Scholl-Latour: „Wir leben in einer Zeit der Massenverblödung“

Interview von Ramon Schack auf Telepolis am 09.03.2014
„Zu seinem 90. Geburtstag warf der Journalist einen Blick auf sein Leben und auch auf die Krise in der Ukraine (Auszug)

Peter Scholl-Latour: Wir leben in einem Zeitalter der Massenverblödung, besonders der medialen Massenverblödung.

Inwiefern?

Peter Scholl-Latour: Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von TAZ bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im großen Stil berichten, flankiert von den technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, dann kann man nur feststellen, die Globalisierung hat in der Medienwelt zu einer betrüblichen Provinzialisierung geführt. Ähnliches fand und findet ja bezüglich Syrien und anderen Krisenherden statt.

Halten Sie die Entwicklung für gefährlich?

Peter Scholl-Latour: Ja, vor allem auch für die EU. Ich frage mich, was sich die EU von einer Annäherung der Ukraine erhofft. In Brüssel sollte man sich besser auf eine Konzentration und Konsolidierung ausrichten, statt die Ausweitung nach Osten voranzutreiben. Schon mit der Aufnahme Rumäniens und Bulgariens haben sich die Kommissare in Brüssel übernommen. Käme nun noch die Republik von Kiew hinzu, wo von den Tataren die Wurzeln des heutigen Russlands gelegt wurden und die Bekehrung zum Christentum stattfand, dann würde das aufgeblähte Territorium der fragilen Europäischen Union bis rund dreihundert Kilometer an jenes Schlachtfeld heranrücken, das unter dem Namen Stalingrad berühmt wurde.“

Das hat mich dann doch überrascht, das ausgerechnet von so einem zu lesen.

Bei Facebook fand das dann prompt die naheliegenden Reaktionen:

A:Tja, das Tragische ist, dass der Typ durchaus einige Sachen verstanden hat, aber nie von seinem (EU-) nationalem Standpunkt abgerückt ist. Da wird dann leider selbst das richtige Urteil über eine Sache auch nur interessant in Bezug darauf, ob das denn gut oder schlecht für die EU bzw. Deutschland sei.

U:Und schon damit ist er viel weiter als die allermeisten, die auf bundespolitischer Ebene Verantwortung tragen. Egal mit welcher verbalen Attitüde sie unterwegs sind. …


15 Antworten auf „Scholl-Latour: „Wir leben in einer Zeit der Massenverblödung““


  1. 1 Volker 20. August 2014 um 15:27 Uhr

    http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/interview-mit-peter-scholl-latour-ich-verstehe-mich-gut-mit-ganoven/9652136.html

    Auch ein aktuelles Interview …

    Der Mann hat von politischer Analyse nicht nur keine Ahnung, sondern will sich auch gar nicht darauf einlassen. Er pflegt stattdessen eine eigene Art der Kammerdienerperspektive: Dass er wirklich alle Mächtigen dieser Welt kennt, die bedeutenden wie die unbedeutenden, und zu jedem eine selbst bezeugte Anekdote erzählen kann, ist dabei das eine. Was die Herrschaften denn mit ihrer Macht so treiben, welche Zwecke sie dabei verfolgen, interessiert ihn nicht nur nicht, sondern erscheint ihm von seinem gutgemeinten Kritik-Standtpunkt meistens unverständlich.
    Die politischen Herrschaften – des Westens – sollten sich bei ihm erkundigen, da er als intimer Kenner der Völker und Kulturen sozusagen ‚dem Volk und den anderen Großen aufs Maul geschaut‘ hat und deshalb viel besser Bescheid weiß als die Journalisten, die nur im Tross der Mächtigen mitfahren und ihre wohlfeilen untertänigen Kommentare liefern, was er – sicher zu recht – als einseitig kritisisert.
    Was den fremden Nationen und Völkern taugt und wie (die westliche Politik) mit ihnen umzugehen habe, dafür kann man sich bei ihm erfolgreiche Tipps abholen. Da die hohen Damen und Herren aber nicht auf ihn hören wollen, werden sie erleben, was er ihnen prophezeit. Und dass und insoweit seine Prognosen eingetreten sind und er ex post darauf verweisen kann, macht ihn so richtig glaubwürdig.

