„Lincoln“, der Film vs. Der amerikanische Bürgerkrieg

Es ist eine recht traurige Sache, wie heutzutage noch die jämmerlichste Unterstützung vom Chefimperialisten Barack Obama durchgeht als beachtenswertes ja geradezu fortschrittliches Kunstwerk. Jedenfalls im Fall des jüngsten Spielberg-Films, wo er den angeblich linksradikalsten US-Drehbuchschreiber (das sagt schon viel aus über die heutigen USA), Tony Kushner, mit dem er schon früher zusammengearbeitet hatte, das Drehbuch schreiben ließ, um selbst aus der blutig kontroversen Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit ein Pseudo-Biopic zu machen, das ernsthaft das hohe Lied von Abraham Lincoln und vor allem der parlamentarischen Ränkeschmiedereien singt und es dabei schafft über eine Epoche von Auseinandersetzungen über den Stellenwert der Schwarzen in der US-Gesellschaft praktisch völlig ohne sie auszukommen. Ja, es ist kein Remake des berühmten rassistischen „Meisterwerks“ „Birth of a Nation“ von Griffith geworden, aber der paternalistische Touch, das der weise demokratische Reformer den Schwarzen gnädig ein Stückchen (mehr ja erst mal nicht) der „Freiheit“ zugesteht (gut auf den Punkt gebracht, wenn der radikale Abolitionist Thaddeus seiner schwarzen Frau die Urkunde mit dem Thirteenth Amendment der US-Verfassung überreicht, ehe sie zur Feier darüber dann ins Bett gehen), mehr Message hat der Film ja gar nicht.

Da kann man dann wie in der neuesten Herr-Keiner-Geschichte von Uli Schulte („Lincoln – das Hohe Lied von der Sklavenbefreiung“) andererseits eine Sicht lesen, die zum Teil noch desinteressierter ist an den damaligen Ereignissen und dies so auf den Punkt bringt:

„Also sah die gewonnene Freiheit für die Schwarzen in der Realität wie folgt aus: sich entweder einzureihen in das Heer der Arbeitslosen oder das einzig vorhandene Angebot anzunehmen, das Verpflegung und Sold versprach: als Kanonenfutter im Dienst der Unionstruppen ihren Dienst zu tun. Davon haben Hunderttausende Gebrauch gemacht, und zig-Tausende sind daran verreckt.“

Da stellt sich ja dann schon die Frage, warum die Zerschlagung der Radical Reconstruction, die nach dem Sieg im amerikanischen Bürgerkrieg, in dem immerhin fast 200.000 schwarze Soldaten mitgekämpft haben, in den ehemaligen Confederate States für einige wenige Jahre den Schwarzen massiven sozialen und politischen Wandel eingebracht hatte, dann von der Jim-Crow-Reaktion so gnadenlos zurückgekämpft wurde.

Und nebenbei natürlich auch die Frage, warum denn dann alle zeitgenössischen Revolutionäre, Karl Marx ist ja nur deren Berühmtester, so eindeutig für den Sieg des Nordens eingetreten sind, wenn es so offensichtlich Jacke wie Hose gewesen sein soll, ob die Schwarzen weiter Sklaven bleiben oder Lohnsklaven werden (und ein paar, wie die Frau von Thaddeus Stevens sogar Unternehmerin!). Und da muß man auch nicht wie die IKL in ihrer Filmkritik im Workers Vanguard vom 11.01.2013 gleich zum ehernen Gesetz des historischen Fortschritts greifen.

Als eine der lesenswerteren Rezensionen zum Film ist mir etwas von einem mir ansonsten reichlich suspekten Ex-„Trotzkisten“ (dem die alle zu „sektiererisch“ gewesen sind, und der sein Glück dann mit den Sandinistas und dem ANC versucht hat) aufgefallen: „Horse-Trading Versus Struggle Paternalism and Ass-Covering in Spielberg’s “Lincoln”

Eric Foner, („the leading contemporary historian[1] of the post-Civil War Reconstruction period“) hat nur knapp in einem Leserbrief an die New York Times angemerkt:
„Slavery died on the ground, not just in the White House and the House of Representatives. That would be a dramatic story for Hollywood.“
Auch James M. McPherson, der das Standardwerk über den Bürgerkrieg geschrieben hat „Battle Cry of Freedom: The Civil War Era“ , scheint Kushner und Spielberg nichts gegeben zu haben, obwohl sie ihn auch für das Projekt zu Rate gezogen hatten.

Ich werde mir jedenfalls lieber mal wieder „Glory“ reinziehen, den Film über Robert. G. Shaw und sein 54th Regiment Massachusetts Volunteer Infantry . Denzel Washington gefällt mir eh meist besser als Daniel Day-Lewis.


