Lauterbach: Restaurative Neuordnung (Vorabdruck seines Buchs in der jW)

In der jungen Welt vom 28.04.2016 gab es folgenden Artikel:

„In der kommenden Woche erscheint in der Edition Berolina das Buch »Das lange Sterben der Sowjetunion«. Verfasst hat es Reinhard Lauterbach, der regelmäßig für jW zu Entwicklungen in Osteuropa schreibt. Wir veröffentlichen an dieser Stelle vorab und gekürzt das vorletzte Kapitel »Auferstanden aus Ruinen. Das nachsowjetische Russland«.

„Das nachsowjetische Russland war von drastischer Verarmung weiter Bevölkerungsteile bei gleichzeitiger Bereicherung einer kleinen Funktionärsclique gekennzeichnet. Putin stabiliserte den Staat und lässt seine Taten von der orthodoxen Kirche beweihräuchern.“

„So ganz geheuer war das Ende der Sowjetunion auch seinem größten Nutznießer nicht. Die Genugtuung der westlichen Öffentlichkeit, dass der geopolitische Gegner »mit einem Winseln statt mit einem Knall« seine Existenz beendet hatte, war von Anfang an gepaart mit der Sorge, dass mit dem Zusammenbruch der sowjetischen Staatsautorität auch das herrenlos zurückbleiben würde, was hätte knallen können. Was ist nicht in den neunziger Jahren alles über angeblichen Atomschmuggel geraunt worden, welche Szena­rien wurden nicht ausgemalt über sowjetische Raketeningenieure und Bombenkonstrukteure, die alsbald, dem Ruf des Geldes finsterer Potentaten folgend, mit ein paar Kilo waffenfähigem Uran im Gepäck oder auch nur der »Contrebande«, die sie »im Kopfe stecken« (Heine) hatten, Anschlussverwendung suchen könnten. Hiervon ist wenig bis nichts eingetreten.

Wenn das im übrigen chaotische und unerfreuliche Jelzinsche Russland an einer Stelle Verlässlichkeit gezeigt und die Kontrolle behalten hat, dann auf diesem Gebiet. Weder für das iranische noch für das nordkoreanische Atomwaffenprogramm ist eine Mitwirkung russischer Spezialisten im Ernst behauptet oder gar bewiesen worden. Das Land, das die Rechtsnachfolge der Sowjetunion übernahm, hat sich als zuverlässiger Nachlassverwalter des sowjetischen Atomarsenals erwiesen. Das geschah im übrigen aus schierem Eigennutz, denn die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen ist immer im Interesse derjenigen Länder, die solche Waffen bereits besitzen. So hat Russland auch 1994 ein Memorandum signiert, in dem es gemeinsam mit den USA, Großbritannien und Frankreich im Gegenzug für deren nukleare Entwaffnung die territoriale Unverletzlichkeit jener anderen Exsowjetrepubliken garantierte, in denen die Sowjetunion Atomraketen stationiert hatte: der Ukraine und Kasachstans. Dass es sich unter anderen politischen Rahmenbedingungen nicht mehr durch dieses Abkommen gebunden fühlte, als es 2014 die Krim übernahm, ist kleines Einmaleins der Machtpolitik. Man nennt es wohl »Wegfall der Geschäftsgrundlage«.

