Zum Dissens zwischen „Trotzkismus“ und GSP (auf Facebook)

Für mich überraschend gibt es auf Facebook doch ab und zu wenigstens mal Ansätze zu einer ernsthafteren Diskussion unter Linken. Hier die beiden längeren Beiträge aus dieser Auseinandersetzung, die vielen kleinen Schnipsel habe ich weggelassen.

Proletariat & Bewusstsein

Martin Gutlederer
• Mittwoch, 18. Januar 2017

Zum Dissens zwischen „Trotzkismus“ und GSP. In Antwort an Martin Hagel. Vorweg zur Methode meiner Argumentation: Es geht mir hier nicht darum einen Dissens zu überwinden oder zu überzeugen, sondern im Sinne des „geduldig Erklärens“ die Richtigkeit des Trotzkismus oder vielmehr revolutionären Marxismus darzulegen.

„liebe trotzkisten: wenn trotzki gar nicht verteten hat, dass man ein höheres anliegen verfolgen muss, damit das eigene streben legitimität erhält, sondern er einfach nur wollte, dass der prolet eine kritik der hiesigen gesellschaft geliefert bekommt und dann aus dieser einsicht heraus den kapitalismus umstürzen will, wenn ihr also diesen moralismus ablehnt, dann haben wir ja keinen dissens und können damit anfangen, den proleten die verhältnisse zu erklären, statt uns in strategiedebatten zu verlieren, oder?“

Der Dissens liegt schon in der Grundannahme des Marxismus, die abgelehnt wird: Das Proletariat hat ein inhärentes in seiner Ausbeutung liegendes Interesse an der Überwindung des Kapitalismus und damit an der Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Im Gegenzug dazu denkt der oben Zitierte, dass es sich umgekehrt mit der Realität verhält: Das Proletariat ist ob seiner Stellung im Kapitalverwertungsprozess prinzipiell “pro-kapitalistisch” eingestellt und es gilt ihm die Schwächen des Lohnsystems klar darzulegen und wenn dann verstanden wird, wird sich der Rest schon weisen. Damit ist natürlich jede Strategie obsolet und es gelte nur “Die Kritik der hiesigen Gesellschaft” zu liefern.

Darin liegt der Grundfehler und jede weitere Analyse muss auch falsch sein. Das Proletariat als Proletariat “an sich” nimmt zwar seine Ausbeutung wahr und hat damit ein Interesse an der Überwindung dieser Ausbeutung, aber ein gesamter Ideologie- und Herrschaftsapparat sind in Stellung gebracht um die Widersprüche (des Kapitalismus) dieser Gesellschaft zu verschleiern und auch materiell mit Gewalt zu verhindern, dass dieses System überwunden wird. Jetzt macht sich jeder Mensch und damit auch das Proletariat in Summe verschiedene Ideen von der Welt wieso sie denn so ist und welche Rolle man darin spielt. Dieses Bewusstsein ist davon geprägt in welcher Lage sich das einzelne Individuum befindet. In einer stabilen Situation und insbesondere in einer Situation in welcher der Kapitalismus tatsächlich lange Zeit eine Besserung der Situation für alle mit sich brachte ist dieses Bewusstsein davon beherrscht, dass der Kapitalismus “ja doch eh funktioniere” und wenn er in gewissen Dingen nicht funktioniert sorgt der gesamte bürgerliche Ideologie- und Herrschaftsapparat schon dafür, dass man sich falsche Vorstellungen davon macht, warum es denn falsch läuft.

Die Aufgabe von MarxistInnen ist es a) die richtigen Vorstellungen zu verbreiten und b) den Einfluss des bürgerlichen Ideologie- und Herrschaftsapparates zu brechen um c) den Kapitalismus zu überwinden. Eine Rätedemokratie und Planwirtschaft zu errichten. Was spricht Marx/Engels dazu: “Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse. Man spricht von Ideen, welche eine ganze Gesellschaft revolutionieren; man spricht damit nur die Tatsache aus, daß sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, daß mit der Auflösung der alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen gleichen Schritt hält.”

