aber so langsam kristallisiert sich eine Erkenntnis heraus, die sich auch mit dem Artikel deckt.

  2. 2 Neoprene 19. August 2017 um 16:21 Uhr

    Ja nun, daß das Thema der politischen Bestrebungen der unterschiedlichen Parteiungen zur Zeit der Oktoberrevolution und in den nächsten Jahren „saumäßig kompliziert ist“, ist nun wirklich nichts Neues, ich nehme an, auch für dich nicht, darüber haben die ja schon damals heftig gestritten innerhalb der Bolschewiki und natürlich vor allem auch seitens der anderen linken Strömungen und Parteien.

    Wenn man nun gegen solche eine historische Gemengelage den semireligiös bekennerhaft irren Ton der Rede von Hecker hält, auf den ich ja jüngst wieder verwiesen habe, dann kann man nur feststellen, daß Hecker vielleicht über sich und die MG geredet hat, aber nun wirklich nicht über die frühe Sowjetunion (von den späteren Jahren, die auch dem GSP so wichtig waren, will ich hier erst mal gar nicht reden).
    Vor vier Jahren hingegen hat mal jemand bei der Hamburger MASCH in recht algebraischer Weise erheblich Erhellenderes zum Thema gebracht (http://kapitalkritik.blogsport.de/2013/11/30/kapitalismus-und-kommune/). Das hat übrigens genauso wenig Resonanz gefunden wie der unsägliche Hecker-Vortrag (was ich jedenfalls dazu mitgekriegt habe).

  3. 3 Krim 19. August 2017 um 19:49 Uhr

    Ja ein guter Text und vor allem so formuliert, dass man nicht jeden Satz dreimal lesen muss.

    Eine Kritik eine Ergänzung:

    „Die Planungsarbeit bindet einen Teil der Gesamtarbeit, der nicht im Produktionsprozeß verausgabt werden kann. „

    Als wäre Planungsarbeit kein Teil der Produktion eines Produkts. Natürlich ist Planung teil des Produktionsprozesses, auch wenn er vielleicht nicht in der Fabrik stattfindet.

    „Erst wenn die eigene Produktivität die des Auslands überflügelt hat, lohnt sich das Export-/Importgeschäft mit dem Ausland auch quantitativ, indem man weniger eigene Nationalarbeit aufwendet als man an fremder Nationalarbeit im Austausch erhält.16″

    Bloß braucht man die ausländischen Produkte dann auch nicht mehr für „die Entwicklung der eigenen Industrie“, wenn die Produktivität schon höher ist. Seltene Rohstoffe, die es auf dem eigenen Territorium nicht gibt ausgenommen.

    Das mit dem Putsch sehe ich auch so.

  4. 4 Neoprene 19. August 2017 um 20:02 Uhr

    Krim, deine Bemerkung zu einem eventuellen „Putsch“ (aka Oktoberrevolution??) bezieht sich wohl auf folgende Ausführung von HK:

    „Nehmen wir an, die Revolution sei nur in einem kleineren Teil der Erde gegen großen Widerstand durchführbar, dann nimmt sie den Charakter eines Putsches an, zieht einen Bürgerkrieg im Innern und die kriegerische Intervention des kapitalistischen Auslands nach sich, wird also zu einer gewalttätigen Angelegenheit. Ob man die Revolution unter dieser Bedingung will oder doch lieber mit der agitatorischen Arbeit fortfährt, um bessere Bedingungen zu schaffen – diese Frage sollte man klären.
    Unter der genannten Voraussetzung erzeugen der revolutionäre Generalstreik, die Sozialisierung von Produktion und Distribution und das Chaos des Bürgerkriegs notwendig massive Versorgungsprobleme. Die notleidenden Individuen werden dazu neigen, selbst Abhilfe für ihre Versorgungslücken zu schaffen, also plündern, rauben und stehlen und das gestohlene Gut entweder selbst verbrauchen oder durch Schwarzhandel für Lebensmittel eintauschen. Zur Führung des Bürgerkriegs, zur Wiederherstellung der Versorgung und der Arbeitsdisziplin in den bereits vergesellschafteten Betrieben, zur Unterbindung von Plünderungen und Schwarzhandel und zur weiteren Sozialisierung der verbliebenen Privatproduktion und -distribution ist die Organisation eines revolutionären Gewaltapparates notwendig, die von Marx sogenannte „Diktatur des Proletariats“.
    Einrichtung und Gebrauch des revolutionären Gewaltapparates provozieren konterrevolutionäre Tendenzen innerhalb der revolutionären Organisation selbst. Die Machtbefugnisse der Inhaber von Gewaltfunktionen können als Mittel der persönlichen Bereicherung auf Kosten der Kommune genutzt werden, und die Erlangung von Posten innerhalb des Gewaltapparates wird attraktiv für Opportunisten. Angesichts der Verfestigung der Konkurrenzcharaktere im Kapitalismus wird man mit der Korrumption und Korruption der Funktionäre zu kämpfen haben. Materielle Bedingung, dem Problem zu steuern, ist die rasche Aufhebung von Versorgungsmängeln, ideelle Bedingung ist die Einsicht der Funktionäre in die Aufgaben der Revolution.
    Die Intervention des Auslands entspringt mit Notwendigkeit aus dem Prinzip der Kapitalakkumulation und bleibt nur dann aus, wenn Konflikte zwischen den imperialistischen Staaten und die Kriegsunlust ihrer Bevölkerungen die Regierungen dieser Staaten daran hindern, gegen die Revolutionäre loszuschlagen.“