Leben von der Substanz

Den Bewohnern jener Republiken, die in der Neujahrsnacht 1991/1992 unvorbereitet über die Schwelle zur Unabhängigkeit traten, stand das Schlimmste noch bevor. Selbst im Baltikum, wo der Lebensstandard zu Sowjetzeiten weit über dem Unionsdurchschnitt lag, dauerte es Jahre, bis sich die Lage stabilisierte – und aus Lettland zum Beispiel ist ein Drittel der Bevölkerung von 1991 inzwischen nach Westeuropa oder Nordamerika emigriert. Der neue russische Ministerpräsident Jegor Gaidar, ein zum Kapitalismus bekehrter Angehöriger der »roten Aristokratie« (er war vor seiner politischen Karriere an einem Wirtschaftsinstitut der Akademie der Wissenschaften tätig, sein Großvater war der bekannte sowjetische Kinderbuchautor Arkadi Gaidar), ordnete die sofortige Freigabe aller Preise an, während gleichzeitig die Verbindungen zwischen den Unternehmen durch die Aufspaltung des Landes und die Zerschlagung der Rubel-Zone unterbrochen wurden. Die Folgen waren im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend: Im Laufe des Jahres 1992 stiegen die Rubel-Preise für Eier um 1.900 Prozent, für Seife um 3.100 Prozent, für Brot um 4.300 und für Milch um 4.800 Prozent. Die Betriebe kamen trotzdem in eine massive Geldklemme; was sie einnahmen, entwertete sich von Monat zu Monat, Rücklagen oder gar Investitionen waren nicht mehr möglich.

Ein Land lebte von der Substanz. Renten und Gehälter wurden gar nicht, mit monatelanger Verspätung – die Inflation tat inzwischen ihr Werk – oder hilfsweise in Warenkontingenten bezahlt. So kam es dazu, dass man beim Bahnfahren in Russland damals ständig mit Schnäppchenangeboten konfrontiert war: An der einen Station zogen Dutzende von Arbeiterinnen mit Schlafanzügen zu Spottpreisen durch die Waggons, beim nächsten Halt dann Leidensgenossinnen mit unförmigen gläsernen Blumenvasen. Wer keine Vasen zu verhökern hatte, versuchte, sich mit dem Verkauf selbstgesammelter Maiglöckchen ein paar Rubel zu verdienen; hausgemachte Pfannkuchen mit Quarkfüllung nach Art der Babuschka ersetzten das ohnehin trostlose Angebot der Speisewagen, in denen es nur Wodka und importierte Erdnussflips zu kaufen gab. Immerhin: Die Straßenmusik nahm einen ungeahnten Aufschwung. Nicht nur im Lande selbst, auch in Westeuropa konnte man bekannte Werke der Klassik in bester Qualität in jeder Fußgängerzone hören, vorgetragen von professionellen Musikern, deren bisherige Arbeitsstätten zusammengebrochen waren. Denn niemandem war damals nach Kultur zumute. Erst kam das Fressen. Kein sehr üppiges für die meisten. Der abgebrühte US-Wirtschaftsjournalist Paul Klebnikow schrieb im Rückblick: »Tschubais und Gaidar waren stolz auf die Tatsache, dass ein Massensterben verhindert worden war. Aber es ist nicht deshalb verhindert worden, weil sie die Preise liberalisiert hatten, sondern weil die Russen wieder auf das Land zurückgekehrt waren. Mit einem Spaten und einem Sack Saatkartoffeln entkamen die Russen 1992 und 1993 dem Hungertod.«1

In allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion gab es in den neunziger Jahren Währungsreformen, teilweise mehrmals. Sie hatten den Zweck, die Sparguthaben zu entwerten. Einmal wurden in Russland mit einem Schlag vier Nullen gestrichen, aus 10.000 alten Rubeln wurde ein neuer. Man konnte Wohnungen für ein paar hundert Mark »privatisieren«, das heißt der Kommunalen Wohnungsverwaltung abkaufen, wenn man diese einigen hundert Mark bei der Hand hatte. Ökonomen sagen, damit sei der aus sowjetischen Zeiten überkommene »Nachfrageüberhang« beseitigt worden; eine zynische Umschreibung dafür, dass der sowjetische Normalbürger seine »eisernen Reserven« verlor und, egal in welchem Lebensalter, bei Null wieder anfangen musste. Erst gestützt durch den Rohstoffboom der 2000er Jahre erreichten weite Teile der russischen Volkswirtschaft wieder die Produktionswerte des – auf sowjetische Maßstäbe bezogen – schon krisenhaften Jahres 1990. Allein 1992 stürzte das Bruttosozialprodukt in Russland um 42 Prozent ab, bis 1996 zog sich der Rückgang hin, und schon 1998 erschütterte die nächste, nun schon oligarchisch hausgemachte, Finanzkrise die Ansätze zu einer Stabilisierung des Landes.
»Ursprüngliche Akkumulation«

