Archiv für Juli 2012

Rückblick auf „35 Jahre EG“ (GSP 1992)

Auf der MSZ-Archivseite msz1974-80.net, auf der nach und nach bisher noch nicht online zur Verfügung stehende alte Artikel von der Marxistischen Gruppe bzw. dem GegenStandpunkt veröffentlicht werden, kann man jetzt zwei Artikel aus den GegenStandpunkt-Heften aus dem Jahr 1992 zum damaligen Rückblick auf die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft entlang der Frage „Was ist „Europa“, was hat es vor?“ online lesen.

Was bedeuten Waffen in „Privat“-Hand? zwei Artikel

Die amerikanischen politischen Mitstreiter des Gegenstandpunkt von Ruthless Criticism haben nach dem jüngesten Massaker in den USA am 20.07.2012 in Colorado einen kleinen Grundsatzartikel zur Bedeutung des „privaten“ Besitzes von Feuerwaffen geschrieben: „Guns as a Bourgeois Freedom“ . Daneben/Dagegen möchte ich einen alten Artikel der trotzkistischen ICL stellen, die 1989 einen längeren Grundsatzartikel hierzu geschrieben hat unter dem Titel „The Revolution and the Right to Bear Arms“, nachzulesen online bei marxist.org. Er ist im Download-Bereich als Word-Version zu haben, und als PDF

Geschichten von Herrn Keiner: Fußball und Nationalismus

Ich möchte hier die Keiner-Geschichte über „Fußball und Nationalismus“ vorstellen, die vor kurzem (wie die meisten Keiner-Geschichten von Uli Schulte bisher auch schon) im Luxemburger „Tageblatt“ veröffentlicht wurde. Dieser Hinweis auf den ursprünglichen Veröffentlichungsort scheint mir deshalb wichtig, weil damit der Hinweis gegeben wird, daß der Adressat dieser Keiner-Geschichte – wie der anderen vorherigen auch – der normale Zeitungsleser ist, von dem wir wissen, daß er national gesinnt ist, das dürfte in Luxemburg nicht anders sein als in Deutschland. Deshalb wäre ein Vergleich der Ausführungen der Keiner-Geschichte mit anderen, systematischen Abhandlungen zum Gegenstand Nationalismus unangebracht. Eigentlich geht es „nur“ um die Frage, ob die Geschichte über „Fußball und Nationalismus“ einen Beitrag dazu leistet, den „normalen“ Zeitgenossen zum Nachdenken über seine geistigen Anpassungsleistungen zu bewegen. Denn ganz offensichtlich sind ja all die guten Argumente gegen das Einrichten in den herrschenden Verhältnissen, die ja schon reihenweise in allerlei Form vorliegen, zu den meisten Menschen (weder „hier“ im deutschsprachigen Raum, und erst recht nicht anderswo) noch gar nicht vorgedrungen, geschweige denn, daß sie sich davon hätten überzeugen lassen und sie sich zu eigen gemacht hätten. Mit den Geschichten des Herrn Keiner wird nun der offensichtliche Versuch gemacht, dieser mißlichen Lage etwas abzuhelfen. Deshalb sind alle Beiträge dazu, dieses Projekt voranzubringen, auf diesem Blog genauso willkommen wie beim Autor selber.

Zwei Tage nach der Niederlage Deutschlands gegen Italien bei der Europa-Meisterschaft im Fußball fand Herr K. in einer großen deutschen Boulevardzeitung eine bemerkenswerte Mitteilung über einen Mann, der den Lesern auf der ersten Seite des Blattes als „Verlierer des Tages“ präsentiert wurde. Dieser Mann war TV-Nachrichtensprecher, hatte einen italienischen Familiennamen und sich vor dem Spiel Deutschland-Italien den Zorn der Zeitung durch den einen kurzen Satz zugezogen, der da lautete: „Der Bessere möge gewinnen.“

Es war ferner zu lesen, dass der Nachrichtensprecher nach dieser Bemerkung körbeweise „Wutbriefe“ von deutschen Fernsehzuschauern erhalten hatte, was nicht nur auf das vollste Verständnis der Boulevard-Zeitung stieß, sondern diese dazu veranlasste, mit der Einordnung in die Rubrik „Verlierer“ noch eine eigene Schmährede nachzulegen. Als Begründung war zu lesen: „Beim Fußball hört der Spaß auf!“

„Moment mal“, sagte Herr K., „das ist nicht der ‚Fußball‘, den ich kenne und schätze. Denn diese mir bekannte Sportart wird einzig und allein aus Freude am Spiel betrieben, und die erzielten Tore entscheiden darüber, wer am Ende die bessere Mannschaft ist.

