Ist Russland wirklich „nur“ kapitalistisch, und noch kein Mitglied im „Imperialistenklub“?

„… Die Verteufelung des „russischen Imperialismus“ durch die Reformisten ist eine unverhohlene Kapitulation vor ihren eigenen kapitalistischen Herrschern.

Für Marxisten ist die Bezeichnung eines Landes als imperialistisch kein Schimpfwort, sondern eine wissenschaftliche Beschreibung der Rolle dieses Landes im globalen Wirtschaftssystem. Die Streitschrift des Führers der Bolschewiki W. I. Lenin Imperialismus, das höchste Stadium des Kapitalismus (1916) liefert eine marxistische Beschreibung des modernen Imperialismus als jener Epoche des Kapitalismus, die durch Monopole, die Herrschaft des Finanzkapitals und den Export von Kapital gekennzeichnet ist. Einige führende fortgeschrittene kapitalistische Staaten hatten die Welt in „Einflusssphären“ aufgeteilt, wo sie jeweils die Märkte und den Zugang zu den Rohstoffen kontrollierten. Aufstrebende imperialistische Mächte wie Deutschland versuchten die Welt auf Kosten etablierter Mächte wie Britannien und Frankreich neu aufzuteilen. Ergebnis der imperialistischen Konkurrenz war das schreckliche Gemetzel des Ersten Weltkriegs.

Russland ist heute nicht imperialistisch, obgleich es das Potenzial dazu besitzt. Entscheidend für die Tatsache, dass Russlands imperialistische Ambitionen nicht verwirklicht wurden, sind die Bemühungen der vorhandenen Imperialisten, allen voran der USA, Russland aus ihrem Klub herauszuhalten. Russland ist auch durch eine Wirtschaft gehandicapt, die weitgehend von der Förderung und dem Export von Rohstoffen abhängig ist. Mit der wichtigen Ausnahme der Waffenindustrie, größtenteils eine Hinterlassenschaft der Sowjetunion, ist kein russischer Produktionszweig auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig.

Russland ist zwar eine Regionalmacht, spielt jedoch bei der Aufteilung der Welt auf globaler Ebene keine Rolle. In den vergangenen 20 Jahren hat Russland nie außerhalb des Territoriums der ehemaligen Sowjetunion militärisch interveniert, abgesehen von einer sehr begrenzten Intervention 1994, als russische Truppen in Serbien der NATO als „gute Bullen“ dienten. Das steht in krassem Gegensatz nicht nur zu den USA, die als selbsternannter „Weltpolizist“ in Länder rund um den Erdball einmarschieren und sie bombardieren, sondern auch zu zweitrangigen imperialistischen Mächten wie Deutschland, Britannien und Frankreich, die zur Förderung ihrer nationalen Interessen immer wieder ihre Truppen ins Ausland schicken. Mehr als ein Jahrhundert der Vergewaltigung, Plünderung und des Krieges durch die Imperialisten der USA, Europas und Japans beweist, dass diese tatsächlich die größten Feinde der arbeitenden Menschen der Welt sind.“

Statement der trotzkistischen SpAD (August 2014)


12 Antworten auf „Ist Russland wirklich „nur“ kapitalistisch, und noch kein Mitglied im „Imperialistenklub“?“


  1. 1 systemcrash 28. August 2014 um 16:57 Uhr

    ich muss zugeben, dass ich lenins imperialismus-schrift nur sehr oberflächlich wahrgenommen habe. aber ich meine mich dunkel zu erinnern, dass als objektives kennzeichen des imperialismus der kapitalexport gilt. nun kenne ich keine zahlen, aber ich bin sicher, dass russland kapital exportiert. sicher ist der russsische „imperialismus“ schwächer als der US-amerikanische, aber das ist der deutsche auch. zu sagen, der US-imperialismus ist der „größte Feind der arbeitenden Menschen der Welt“ ist daher eine aufweichung der hauptfeind-linie. (was linke kritiker schon der TLD/iST zu zeiten der 80er-friedensbewegung attestiert hatten)

  2. 2 Neoprene 29. August 2014 um 7:40 Uhr

    Dazu kam erwartungsgemäß auf Facebook gleich folgender Einwand:

    „Die Frage, ob Rußland imperialistisch ist, liegt daran, wie man Imperialismus definiert.
    Die Imperialismusdefinition von Lenin halte ich für verkehrt:
    „Ein aktueller, aber falscher Klassiker
    LENIN, DER IMPERIALISMUS ALS HÖCHSTES STADIUM DES KAPITALISMUS“