Der Verarmung der großen Mehrheit der russischen Bevölkerung stand eine »ursprüngliche Akkumulation« auf seiten einer kleinen Schicht von »neuen Russen« gegenüber. Wie gleich noch zu erörtern, stimmt dabei die Analogie zu der ursprünglichen Akkumulation, die Marx im »Kapital« für das frühindustrielle England beschreibt, nur halb. Denn materiell getrennt und mental entfremdet von der Verfügung über die Produktionsmittel waren die Leute in der Sowjetunion auch. Entscheidend für die Bildung dieser neuen Klasse war ein parallel zur Preisfreigabe erfolgter Beschluss der Regierung Gaidar: die Aufhebung des Außenhandelsmonopols des Staates. »Die schlagartige Liberalisierung des Handels machte es (…) möglich, dass Russlands Reichtum an Bodenschätzen von einer Gruppe von Insidern geraubt wurde. Dem russischen Staat wurde seine Haupteinnahmequelle entzogen, logischerweise hatte er kein Geld mehr für Renten, Arbeitergehälter, Strafverfolgung, Militär, Bildung und Kultur. Gaidars Schocktherapie brachte einen unablässigen Niedergang ins Rollen (…), der bis zum Ende der Jelzin-Ära andauern sollte.«2

Im ganzen Land ging das vorhandene Produktivvermögen in neue Hände über. In der Masse der Fälle übernahmen das sowjetische Volksvermögen seine bisherigen Verwalter: die Betriebsdirektoren. Es war auch niemand anderes da. Nicht alle waren die zynischen Kompradoren, die man sich unter »neuen Russen« vorstellt; viele bemühten sich auch redlich, die Betriebe und die aus sowjetischen Zeiten überkommenen Beschäftigten durch die unübersichtlichen Verhältnisse zu bringen. Die allermeisten Leiter waren ja selbst Kinder der sowjetischen Gesellschaft und mit derselben Mentalität aufgewachsen wie die Leute, deren Arbeit sie zu organisieren hatten. Es waren die Zeiten, in denen in der Eingangshalle von Forschungsinstituten unter dem strengen Blick des gipsernen Lenin Videokassetten und Präservative verkauft wurden; die Betriebe, denen es an Liquidität fehlte, vermieteten, was sie konnten, um wenigstens etwas »lebendiges Geld« in die Kasse zu bekommen. Nicht jeder neue russische Unternehmer hatte Zugriff auf Öl, Gas, Bauxit oder Nickel; wer nur ein paar Köpfe mit mathematischer oder technischer Ausbildung kommandierte, musste sich etwas einfallen lassen. Wer umgekehrt technisch qualifiziert war oder im Chaos jener Jahre seine geschäftliche Begabung entdeckte, machte sich selbständig, oft anfangs in Teilzeit, um nicht gleich ins kalte Wasser des Kapitalismus zu springen. Der Bedarf an Service und Beratungsdienstleistungen war riesig. So entstand die russische Mittelklasse, vor allem in den großen Städten.

Die Sprüche der späten Perestroika-Jahre, die eine segensreiche Wirkung des »Eigentumsgefühls« auf Verantwortung und Effizienz im Wirtschaftsleben beschworen, wurden auf grandiose Weise blamiert. Die Masse der Bevölkerung blieb vom Zugang zum produktiven Reichtum Russlands und der übrigen Unionsrepubliken so ausgeschlossen, wie sie es auch zu sowjetischen Zeiten gewesen war. Deshalb ist es nicht nur mit elementarer Not zu erklären, dass die Leute die Voucher, die sie als ihren Anteil am Volkseinkommen ausgeteilt bekamen, schnell an diejenigen verkauften, die wuss­ten, was Wertpapiere sind. Der niedrige Nennwert von seinerzeit 10.000 Rubel trug dazu bei, dass die Leute diese Papiere für wertlos hielten und sie bereitwillig losschlugen. Der sowjetischen Bevölkerung war das im kollektiven Eigentum kristallisierte Bewusstsein der kollektiven Verantwortlichkeit für ein Stück gesellschaftlicher Realität abgewöhnt worden; auf der einen Seite hieß es, die Partei sei »Geist, Ehre und Gewissen der Epoche«; auf der anderen Seite galt der Spruch: »Ich bin Chef, und du der Depp.« Ein geflügeltes Wort jener Zeit lautete: »Alles Sowjetische gehört niemandem / alles Sowjetische gehört also mir.« Die Entfremdung des sowjetischen Produzenten fand in der Privatisierung ihre Vollendung; es fiel der Schleier, die Trennung blieb.

