Mondragón: Nische für den Ausstieg? Exner vs. Buchenberg

Der Wunsch, doch irgendwie schon „jetzt“ aussteigen zu können, statt auf den im Augenblick doch offensichtlich illusionären „Generalstreik“ zu setzen, ist weitverbreitet. Gerade erst hat eine Ungeduldige in Bremen bei der Veranstaltung des GegenStandpunkts zur Wohnungsfrage in Bremen dem Referenten die Nische der neu aufgelegten Wohnungsgenossenschaften am Beispiel eines Freiburger Projektes entgegengehalten.

Das kann man selbst als Linker auch noch trauriger machen, wie es jetzt Wal Buchenberg vorgetragen hat:

„welche Rolle Genossenschaften bei unserer Emanzipation von Lohnarbeit und Kapital spielen können, ist unter Linken seltsamerweise umstritten. Ich halte Genossenschaften für ein wichtiges Experimentierfeld, wo grundlegende Erfahrungen für eine nachkapitalistische Gesellschaft gesammelt werden können.
Marx und Engels sahen alle Genossenschaften, von den Frühsozialisten bis in ihre Zeit durchaus positiv.
Im von Marx verfassten Programm der Ersten Internationalen Arbeiterassoziation heißt es:
„Wir anerkennen die Kooperativbewegung als eine der Triebkräfte zur Umwandlung der gegenwärtigen Gesellschaft, die auf Klassengegensätzen beruht. Ihr großes Verdienst besteht darin, praktisch zu zeigen, dass das bestehende despotische und Armut hervorbringende System der Unterjochung der Arbeit unter das Kapital verdrängt werden kann durch das republikanische und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten.““
Andreas Exner hat nun eine linke Kritik der spanisch-baskische Genossenschaften in Mondragon ausgearbeitet, die zu dem Schluss kommt, dass die Mondragon-Genossenschaften nicht seinem Ideal einer nachkapitalistischen Wirtschaftsweise entsprechen.
Ich finde, das ist eine kleinliche Kritik. Es ist eine Kritik, die nur Schwarz oder Weiß zulässt ohne Zwischentöne. Marx sah sogar in Aktiengesellschaften, die häufig bei Linken als die Verkörperung des „bösen“ Kapitals gelten, eine nützliche Übergangsform zwischen Kapitalismus und Kommunismus.
Die Kritik von Andreas Exner ist trotzdem sehr interessant und lesenswert, weil sie detailreich und genau beobachtet ist. Man erfährt viel über Mondragon, und das ist gut. Je mehr wir über Genossenschaften wissen, desto besser.“

(http://marx-forum.de/Forum/index.php/Thread/278-Spanisch-baskische-Genossenschaft-Mondragon/?action=firstNew)
Da ist in der Tat selbst Andreas Exner, mal gerade ein linker östereichischer Grüner, schon weiter, wie in der immerhin von Buchenberg verlinkten Kritik an einem der Vorzeigeprojekte nachzulesen ist, die er gerade in scharf-links, der „“neuen“ linken online zeitung“ veröffentlicht hat.


6 Antworten auf „Mondragón: Nische für den Ausstieg? Exner vs. Buchenberg“


  1. 1 Nestor 22. Januar 2014 um 15:52 Uhr

    Also gerade die Geschichte von Mondragón zeigt ja wirklich, wie kapitalismustauglich eine Genossenschaft sein kann!! Von wegen „Übergangsform“!

  2. 2 Neoprene 22. Januar 2014 um 16:09 Uhr

    Es ist ja nicht so, daß erst in den letzten 17 Jahren die Leute auf Genossenschaften als irgendwie einen Ausweg gekommen wären. Das gab es doch von Anfang der kapitalistischen Entwicklung an. Und nicht mal nur als kleine Nischen-Sachen, sondern mit dem Anwachsen der organisierten Arbeiterbewegung ja auch richtig groß. Parallel dazu die gewerkschaftlichen Unternehmen, die ähnlich angefangen (und ähnlich geendet) haben. In Westdeutschland war der spektakulärste Fall der Untergang der Neuen Heimat. Den „Konsum“ kennt auch noch jeder, jedenfalls als Begriff. Und noch jeder (außer Buchenberg & Co.) weiß, was das nicht erst zum Schluß für Läden waren. Eben Unternehmen des kapitalistischen Marktes, die genau nach dessen Logik gearbeitet haben und ja auch arbeiten mußten. Und nach all dem, was ja eigentlich geläufig ist, und nicht nur unter Linken, kommt jetzt jemand wie W. Buchenberg und verkauft diese ranzigen reformistischen Fische aufs Neue! Dankeschön!

