Archiv für November 2012

Die „neue Marx-Lektüre“ – Wissenschaft als l’art pour l’art?

Schluß des Artikels „Wie Marx nicht gelesen werden sollte“ (kommt wahrscheinlich den meisten Lesern hier bekannt vor, 2008 hatte nämlich der GegenStandpunkt seine Kritik an Michael Heinrichs „Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie“ unter den Titel gestellt „Wie man „Das Kapital“nicht schon wieder neu lesen sollte“) von Johann-Friedrich Anders

„Gerade aber aufgrund der durch die zweite MEGA geschaffenen vielfach neuartigen Materiallage, die immer mehr als wissenschaftliche Herausforderung begriffen wird, bedarf die intensive Beschäftigung mit Karl Marx auch in heutiger Zeit keiner Rechtfertigung.“ Also der umfangreiche Nachlass von Marx ist es, der für die Wissenschaft eine Herausforderung darstellt. Und ich hatte immer gedacht, das Elend der Welt wäre die Herausforderung, und es empfehle sich, Marx zu lesen, weil mit seiner Hilfe am ehesten Aufklärung darüber zu gewinnen ist, wie sich diese „ganze alte Scheiße“ (Marx, MEW 3, S. 35) überwinden lässt.

Er ist in der Ausgabe 11 12 von trend ONLINEZEITUNG „nachgedruckt“ worden, ursprünglich ist er bei grundrisse – zeitschrift für linke theorie & debatte erschienen.

Nachtrag: Ich habe gerade gemerkt, daß contradictio schon vor einem Jahr auf den grundrisse-Text hingewiesen hatte. Und selbst trend hatte den Artikel schon in 2011 gebracht, damals übrig noch mit den vom Autor angesprochenen Kursivierungen, die jetzt leider flöten gegangen sind.

Ingo Elbe als einer der beiden Hauptadressaten in der Kritik von Anders, hat ihm auf der Seite der Roten Ruhr Uni geantwortet „Alte Marx-Lektüre – Bemerkungen zum marxistisch-leninistischen Backlash in der Marx-Rezeption

Peter Decker: … in eigener Sache

Die Schlußbemerkungen von Peter Decker bei der Veranstaltung zum Thema „Wie die Demokratie Protest unschädlich macht – Die Praxis des Demonstrationsrecht am Beispiel der Blockupy-Aktionstage in Frankfurt“ am 15.11.2012 in Nürnberg:

„Ein Nachtrag, der ein bißchen an Aktivisten des Demonstrierens hinredet. Es gibt unter den linken Organisationen eine ziemlich feste Meinung, daß Vorträge halten und Flugblätter produzieren und verteilen, Schriften produzieren und verteilen, daß das „Theorie“ ist. Das kann schon respektabel sein, aber es ist bloß „Theorie“. Demonstrieren ist „Praxis“, und zwar die Praxis.

Denen möchte ich gerne sagen, die heutige Besprechung der Demonstration als Mittel, für ein Anliegen Aufmerksamkeit zu erwecken, sollte ein bißchen gezeigt haben, daß diese Praxis – ohne daß ich jemandem deshalb den Vorwurf machen will, wenn er demonstriert, das ist nicht verkehrt – bedeutet, sich den Organen der Öffentlichkeit ausliefern, damit die was aus der eigenen Sache machen. Und die machen dann daraus, was sie wollen. Das ist unvermeidlich, das ist kein Fehler.

Dann sollte man verstehen: Praxis im Sinne eines politischen Kampfes um „Macht“, um die Fähigkeit, den Lauf der Dinge zu bestimmen, ist etwas ganz anderes als Demonstrieren. Wer das will, der muß an die Grundlagen der Macht gehen, der muß dran gehen, worauf beruht denn dieses Gemeinwesen? Das ist ein ganz anderes Feld. Letzen Endes ist das das Feld, wo die Arbeiterschaft den Reichtum dieser Gesellschaft produziert. Wenn die sich verweigern, das ist ein wirklicher Hebel, das ist ein wirkliches Mittel der Macht. Demonstrieren ist dann selber bloß das Demonstrieren von praktischem Willen. Das hat was, ja, und das soll man auch nicht leugnen. Es ist wie auf dem Feld des Theaters das Dementi, daß es bloße Meinung sei. Das ist nicht unrespektabel. Aber es ist doch bloß auf dem Feld des Theaters das Dementi, daß es bloße Meinung sei. Die sagen, Demo ist doch die Praxis! Reden ist Theorie, Demo ist Praxis! Jetzt will ich sagen, aber Leute, vergeßt bitte dabei nicht: Praxis ist bloß Demo! Und das ist nicht dasselbe als wenn ich sagen wollte, man soll nicht demonstrieren. Daß soll man. Aber man soll wissen, auf was man sich einläßt. Daß man da bloß ein Mittel hat, dessen fragwürdige Seiten wir heute durchgenommen haben, ein Mittel der Verbreitung eine kritische Auffassung betätigen, daß sich durchaus vergleichen muß mit: Was ist besser, 10 000 Flugblätter mit ein paar Argumenten oder 10 000 Demonstranten mit einer Parole? Da kann man für beides was anführen, aber man soll nicht so tun, daß das eine „Politik“ wäre und das andere „Theoriewichserei“.

