Herrschaftszeiten: Geschichten von Herrn Keiner

Ulrich Schulte hat schon seit einiger Zeit seine kleinen Lehrgeschichtchen in Anlehnung an Bert Brecht geschrieben und veröffentlicht (Der Titel lehnt sich an an die „Geschichten von Herrn Keuner. Nun hat er daraus auch ein Buch gemacht „Herrschaftszeiten: Geschichten von Herrn Keiner“
Statt eines Vorworts:

Herr Keiner verbrachte viel Zeit damit, Wissenswertes über die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erfahren. Das war nicht immer leicht. Denn das, was in Zeitungsberichten zu lesen oder in Reportagen zu hören und zu sehen war, befriedigte ihn nicht. Er sagte: „Man erfährt zu viel und lernt zu wenig.

Ich komme mir immer vor wie beim Blättern eines Fotoalbums. Ich sehe Bilder, die einen unermesslichen Reichtum zeigen, in einer Reihe mit Darstellungen bitterster Armut. Ich lerne Arbeits­plätze kennen, die ihren Mann nicht ernähren und sehe Be­hausungen, in denen man nicht wohnen kann. Ich sehe Leute, die nicht wissen, wie viel Geld sie haben und andere, die es dauernd zählen müssen. Doch was sollen alle diese Bilder, wenn keine Mühe darauf verwandt wird, sie zu sortieren und zu erklären? Wenn die Opfer von Naturkatastrophen in einer Reihe mit denen zu sehen sind, die ersichtlich auf das Konto der gesellschaftlichen Verhältnisse gehen. Es wird zu viel abgebildet und zu wenig nachgedacht“, sagte Herr K.

„Mich befriedigt nicht zu wissen, dass etwas passiert, ich möchte wissen, warum etwas geschieht. Ich möchte keine Personenbe­schreibung der juristisch Verantwortlichen, wenn wieder einmal Menschen in einem Zug, einer Massenparty oder beim Ölbohren zu Schaden kommen. Ich möchte die Gründe wissen, die solche Schäden hervorbringen. Vielleicht lassen sich Notwendigkeiten ermitteln, die in diesen Verhältnissen wie Sachzwänge wirken, welche die Verantwortlichen zu befolgen haben? Vielleicht haben die vielen menschlichen Katastrophen ein System, haben viel­leicht etwas mit der wirtschaftlichen Rechenweise zu tun, die das Leben in allen Ländern dieser Welt bestimmt?“

Herr Keiner beschloss, all diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Er nahm sich vor, das, was berichtenswert ist, nicht bis ins kleinste Detail zu veranschaulichen, nicht mit Faktenwissen zu überladen, sondern mit der Ermittlung der Gründe einer Erklärung zuzuführen.

Bei der Gelegenheit paßt natürlich auch ein Hinweis auf Bert Brechts Flüchtlingsgespräche, bei denen Brecht einen ähnlichen Ansatz verfolgt hat.


10 Antworten auf „Herrschaftszeiten: Geschichten von Herrn Keiner“


  1. 1 Neoprene 13. Juni 2012 um 11:35 Uhr

    Krim hat im Forum Kapitalismuskritik einen kritischen Kommentar zu Herrn Keiner geschrieben:
    „Was der Herr Keiner nicht verstehen will“

  2. 2 Christian Brüning 29. Juni 2012 um 20:19 Uhr

    Zahlreiche Geschichten machen aufmerksam auf einen Alltag, der von den Individuen zahlreiche Verrenkungen und Anpassungsleistungen verlangt, zu denen sie nur kommen, weil sie tatsächlich keine andere Wahl haben – auch wenn ihnen die hiesigen Strippenzieher von Staat und Kapital das täglich weismachen wollen. Diese Verhältnisse sind nicht bestellt – von niemandem: Einige wenige ziehen ihren Nutzen daraus, viel zu viele müssen für viel zu wenig Nutzen ärgerlich viel leisten. Herr Keiner räumt auf mit den dummen Gewohnheiten des Sich-Zurechtlegens und Gutfindens und veranlasst darüber, was wir täglich erfahren nachzudenken und möglichst richtige Schlüsse daraus zu ziehen.