    Ausführlicher zur Frage: von Nestor „Großmachtpolitik gegen harmlosen Handel und Wandel?“ Das Fazit weist sozusagen die Frage schon zurück: „Rußland ist natürlich imperialistisch – genau so, wie die USA, die EU, deren Mitgliedsstaaten und der Rest der Welt es auch sind: Weil nämlich Staaten ohne Imperialismus nicht zu haben sind.“ Damit ist aber dann das Besondere an imperialistischen Staaten völlig wegdefiniert. Malta und Deutschland sind in der Tat beides Staaten, kapitalistisch verfaßt. Aber die schon begrifflich auf die gleiche Stufe „Imperialismus“ zu stellen, halte ich für ungeeignet, die Beziehungsstrukturen und Machtunterschiede, die es offensichtlich zwischen ihnen gibt, zu beschreiben.

  3. 3 Mattis 29. August 2014 um 22:28 Uhr

    Mancher zögert auch, Russland als kapitalistisch zu bezeichnen, weil es ein irgendwie „anderer“ Kapitalismus sei als der sonstige. Als wenn nicht ohnehin jeder Kapitalismus spezifisch wäre! Dito Imperialismus.

  4. 4 Mattis 29. August 2014 um 22:32 Uhr

    „…, dass diese tatsächlich die größten Feinde der arbeitenden Menschen der Welt sind.“

    Und? Dann ist Russland eben nicht der größte, aber ein großer Feind der arbeitenden Menschen. Reicht doch auch schon.

  5. 5 qwert 29. August 2014 um 23:31 Uhr

    @Neo
    „das Besondere an imperialistischen Staaten völlig wegdefiniert“

    Es gibt einen Sprachgebrauch vom Attribut „imperialistisch“, der den erfolgreichen Machtausbau des staatsgenuinen Vorhabens Imperialismus meint, weil es eine reale Trennung von Staaten gibt, die eher als Subjekte oder als Anhängsel des Weltordnens auftreten können … Wie wär’s man sagt einfach dazu, wie man „imperialistisch“ verstanden haben will? – und schon erübrigen sich Definitionen – oder was dafür gehalten wird …

    „Malta und Deutschland sind in der Tat beides Staaten“

    Die haben auch unterschiedliche Absichten aufgrund des imperialistischen Staatenrankings, aber vielleicht solltest du mal sagen, warum du Malta nicht im Kreis der Imperialisten siehst! Was machen die warum anders? Malta betreibt Außenpolitik, hat eine kleine Armee und feiert am 8.9. den „Tag des Sieges“ – wackere Imps, oder?

  6. 6 Mattis 30. August 2014 um 8:58 Uhr

    „Malta betreibt Außenpolitik, hat eine kleine Armee und feiert am 8.9. den „Tag des Sieges“ – wackere Imps, oder?“

    Das könnte auch auf einen sozialistischen Staat zutreffen, oder?

  7. 7 qwert 30. August 2014 um 10:44 Uhr

    @Mattis
    „Das könnte auch auf einen sozialistischen Staat zutreffen, oder?“

    Mag sein, aber ich wollte auch nichts definieren, sondern darauf aufmerksam machen, dass hier übers „Definieren“ gesprochen wird, als würde die Wirklichkeit sich nach den Stempeln sortieren, die man für sie bereit hält. Das Senieren über den richtigen Stempel für Russlands Absichten scheint vom Gegenstand wegzuführen, den es behauptet zu wälzen! Was weiß man denn, wenn man verneint oder bestätigt, dass ein Staat am weltweiten Imperialismus beteiligt ist?

  8. 8 Neoprene 30. August 2014 um 16:39 Uhr

    Ja, den Benutzern des Imperialismusbegriffs, jedenfalls in Leninscher Tradition, geht es regelmäßig überhaupt nicht um die Wirklichkeit imperialistischen Treibens, die untersuchen sie im Konkreten ja regelmäßig gar nicht (das wurde zum Beispiel jüngst wieder offenbar, als man – außer vom GegenStandpunkt – überhaupt keine konkrete Kritik an den EU-Plänen und Verträgen mit der Ukraine lesen konnte), sondern in der Tat nur ums Sortieren, denn danach kann man die zu bekämpfenden Parteien/Staaten sauber trennen von den unterstützungswürdigen/fortschrittlichen Sachen. Es geht bei „Imperialismus“ also weitgehend nur um Stellung- und Parteinahme, Wissen braucht man dazu nicht sonderlich viel.