    Was mich an HK hier extrem ärgert ist seine gleichgültige Haltung:

    Ob man die Revolution unter dieser Bedingung will oder doch lieber mit der agitatorischen Arbeit fortfährt, um bessere Bedingungen zu schaffen – diese Frage sollte man klären.

    Als ob das so egal wäre wie die Frage, ob die Staatsfahne einen Hammer und eine Sichel haben soll. Wie wir beide wissen, hat vor allem libelle immer wieder in dieses Horn der auch bei ihm faktischen Unvermeidbarkeiten gestoßen, um dann voll Rohr *gegen* eine Revolution unter solchen Vor- und Nebenbedingungen Stellung zu nehmen. Was dieser offensichtlich zumindest damals GSP-freundliche Referent potenziellen Revolutionären mit auf ihren politischen Weg geben hätte können, er hat es erstaunlicherweise bewußt offen gelassen.

  5. 5 Krim 19. August 2017 um 20:52 Uhr

    Ich hab mir in den letzten Tagen ja die ganzen Wikipediaartikel durchgelesen rund um die Oktoberrevolution und Februarrevolution und ich hab mir dann auch gedacht. Mensch, das war gar keine Revolution, sondern das war ein Putsch. Jetzt kommst du mit dem Artikel um die Ecke und der behauptet das auch. Ich wollte das auch noch genauer ausführen.

    Ganz ehrlich: Natürlich ist es verlockend, die Macht zu ergreifen, wenn es die historische Chance dazu gibt. Aber es taugt halt nichts. Und der ganze Fortgang der russischen Revolution beweist das in meinen Augen. Die russischen Revolutionäre haben sich ständig damit herumschlagen müssen, das es keinen kommunistischen Gemeinwillen gab. Das spricht bloß überhaupt nicht gegen eine Revolution, sondern es spricht gegen einen Putsch, also die Ergreifung der Staatsgewalt gegen einen irgendwie anders gelagerten Gemeinwillen, von dem auch nicht so klar ist, was er eigentlich will. Ich mach das noch genauer. Das dauert aber ein bisschen.

    Wer ist denn HK?

  6. 6 Neoprene 19. August 2017 um 21:01 Uhr

    HK war der Referent in Hamburg, war aber Tippfehler: richtig HV. Der mit dem schnell gestorbenen Blog http://kapitalkritik.blogsport.de/2013/11/30/kapitalismus-und-kommune/

  7. 7 Michael Hübner 22. August 2017 um 0:42 Uhr

    Nur ein kleiner Hinweis:
    Nach den „Aprilthesen“ sollten Grund und Boden nationalisiert, d.h. verstaatlicht, und nicht den Bauern als Privateigentum überlassen werden.
    Vielmehr sollten die Dorfgemeinschaften (bzw. Sowjets) das Land zur Bearbeitung unter den Bauern verteilen.

    Die Alternative wäre gewesen, gleich eine vernünftige Planwirtschaft einzuführen.
    Ob das möglich gewesen wäre, sei ‚mal dahingestellt.
    Jedenfalls begannen erst Stalin und die Seinen (nachdem deren Macht weitgehend gesichert war), die Wirtschaft „realsozialistisch“ zu planen.

    Grüße
    Michael Hübner

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