Archiv für Oktober 2010

[online] 28.10.10 | Berlin | Huisken zu: Thilo Sarrazin und seine Kritiker

Bei archive.org ist ein Mitschnitt verfügbar der Diskussionsveranstaltung zum Thema „Thilo Sarrazin und seine Kritiker: Dummheit und Gemeinheit der Debatte über deutsches Volkstum“ mit Freerk Huisken vom GegenStandpunkt als Referenten am 28.10.2010 in Berlin an der HU

Die Ignoranz des Spartakist zu Sarrazins Hetze gegen die Unterschicht

Was den Artikel im Spartakist zu Sarrazin inhaltlich so schwach macht, um es wohlwollend zu beschreiben, ist dessen komplette Ignoranz gegenüber Sarrazins massiver Hetze gegen die „undeutschen“ Deutschen der Unterschicht. Als wenn der „nur“ gegen Immigranten hetzen würde. Die zynische Verachtung, mit der Sarrazin ausgerechnet die Opfer der kapitalistischen Konkurrenz für ihre elende Lage verantwortlich macht, kommt im Spartakist überhaupt nicht vor.

Sarrazin stellt ja ohne weiteres fest, daß die Erfolge des deutschen Kapitals bei seiner dazu notwendigen Steigerung der Produktivität millionenfach frühere Arbeiter ins Heer der Arbeitslosen ausgestoßen hat, weil die nach dessen Kriterien für weitere Gewinne nicht mehr nötig oder gar unnütz sind. Sarrazin steht zwar nicht allein da, wenn er aus diesem Resultat der Profitmacherei, also etwas, was die zu verantworten haben, die sie überhaupt erst veranstalten und davon profitieren, einen Tatbestand macht, der den Opfern in die Schuhe geschoben wird: Aus der Feststellung des Kapitals, diese Millionen brauche ich nicht mehr, wird bei Sarrazin (et al.) die Behauptung, die sind nicht mehr brauch*bar*. Es wird also zu einer individuellen Eigenschaft der ins Prekariat Hinuntergestoßenen, daß sie ganz unten und nicht in der Mitte der Gesellschaft sind, wie sonst gerne beschönigend gesagt wird.

Und warum sind die Hartz-IVler unbrauchbar? Weil es ihnen an den Tugenden fehlt, die man zum Erfolg braucht. Den islamischen Immigranten spricht er, rassistischer Demokrat der er ist, gleich ganz ab, sich sowas überhaupt zu eigen machen zu können. Die gehören deshalb sowieso eigentlich rausgeschmissen/rausgeekelt. Dazu schlägt er sachgerecht vor, diesen Menschen, solange sie leider noch hier leben, ihr Leben so madig zu machen, wie es gerade noch geht. Seine zynische Kalkulation dabei ist: Wenn die Immigranten erst mal am eigenen Leib spüren, daß das Leben in „leistungslosem Wohlstand“ (man beachte, er redet hier von Hartz-IV-Geldern) genauso lausig ist wie in den Herkunftsländern, dann werden die schon „freiwillig“ wieder zurückgehen.

Bei den deutschen Armen ist er gnädiger, da meint er, mit etwas nachhelfen, könne man die, jedenfalls so viele, daß man diese Unterschicht hinreichend austrocknen kann wieder zu echten Deutschen machen. Denn was kennzeichnet die aus? All die schönen Sekundärtugenden, die schon immer deutsche Herrscher an ihrem Arbeitsvolk geschätzt haben: Fleiß, Strebsamkeit etc. Und was hat dazu geführt, daß diese eigentlich allen deutschen Menschen eigenen Tugenden bei der deutschen Unterschicht so verkümmert ist? Natürlich der Sozialstaat! Nur weil denen die Kohlsche Hängematte ermöglicht wurde, das Leben in „leistungslosem Wohlstand“ mit Hartz IV, hält es diese moralisch leider schwachen Subjekte davon ab, sich auch weiterhin zu allen Bedingungen dem Kapital anzudienen.