9 Antworten auf „„Lincoln“, der Film vs. Der amerikanische Bürgerkrieg“


  1. 1 Kein Herr-Keiner 07. Februar 2013 um 2:32 Uhr
  2. 2 Neoprene 07. Februar 2013 um 21:37 Uhr

    Ein paar Fundstellen, unkommentiert
    Die Kritik von Aaron Bady http://jacobinmag.com/2012/11/lincoln-against-the-radicals-2/ und die Antwort darauf vom Blogger Ross Wolfe http://rosswolfe.wordpress.com/2012/11/28/what-radicals/
    Kate Masur in der New York Times „In Spielberg’s ‘Lincoln,’ Passive Black Characters“http://www.nytimes.com/2012/11/13/opinion/in-spielbergs-lincoln-passive-black-characters.html?_r=2&
    Corin Robin: „Steven Spielberg’s White Men of Democracy“ http://coreyrobin.com/2012/11/25/steven-spielbergs-white-men-of-democracy/

  3. 3 bigmouth 08. Februar 2013 um 8:57 Uhr

    ja, uli schulte kann sich wohl wirklich nicht vorstellen (oder möchte nicht drüber reden, weil es seiner propagandistischen absicht zuwiderläuft) , dass es eine verbesserung der eigenen lebenssituation ist, wenn die eigenen familienmitglieder nicht mehr wie vieh verkauft werden. da wird freiheit von einem standpunkt aus kritisiert, der unglaublich viele aspekte von freiheit als völlig selbstverständlich vorraussetzt, und nicht als errungenschaften, die mal erkämpft werden mussten

  4. 4 bendeer 10. Februar 2013 um 21:40 Uhr

    wie kann man so ignorant gegen inhalte (der freiheit) sein.

    du feierst ab, lieber bigmouth, dass die leute die freiheit errungen haben. die freiheit selber über das eigene schicksal wählen zu dürfen. dass es die wahl zwischen pest und cholera ist, die sie nun treffen müssen, darüber schaust du geflissentlich hinweg.
    es ist dir offensichtlich egal. da siegt die abstrakte freiheit der entscheidung über die konkreten inhalte die zur entscheidung stehen.
    du sagst auch noch jedem kriegsopfer dass es froh sein kann, dass eine nato-bombe ihr haus getreoffen hat. sie kam nämlich im namen der freiheit und als beitrag zu einem leben in freiheit für zukünftige generationen.

    das ist ekelhaft ignorant gegen die bedürfnisse der menschen.

  5. 5 nurso 11. Februar 2013 um 22:01 Uhr

    „kann sich wohl wirklich nicht vorstellen (…) ,dass es eine verbesserung der eigenen lebenssituation ist, wenn die eigenen familienmitglieder nicht mehr wie vieh verkauft werden“

    Der Autobahnbau war seinerzeit auch für einige eine Verbesserung der „Lebenssituation“, deswegen würde bigmouth aber nicht auf das Lob faschistischer Freiheit kommen. Bigmouths „Lebenssituation“ ist also nur die Bebilderung seines Beschlusses zur schönen Vorstellung von Freiheit. Das sieht man auch an den

    „Errungenschaften, die mal erkämpft“

    wurden: Da löst sich Freiheit in bigmouths Wert auf, bei dem der Kampf dafür selbst schon wieder ein Argument sein soll. Weswegen Freiheit also gut sein soll, erfährt man nicht wirklich – das würde Freiheit als Messlatte nämlich ankratzen.

  6. 6 Herr Kirillov 26. Februar 2013 um 9:40 Uhr

    Tatsächlich warn die befreiten Menschen wahrscheinlich jeder einzelnen ehem. Sklavenhaltergesellschaft hinterher schlechter dran als vorher. Ein ziemlich schlechtes Argument für die Sklaverei bleibt das nichtsdestotrotz. Ein schlechtes Argument überdies, das auch von Sklavereifreunden wie George Fitzhugh gern gebraucht wurd.

    Dass das schlecht ist, das wird aber dem GSP und seinen Freunden wohl niemand erklären können. Schade!

  7. 7 Nestor 26. Februar 2013 um 19:10 Uhr

    Also, inzwischen hab ich mir den Film angeschaut.

    Ich verstehe die ganze Entrüstung von Neoprene, der in dem Film die „jämmerlichste Un­terstützung vom Chefimperialisten Barack Obama“ sieht – wie eigentlich? , – bis zum Herrn Keiner, der dem Film vorwirft, ein „Geschichtsfilm“ sein, – was denn sonst! – „dem nicht einmal andeutungsweise zu entnehmen war, was die wirklichen Gründe für den amerikanischen Bürgerkrieg und die Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten waren.“ In dem Film geht es nicht um Obama, nicht einmal um die amerikanische Außenpolitik – was soll diese komische Assoziation? Und was Keiner betrifft, so hat es zu Recht in unseren Kreisen immer als sehr schlechte Kritik gegolten, einer Theorie, einer Aussage das vorzuwerfen, was in ihr NICHT vorkommt. Damit gibt der „Kritiker“ kund, daß er zu der Sache selbst nichts zu sagen hat.