Das jetzt an die – sind wahrscheinlich nicht da, wie immer – Aktivisten des Demonstrierens: Einfach mal überlegen: Ist das, was sie für die Praxis halten, ist das wirklich was anderes als auch nur ein Mittel, einen Standpunkt bekanntzumachen? Wem das klar ist, der ist dann auch bereit, praktisch die Vergleichbarkeit der Mittel ins Auge zu fassen und auch den Riesenaufwand, den es kostet eine nationale Demo irgendwo zu organisieren, ins Verhältnis zu dem Nutzen zu setzen, der damit verbunden ist. Das war jetzt mal hinzugesetzt von mir, von uns, das Moment des Praktischen an diesen Überlegungen.“

Zur Erinnerung, was die eigene Sache mal war:
http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/81/81_6/demo.htm

So deutlich haben das die Genossen in Frankfurt übrigens nicht vorgetragen, da klang das stellenweise so, als wenn die Demokratie es so hinorganisiert habe, daß das Demonstrationsrecht einem Demonstranten den Schneid per se unvermeidlich abkaufen müßte.

Kapitalismus vs. Demokratie Kongreß in Köln 30.11.-2.12.12

Schon mit einem kapitalen Fehler anfangend im Kongreßnamen will die die Linke.sds demnächst „in Köln die größte linke Konferenz dieses Jahres“ organisieren.
Außer den usual suspects aus ihrem eigenen Parteispektrum wie Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi werden auch nicht ganz so parteinahe Linke dabei sein wie Jutta Dittfurth oder Michael Heinrich und einige bekannte Softtrotzkisten wie Alex Callinicos und Sascha Stanicic, der die SAVler in der Partei die Linke mitanführt.

95 Jahre Oktoberrevolution. Nachtrag

Am 2. November 2012 hat der marxistische Autor und Journalist Dietmar Dath – von bürgerlichen Kritikern als „Lenin 2.0″ verspottet – in Berlin über die Oktoberrevolution geredet, so atemlos, daß manche darin nur einen poetry slam gesehen haben. (Den Videomitschnitt kann man sich bei YouTube ansehen, die links gibt es bei contradictio, bei ARAB kann man eine Kurzversion seines Textes lesen, der in zwei Teilen in der „jungen Welt“ erschienen ist, dort mittlerweile aber nur noch mit Online-Abo lesbar ist). Bei der Ladenveranstaltung hat sich jemand, der wohl ein Unterstützer der PSG ist, zum aktuellen Tiefpunkt antikommunistischer Hetze, Robert Service Buch „Trotzki Eine Biographie“, einen Beitrag gemacht.

Der Blogger systemcrash hat nun einen „Offenen Brief an die PSG“ von der RIO gespiegelt, in dem es heißt:

„zum 95. Jahrestag der Oktoberrevolution organisieren wir eine Reihe von Veranstaltungen, auf denen wir unter anderem eine Neuauflage der “Kopenhagener Rede” von Trotzki vorstellen werden. Dazu wollten wir den 1937 erschienenen Film “Vom Zar zu Lenin” zeigen. Uns hat es sehr überrascht, dass das führende PSG-Mitglied Peter Schwarz in einer Mail vom 6. November mit “juristischen Schritten gegen RIO und das Café Commune” drohte, weil der Film urheberrechtlich geschützt ist.“

Der Brief endet mit folgender

„Absage und Ankündigung

Da wir im Gegensatz zur Partei für Soziale Gleichheit weder einen Vorsitzenden haben, der Besitzer eines großen Unternehmens ist (SEP-Vorsitzender David North ist CEO einer großen Druckerei), noch jemals Geld von der Regierung von Muammar al-Gaddafi erhalten haben (das ICFI, die internationale Strömung von PSG und SEP, bekam ab Mitte der 70er Jahren über eine halbe Million Pfund von dieser Regierung, wie sie später selbst zugeben mussten); da wir unsere sehr knappen finanziellen Mittel ganz der Verbreitung der Ideen Trotzkis und nicht juristischen Auseinandersetzungen widmen möchten; da wir auf keinen Fall das Café Commune in Mitleidenschaft ziehen möchten, sehen wir uns leider gezwungen, die Filmvorführung abzusagen. Dafür werden wir die Neuauflage der Broschüre “Verteidigung der Oktoberrevolution” vorstellen und andere Filmausschnitte zeigen. Alle sind herzlich eingeladen!

95 Jahre Oktoberrevolution
Vorstellung der Neuauflage der Broschüre “Verteidigung der Oktoberrevolution”
Donnerstag, 15. November, 19 Uhr, Café Commune, Reichenberger Str. 157″

Fundgrube MSZ: Zum Tode Mao-Tse-Tungs

Anläßlich des obligatorischen aktuellen „Machtwechsels“ in der VR China, also der Auswechslung der führenden Kader von Partei und Staat, was dort so alle 10 Jahre organisiert wird, möchte ich hier einen alten Grundsatz-Artikel aus der MSZ hervorholen, der zum Tod von Mao Zedong im Oktober 1976 erschien. Er wird demnächst auch auf der Archivseite für die alten MSZ http://msz1974-80.net zu lesen sein.

Update: Der Artikel ist im Archiv jetzt hier online.

Hurricane Sandy: Beware of America’s disaster capitalists

„The prize for shameless disaster capitalism, however, surely goes to rightwing economist Russell S Sobel, writing in a New York Times online forum. Sobel suggested that, in hard-hit areas, Federal Emergency Management Agency (Fema) should create „free-trade zones – in which all normal regulations, licensing and taxes [are] suspended“. This corporate free-for-all would, apparently, „better provide the goods and services victims need“.

Yes, that’s right: this catastrophe, very likely created by climate change – a crisis born of the colossal regulatory failure to prevent corporations from treating the atmosphere as their open sewer – is just one more opportunity for further deregulation. And the fact that this storm has demonstrated that poor and working-class people are far more vulnerable to the climate crisis shows that this is clearly the right moment to strip those people of what few labour protections they have left, as well as to privatise the meagre public services available to them. Most of all, when faced with an extraordinarily costly crisis born of corporate greed, hand out tax holidays to corporations.“

Kommentar von Naomi Klein im Guardian am 6.11.2012