MASCH: Rüdiger Mats Schlußbemerkungen

Die Planwirtschaft, die es vorher gab (die noch nicht marktwirtschaftlich refomierte) war auch nicht das Gelbe vom Ei. Die stoffliche Planung birgt also noch Potential, vorsichtig gesagt.

Ich versuche mal die Auflösung, es ist vielleicht keine, ein Problem bleibt. Um es kurz zu fassen: Ich meine, daß man da – ich meine das wirklich streng genommen – eine Wechselbeziehung hat, zwischen den hier schon mehrfach erwähnten schlechten historischen Ausgangsbedingungen, einer theoretischen Tradition, die ich in Teilen vielleicht anders einschätzen würde als Renate Dillmann, aber insgesamt schon auch sagen würde, da gibt es zumindest Stränge, die teilweise noch kommen aus der alten reichsdeutschen SPD, (Lasalle und diese Geschichten,) und einer politischen Praxis, die im Wesentlichen auf Herrschaftssicherung ausgerichtet war, daß sich diese Elemente wechselseitig verstärkten. Mit „wechselseitig“ meine ich, (wie kann denn ein Fehler die Ausgangsbedingungen verstärken) – die Ausgangsbedingungen waren Mangel und eine in weiten Teilen gegnerische Bevölkerung – und das bestimmte Elemente der Theorie beispielsweise die Bevölkerung in dieser mindestens skeptischen Haltung nur bestärken konnten, zumindest der praktische Ausfluß dieser theoretischen Position.

Angesichts der Zeit will ich noch mal kurz andeuten, was daraus meiner Ansicht nach politisch für Konsequenzen folgen. Ich habe ganz am Anfang schon mal gesagt, was kein Ausweg sein kann, das habe ich in anderen Kontexten so eher aus dem autonomen Umfeld oder so aber auch von Gegenstandpunktlern so gehört: Ist doch klar, wenn man Mangel hat, dann kann Kommunismus nicht klappen, und wenn man Leute hat, die Kommunismus nicht wollen, dann kann Kommunismus auch nicht klappen. O.k., habe ich mir dann gedacht, aber ist nicht gerade der Kapitalismus eine Gesellschaftsform die dafür sorgt, daß a) Leute nicht reich und glückselig werden und stofflicher Reichtum gar nicht in der Form vorliegt, um sie reich und glückselig zu machen und b) sorgt nicht die bürgerliche Gesellschaft gerade dafür, daß Leute, salopp gesagt, ein bisschen böde, etwas konkreter gesagt, nationalistisch, sexistisch, autoritätsgläubig und was weiß ich nicht werden?

Daß heißt, wenn das Vorhandensein von Überfluß und millionenfachen Vorhandensein von Edelkommunisten die Voraussetzung für Kommunismus sein sollte, befürchte ich, daß diesen Projekten nicht viel Erfolg beschieden sein wird.

Gleichzeitig konnte ich aber wenigstens andeuten, daß aber das Umgekehrte, daß der Mangel und die Gegnerschaft bei einer Minderheitenrevolution alles Falsche bestärkt haben, in der Theorietradition zumindestens der Bolschewiki, aber da gingen ja durchaus auch andere Traditionen ein, so daß man ja schon sagen muß, na ja, wie wäre denn eine zukünftige revolutionäre Bewegung dagegen gefeit?

Ich könnte es kurz machen und sagen, eine wirkliche Lösung habe ich nicht. Aber die Richtung, müsste meiner Ansicht nach zumindest sein, und das ist, wenn ich das Programm richtig gelesen habe, merkwürdig wenig vorkommt, ich glaube, daß das keine Frage der Seminartätigkeit ist, sondern ich glaube, daß eine ganz zentrale Frage, die erst einmal ganz unökonomisch klingt, die Organisierungsfrage ist. Ich nehme jetzt mal einen Old-School-Ausdruck: Das heißt die Bildung einer kommunistischen Partei. Ich will jetzt nicht unbedingt gleich einen Schriftführer wählen, oder so. Aber warum ist das so? Weil ich der Meinung bin, wenn man sich z.B. Informationsbeziehungen ankuckt, wie sie für eine zentrale Planung notwendig sind, wenn man sich Entscheidungsprozesse ankuckt, wenn man – wie ich – der Überzeugung ist, daß es auch im Kommunismus – und ich unterscheide ungern zwischen „Übergangsgesellschaft“ und „Kommunismus“, ich gehöre ja nicht einmal zu den Ältesten hier im Raum, aber trotzdem möchte ich sagen, mich interessiert in erster Linie die historische Phase, die ich noch erlebe. D.h. wenn ich eine Revolution machen wollen würde, oder machen könnte, dann hätte ich ein Interesse daran, daß die Übergangsgesellschaft schon so ist, daß ich sie Kommunismus nennen mag. Ich will nicht sagen, daß ich Atheist bin, aber ich glaube nicht, daß ich im Jenseits belohnt werde. Wenn das der Fall sein sollte, dann müsste schon die „Übergangsgesellschaft“ so sein, daß ich sie ziemlich gut finde, sonst hat das für mich sozusagen schon biologische Grenzen. Meinen Kindern wünsche ich natürlich auch alles Gute, aber irgendwo, bei den Kindeskindern, da hört dann meine Empathiefähigkeit auf. Das heißt, diese Unterscheidung (Übergangsgesellschaft – Kommunismus) finde ich nicht so wirklich überzeugend.

Ich meine deshalb, daß es auch im Kommunismus so etwas wie Interessengegensätze geben wird. Es gibt ja so Leute, die sagen, ja was denn, da gibt es doch „Techniker“, die entscheiden das alles, das ist sehr nah an dem, was Realsozialisten so gesagt haben. Wenn ich mir vorstelle, wo kommt ein Kraftwerk hin, dann vermute ich, daß das nicht allein eine Ingenieursfrage ist, sondern, daß das davon abhängt, was die Leute sagen, die daneben wohnen, die Leute, die da arbeiten sollen, müssen die weit fahren, müssen die wenig fahren. Überhaupt die Frage, ob mehr hergestellt werden soll oder weniger gearbeitet, das sind alles Sachen, die müssen politisch ausgehandelt werden. Und solche Aushandlungsprozesse kann man nicht am grünen Tisch entwerfen, und die sind auch nur begrenzt durch Satzungen abzusichern, sondern die müssen eingeübt werden, das hat auch was mit Gewohnheit und weichen Begriffen, wie Vertrauen oder so was zu tun. Und ich kann mir keinen Weg vorstellen, von einer sozialistischen Szene (sage ich jetzt mal vorsichtig), die zur Hälfte aus Universitätsseminaren und zur anderen Hälfte aus klandestinen Sekten besteht, ein irgendwie organischer Weg zu einer freien Assoziation führen können sollte, die tatsächlich in der Lage ist, eine Gesellschaft zu lenken. Und insofern glaube ich, daß man sich, wenn man irgendwie an solch einem Projekt wie Kommunismus festhalten will, man sich fragen muß, wie unter den widrigen Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft eine wirklich auf lange sicht ausgerichtete gesellschaftliche – und mit gesellschaftlich meine ich eigentlich weltgesellschaftliche – Organisation möglich sein sollte.


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