Deshalb ist Sarrazin ja auch ein Vertreter massivster „Förderung“ des Leistungswillens schon von klein an. Denn wenn man die Kinder von Arbeitslosen denen überläßt, dann werden aus denen ja wieder unnütze Esser, weil die eben leider grundsätzlich so „sind“. Dem kann man aber abhelfen, wenn man gleich von Anfang an gegensteuert: Zwangskasernierung aller Kinder, und damit eben auch und gerade der Unterschichtskinder in eine Ganztagesschule, wo man ihnen dann schon Mores beibringen wird (TV der Computerspiele können die dann vergessen, es soll wahrscheinlich dann dort eher so zugehen wie in einem amerikanischen Boot Camp). Und wehe, es gibt noch Eltern, die da nicht mitziehen. Denen muß rigoros zur Strafe auch noch das Harz IV-Almosen weggekürzt werden, auch unter das „Existenzminimum“. Nur als Erziehungsdiktatur kann Deutschland „deutsch“ bleiben, sonst nimmt die berüchtigte „spätrömische Dekadenz“ überhand und Deutschland geht, zudem zunehmend „überfremdet“ dem nationonalen Untergang entgegen! Und für die Erwachsenen ergänzt man das dann durch einen Arbeitsdienst, denn das diese Unterschicht für die richtige Recihtumsproduktion vom Kapital überflüssig gemacht und als überflüssig erachtet wurde, das ist ja gerade der Ausgangspunkt der „Reformvorschläge“ von Sarrazin.

Es sollte auffallen, daß ein Demokrat wie Sarrazin mit seiner Sicht aus deutsche Volk und seinen Vorschlägen, wie dem „Untergang Deutschlands“ Einhalt geboten werden könnte, so fürchterlich weit von dem, was Faschisten im Sinne haben, nicht weg ist. Schon Heinrich Himmler soll ja gesagt haben

“ Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland!“

(wobei recht unmißverständlich war, „frei“ in diesem Sinne ist jemand nur, wenn er ein durch und durch opferbereiter nationalsozialistischer Deutscher ist.) Jedenfalls war an manchem Konzentrationslager die Kurzform dieser Einschätzung zu finden: „Arbeit macht frei“. Diese geistige Nähe ist ja selbst selber eingefleischten anderen deutschen Nationalisten geläufig, am berühmtesten wurde da sicherlich Oskar Lafontaine:

„Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. […] Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

– 15. Juli 1982 im STERN zur Diskussion um den NATO-Doppelbeschluss (hier: gekürztes BILD-Zitat) (zitiert nach wikipedia)

Klassenstandpunkt und Kontonummer

Ab und zu legen sich politische Organisationen aus dem DKP-Umkreis blogsport-Blogs zu. Anfangs dachte ich ja, daß das Fakes sind (siehe diesen Beitrag), mittlerweile sind es so viele, daß das wohl schon immer falsch war. Auffällig ist, daß die Macher fast durchgängig keinen Wert auf Kommentare legen. Beim neuesten Blog dieser Szene Position, dem Magazin der SDAJ, ist wie zumeist die Kommentarfunktion auch gleich geschlossen worden. Als Ausgleich darf dann jeder gerne seine Kontonummer angeben, das scheint die Art der Kommunikation zu sein, die sie mögen.

Als Trost gibt es dafür markige Sprüche wie diesen von Rosa Luxemburg:

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass dieser Staat zerstört werden muss.

Anders als Cato hat Rosa Luxemburg ihr Ziel leider nicht erreicht und ich bestreite auch, daß es diesen SDAJlern gelingen wird, es ist ja schon zu bezweifeln, daß die das überhaupt wirklich wollen, so wie ihre Politik aussieht. Schließlich hält sich die DKP zu Gute, zu der Sorte Kommunisten zu gehören, „die sich nichts Gesetz- oder Verfassungswidriges hatten zuschulden kommen lassen“ (zit. nach UZ der Zeitung der DKP). Das stimmt ja sogar weitgehend, aber wofür spricht das?

SDS: Wer heute kürzt, zahlt morgen drauf!