  2. 2 dazu 21. August 2014 um 9:08 Uhr

    Ein Link zu Nestors Blog,
    dort fand sich auch schon das Zitat von Scholl-Latour
    http://NestorMachno.blogsport.de/2014/03/20/pressespiegel-komsomolskaja-prawda-19-3/#comment-22458

  3. 3 Volker 21. August 2014 um 16:38 Uhr

    http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/91/91_3/muselma.htm

    http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/86/86_6/scholl.htm

    http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/80/80_4/latour.htm

    Vielleicht gibt es auch einen akutellen Artikel im grauen Magazin
    zu diesem Schreiber. Ansonsten fand ich noch diese 3 älteren aber analytisch immer noch tauglichen Artikel.

  4. 4 Nestor 22. August 2014 um 13:08 Uhr

    Na, man muß ja nicht die bürgerliche Form des Totengedenkens umkehren und dem Mann noch möglichst viele Schmutzküberln nachleeren!

    Es ist doch bemerkenswert, daß jemand, der von den Medien jahrzehntelang als Experte und „großartiger Erzähler“ hofiert worden ist, sich so dezidiert gegen die jetzige Außenpolitik und deren mediale Aufbereitung ausspricht.

    Es ist eben das in den Eliten Deutschlands verbreitete Mißbehagen bezüglich des eingeschlagenen Kurses der Konfrontation mit Rußland – Leute wie Scholl-Latour bezweifeln, ob das tatsächlich ein Erfolgsweg für Deutschland und für die EU ist.

  5. 5 Neoprene 22. August 2014 um 13:33 Uhr

    Ich halte es für keinen grundlegenden Bruch in der Weltsicht von Scholl-Latour, daß er sich zuletzt „so dezidiert gegen die jetzige Außenpolitik und deren mediale Aufbereitung“ augesprochen hat. Er gehört eben zu der Sorte Deutschnationaler, die den aktuell eingeschlagenen Kurs von Deutschland, der EU, der USA und der NATO als gefährlich zumindest für Deutschlands recht anspruchsvollen raumgreifenden Interessen halten.
    Wenn Kinkel den jetzigen offiziellen Kurs schon vor 20 Jahren drastisch auf den Punkt gebracht hatte:
    “ … nach außen gilt es etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor gescheitert sind: Im Einklang mit unseren Nachbarn zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potenzial entspricht. Die Rückkehr zur Normalität im Inneren wie nach außen entspricht einem tiefen Wunsch unserer Bevölkerung seit Kriegsende. Sie ist jetzt auch notwendig, wenn wir in der Völkergemeinschaft respektiert bleiben wollen. […] Unsere Bürger haben begriffen, dass die Zeit des Ausnahmezustandes vorbei ist.“
    dann fragt sich Scholl-Latour offensichtlich wie mancher Militär oder Politiker vor ihm z.B. angesichts des Schlieffen-Plans oder Hitlers Ostfeldzugs, ob mit der aktuellen Politik dieses hehre Ziel von Kinkel wirklich erreichbar ist. Was soll man ihm daran positiv anrechnen?