Gleichzeitig werden diese “herrschenden Ideen” durch die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und Brüche in der herrschenden Klasse erschüttert und weichen auf (in vorrevolutionären oder revolutionären Situationen). In diesen Situationen ist es von Bedeutung richtige Losungen aufzustellen, die am Bewusstsein des Proletariats angesichts seiner Lage anknüpfen und die eine Brücke bilden vom derzeitigen Bewusstseinstand und den “Alltagsproblemen” hin zur Überwindung des Kapitalismus. Im Trotzkismus nennt sich das Übergangsprogramm.

Deshalb ist es von Bedeutung über Strategie zu sprechen. Weil es darum geht die falschen Ideen, die sich nicht bei allen durch das reine Argument brechen lassen werden aufgrund der materiellen Lage, die bestimmend ist durch die richtigen Ideen zu ersetzen. Darum nimmt man am realen Klassenkampf teil, weil sich dann die Ideen des Marxismus in der Praxis beweisen können und damit der Einfluss der “herrschenden Ideen” zurücktreiben lassen indem man dazu beiträgt, dass die Elemente der neuen Gesellschaft stärker werden, dass sie bewusster werden und, dass sie dann auch materiell mit der richtigen Strategie die ganze Gesellschaft revolutionieren. Deshalb nimmt man auch am ökonomischen Klassenkampf teil und es wird auch im Werk “Lohn, Preis, Profit” vorgeschlagen: “Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß ihre Kämpfe um den Lohnstandard von dem ganzen Lohnsystem unzertrennliche Begleiterscheinungen sind, daß in 99 Fällen von 100 ihre Anstrengungen, den Arbeitslohn zu heben, bloß Anstrengungen zur Behauptung des gegebnen Werts der Arbeit sind und daß die Notwendigkeit, mit dem Kapitalisten um ihren Preis zu markten, der Bedingung inhärent ist, sich selbst als Ware feilbieten zu müssen. Würden sie in ihren tagtäglichen Zusammenstößen mit dem Kapital feige nachgeben, sie würden sich selbst unweigerlich der Fähigkeit berauben, irgendeine umfassendere Bewegung ins Werk zu setzen.” – K.M.

Damit lässt sich auch darlegen, wie es um Zusammenhang zwischen dem alltäglichen Kampf und dem Kampf bestellt ist. Es braucht den einen, aber er ist nicht genug: “Sie sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind. Statt des konservativen Mottos: „Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!“, sollte sie auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: „Nieder mit dem Lohnsystem!” Um zu resümieren: “3. Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.”

So lässt sich der Zusammenhang und Notwendigkeit der Untrennbarkeit zwischen “Alltagskämpfen” und “Überwindung”, zwischen “Erklärung der Verhältnisse” und “Strategiedebatte” darlegen und beweisen und deshalb liegt “der GSP” falsch, wenn er die “falsche Praxis” außerhalb von Propaganda (sie nennen es fälschlicherweise Agitation) als falsch und unnötig bezeichnet.

Es braucht beides. Den gemeinsamen Kampf überzeugter KommunistInnen mit dem Proletariat (deren Teil sie ja auch gerade heute in den allermeisten Fällen selbst sind) und den Kampf um die Köpfe des Proletariats, die untrennbar miteinander verbunden sind um der Überwindung des Kapitalismus zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu braucht es in weiterer Folge auch Dinge wie Kaderpartei, Taktik, Strategie, usw. usf. Den praktischen Beweis liefert hier auch die sich zum 100sten Mal jährende Oktoberrevolution unter Führung der Bolschewiki unter Lenin und Trotzki, wobei letzterer diese Ideen weitergetragen hat wider der stalinistischen und reformistischen Degeneration der Arbeiterbewegung.
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Weder Proletariat noch Bewusstsein