Einer der bekannteren Vortragsredner des GegenStandpunkt hat mal am Beispiel der Studierendenbewegung aufgezeigt, daß demokratischer Protest immer im Gewand des Gemeinwohls daher kommt, um ja nicht partikulare Sonderinteressen anmelden zu müssen, die schon deshalb von der Staatsmacht und deren Öffentlichkeit abgebürstet werden, daß da nur wieder Egoisten zu Gange sind, die das Große, Ganze nicht zu berücksichtigen wüßten. Der Protest kommt dann daher leider regelmäßig mit Argumenten, daß der Ansprechpartner (Gegner wäre ja schon zuviel gesagt) sich mit dem Kritisierten selber schaden würde, seine ureigensten Ziele nicht mehr so gut erreichen könnte, wie mit dem, was man ihm alternativ ans Herz zu legen versucht.

Ein besonders schönes Beispiel für solches Denken in der Pose des unterwürfigen Andienens liefert jetzt der Sozialistisch-Demokratische Studentenverband dieLinke.sds Leipzig, der mit der Parole in den Protest der Studierenden interveniert:

Bildung ist mehr Wert! Wer heute kürzt, zahlt morgen drauf!

Das überlegen sich die Schavans & Co. schon selber, was für eine erfolgreiche Kapitalakkumulation notwendig ist, welche Investitionen sich rechnen und was fürs Wachstum rausgeschmissenes Geld ist. Jetzt sind die offensichtlich der Auffassung, daß dafür der Aufwand je Absolvent ihrer Hochschulen merklich verringert und die Zeit bis zu einem in der Wirtschaft einsetzbaren Absolventen merklich verkürzt werden muß.

Daß ausgerechnet einem sich als sozialistisch beschreibenden Studentenverband der Erfolg der imperialistischen BRD so am Herzen liegt, ist dann nur noch bittere Ironie.

Streifzüge/Krisis zur Nation

Statements von Autoren aus dem Krisis/Exit/Wertkritik-Umfeld sind normalerweise außerhalb meines Horizonts (dafür schätzt das Umfeld der Linkspartei z.B. Robert Kurz, den wohl bekanntesten Kopf dieser Richtung in letzter Zeit zunehmend mehr). Meine RSS-Sammelmaschine (RSSOwl, kann ich nur empfehlen) grast aber auch sowas mit ab, konkret die Streifzüge der Krisis-Leute.
So bin ich auf eine Wiederveröffentlichung aufmerksam gemacht worden, ein längeres Zitat aus einem schon 1995 veröffentlichten Buch „Biologismus – Rassismus – Nationalismus. Rechte Ideologien im Vormarsch“.

Da auf deren Webseite noch weniger diskutiert wird als sonst (man kann bei denen zwar die Artikel als RSS-Feed abonnieren, die paar Kommentare dort waren es ihnen vielleicht auch deshalb aber nicht mal wert, auch automatisch weiterverbreitet zu werden), bringe ich hier meinen Kommentar von dort nochmal:

Warum jetzt diesen doch schon in die Jahre gekommenen Text wieder hochholen? Warum fehlt da jeglicher Hinweis, was sich die Schreiber von damals mittlerweile dazu denken, wohlmöglich nachdem Dritte auch was dazu gesagt hatten, es vielleicht sogar kritisiert haben?

Was sollen einem Definitionen wie diese eigentlich sagen:
„Nation ist kein “für die Zukunft ein gültiges und zuträgliches Konzept menschlicher Kommunikation”. Seit wann geht es beim Hin und Her der Nationen um Kommunikation? Wer hat denn sowas ernsthaft je behauptet?

Bei manchen nicht gerade tiefschürfenden Erkenntnissen wie
“Nationen sind also geworden und können somit auch wieder vergehen. Sie sind nicht eherner Bestandteil der menschlichen Geschichte, sie sind Ausformung, nicht Voraussetzung geschichtlichen Wirkens.” frage ich mich ernsthaft, ob das nun ein lächerlicher oder doch ein ernst gemeinter Text war.

Stimmt die These des Zerfalls des Nationalstaats(konzepts) überhaupt, die da behauptet wurde:
“Die internationale Kapitalherrschaft hat heute alle nationalen Schranken relativiert, ja niedergerissen.”
Erleben wir nicht gerade in letzter Zeit ein enormes Wiederanziehen der nationalen Antagonismen selbst da, wo wie in der europäischen Union heilige Eide geschworen worden waren, daß sowas nun hinter uns liege? Gerade die Rettung des Inbegriffs von transnationalen Firmen, die Banken”rettung”, war doch ein durch und durch nationales Komnkurrenzunterfangen.