  3. 3 Lin Piao 22. Januar 2014 um 16:23 Uhr

    „Für mich heißt es: Ohne Kooperation mit allen Normalos erreichen die Linken nichts. Nichts Politisches, nichts Produktionsmäßiges, nichts Schönes. (…)
    Unter den gegebenen Bedingungen halte ich es für möglich, dass die „Normalos“ sich an die Beseitigung des Kapitalismus machen, und die Linken gucken zu und sagen: Bäh“

    Der Typ ist seinen Proletkult seit seiner KBW-Zeit offenkundig nie wieder los geworden.

  4. 4 Mattis 22. Januar 2014 um 20:23 Uhr

    Stellt euch vor, die „Normalos“ machen Sozialismus und keiner merkts.

    Zum Thema Genossenschaften hätte ich anzumerken, dass hier nicht nur die Gefahr des ökonomischen Scheiterns besteht, sondern dass auch im Erfolgsfall kein sozialistischer Fortschritt zu erwarten ist. Insbesondere deshalb nicht, weil recht viele kapitalistische Prinzipien gelernt und angewendet werden müssen, um so einen Laden am Laufen zu halten. Insofern ist das geradezu eine Schule für kapitalistischen Denken und Handeln.

    Es kommt hinzu, dass im Krisenfall der „freiwillige“ Lohnverzicht eingeübt werden muss und die Hochachtung vor Managern wächst, die es schaffen, „den Karren wieder aus dem Dreck ziehen“ und so fort. Am Beispiel der spanischen Mega-Genossenschaft Mondragon kann man das ja studieren. Dort gab es schon mehrere Lohnverzicht-Etappen, und es verdienen die Top-Manager bis zum 8-fachen des Basislohns. Ob die am Ende ihres Arbeitstages 8 mal so viel Anstrengung hinter sich haben wie die Kumpel von der Baustelle? Also auch Lohn-Hierarchien werden praktiziert und gerechtfertigt. Und wenn alles nicht reicht, gibt es natürlich auch bei Genossenschaften Entlassungen und Auslagerungen. Auch bei Mondragon war es so, was sonst.

    So wächst bei den Genossenschaftlern vor allem das Verständnis für „Probleme von Unternehmen in der Krise“ – und am allerwenigsten antikapitalistische Kritik.

    War auch hier schon mal dran, aber die Genossenschafts-Euphoriker ficht das alles nicht an.

  5. 5 franziska 23. Januar 2014 um 0:13 Uhr

    Die genannten Probleme, die von den Genossenschaftsbefürwortern allenfalls durch Flucht in „viel, gross, möglichst“ (als ob das nicht neue aufwerfen würde) nicht gelöst, sondern eher vernebelt werden, sind für mich Anlass, diesen Ansatz für eine „kommunalistische Strategie“ grundsätzlich zu verwerfen. Es muss freilich hinzugefügt werden, dass BEIDE „kommunalistisch“ inspirierten Vorschläge (sich vielfältig vernetzende Genossenschaften/Initiativen auf kommunaler Ebene (zB Bochumer Programm); Aufbau eines immer mehr selbsttragenden intern eigentumsfrei planenden, spätestens durch Eigentumsüberträge strikt marktunabhängigen radikal-ökologisch und bedürfnisorientiert produzierenden Gesellschaftssektors) noch andere Motive haben, es sind keine REIN strategisch begründeten Vorgehensweisen, die sich mit der Erwartung verbinden, so (oder NUR so) in einen gesellschaftsweit-eigentumsfreien Zustand („Kommunismus“) zu gelangen, egal wie der dann gestaltet ist. Kommunalisten ist das eben nicht egal, sie stellen die von ihnen befürwortete Strategie unter den Vorbehalt, auf IHR (dezentrales) Planmodell zuzulaufen.