  6. 6 Volker 22. August 2014 um 13:46 Uhr

    Kurz gesagt sollte man aber auch nicht an PSL, nur weil er anti-mainstream war, schon eine Bedingung für … ausmachen und ihm zugute halten, dass er sich für einen alternativen nationalen Erfolgsweg aussprach. Wie der aussieht und worauf der beruht,wäre dann mal zu bestimmen. Und ob man sich deshalb mit ihm gemein machen soll, halte ich für absolut verfehlt.
    Von den Mitteln, die Nationen bei ihrem Erfolg einsetzen – Kapital im Verein mit Gewalt, die für unsereinen absout nichts Positives bereit halten- kommt bei ihm herzlich wenig oder nur auf verdrehte Weise vor. Ihm geht es in seinen Büchern und Talkshow-Stellungnahmen nicht um Politik aus der Perspektive eines Politkers. Wenn er bekennt, dass er die Poltik der EU nicht verstehe bzw darin keinen Sinn erkennen könne, dann argumentiert er mit seinen exklusiven Einblicken in die Eigenarten der jeweiligen Volks- bzw. Menschenseele, die ihm seine abenteuerlichen Reisen und Erlebnisse eröffnet haben und legt den westlichen politischen Herrschaften nahe, diese doch vielleicht mal bei ihrem Tun zu berücksichtigen.
    Alternative Erfolgswege gerade mit und gegen Russland gibt es zurzeit zuhauf. Von Egon Bahr gab es neulich einen zu lesen. Auch der mag zwar zur Bereicherung der Presse- und Talkshowlandschaft beitragen, die maßgebliche Politk hat aber andere Ziele und mit denen setzen sich weder PSL noch EB auseinander.
    Um mehr soll es auch bei meinen Kommentaren gar nicht gehen: Mit was für einer Art von Stellung hat man es bei PSL zu tun. Und das unter der Perspektive zu betrachten, dass man sich doch nicht gegen bürgerliche Traditionen richten solle, trifft die Sache nicht.

  7. 7 Nestor 22. August 2014 um 17:50 Uhr

    Ich weiß nicht, was hier für ein Verein von Moralwachtln beinander ist:

    Weder hat jemand einen „Bruch in der Weltsicht“ festgestellt, noch geht es darum, jemandem etwas „positiv anrechnen“ oder „hm zugute halten“ zu wollen.

    Gerade angesichts dessen, daß bei ihm ja keine Veränderung feststellbar ist, ist es doch erklärungsbedürftig, warum er jetzt auf einmal unzufrieden mit Politik und Medien war. Es hat sich offenbar bei denen etwas geändert.

  8. 8 Neoprene 22. August 2014 um 18:03 Uhr

    Moral hin oder her, was an den Medien im Allgemeinen und PSL im besonderen festzustellen ist, ist in der Tat die recht schnelle Veränderung der Mainstreammedien bis hin zu deren „Leit“-Figuren hin zu einem antirussischen riskanten Konfrontationskurs. Daran gemessen scheinen dann selbst typische Spiegel-Leserbriefschreiber oder Typen wie eben der PSL nicht mehr auf der Höhe der „Zeit“ zu stehen.

  9. 9 dazu 23. August 2014 um 8:10 Uhr

    Volkers Anmerkungen abzuqualifizieren als
    „Ich weiß nicht, was hier für ein Verein von Moralwachtln beinander ist“
    ist reichlich daneben.

    „Gerade angesichts dessen, daß bei ihm ja keine Veränderung feststellbar ist, ist es doch erklärungsbedürftig, warum er jetzt auf einmal unzufrieden mit Politik und Medien war. Es hat sich offenbar bei denen etwas geändert.“

    Bei denen ändert sich laufend was, gestern Terrorist, heute Freiheitsfreund und vice versa.
    („Verantwortung“ will immer neu aktualisiert werden…)
    Auf deine Verschwörungstheorien kann man zur Erklärung aber sehr wohl gut verzichten.
    http://NestorMachno.blogsport.de/2014/03/20/pressespiegel-komsomolskaja-prawda-19-3/#comment-22514

  10. 10 Mattis 23. August 2014 um 8:38 Uhr

    Wenn so einer wie Scholl-Latour z.B. sagt, man müsse die „Mentalitäten“ anderer Völker und Staaten besser verstehen (und dann käme eine andere Politik heraus), dann plädiert er für mehr Rücksichtnahme auf jene anderen völkischen Ideologien und Nationalismen, hat an diesen keine Kritik.

    Er selber „versteht“ seinerseits ja solche Gebilde wie die EU nicht, diese supranationalen Strukturen, die sich gerade um des letztendlich nationalen Erfolgs auch mehr und mehr gegen nationale Eigenheiten durchsetzen wollen.

    Diese Dialektik von Machtzuwachs durch Abgabe lokaler Macht zieht sich ja durch dieses ganze Staatengetue hindurch.