Von wegen “Auflösung der national orientierten Innen- und Außenpolitik!” “Festung Europa” wäre da doch eher angebracht als Charakterisierung (wobei es dabei ja noch nicht einmal die eine feste Burg gibt, wie man jetzt täglich sehen kann).

Und dann diese Einzeiler, die entweder aus Antagonismen oder aus Geleichsetzungen bestehen:
“Wann immer wir über die Nation nachdenken, stoßen wir auf den Staat. Er ist sie.” Daß das zwei paar Stiefel sind, hat die Autoren ja schließlich zu diesem Text veranlaßt. Dazu passt dann solcher Unsinn (der Pointe geschuldet?) wie
“Die Nation, die gibt es nur im Gefühl, sie ist eine Einbildung. Aber dieses Gefühl läßt einen nicht los.” Nicht mal die Autoren, möchte ich da fragen? Offensichtlich nicht, muß man betrübt wohl konstatieren. Es ist doch Stuß, wenn behauptet wird
“Nation ist die reale Fiktion, in die der Staat seine Bürger zwingt.” Wenn schon versucht zu zwingen. Und selbst dann ist das Verb falsch. Nationalismus ist eben eine Geisteshaltung und keine Lohnsteuerklasse, in die man als Staatbürger wie als Nichtstaatsbürger gleichermaßen gezwungen wird. Aber ganz so blöd sind die Autoren dann doch nicht, denn sie schieben dem Obigen gleich sein Dementi nach: “Aus dem Müssen der Unterworfenen muß jedoch ein Wollen werden.”

Selbst wenn sie das ausführen, bleibt es immer noch falsch:
“Sie ist das, was den Bürger freiwillig an den Staat binden soll. Das scheint der Vorteil gegenüber anderen Bezügen (Recht, Sitte, Moral) zu sein.” Recht ist völlig unabhängig von der Zustimmung der ihm Unterworfenen. Das galt in früheren Gesellschaften sowieso und ist in modernen Demokratien nicht anders. Es ist auch hier ein ewiges Indoktrinieren und Beschwafeln notwendig, damit die der jeweiligen Staatsmacht Unterworfenen das Recht auch als ihre “eigene” Moral internalisieren. Wie beim Nationalismus bedeutet dies für den Staat, daß die Menschen dann schon mal auf ganz eigenen Interpretationen bestehen, was denn nun national oder moralisch ansteht.

Auch die Gegenüberstellung “Alles Fremde ist ihm außen, und alles Äußere ist ihm fremd. Der Fremde hat daher draußen zu bleiben” ist falsch: Früher, in vornationalen Zeiten, da mögen die Anderen, die nicht dazugehören sollten, wirklich auch Fremde gewesen sein. Heutzutage in einer weltumspannenden erbitterten Konkurrenzwelt werden doch gerade die allzu bekannten Rivalen ausgegrenzt. So gut wie heute haben sich die verschiedenen Nationen doch früher gar nicht gekannt, die nationalen Unterschiede in den Sitten, Gebräuchen und Geschmäcker haben sich doch weltumspannend massiv eingeebnet. Das hat den Nationalismus der Konkurrenzler aber nicht grundlegend schwächer werden lassen.

Zufall oder »Zufall«? Junge Welt meets Ofenschlot?

Ofenschlot zieht manches mal aus ganz kleinen Sachen recht weitreichende Feststellungen, die anderen vielleicht beim Lesen en passant gar nicht auffallen. So ist ihm jetzt ein Artikel in der Wochenendbeilage der „jungen Welt“ aufgefallen/aufgestoßen. Denn anders als die „junge Welt“ interessiert ihn wirklich, um was es den im Artikel zitierten Kontrahenten Lenin und den Anführungsstrichelinkskommunisten gegangen ist. Unter dem Titel „Der Wert des Kompromisses“ macht er in Anlehnung an Amadeo Bordiga einige Ausführungen zum Thema, das mittlerweile so total von allen Reformisten diverser Richtung zugeschüttet wurde, daß die realen Probleme für Revolutionäre schon lange kein Thema mehr sind (vor allem natürlich nicht bei „junge Welt“ und derengleichen).