    In dem Film geht es in erster Linie um den Widerspruch, den sich die USA mit ihrem Gründungsakt geleistet hat. In der Unabhängigkeitserklärung heißt es ganz am Anfang: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights, that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.“ Das ist ein Widerspruch zur Aufrechterhaltung der Sklaverei.

    Lincoln war der Mensch, der diesen Widerspruch aufgelöst und mit seinem Leben bezahlt hat. Der miesepetrige Art von Herrn Keiner, der ihn nicht als „den Gewinner des amerikanischen Bürgerkriegs“, – der Gewinn für Lincoln selbst war mäßig, würde ich sagen – und keineswegs „als wahren Freund der Unterdrückten und Ausgebeuteten“ ansehen möchte, ist einerseits das erwähnen, was Hegel gegen die Kammerdienerperspektive in Anschlag gebracht hat: „Es gibt keinen Helden für den Kammerdiener; nicht aber weil jener nicht ein Held, sondern weil dieser – der Kammerdiener ist.“ (Phänomenologie)… „Ein welthistorisches Individuum hat nicht die Nüchternheit, dies und jenes zu wollen, viel Rücksichten zu nehmen, sondern es gehört ganz rücksichtslos dem einen Zwecke an.“ (Philosophie der Geschichte) Soviel zu Lincoln.

    Was die Frage von Freiheit und Sklaverei betrifft, so gibt es offenbar in der hiesigen Debatte eine Sichtweise, die vertritt, das sei ghupft wie gsprungen, weil kein Kommunismus. Der ist die Sichtweise der Hausangestellten Lincolns aus dem Film gegenüberzustellen, die meinte, ALLES sei besser als die Sklaverei.

    Die wird vermutlich gewußt haben, wovon sie redet. Und das ist keine Erfindung Spielbergs.

  8. 8 Neoprene 06. März 2013 um 13:25 Uhr

    Ein Kommentar von Facebook:

    „Da stellt sich ja dann schon die Frage, warum die Zerschlagung der Radical Reconstruction, die nach dem Sieg in den ehemaligen Confederate States für einige wenige Jahre den Schwarzen massiven sozialen und politischen Wandel eingebracht hatte dann von der Jim-Crow-Reaktion so gnadenlos zurückgekämpft wurde. Und nebenbei natürlich auch die Frage, warum denn dann alle zeitgenössischen Revolutionäre, Karl Marx ist ja nur deren Berühmtester, so eindeutig für den Sieg des Nordens eingetreten sind, wenn es so offensichtlich Jacke wie Hose gewesen sein soll, ob die Schwarzen weiter Sklaven bleiben oder Lohnsklaven werden (und ein paar, wie die Frau von Stephens sogar Unternehmerin!).“

    Sozialer Wandel – durchaus. Nur was für ein Wandel? Ich verstehe die Keiner-Geschichte gar nicht als Leugnung eines sozialen Wandels, sondern als die Charakterisierung dieses Wandels. Ja, die Sklaven wurden befreit – von der Sklaverei. Und was kam dann? Das Schicksal als Lohnarbeiter. Anders als in Europa mussten die Schwarzen gar nicht erst von den Produktionsmitteln ihres Lebens getrennt werden – sie hatten ja seit ihrer Versklavung schon keine mehr. Und nach der Befreiung durch Lincoln natürlich auch nicht. Deswegen ist es schon eine besondere Ironie der Geschichte, dass ein Karl Marx dem Lincoln einen Dankesbrief schreibt, ein Jahr bevor er im Kapital über Hunderte Seiten die gewaltsame Abtrennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln darstellt. Diese Abtrennung musste man in Amerika nicht mehr durchsetzen, weil sie der ganze Ausgangspunkt war. Es ist schon sehr interessiert, dass dann einseitig als „Befreiung“ darzustellen. Ob es nun Jacke wie Hose ist, ob man nun Sklave oder Lohnarbeiter ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war es für manche gut und für manche auf eine andere Art schlecht. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass es ein Versprechen an die Schwarzen war, frei & gleich zu den anderen Amerikanern ihre Nützlichkeit für die moderne kapitalistische Herrschaft unter Beweis stellen zu können.

  9. 9 Bernhard T. 27. März 2013 um 22:04 Uhr

    Zur Lektüre empfohlen: Nicht Kompromiss, sondern Bürgerkrieg zerschlug die Sklaverei. Lincoln.Filmrezension von Jacob Zorn, in: „Spartakist“ Nummer 197 (März 2013)
    http://www.spartacist.org/deutsch/spk/197/lincoln.html

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