Auf der anderen Seite standen die »neuen Russen«. Das waren Leute mit den richtigen Beziehungen, oft ehemalige Parteifunktionäre, besonders häufig aus der Generation der hauptamtlichen Komsomolsekretäre, junge Garde und gleichzeitig letztes Aufgebot der Partei. Mit Intelligenz und Connections hatten sie es geschafft, sich in die Poleposition beim Rennen um die zur Selbstbedienung daliegenden Ressourcen zu bringen. Julia Timoschenko, die ukrainische Oligarchin, zum Beispiel kam aus einer ganz armen Familie, ihre Mutter erzog sie, vom Kindsvater verlassen, allein; es reichte, dass sie Ende der achtziger Jahre den richtigen Schwiegervater hatte, nämlich den Mann, der im Gebietsparteikomitee von Dnjepropetrowsk für die Kultur zuständig war. Er beschaffte – für staatliche Devisen – die Originale der westlichen Filme, die sie und ihr Mann dann, schwarz kopiert, massenhaft unter die Leute brachten. Mit dem gemachten Geld stieg sie ins Gasgeschäft ein. Vladimir Plahotniuc, der inzwischen reichste Mann des mittlerweile elendsten Nachfolgestaats der Sowjetunion, Moldawiens, war 1991 Leiter eines Heimes für verwahrloste Jugendliche. Er zwang die Mädchen zur Prostitution und verdiente so sein Startkapital fürs »Business«. So oder ähnlich waren sie alle. Sie eroberten mit Rücksichts- und Skrupellosigkeit und einer gehörigen Dosis Gewalt die Kontrolle über alles, was sich in der sowjetischen Volkswirtschaft schnell zu Geld machen ließ. Einer der reichsten unter ihnen, Boris Beresowski, sagte einmal in einem Interview, er könne die Herkunft jeder seiner Millionen nachweisen, außer der ersten. Der studierte Mathematiker war schon in den letzten Jahren der Sowjetunion ins Videokassettengeschäft eingestiegen, später hatte er die Vermittlung des Handels mit den sowjetischen Pkw der Firma Autowas aus Togliatti an der Wolga an sich gezogen. Michail Chodorkowski legte die Grundlage seines Vermögens damit, dass er einen Kesselwagenzug mit sibirischem Erdöl aus den Papieren verschwinden ließ und die Ladung auf eigene Rechnung verkaufte. Danach gründete er mit 26 Jahren eine Bank. Und so weiter.

Das waren keine bedauerlichen Unfälle, es war so gewollt. Anatoli Tschubais, Chef der russischen Privatisierungsbehörde, war sich der dünnen gesellschaftlichen Grundlage unter dem Systemwechsel bewusst. Ihm und seinen Kollegen war klar, dass die Reformen zu Lasten der großen Mehrheit der »Sowki« gingen. Das war damals ein neues Wort. »Sowok«, der Singular dieses Wortes, steht einerseits verächtlich für »sowjetischer Mensch«. Es bedeutet andererseits wörtlich »Kehrschaufel«. Das war das Menschenbild der um die Reformer gruppierten neuen Oligarchie. Tschubais setzte deshalb darauf, im Rekordtempo eine Unternehmerklasse aus dem Boden zu stampfen, die das Interesse und die Mittel hatte, eine Rückkehr zu sowjetischen Verhältnissen zu verhindern. Der Kapitalismus in Russland startete als Minderheitenprojekt, als Putsch der Gewitzten und Rücksichtslosen. Das ist keine moralische Kritik im Namen einer angeblich gerechteren »Volksprivatisierung«. Es lässt sich einfach am russischen Beispiel studieren, wie mit besonderer Intensität und in höchster zeitlicher Konzentration diese Eigentümerklasse entstand und sich gegenüber der Gesellschaft positionierte.
»Dirty tricks«