Ironischerweise ist Brest-Litowsk auch für einen anderen Blogsportler, den anarchistischen Blogger und Unterstützer des GegenSandpunkts NestorMachno schon mal vor kurzem ein Punkt bitteren Vorwurfs an die Bolschewiki gewesen.

Die Sache mit der Religion

Ich habe den Artikel zu Glaube, Religion und Kirchen „Die Sache mit der Religion“ aus Heft 2-2005 der Zeitschrift GegenStandpunkt im Format MS Word97 in DIN A4 jetzt bei meinen Downloads reingestellt.

Spartakist zu Sarrazin

Eigentlich stimmt mein Titel schon mal gar nicht: Der Leitartikel zu Sarrazin in der neuesten, erst recht spät herausgekommenen Herbstausgabe des „Spartakist“ (diesmal erst Oktober 2010, in den Vorjahren schon im September) wahrscheinlich gerade wegen den Schwierigkeiten, die die Trotzkisten der SpAD mit dem Thema hatten, hält sich erst gar nicht damit auf, was Thilo Sarrazin überhaupt so sagt, sondern kommt gleich auf den Punkt: „Nieder mit „Sparpaket“ und antimuslimischer Hetze!“. So lautet jedenfalls die Überschrift des Artikels.

Als wenn sie die Stalinisten von früher in ihrer Diffamierung der Trotzkisten noch übertreffen wollten, schreiben die Spartakisten einen Artikel, der als DIN A4-Ausdruck bei mir immerhin satte fünf Seiten lang ist, ohne auch nur ein einziges Zitat aus seinem Buch als seinem „Hauptwerk“ zu bringen. Als einziges Zitat von Sarrazin kommt überhaupt nur seine Hetze gegen muslimische Einwanderer vor, die „ständig neue, kleine Kopftuchmädchen produzier[en]“ (Lettre International, September 2009). Ansonsten reicht es den Spartakisten, von “ demagogischer Hetze“ zu reden, von einem „üblen Machwerk“, in dem Muslime zu „Sündenböcken“ abgestempelt werden, sein Zeugs ist „Müll“ oder „Dreck“. In den Mund nehmen darf man als Spartakist offensichtlich nur die linken demokratischen Konkurrenten von Sarrazin, so erinnert der Spartakist immerhin „an Lafontaines berüchtigte Chemnitz-Rede im Sommer 2005, wo er chauvinistisch über Arbeiter aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern herzog, dass „Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter ihnen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen““. Und richtig ausführlich kommen nur linke Kontrahenten im engeren Umkreis weg, so die Ex-Linkruckler von Marx21.

Erst nach Zweidritteln des Artikels kommt eine recht richtige und wichtige Passage zur aktuellen Sozialpolitik Deutschlands:

„Hartz IV bringt nicht nur die mörderische Verachtung der Bourgeoisie und ihrer politischen Handlanger denjenigen gegenüber zum Ausdruck, die ihr keine Profite bringen und die sie daher als „überflüssig“ ansieht, als „Kostenverursacher“, die die Profite schmälern. Vielmehr soll die Lage der Hartz-IV-Verelendeten noch unerträglicher gemacht werden. Einerseits als Abschreckung für diejenigen, die noch Arbeit haben, damit sie den Bossen dankbar sind und Lohnkürzungen und die Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen hinnehmen; und um andererseits die Hartz-IV-Empfänger selber dazu zu treiben, auch die miesesten Jobs anzunehmen. Als eine Form faktischer Zwangsarbeit droht die Zusammenstreichung selbst der Hungerbezüge, wenn ein Hartz-IV-Empfänger einen Job ablehnt, den das Jobcenter für „zumutbar“ hält. Jedes Jahr werden über 700 000 Menschen durch Ein-Euro-Jobs geschleust und so reguläre Arbeitsplätze zerstört und die Löhne nach unten getrieben.“

Letztlich drückt dies eine Desinteressiertheit an dem Programm von Sarrazin und Co. aus, die geradezu selbstmörderisch ist in ihren Konsequenzen. Denn daß Sarrazin sehr wohl anschlußfähig ist bei ganz normalen Demokraten dieser Republik, das sehen ja selbst sie:

„Laut einer Umfrage des Berliner info-Instituts unter 1024 Wahlberechtigten Anfang September gaben 36 Prozent der befragten SPD- und 43 Prozent der befragten Linksparteiwähler Sarrazin mehr oder weniger recht (47 Prozent der SPD- und 34 Prozent der Linksparteiwähler lehnten ihn ab).“

Erklären, geschweige denn widerlegen können sie da praktisch nichts, wie man aus ihrer hilflosen Pseudoerklärung ablesen kann:

„Diese Unterstützung entspringt der Logik des sozialdemokratischen Reformismus, der den Arzt am Krankenbett des Kapitalismus spielt. Das bedeutet, Schiedsrichter im Kampf der verschiedenen Gruppen von Bedürftigen um die immer armseliger werdenden Krumen vom Tisch der kapitalistischen Herrscher zu sein, bei dem einer gegen den anderen ausgespielt wird: „Ossis“ gegen „Wessis“, türkische Einwanderer gegen Ostdeutsche und gegen Aussiedler aus der Ex-Sowjetunion, Männer gegen Frauen usw. Damit werden zwangsläufig Nationalismus und Rassismus geschürt.

Solche Fragen wie die folgenden fallen jedenfalls den Spartakisten weder ein, noch wollen sie sie beantworten, wenn sie es denn überhaupt könnten:

• Türkische und deutsche Hartz IV-Empfänger sind dasselbe, Opfer einer betrieblichen Kündigung und Objekt sozialstaatlicher Elendsverwaltung. Aber nur erstere gelten als nicht integriert. Warum?

• Auch muslimische Bürger müssen Einkauf, Miete und Steuer in Euro begleichen, bei Rot an der Ampel halten und deutsche Gesetze beachten. Nicht integriert sein, geht das überhaupt?

• Bankiers und betuchte Bürger sammeln sich in Villen-Vierteln, Studenten in Studenten-Vierteln und Yuppies in Szene-Vierteln. Aber nur die Türken im Türken-Viertel heißen „Parallelgesellschaft“. Warum?

• Warum stirbt auch im demokratischen Rechtsstaat der Rassismus nicht aus? Was hat überhaupt die Biologie, eine Naturwissenschaft, damit zu tun?

BGE – Kein Königsweg zur Revolution

Peter Decker hat die Diskussion in Nürnberg zur Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) damit angefangen, ganz grundsätzlich was gegen auch dort vorgebrachte Argumente zu sagen, die es verteidigen, weil es die Bedingung der Möglichkeit für was ganz Anderes, Weitergehendes sei. Das hält er für einen großen und schon lange gepflegten Fehler vieler Linker. Er ist dann immer geneigt, denen entgegenzuhalten, „Ja dann fordert doch gleich das, was ihr eigentlich wollt!“. Er greift damit die Vorstellung an, man könnte und man müßte (erst) Umstände schaffen, in denen das Denken der Arbeiterschaft, die sich so hartnäckig partout nicht von den Linken von „ihrem“ Kapitalismus abbringen lassen, allein schon durch die dann entstandene Lage selber dazu führt, auf den „richtigen“ Pfad kommt, oder wenigstens auf einen besseren, als sie jetzt so drauf sind. Entweder die Lohnabhängigen nehmen (wie jetzt und hier) diese Wirtschaft, den Kapitalismus, weil sie freie Menschen sind und sich um ihre eigenen Interessen kümmern dürfen und nicht mehr Knechte wie früher sind, als ihre Chance, suchen ihren Erwerb in ihm und tun sich darüber all die Widersprüche gegen ihr materielles Interesse an, weil sie die Abhängigkeit vom erfolgreichen Geschäft, daß sie ja beschäftigen und bezahlen soll, anerkennen und an der Logik des Geschäfts weiterdenken.

Oder sie nehmen den Gegensatz dessen, wovon sie abhängen und was sie brauchen, zu ihrem eigenen Interesse zur Kenntnis. Dann haben sie keinen Grund mehr, Rücksicht auf den Erfolg des Geschäfts zu nehmen, dann haben sie keinen Grund mehr, sich dem unterzuordnen. Dann schaffen sie sich schon die Welt, die sie brauchen.