  3. 3 geza 30. Juni 2012 um 11:38 Uhr

    Gegen ein kleines Missverständnis:
    Inwiefern haben die Leute „keine Wahl“ in dem, wie sich auf ihre Lebensverhältnisse beziehen?
    Zunächst einmal ist jeder darauf verpflichtet sich bei allem, was er praktisch vermag, bei jeder beschissenen Lebensregung an die Bedingungen zu halten, denen er unterworfen ist. Die Leute müssen arbeiten, einkaufen, sparen, Steuern zahlen. Das ist die „Realität“, in die sie sich praktisch fügen müssen. Darin haben sie tatsächlich keine Wahl.
    Ein anderes ist es jedoch diese „Realität“ – gegen alle Erfahrungen – als Mittel und Gelegenheit für das eigene Leben zu nehmen. Die positive Stellung wird den Bedingungen nicht gerecht, denen man unterworfen ist. Aufschlussreich finde ich da die Geschichte „Marktwirtschaftliche Klarstellungen“ von Herrn K.. Ein Arbeitsplatz ist nicht dazu da, dass man sich vom Lohn was schönes kaufen kann, das Sparbuch ist auch nur ein Umgang mit einem beschränkten Materialismus, weshalb es einiges an „Verrenkungen und Anpassungsleistungen“ bedarf, um an diesen Einbildungen ein Leben lang festzuhalten, aber das sagst Du ja selber.

  4. 4 Hinweis 10. Oktober 2016 um 10:12 Uhr

    Herr Keiner hält [mit guten Gründen!] nichts vom Umweltbewusstsein …
    http://www.herrkeiner.com/geschichten/herr-keiner-und-die-umwelt

    Die angestrebte nationale Unabhängigkeit in der Energieversorgung ist – neben der weltweiten Markteroberung bei Umwelt-Technologien – der Grund dafür, dass nun auch China und die USA in die Ideologien des ‚Umweltbewusstseins‘ eingestiegen sind.

    http://arguschul.net/Politik_Gesellschaft/Klimawandel.html

    http://ohnmacht.blogsport.de/2016/10/09/umweltschutz-fuer-imperialismus/#comment-107

    http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2004/2/gs20042c03h2.html

    Einen „roten Faden“ durch das ideologische Gestrüpp von Klimapolitik und Energiewende kann man hier verfolgen:

    http://www.argudiss.de/sites/default/files/doku/ankuendigung%28pdf%29/energiewende_hb_0313_gl.pdf

  5. 5 Öko_Aktüll 16. Oktober 2016 um 8:10 Uhr

    „Mit der Einigung auf den schrittweisen Verzicht auf klimaschädliche Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) hat die internationale Gemeinschaft vor der nächsten UN-Klimakonferenz im November ein wichtiges Signal ausgesandt. Die Vereinbarung, die von den Industriestaaten ein schnelleres Umsteuern verlangt als von Entwicklungsländern, kam am Samstag bei einer Konferenz in Ruanda nach einem nächtlichen Verhandlungsmarathon zustande. “

    http://www.stern.de/news/weltgemeinschaft-beschliesst-schrittweisen-verzicht-auf-fluorkohlenwasserstoffe-7103518.html

    Augenscheinlich geht es darum, a) bestimmte Industrie-Standards weltweit durchzusetzen, um die eigenen ‚innovativen‘ Produkte auf dem Weltmarkt abzusetzen; b) ist damit einhergehend eine Verpflichtungserklärung weltweit aller Staaten unterschrieben, darin den Maximen ihrer Führungsnationen Gefolgschaft zu leisten.

    Und das ist worin genau ein wichtiges Signal für die o.g. Novemberkonferenzen???

  6. 6 Enorm_Öko 21. Oktober 2016 um 9:58 Uhr

    Was sie mit „Ökologie“ meinen, das fasst sich so zusammen:

    „Um den europäischen Markt zu schützen, hatte die EU bereits Ende 2013 Antidumping- und Antisubventionszöllen über alle aus China importierten Solarzellen und –module zugestimmt und mit der chinesischen Regierung eine Preisbindungs-Regelung getroffen, nach der Solarprodukte zu einem festgelegten Mindestimportpreis (MIP) verkauft werden müssen. Mit geringem Erfolg – auch für Deutschland. Immer mehr chinesische Solarzellen- und Modulhersteller verabschieden sich aus dem vereinbarten Mindestabkommen, während europäische Produkte nach wie vor einem Mindestpreis unterliegen. Die Branche sieht sich in Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum beeinträchtigt.
    (…) ‚Inzwischen ist durch Analysen von Marktkennern wie IHS und auch dem EU-eigenen Joint Research Center (JRC) aufgezeigt worden, dass die Modulhersteller in Europa angesichts ihrer fehlenden economy of scale im Wettbewerb mit den asiatischen (nicht nur chinesischen) Herstellern nicht mithalten können. Die europäischen Hersteller müssen sich zu größeren Einheiten konsolidieren oder auf Nischen und/oder added value konzentrieren.‘ Eines dieser added values könnten die Solarstrom-Speicher sein. Das Potenzial ist zumindest groß: Von den 1,5 Millionen Häusern in Deutschland, die eine Solarstromanlage auf dem Dach haben, nutzen nach Angaben des Branchenverbandes erst 15.000 Speicher. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und die seit 2013 bestehende Förderung von Stromspeichersystemen beim Bau von Solaranlagen noch einmal bis Ende 2018 verlängert.“