Parallel dazu wuchs die Enttäuschung über die neuen Verhältnisse. Derselbe Oberste Sowjet Russ­lands, der Boris Jelzin noch 1990 triumphal zu seinem Vorsitzenden gewählt hatte, begann, sich gegen die rücksichtslose Privatisierungspolitik zu stellen. Als ihm aus dem Kreis der Abgeordneten ein Amtsenthebungsverfahren drohte, ließ Jelzin das Parlament im Oktober 1993 von Panzern zusammenschießen. Bezeichnenderweise haben sich die wüsten Hochverratsvorwürfe, die Jelzin seinerzeit gegen die Führung des Parlaments unter Ruslan Chasbulatow erhob, nicht ansatzweise bestätigt; eine gerichtliche Aufarbeitung hat ebenso wenig stattgefunden wie ein öffentlicher Schauprozess gegen die KPdSU, den Jelzin ebenfalls ankündigte. Das Ergebnis wäre zu peinlich gewesen; schließlich kam buchstäblich die gesamte herrschende Klasse des neuen Russlands aus den Reihen ebendieser Partei, hatte ihr nicht selten hauptamtlich gedient. Sollten sich diese Wendehälse selbst anklagen?

Die ganzen 1990er Jahre über war die Kommunistische Partei die stärkste Oppositionskraft in Russland. Dass ihre Propaganda intellektuell dürftig war und mit Kommunismus weniger gemein hatte als mit sogar noch religiös dekoriertem Ultrakonservatismus, konnte wahrscheinlich nur jemandem auffallen, der die Flugblätter der Partei aus der Perspektive des Ausländers las. Für den Binnengebrauch glaubte die KPRF über lange Jahre, mit dem Verweis auf das gute Gestern auskommen zu können. Es hätte sogar klappen können. 1996 stand es bei der Präsidentschaftswahl auf Messers Schneide. Über Monate lag KP-Chef Gennadi Sjuganow in den Umfragen vorn. Die Wahl konnte nur deshalb noch einmal in ein Votum für Boris Jelzin umgebogen werden, weil die sieben größten Oligarchen Russlands ihren Konkurrenzkampf um die Filetstücke der Volkswirtschaft für ein paar Monate aussetzten, um mit Milliardenaufwand und einer so professionell wie skrupellos geführten Medienkampagne dem angezählten Jelzin zum bereits abgeschriebenen Wahlsieg zu verhelfen. Die Konzeption dieser Kampagne einschließlich diverser »Dirty tricks« lag in den Händen US-amerikanischer PR-Berater, die die US-Botschaft in Moskau gern vermittelt hatte.

Im Gegenzug präsentierten die Oligarchen allerdings die Rechnung. Tschubais setzte ein »Kredite für Beteiligungen«-Programm durch, mit dessen Hilfe die Oligarchen über ihnen gehörende Banken der zahlungsunfähigen Staatskasse Darlehen zur Bezahlung von Renten und Gehältern gewährten und sich im Gegenzug wirtschaftlich interessante und noch nicht privatisierte Unternehmen als »Sicherheit« überschreiben ließen. Da völlig klar war, dass diese Sicherheiten verfallen würden, weil der Staat diese Schulden niemals im Leben würde zurückzahlen können, blicken selbst kapitalismusfreundliche Autoren auf diese Phase inzwischen als auf die »Piratisierung« (Marshall I. Goldman3) beziehungsweise »Plünderung Russlands« (Paul Klebnikow4) zurück, und der liberale Ökonom Anders Åslund behauptet angesichts ihrer unübersehbaren Begleiterscheinungen, aber ohne sich den Glauben an ihre segensreiche Wirkung ausreden zu lassen, die Reform in Russland sei nur zur Hälfte gelungen.5
Putins Aufstieg