Doch offensichtlich gelten bei der Sportart, von der die Boulevard-Zeitung berichtet – andere Regeln. Hier geht es um den Fußball bei einer Europa-Meisterschaft, es geht um den Fußball als National-Sport, und an den Regeln dieser Sportart hat sich der TV-Sprecher versündigt. Für diese Sportart gilt ersichtlich nur die eine Regel, und die ist ebenso unsportlich wie voreingenommen: Nicht die bessere, sondern die eigene Nation hat zu gewinnen!“

Als Herr K. diese Worte sprach, wusste er, dass er sich damit gegen eine weit verbreitete Unsitte aussprach, den sportlichen Wettstreit zwischen den Nationen aus der Warte der eigenen Nation zu verfolgen und entsprechend parteilich Anteil zu nehmen. Er hielt das für falsch, zumal er immer wieder die Erfahrung gemacht hatte, dass der überall anzutreffende Nationalismus zumeist ohne jedes Argument auskam, sich also gar nicht die Frage vorlegte, ob dieses entschiedene Dafür-Sein gute Gründe auf seiner Seite hatte.

„Es wird so getan“, sagte Herr K., „als ob das etwas Naturgegebenes sei, immer entschieden für das Land zu sein, in das man zufällig hineingeboren worden ist.“

Deshalb gab er den Ratschlag: „Man tut gut daran, ein Spiel wie das Balltreten rein sportlich zu nehmen und die nationale Brille beiseite zu legen. Denn so hat man entschieden mehr vom Spiel, hat nicht nur den engen Blick auf die eigene Mannschaft, sondern kann seine Freude daran haben, dass auch die Spieler anderer Länder gut zu kicken verstehen. Man erspart sich zudem die schlechte Stimmungslage, die einen bedrückt, wenn die eigene Mannschaft ein Spiel verliert und dann womöglich vorzeitig aus einem Turnier ausscheidet. Denn rein sportlich gesehen“, fügte Herr Keiner hinzu, „ist ja überhaupt kein Unglück passiert, alles ging seinen spielerischen Gang: Am Ende hat einfach nur der Bessere gewonnen. Glückwunsch!“

Demokratische Massaker

Es gab im letzten Jahrhundert einige Massaker in demokratischen Staaten. In Deutschland bekannt der Berliner Blutmai 1929. In Frankreich ist das größte Blutbad am 17.10.1961 von Papon in Paris befehligt worden, vielleicht 200 algerische Einwanderer fanden den Tod, Tausende wurden verletzt. Der „Bloody Sunday“ 1972 in Derry hat es bis in die Popmusik geschafft. Das Massaker in Wien vor 85 Jahren hat solche Prominenz nicht geschafft. In der „jungen Welt vom 13.07.2012 erschien ein ausführlicher Gedenkartikel dazu.
http://www.jungewelt.de/2012/07-13/017.php

Geschichten von Herrn Keiner: Kritik an Israel

Die „Geschichten von Herrn Keiner“ von Ulrich Schulte gibt es ja schon eine Weile online (http://www.herrkeiner.com). Seit Kurzem auch als Buch, ich habe hier darauf hingewiesen. Das soll aber noch nicht alles gewesen sein, jedenfalls vom Autor, der weitere Geschichten nachgeschoben hat. Hier noch ein weiterer Beitrag zum ewigen Thema „Kritik an Israel“.

Kritik an Israel

Herr G., der befreundete Lehrer, kam zu Herrn Keiner, um mit diesem über die Reaktionen zu sprechen, die ein deutscher Dichter mit seiner Kritik an Israel ausgelöst hatte. Er sagte: „Das ist doch ein Unding! Da beteuert dieser Mann mit seiner Warnung vor einem Angriffskrieg gegen den Iran, dass er seine Kritik als guter Freund der Israelis verstanden wissen möchte, dass es ihm um die Erhaltung des Friedens in der Region gehe, doch das hilft ihm überhaupt nicht. Er wird postwendend des ‚Antisemitismus‘ bezichtigt, was soviel heißt wie: Mit den geäußerten Befürchtungen muss man sich erst gar nicht befassen, denn diese Kritik verdankt sich – so das vernichtende Urteil – einer rassistischen Feindschaft gegen das Volk der Israelis. Mit der Folge: Dieser Kritiker darf ab sofort das Land Israel nicht mehr betreten.”
”Ja”, sagte Herr K., „das ist eine üble Retourkutsche, und sie zeigt, dass hier, ohne auch nur eines der vorgebrachten Argumente zu prüfen und zu widerlegen, vom Standpunkt einer durch die gleiche Rasse verbundenen Volksgemeinschaft aus argumentiert wird, die auf ihren nationalen Zusammenhalt nichts kommen lässt. Negative Kritik kann daher nur ‚von außen‘ stammen, von solchen ‚Elementen‘, die als ‚Anti-Semiten‘ Feinde des israelischen Volkes sind. Deshalb reichte für diese Art Beweisführung schon der bloße Verweis auf die faschistische Vergangenheit des Dichters, um dessen Kritik an den Kriegsplänen Israels als Machwerk des Bösen zu denunzieren.