    Bei Kommunalisten wie Wal Buchenberg (das ist nicht seine Wortwahl, er würde sie womöglich ablehnen – so wenig ist man derzeit zB im Marx-Forum verständigt) sind die Zusatzmotive offensichtlich der (ansonsten wegen ihres „Staatssozialismus“ heftig verworfenen) ML-Tradition entnommen:

    1. eine wie immer vage weiter aufrechterhaltene (Nah)Erwartung von regionalen „Verwertungskrisen“ (Wal bebildert das in seinen Blogbeiträgen unermüdlich mit statistischen Daten);
    2. eine andauernde (leider durch nichts begründete) Hoffnung, dass Krisen „Chancen“ (auf Revolte, Widerstand) eröffnen: Das Marx-Zitat ganz oben auf der Startseite des Marx-Forums steht dafür (die Individuen MÜSSEN, und das in Massen, geradezu revoltieren, sich der Produktionsmittel bemächtigen, werden massenhaft zur Verzweiflung gebracht, Agitation erübrigt sich da usw)
    3. eine von Lin Piao oben mE korrekt diagnostizierte ebenso unbegründete (eigentlich: gläubige) Idealisierung der Normalos, Lohnabhängigen, eigentlichen Produzenten, die so sehr viel mehr im realen Leben stehen als der immer Misstrauen verdiendene, sich insofern selbst misstrauisch beäugende linke Intellektuelle, der, beinah quasi gegen seinen Willen,
    4. irgendwie dann doch gebraucht wird, als teilnehmender und beratender (um Gotteswillen nicht arroganter) Beobachter oder Revolutionstherapeut (ich kenne keine positive Benennung von dessen Rolle).
    Eine seltsame Mischung aus Paternalismus und simultaner Selbstüberschätzung wie Selbsthass (womöglich wirklich das maoistische Syndrom) tritt einem da entgegen, mit all den. man möchte fast sagen, politischen Neurosen, in die es seinen Träger verwickelt.
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    Anm. Dass Neoprene von ihm erledigte Fälle offenbar immer neu erledigen muss, gehört vielleicht zu SEINEN Pathologien ;)
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    Vielleicht nicht pathologisch, aber dennoch ungut ist MEINE derzeitige Position hier: Mattis hatte den Verdacht vor kurzem geäussert, die kommunalistische Position sei womöglich nicht vortragsreif ausgearbeitet. In jedem Fall trifft das zu auf die dahinterstehende Theorie und daraus resultierende vollständige Kritik der vergleichbaren Gegen-Befunde/Kritiken, -Strategien, -Zieldefinitionen. Ökologie, Bedürfnis-Orientierung, „Ungleichzeitigkeiten-abbauend“ sind als Zwecke schlagwortartig benannt; es versteht sich, dass das so nicht stehenbleiben kann, wenn man darüber eine rationale und letztlich auch entscheidbare Debatte soll führen können.
    Es sind wesentlich diese bislang nicht hinreichend, bloss unzulänglich vage angedeuteten Begründungen, die zu den vordergründig plakativen „kommunalistischen“ Positionen hinzutreten und ihnen eigentlich erst einen vernünftigen (wenn sie sich denn halten lassen) Inhalt geben.
    Meine Beiträge hier hatten darum tendenziell einen rein illustrierend-vorwegnehmenden Charakter im Sinne von: SO würde (m)eine kommunalistische Position zu dem oder jenem in etwa lauten (Begründung folgt später).
    Ich denke, dass das bislang Geäusserte diesen Illustrations-Zweck erfüllt hat, und nur von so beschränktem Interesse sein kann wie ein solcher Zweck. Ab jetzt könnte ich mich vermutlich nur noch wiederholen. Das ist der Grund, warum ich mich mit solchen Beiträgen in eigener „kommunalistischer“ Sache ab sofort eher zurückhalte. (Ob das Marx-Forum ein für eventuell weiterführende Darstellungen geeigneter Ort ist, wird sich finden.)

  6. 6 klaus 26. Januar 2014 um 10:59 Uhr

    „Marx sah sogar in Aktiengesellschaften, die häufig bei Linken als die Verkörperung des „bösen“ Kapitals gelten, eine nützliche Übergangsform zwischen Kapitalismus und Kommunismus.“

    Marx hat auch den Kapitalismus und darin das Kreditwesen (zum Beipiel MEW 25 S. 457) als ´historisch berechtigt´ geweiht. Das dieser teleologische Quark einer ist, sollte eigentlich im Jahre 2014 klar sein.

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