Aber zu sagen, ich suche mir einen Weg, wo ich die Mesnchen so hinmanörieren kann, daß sie dann sagen, ja jetzt könnten wir uns die Wirtschaft ja noch ganz anders aneignen, das paßt gemäß Peter Decker auf zwei Ebenen nicht:

1. Wer am Kapitalismus als seiner Lebensbedingung festhält, und nichts gegen sie ein zuwenden hat, der merkt auch, wie unverträglich sogar die Idee des Grundeinkommens mit dieser Wirtschaftsweise ist, und lehnt das BGE deshalb ab.

2. Und umgekehrt, wer sie nicht ablehnt und meint, Grundeinkommen wäre ja vielleicht verträglich, ist tatsächlich vielleicht irgendwann wirklich ein Anhänger einer Grundversorgung. Aber da ist noch lange nicht zu sehen, wieso das ein Sprungbrett sein soll zu: Dann will ich aber den Gewinn und das Geld überhaupt abschaffen. Ja, wieso eigentlich, wenn so jemand nur gelernt hat, Grundeinkommen ist das, was wir brauchen und was uns gut tut, warum soll denn das dann der Ausgangspunkt, der Grund für was ganz Anderes sein?

Es ist seit ewigen Zeiten ein Bedürfnis der Linken, sozusagen einen Königsweg oder – mit häßlichen Worten – der Manipulation zur Revolution zu suchen. Und den gibt es nicht und denn soll man besser auch gar nicht suchen.

Ein Hoch auf das Wachstum!

Auf FAZ.NET hat sich Georg Meck, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft sowie „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die aktuelle Riege der Wachstumskritiker vorgenommen und hält denen „Ein Hoch auf das Wachstum“ entgegen.

In schöner Mischung von Zynik und Optimismus nimmt er sich da die Prechts et. al. vor:

Wir vergiften die Atmosphäre, plündern den Planeten.“ So oder ähnlich gehört das zum Standardrepertoire aller Katastrophenpropheten seit dem Club-of-Rome-Aufschrei (“Die Grenzen des Wachstums“) vor bald 40 Jahren. Nun ist der Weltuntergang bisher gottlob ausgefallen, auch Wälder und Flüsse halten sich tapferer als befürchtet.

Leider ist es reihenweise beliebt, dem Kapitalismus vorzuwerfen, daß er in eine Katastrophe führen würde und ihm nicht vorzuhalten, daß er schon Tag für Tag eine Katastrophe ist. Insofern hat Meck es leicht, wenn er schreibt:

Die Welt ist schlecht. Die Welt ist ungerecht. Und alles endet böse. Ganz bestimmt.

Jedenfalls denkt (auch) er, daß mit dem bisherigen Ausbleiben des finalen Untergangs die Ausgangsdiagnose gleich mit hinfällig sei. Insofern denkt er da grundsätzlich nicht anders als Millionen von ehemaligen Realsozialisten, denen es auch gereicht hat, daß der Sieger der Geschichte nun eben der Kapitalismus ist und man sich dann nur darin einrichten kann und deshalb jegliche Grundsatzkritik verkneifen sollte.

Wie schön für jemand wie Meck, daß seine Zeitung in Deutschland erscheint. Seine Jubelmeldung:

Die Abgesänge auf die Marktwirtschaft waren voreilig, die Fabriken brummen wieder, Auto- und Chemieindustrie ziehen Deutschland aus der Krise, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst, die Menschen finden Beschäftigung, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen.

könnte er nämlich nur in einer handvoll Staaten des weltweit herrschenden Systems genauso rausposaunen.

Andererseits gebe ich zu, wo er Recht hat hat er Recht:

Sie bezweifeln, dass das BIP, die Summe aller Waren und Dienstleistungen, als Maßstab für Wohlstand taugt. Die Zufriedenheit der Leute werde nicht erfasst, wenden sie ein, was stimmt, aber nie der Anspruch war: Das BIP bemisst das Volkseinkommen, nicht das Volksglück

Nur, wieso ein Wachstum des Volkseinkommens sprich des Kapitals für und nicht gegen diese Welt sprechen soll, das bleibt er schuldig.