    https://www.euractiv.de/section/energie-und-umwelt/news/deutsche-solarindustrie-im-ringen-um-den-weltmarkt/

    Gleichfalls enorm öko ist
    „Ein umweltschützerischer Irrsinn der besonderen Art:
    Emissionshandel. Das Recht auf Luftverschmutzung wird vermarktet, um die Emission von Klimaschutz zu stimulieren“
    http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2004/2/gs20042c03h2.html

    http://www.gegenstandpunkt.de/jourfixe/prt/2010/jf100111.html

  7. 7 Grünregieren 02. November 2016 um 7:43 Uhr

    Die grüne Kritik am der derzeitigen deutschen Klimapolitik fasst hier der Tübinger OB Palmer zusammen
    http://reinhardbuetikofer.eu/2016/07/06/das-ende-der-energiewende-meinungsbeitrag-mit-boris-palmer/

    Ein Beispiel für den Klimawandel:
    Äthiopien ist durch die stärkere Wucht von El Nino betroffen:
    http://www.natur.de/de/20/Wetterphaenomen-El-Nino-sorgt-fuer-Hunger-in-AEthiopien,2,0,1873.html

  8. 8 Hinweis 02. November 2016 um 8:56 Uhr

    Die Restriktionen am ‚Wachstumspotential‘ der Volkswirtschaft, die sollen gefälligst die anderen Länder beisteuern (z.B. Kohleabbau vermindern), wenn Deutschland schon nicht mehr den Markt für erneuerbare Energien bevorzugt für sich nutzen kann (sondern mit seiner ‚Eintreten für Klimaschutz‘ letztlich vor allem den Türöfner für erneuerbare Energie-Module aus China gemacht hat…)

    http://www.berliner-zeitung.de/politik/streit-um-klimaschutzplan-umweltministerin-hendricks-fordert-machtwort-von-merkel-25015972

  9. 9 Hinweis 02. November 2016 um 9:57 Uhr

    In Paris im letzten Dezember: Außer Spesen, nix gewesen;
    das sagt anscheinend Kanzleramtsminister Altmeier
    und verweist die Umweltministerin darauf,
    sie möge doch ihren eigenen Job besser ausführen …

    https://www.euractiv.de/section/energie-und-umwelt/news/klimaschutz-ohne-plan/

    Zum „Durchbruch“ in Paris im letzten Jahr …

    http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2016/1/gs20161c01h1.html

  10. 10 Elektroauto 02. November 2016 um 13:34 Uhr

    Die Chinesen nämlich wollen Weltmarktführer bei Elektroautos werden – und dafür sollen die weltweiten Autokonzerne ihnen technologisches Know-How übergeben:

    „Chinas Kader haben eingesehen, dass trotz Dutzender staatlich verordneter Joint Ventures chinesische Firmen beim Verbrennungsmotor technisch nicht aufgeholt haben. Audi, BMW und Daimler liegen vorne und eben nicht Geely, Chery oder Brilliance. Die Elektromobilität bietet eine neue Chance für China, Weltmarktführer zu werden – koste es, was es wolle.
    Im vergangenen Jahr wurden nach offizieller Zählung 331 092 Elektrofahrzeuge in China verkauft. Mehr als 90 Milliarden Yuan, umgerechnet zwölf Milliarden Euro, gab der Staat dafür an Subventionen aus. Derzeit zahlt Peking für ein Elektroauto aus chinesischer Produktion einen Zuschuss von etwa 8000 Euro. Und je nach Stadt können noch weitere Subventionen dazukommen.“
    (SZ vom 30.10.2016)
    Kein Wunder, dass sich der Vertreter der deutschen Automobilindustrie, der SPD-Mann Gabriel, so was nicht bieten lassen kann…

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