    Scholl-Latour würde, wenn es z.B. die Bundesrepublik noch nicht gäbe, wahrscheinlich einen Zusammenschluss von Hanseaten und Bayern ablehnen, weil er persönlich diese unterschiedlichen Mentalitäten kennengelernt habe und das einfach nicht zusammengehen könne, und überhaupt könne man nicht Evangelen und Katholen zusammen in einen Staat packen und so weiter. Er war tatsächlich nicht auf der Höhe der „Zeit“, wie sie vom modernen Kapitalismus definiert wird, deshalb „versteht“ er so vieles nicht.

    Und übrigens gehört auch immer das Mißtrauen dazu, ob die supranationale Ausrichtung nun auch wirklich die eigene Nation befördert oder ob man nicht ein reiner Nettozahler ist bei alldem. Das ist eine Nutzendiskussion unter Nationalisten – Arbeiterschicksale kommen da nur als Propagandamittel vor (z.B. dass die Sanktionen gegen Russland Arbeitsplätze gefährden).

  11. 11 Ex-Grüner 20. September 2014 um 10:24 Uhr

    Die Partei der GRÜNEN
    trägt heutzutage übrigens
    sehr maßgeblich zur allgemeinen Verblödung bei,
    nicht nur bei der Putin-Hetze,
    sondern auch bei der Flüchtlings-Sortiererei:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/asylrechtsreform-die-gruenen-muessten-stolz-sein-13163002.html

    Von der Praxis der EU-Abschottung gegen die Flüchtlinge berichtet die FAZ:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/eu-aussengrenze-bulgarien-kaempft-gegen-fluechtlingswelle-13162853.html

  12. 12 Neoprene 20. September 2014 um 11:10 Uhr

    „heutzutage“??
    Das geht schon eine ganze Weile so, Joschka Fischers berühmt/berüchtigte Außenpolitik auf dem Balkan z.B. ist auch schon ein Jahrzehnt her. Und wenn man es weiter faßt und die nationalistische Seite der grünen (ex Friedens-)Bewegung nimmt, dann galt das ja im Kern von Anfang an. Und das ist schon eine Generation her.

  13. 13 Ex-Grüner 20. September 2014 um 12:39 Uhr

    Schon recht.
    Zum Hinschmeißen des Parteibuches
    dürfte der Entscheid gegen die Balkan-Flüchtlinge aber doch allemal taugen.
    Dass diese vollständig bürgerlich verkommene Partei (im Regelfall übertreffen sie sogar die anderen Parteien noch mit ihrer Kriegspropaganda) immer noch mit diversen Idealen aus ihren Anfangszeiten Stimmen von unzufriedenen Jungbürgern absahnt, das ist doch superärgerlich bei dieser Nachfolge-FDP.

    Lächerlicher Weise diskutieren GRÜNE aber ganz anders,
    nämlich, dass man keinem die Freiheit nehmen dürfe,
    auch und selbst Herrn Kretschmanns Position nicht…
    http://www.taz.de/Kretschmann-empoert-Gruene/!146322/

  14. 14 Frage 05. Oktober 2014 um 17:00 Uhr

    Hat jemand etwas über die Veranstaltungen zum Einheitstag 2014
    in Hannover und Berlin vernommen?

    Aus der offiziellen Politik bekam man u.a. dieses zu lesen:
    „Nach Helmut Kohl ist die DDR nicht implodiert, weil das Volk aufmuckte, sondern weil die Sowjetunion und Michail Gorbatschow „am Arsch des Propheten“ waren: „Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geiste über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert“, soll Kohl den Umbruch im Osten gewertet haben. Vorstellungen, die Revolutionäre im Osten hätten den Zusammenbruch der DDR bewirkt, seien dem „Volkshochschulhirn von Thierse“ entsprungen.“

    http://www.berliner-zeitung.de/politik/helmut-kohls-gespraeche-mit-heribert-schwan-kanzler-der-gemeinheit,10808018,28650404.html

  15. 15 KoKa 19. Oktober 2014 um 11:44 Uhr

    zu Scholl-Latour ist auch dieses Interview, rein informationshalber versteht sich, interessant:
    http://de.ria.ru/opinion/20140704/268926478.html

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