Schaden & Ursache • Freitag, 20. Januar 2017

Eine Antwort auf eine Diskussion mit Martin Gutlederer. 1. Wir wollen etwas richtigstellen: Aus der Ausbeutung des Proletariats folgt nicht notwendigerweise ein Interesse an der Überwindung des Kapitalismus. Bloß weil eine ausgebeutete Klasse etwas davon hätte die Ausbeutung abzuschaffen, will sie das noch lange nicht. Dazu braucht es allemal noch, dass das einzelne Individuum sich diese Verhältnisse erklärt und zu einem Urteil darüber kommt, nämlich, dass es sich um eine Ausbeutung handelt, die zu Gunsten einer für sie besseren Organisation der Gesellschaft überwunden werden muss. Richtig ist dabei, dass zu diesen Verhältnissen eine Menge Ideologie unterwegs ist, die nicht allein, aber wesentlich auch vom Ideologieapparat des kapitalistisch verfassten Staates gepflegt und verbreitet wird. Falsch ist, dass daraus folgt, dass man die propagierte Ideologie notwendig übernimmt. Die Behauptung, dass aus der Lage das negative Urteil über sie kommt, wird also gar nicht einfach umgedreht (als seien sie alle gezwungenermaßen pro-kapitalistisch), sondern somit als falsche zurückgewiesen.

2. Dem falschen Urteil über das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu Grunde liegend ist ein interessierter Blick auf dieselbe. Was man selbst über die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten erkannt hat, wie diese die Bedürfnisse der Lohnabhängigen beschädigen und dass sie zugunsten der Arbeitenden zu beseitigen wären, wird dem Lohnarbeiter als „eigentliches“, „inhärentes“, „objektives“ Interesse unterstellt. Den Lohnarbeiter gibt es also gleich doppelt: Einmal als den realen, den echten und dann als den eigentlichen, den ideellen. Der echte Prolet ist derjenige, der sich positiv auf die hier geltenden ökonomischen Verhältnisse und den Staat bezieht. Und der ideelle ist jener mit dem Auftrag, die Klassengesellschaft abzuschaffen. Der Arbeiterklasse wird dabei ein „eigentliches“ Bewusstsein unterstellt, das es hätte, wenn es nicht durch ungünstige Bedingungen verfälscht würde. Diese Bedingungen hat Martin Gutlederer z. B. mit dem Begriff des „Ideologie- und Herrschaftsapparates“ bebildert. Dieser sorge dafür, dass die Arbeiter gegen ihr eigentliches Interesse durch Gewalt und Propaganda dazu gebracht würden, die bürgerliche Gesellschaft zu affirmieren. Unterstellt wird also, dass die Arbeiter sich ohne diesen „Ideologie- und Herrschaftsapparat“ richtige Gedanken über diese Gesellschaft machen und folglich zu dem Schluss kommen würden, den Kapitalismus abzuschaffen. Ausgehend von der Bestandsaufnahme zur realen Arbeiterklasse wäre es sinnvoll, folgende Frage zu klären: Was sind die Gedanken, die zur Bejahung derjenigen Verhältnisse führen, in denen die Proleten ausgebeutet werden? Stattdessen stellen sie sich die Frage, durch welche Strategie und unter welchen Bedingungen der „eigentliche“ Proletarier zu verwirklichen wäre. Gesellschaftliche Ereignisse oder Lagen werden aus einem Anwendungsstandpunkt heraus als Chance betrachtet, die man für die Weiterentwicklung des Arbeiterbewusstseins nutzen sollte, statt sie zu erklären. Strategie bedeutet hier also nichts anderes als Überlegungen dazu, wie man an den unverstandenen Standpunkt der Arbeiter anknüpfen kann, an dem Trotzkisten so einiges finden, weil sie von den kapitalistischen Verhältnissen die positive Meinung haben, diese seien ein Mittel für die Abschaffung ihrer selbst. Und diesen positiven Bezug darauf teilen sie mit den Proleten. Während der Prolet diese Gesellschaft als das Mittel für seine Interessen nimmt, nehmen die Trotzkisten sie als Mittel für den Kommunismus. Nicht verwunderlich ist es daher, dass aus diesem Standpunkt heraus die Aufklärung der Arbeiterklasse über die Ursachen ihrer Schäden und die Schaffung der dafür nötigen Rahmenbedingungen nicht als Strategie und Praxis anerkannt werden.