  9. 9 Neoprene 30. August 2014 um 20:42 Uhr

    Zum Begriff des Imperialismus hat der GegenStandpunkt folgendes veröffentlicht:
    http://www.gegenstandpunkt.com/vlg/imp/i1_index.htm
    Dort kann man auch eine PDF- und eine RTF-Version runterladen.
    „Zum Thema IMPERIALISMUS siehe auch immer die aktuellen Ausgaben der Zeitschrift GegenStandpunkt: Inhaltsübersicht

  10. 10 Nestor 05. September 2014 um 16:23 Uhr

    Also Leute, hier geht es wirklich sehr unwissenschaftlich zu.

    Erst wird eine Imperialismus-Definition übernommen, die sowieso schon fragwürdig ist, und dann sucht man herum, ob man bei Rußland Elemente findet, die dieser Definition entsprechen.
    Alles mit der gar nicht verdeckten Absicht, herauszufinden, wer die „wahren Bösen“, „Feinde der arbeitenden Menschheit“ sind.
    Ich empfehle einmal einen Blick auf die Lebensumstände der arbeitenden Bürger Rußlands, um die Frage zu klären, wie die in diesem Staat vorkommen, der sehr volksschädliche Dinge, wie die Einrichtung des Privateigentums und eine ganz normale Geldwirtschaft betreibt, die ihrerseits noch zusätzlich für die Scheidung von arm und reich sorgt.

    Malta und die BRD haben doch ähnliche Ziele, wenngleich unterschiedliche Mittel.
    Und warum gerade Malta als Gegenbeispiel? Österreich ist doch noch ein viel schöneres Beispiel dafür, wie ein Staat sich überall in der Region einmischt – Anti-Jugoslawien Politik, Orbán-Hetze – und dennoch so auftritt, als wäre er nur an friedlichem Handel und Wandel interessiert, mit der Neutralität als Harmlosigkeitsausweis wedelt, usw.

  11. 11 Neoprene 05. September 2014 um 18:57 Uhr

    Nestor, ich verstehe deine Abneigung „herauszufinden, wer die „wahren Bösen“, „Feinde der arbeitenden Menschheit“ sind“. Das meinte ich mit dem offensichtlichen Interesse bei vielen Linken, die mit dem Begriff/Schimpfwort „imperialistisch“ hausieren gehen. Und es ist „ehrenhaft“ auch die typischen staatlichen Machenschaften kleinerer europäischer Staaten, eben nicht nur auf Malta sondern auch das „eigene“ Österreich als einen der Staaten zu zeigen, die all das „volksschädliche“ draufhaben, was einem bei den ganz großen natürlich zumeist auffällt.

    Vielleicht braucht man deshalb die spezielle Kategorie „imperialistisch“ bei der Analyse, was Staaten so zun heutzutage auch nicht. Es gibt in dem Kontinuum von kleinen machtlosen Staaten, die gerade froh sein können, nicht wie manch anderer schon ein failed state zu sein und den G7 (oder eine Nummer deiner Wahl)-Staaten aber doch soviel Unterschiede (qualitativ? weiß ich wirklich nicht, jedenfalls nicht exakt zu benennen), daß ich eigentlich nicht meine, daß man auf den Begriff verzichten muß.

  12. 12 Mattis 06. September 2014 um 17:47 Uhr

    Besonders die „Imperialismus“-Bestimmungen diverser K-Fraktionen, aber auch vieler „Solidaritäts“-Linken, basieren im Grunde auf einer Beweihräucherung der nationalen Selbstbestimmung. Staaten, denen man nachsagen kann, dass sie DIESE mißachten, gelten dann als imperialistisch. Es ist eine Argumentation ganz auf der machtpolitischen Ebene.

    Man kann immer wieder feststellen, dass vor allem in den sehr wortstark ausgeprägten Imperialismus-Vorwürfen ein klammheimlich nationalistischer Standpunkt drinsteckt. Die Zustände innerhalb jener Staaten, die als „Opfer imperialistischer Aggression“ ausfindig gemacht wurden, sind dabei nachrangig, teilweise gilt es sogar als politisch inkorrekt, diese beim Namen zu nennen, denn, so der Polit-Jargon, „das spielt den reaktionären Kräften in die Hände“.

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