Doch zur richtigen Einordnung dieses Vorfalls”,so fuhr Herr Keiner fort, „möchte ich darauf hinweisen, dass der Staat Israel mit einer solchen Zurückweisung von Kritikern des Landes nicht alleine steht. Alle Staaten dieser Welt verstehen sich darauf, einer unliebsamen Kritik jedwede Berechtigung abzusprechen, und zwar mit der immer gleichen Argumentations-Logik, welche von der Selbstherrlichkeit der politischen Machthaber zeugt: Auch wenn sich die Bürger des eigenen Landes unangemessen kritisch äußern, sprechen diese nicht für sich selbst, sondern stehen im Dienst ‚volksfeindlicher Kräfte‘, deren ‚Hintermänner‘ immerzu in irgendeinem ‚feindlichen Ausland‘ verortet werden. So wurden zu Zeiten des Kalten Krieges radikale Kritiker im Westen als ‚5. Kolonne Moskaus‘, auf der Gegenseite – ganz spiegelbildlich – als ‚Agenten des CIA‘, also in beiden Fällen als Landesverräter dingfest gemacht.”

”Ihre Ausführungen leuchten mir ein”, sagte Herr G., „doch mir stellt sich die Frage: Sind diese haltlosen Argumente zur Bloßstellung unliebsamer Kritiker nicht allseits durchschaut? Und wenn ja, warum ist gerade im Falle Israels zu registrieren, dass sich jede Kritik an diesem Land nur sehr verhalten äußert, gerade so, als ob die Kritiker Angst davor hätten, als ‚antisemitisch’ geoutet und damit geistig in die Nähe der faschistischen Progrome gegen die Juden gerückt zu werden?”

”Diese Frage habe ich mir auch gestellt”, antwortete Herr K., „doch wenn man bedenkt, dass der Vorwurf des ‚Antisemitismus‘ dem gleichen geistigen Strickmuster folgt, wie auch in anderen Staaten mit störender Kritik verfahren wird – man denke nur an die Nachkriegs-Kampagne der USA gegen ‚antiamerikanische Umtriebe‘ – , so kann es keine Frage der Güte des Arguments sein, dass Israel mit dem Antisemitismus-Vorwurf so erfolgreich Politik macht. In Wahrheit kann sich das nur der Machtposition verdanken, die sich Israel im Nahen Osten erobert hat, und: Wie alle Welt weiß, ist das, was sich dieser Staat so alles an Freiheiten herausnimmt, nahezu uneingeschränkt von der mächtigsten Nation dieser Welt, den USA, gedeckt. So darf Israel wider jedes Recht fremdes Land besetzen, Atomanlagen in Staaten der Region zerstören, sich selbst mit Atomwaffen ausstatten – am Veto der USA sind noch alle Versuche anderer Staaten gescheitert, mit Hilfe der UNO diesem kriegsträchtigen Treiben Israels Einhalt zu gebieten.”

”Also liegt es dann auch wohl am Respekt vor diesen Machtverhältnissen, wenn die Kritik des Dichters in der deutschen Öffentlichkeit nur wenig Zuspruch fand.”
”Ja”, antwortete Herr K., „das sehe ich auch so. Moralisch wird die besondere Freundschaftsbeziehung zu Israel zwar immer mit der ‚Schuld der Vergangenheit‘ begründet, doch in Wahrheit wird in der Parteilichkeit der Medien für ihr Land nur das geistig nachvollzogen, was die Interessenslage der deutschen Außenpolitik vorgibt: Das Begehr, die Potenz der politischen Einflussnahme auf die Staaten des Nahen Ostens zu vergrößern, ist mit Aussicht auf Erfolg nur durch die enge Partnerschaft mit Israel zu realisieren. Und es liegt an eben dieser außenpolitischen Berechnung, dass jede Kritik, die Israel unnötig verärgert, in Deutschland völlig fehl am Platze ist.”