In die zweite Hälfte der neunziger Jahre fällt auch der zunächst unauffällige, dann immer schnellere Aufstieg eines unscheinbaren Mannes aus St. Petersburg: Wladimir Putin. Durch eine Wahlniederlage seines ersten politischen Mentors nach dem Ende der Sowjetunion, des Leningrader Juristen und »Reformers« Anatoli Sobtschak, dem er als Stellvertreter für die Betreuung internationaler Investoren gedient hatte, war er 1995 von Arbeitslosigkeit bedroht, als ihn der gleichfalls aus der »nördlichen Hauptstadt« stammende Tschubais nach Moskau holte – zunächst in die Liegenschaftsabteilung des Kreml, einen nach außen unbedeutenden Bürokratenjob, der aber die Verwaltung großer Vermögenswerte umfasste. Die Vorstellung vom heutigen russischen Präsidenten als der Antithese zum versoffenen und korrupten Boris Jelzin ist jedoch einseitig und hält sich an Äußerlichkeiten auf. Putins Aufstieg zur Macht verlief im Zentrum der Jelzinschen Clanwirtschaft, zu seinen wichtigsten Förderern zählte Boris Beresowski. Seine Karriere ist nicht zu trennen von den Machenschaften, mit denen die Oligarchen in Jelzins Umkreis in der Gewissheit, dass ein zweites »Wunder von 1996« nicht geschehen würde, Putin als vermeintlich steuerbaren Konkurrenten gegenüber dem ersten Politiker des nachsowjetischen Russlands aufbauten, der sich in seiner fünfmonatigen Amtszeit als Regierungschef Kungeleien mit den Oligarchen verweigerte und statt dessen ankündigte, gegen die Korruption am »Hofe« vorgehen zu wollen: dem 2015 verstorbenen und in der zeitgeschichtlichen Diskussion offenkundig unterschätzten Jewgeni Primakow.

Putin hat zwar auf der Trauerfeier für Primakow eine würdigende Ansprache gehalten und soll auch bis zuletzt seinen Rat vor allem in außenpolitischen Fragen gesucht haben; aber er war Fleisch vom Fleische des Systems Jelzin. Konsequenterweise betraf sein erster Erlass als amtierender Präsident eine lebenslange Amnestie Jelzins für dessen gesamtes Handeln seit den achtziger Jahren; noch im November 2015 hat es sich Putin nicht nehmen lassen, in Jelzins Heimatstadt Jekaterinburg (ehemals Swerdlowsk) im Ural eine aufwendige Gedenkstätte und Bibliothek für ihn nach dem Vorbild jener Institutionen zu eröffnen, die amerikanische Präsidenten nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt zur Verewigung ihres Nachruhms errichten.

Schwarz-Weiß-Urteile verbieten sich auch hier. Putin ist es gelungen, den russischen Staat auf einer Welle hoher Exporterlöse für Öl und Gas zu stabilisieren. Im Inneren hat er die ökonomische Macht der Oligarchen unangetastet gelassen, ihnen aber den klassischen »Primat der Politik« klargemacht: Jachten, Fußballklubs und Industrieimperien – bitte schön; aber den zusammengerafften Reichtum in politischen Einfluss umzumünzen wird nicht geduldet. Das war die Lektion, die der Fall Chodorkowski eine ganze Klasse gelehrt hat. Umgekehrt geht es schon eher: Etliche seiner Vertrauten, die Putin an die Spitze staatlicher Rohstoffkonzerne gesetzt hat (etwa Igor Setschin bei Rosneft), sind darüber selbst zu Multimillionären geworden. Dem Ochsen, der drischt, wird in Russland nicht das Maul verbunden.