3. Eine solche sieht sinnvollerweise wie im Folgenden zitiert aus:

„Agitation ist nicht Affirmation des vorgefundenen Bewußtseins der Arbeiter, sondern gerade dessen Veränderung: sie muß sich aus wissenschaftlicher Einsicht ableiten, nicht aus dem Zuspruch, den sie bei den Massen findet. […] Das setzt einen Prozeß der Ausbildung voraus, der als obiektiver Bestandteil der Organisation die Forderung an jedes Mitglied stellt, im Erwerb des Wissens und der Einsicht in den daraus folgenden Zweck seine Privatinteressen als kapitalistische zu reflektieren und nicht mehr als Zweck seines Handelns gelten zu lassen, denn der kommunistischen Organisation geht es nicht um die Zusammenfassung und Durchsetzung partikularer Interessen in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern um den Kampf gegen sie als ganze.“ – Programmatische Erklärung der Roten Zellen/AK


2 Antworten auf „Zum Dissens zwischen „Trotzkismus“ und GSP (auf Facebook)“


  1. 1 Mattis 28. Januar 2017 um 19:00 Uhr

    @Gutlederer:

    „Gleichzeitig werden diese “herrschenden Ideen” durch die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und Brüche in der herrschenden Klasse erschüttert und weichen auf (in vorrevolutionären oder revolutionären Situationen). In diesen Situationen ist es von Bedeutung richtige Losungen aufzustellen, die am Bewusstsein des Proletariats angesichts seiner Lage anknüpfen und die eine Brücke bilden vom derzeitigen Bewusstseinstand und den “Alltagsproblemen” hin zur Überwindung des Kapitalismus. Im Trotzkismus nennt sich das Übergangsprogramm.“

    Aufweichen tut da gar nix. Entweder man hat Erfolg beim Aufklären der Leute oder sie reagieren auf eine Krise eher mit Wendung nach rechts, das kann man überall studieren und auch erklären, wieso.

    Ohne überzeugte Leute kann man auch kein „Übergangsprogramm“ machen. Da wird falsch gespielt. Das soll ja so gehen, dass die Leute noch gar nicht wirklich den Kapitalismus weghaben wollen und trotzdem sollen sie für irgendeinen „Übergang“ gewonnen werden. Schon für einen „Übergang“, der bewusst als solcher verstanden wird, braucht man die Überzeugung für das neue Ziel. Diese ganzen halb-bewussten Fern-Steuerungen des Proletariats sind zynisch und der Misserfolg ist geradezu vorprogrammiert.

    Im Grunde sind das alles Manipulationsversuche. Von wegen eine neue Gesellschaft mit Willen und Bewusstsein zu schaffen! Dazu muss man sagen, was man will, und sich nicht hinter Lohnforderungen verstecken und dann irgendwelche kämpferischen „Brücken“ konstruieren, auf die dann die werten Arbeiter gelotst werden, ohne zu wissen, wo sie dann eigentlich stehen. Das ist zynisch, und im Zweifelsfall gehen sie dann rückwärts, dort kennen sie sich wenigstens aus.

  2. 2 Neoprene 28. Januar 2017 um 20:27 Uhr

    In der Tat: die herrschenden Ideen werden durch und in Krisen nicht automatisch „aufgeweicht“. Zumindest das könnte man der nun rund 150jährigen Geschichte verallgemeinerter kapitalistischer Krisen entnehmen.
    Zentral halte ich die Kritik von Mattis am ÜP:

    „Ohne überzeugte Leute kann man auch kein „Übergangsprogramm“ machen. Da wird falsch gespielt. Das soll ja so gehen, dass die Leute noch gar nicht wirklich den Kapitalismus weghaben wollen und trotzdem sollen sie für irgendeinen „Übergang“ gewonnen werden.“

    Und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß prokapitalistische Arbeiter, die aus zwar blöden aber eben für sie gültigen Gründen mit dem System der Lohnarbeit und des Privateigentums nicht brechen wollten, sich auch dem offensichtlich mit dem Kapitalismus inkompatiblen „Übergang“ verschließen. Kein Wunder, daß bei den rechteren Trotzkisten selbst von irgendeinem solchen Übergang eh nichts mehr zu sehen ist und sie als ganz normale Reformisten auftreten.

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