Geschichten von Herrn Keiner: Wahlen in Griechenland

Als Herr Keiner mit Freunden über den Ausgang der Wahlen in Griechenland sprach, sagte einer von ihnen: „Die griechische Bevölkerung hätte nicht der Illusion verfallen dürfen, ihr braves Wahlverhalten von den Oberen der EU honoriert zu bekommen. Erst lassen sich dazu erpressen, den konservativen EU-Freunden zur Macht zur verhelfen, dann bekommen sie von den zuständigen europäischen Politikern kurz und bündig mitgeteilt, dass von ihnen keine Nachsicht bei der weiteren Durchführung des verordneten Sparprogramms zu erwarten sei. An den Zielen des ‚Hilfsprogramms‘ für Griechenland”, so war zu lesen, dürfe ‚nicht gerüttelt‘ werden.”

”Das stimmt”, sagte Herr K, „doch dieses Beispiel zeigt einmal mehr, dass das Abhalten von Wahlen nicht zu dem Zweck erfolgt, den Unteren das Leben zu erleichtern. Bei jeder Wahl geht es um die Belange der Nation, und die Unteren sind in ihrer Eigenschaft als verantwortlich denkende Staatsbürger gefragt und nicht als Angehörige einer Klasse, denen von dem verordneten kapitalistischen Sanierungsprogramm übel mitgespielt wird.”

”Ja, das ist schon auffällig”, sagte ein anderer aus der Runde: „Man verlässt den Standpunkt des eigenen Interesses, wenn man sich im nationalen Interesse all die Probleme einleuchten lässt, die die auswärtigen Kreditgeber mit Griechenland haben. Dann leuchtet einem am Ende noch die Schuldzuschreibung ein, dass die Krise nicht das Ergebnis der Konkurrenz zwischen den europäischen Nationen, sondern ‚hausgemacht‘ sei und dass deshalb alle ihr Scherflein dazu beitragen müssen, diese nationale Notlage zu bewältigen. Da liebäugelt man als Wähler mit einer Linkspartei, die im nationalen Interesse gegen das auferlegte Spardiktat Einspruch erhebt, lässt aber auch wieder die Konservativen zum Zuge kommen, wenn die europäischen Aufsichtmächte damit drohen, das Land mit einer unbotmäßigen Regierung abzuschreiben und ins Chaos zu stürzen.”

Daraufhin sagte Herr K.: „All das zeigt, dass die Mehrheit der griechischen Bevölkerung schlecht beraten war, ihren Widerstand von der Straße weg ins Parlament zu verlagern und auf die politischen Parteien zu setzen, um eine Verbesserung ihrer Lage zu erreichen. Denn so geben sie die Möglichkeit aus der Hand, gegen die Verschlechterung ihrer sozialen Lage wirksam anzukämpfen.”

”Aber Herr K.”, meldete sich eine Gesprächsteilnehmerin zu Wort, „das sehe ich anders. Haben die vielen griechischen Demonstranten nicht deshalb ihre Hoffnung auf die Politik gesetzt, weil sie mit ihrem Kampf auf der Straße so gut wie nichts erreicht haben?”

”Ja”, sagte Herr K., „so scheint es auf den ersten Blick auszusehen. Doch in Wahrheit war der Kampf der griechischen Bevölkerung gegen die verordneten Sparprogramme immer zwiespältig: Zwar waren viele von ihnen radikale Gegner dieser Volksverarmung, aber sie kämpften zugleich auch als griechische Patrioten, die sich neben dem Ärger über die eigene soziale Lage auch immer wieder von der Notlage ihrer nationalen Gemeinschaft beeindrucken ließen. Dann war der Feind nicht mehr das marktwirtschaftliche System, wovon die eigene Regierung ein Teil ist, sondern die Feinde waren in erster Linie die auswärtigen Mächte, die die griechische Nation mit der entsandten ‚Troika‘ zu beherrschen suchten. Diese Zwiespältigkeit tat dem Widerstand der griechischen Bevölkerung nicht gut, und so ist es leider kein Wunder, dass die politischen Parteien im Land dies für sich ausnutzen konnten.

So hat die EU bei ihrem Kampf gegen die Krise”, wie den Zeitungen zu entnehmen ist, „vorübergehend eine ‚Atempause‘ bekommen, was sich von der gebeutelten Mehrheit der griechischen Bevölkerung nicht sagen lässt. Im Gegenteil”, sagte Herr K. „Die tut sich in Zukunft noch schwerer als bisher, unter den verordneten Lebensumständen über die Runden zu kommen.”