Die US-Autorin Karen Dawisha hat daraus ableiten wollen, dass Putin an der Spitze einer »Kleptokratie« stehe.6 Bevor man das aus dem Handgelenk als Verleumdung abtut, sollte man den neuen Zungenschlag zur Kenntnis nehmen, den Putin selbst in diese Korruptionsdebatte hineingebracht hat. Bei seiner Jahrespressekonferenz im Dezember 2015 erwiderte er auf eine Frage nach seinen Erfolgen im Kampf gegen die Korruption in verärgertem Ton, das seien nun einmal die Begleiterscheinungen einer alles in allem erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung. Die »Diebe im Gesetz« sind also offenbar in Gnaden aufgenommen; für einen Präsidenten, der einst die »Diktatur des Gesetzes« einführen wollte, ist das eine bemerkenswerte Verschiebung des Diskurses.

Von Lenins Parole aus dem Jahr 1920 ist knapp 100 Jahre später nichts übriggeblieben: Statt Sowjetmacht plus Elektrifizierung herrscht heute in Russland eine auf die Oligarchenklasse gestützte Staatsbürokratie, die sich politisch auf eine Mischung aus dem letzten Zaren und Josef Stalin beruft und sich im Innern wie einst Nikolaus II. von der orthodoxen Kirche auf Schritt und Tritt beweihräuchern lässt. Außenpolitisch ist das Land realistisch bis auf die Knochen. Die machtlose oder auf euroatlantischen Kurs gegangene europäische Linke ist für Russland kein Ansprechpartner mehr; heute sucht sich Moskau seine Verbündeten unter den Feinden seiner Feinde und gewährt Wahlkampfkredite an den Front National in Frankreich, und durch seine Internetplattform Russia Today publizistische Unterstützung für NPD und Pegida in Deutschland. Die Männerfreundschaft zwischen Wladimir Putin und Silvio Berlusconi vervollständigt den Eindruck. »Gendarm der europäischen Reaktion«, wie Marx und Engels zu ihren Lebzeiten über Russland schrieben, ist das Land heute aus einem einfachen Grund nicht: Diese Rolle ist inzwischen anderweitig vergeben.“

Anmerkungen

1 Paul Klebnikow: Der Pate des Kreml. Boris Beresowski und die Macht der Oligarchen. Düsseldorf 2001, S. 143

2 Ebd., S. 141 f.

3 Marshall I. Goldman: The Piratization of Russia. Russian Reform Goes Awry. London/New York 2003

4 So der englische Originaluntertitel der bereits erwähnten Arbeit von Paul Klebnikow: Godfather of the Kremlin. Boris Berezovsky and the Looting of Russia. London/New York 2000

5 Anders Åslund: Russia’s Capitalist Revolution. Why Market Reform Succeeded and Democracy Failed. Washington 2007

6 Karen Dawisha: Putin’s Kleptocracy. Who Owns Russia? New York 2014

Reinhard Lauterbach: Das lange Sterben der Sowjetunion. Schicksalsjahre 1985–1999, Edition Berolina, Berlin 2016, 223 Seiten, 14,99 Euro, auch im jW-Shop erhältlich. Buchvorstellung am 31.5., 19.00 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin
L


2 Antworten auf „Lauterbach: Restaurative Neuordnung (Vorabdruck seines Buchs in der jW)“


  1. 1 Hinweis 31. Mai 2016 um 16:42 Uhr

    Im Mai 2016 erschien Reinhard Lauterbachs Buch „Das lange Sterben der Sowjetunion“ über die Politik des letzten KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow und das Ende des realen Sozialismus. Dazu einige Anmerkungen von Johannes Schillo:

    http://www.i-v-a.net/index.php/blog/Das-Ende-der-Sowjetunion

  2. 2 Neoprene 01. Juni 2016 um 11:51 Uhr

    Schillo geht in seinem Artikel auch auf folgende Rezension von Arnold Schölzel, dem Chefredakteur der „jungen Welt“, ein:
    https://www.jungewelt.de/2016/05-28/048.php?print=1

    [Das war übrigens der Kommentar Nr. 20.000 auf diesem Blog]

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