Geradezu ignorant bezüglich der systematischen Auswirkungen kapitalistischer Reichstumsproduktion formuliert er zynisch:

wer wollte den Hungernden und Ausgebeuteten in Afrika oder Asien die Möglichkeit nehmen, aufzuholen? Wie soll das Elend sich lindern ohne wirtschaftliche Dynamik? Es geht auch ohne Wachstum, Schluss damit, fordert dagegen eine wohlstandsverwöhnte Fraktion im Westen. Richard David Precht setzt sich offen dafür ein, das „künstlich befeuerte Wachstumsrad zum Stillstand“ zu bringen: „Ein Mehr an materiellem Wohlstand muss nicht sein und darf nicht sein.“ Was wohl der chinesische Wanderarbeiter dazu sagen würde? Oder der indische Bauer? Oder nur der Hartz-IV-Empfänger in Lüdenscheid?

Das seine wunderschöne „wirtschaftliche Dynamik“ genau dieses Massenelend sowohl voraussetzt als auch perpetuiert, das würde er als Argument nie und nimmer zulassen.

Es ist ja nicht so, daß unser welterfahrener Journalist weltfremd wäre, er sieht schon auch, was sein Wachstum so Alles produziert:

Überfischte Meere, Lecks auf der Bohrinsel, die bildungsferne Unterschicht, trostlose Talent-Shows, die Abholzung der Regenwälder – alles verrühren die Wohlstandskritiker zu einer trüben Suppe: Schuld ist im Zweifel die „Ökonomisierung“, die „Gewinnmaximierung“, die angewiesen ist auf Wachstum.

um dann geradezu irre ausgerechnet das als Lösung anzubieten, was die von ihm ja gar nicht bestrittenen Scheiße erst hervorgebracht hat: Noch mehr (Kapital-)Wachstum!

Sozialdarwinismus pur oder doch lieber light?

Auch ein stalinistischer zynischer Wüterich wie „Stanislaw Hirschfeld“ findet manchmal ein Korn der Wahrheit, vor allem, wenn es so offensichtlich ist, wie in diesem Fall. Vor allem aber, weil er, im Gegensatz zu mir, offensichtlich noch die Zeitung der DKP „Unsere Zeit“ liest. Da ist er auf den Artikel „Erschreckende Ergebnisse“ über eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gestoßen, die offensichtlich SPDler wie DKPler überrascht und tief bewegt hat:

„Fazit: Von einer Links-Entwicklung im Land sind wir weit entfernt. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung sieht „wichtige Signale für ein Driften nach rechts“. Der Studie ist nicht nur eine starke Verbreitung zu wünschen. Mit den Ergebnissen muss sich auch die DKP befassen, um entsprechende Schlussfolgerungen für die politische Arbeit in den verschiedenen Politik-Bereichen zu ziehen.“

Wie Stalinisten schon sehr früh auf sowas reagiert haben, kann man der berühmt/berüchtigten „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes – Proklamation des ZK der KPD, 24. August 1930″ entnehmen, die man z.B. hier online nachlesen kann

Hirschfeld hat jedenfalls mit folgendem öffentlichen Brief/Leserbrief geantwortet:

Sehr geehrte UZ,

kaum hat man’s dank einer Umfrage mal wieder schriftlich, was in den Köpfen der Deutschen so vorgeht, denkst Du Dir sowas:

„Von einer Links-Entwicklung im Land sind wir weit entfernt.“

Huch, welch‘ Überraschung! Fällt Dir in der Wüste auch spontan ein, daß „wir“ „uns“ gerade nicht direkt in der Nähe fruchtbaren Ackerlandes befinden? Und was treibt Dich eigentlich dazu, der Studie eine weite Verbreitung zu wünschen? Willst Du etwa den Millionen Nazis die Sorge um etwaige Isolation nehmen? Keine Angst, die wissen nur zu gut um ihre Hegemonie, das haben Kanaillen wie Seehofer, Sarrazin oder Westerwelle denen doch schon ohne Ende verdeutlicht, indem sie bekanntgaben, wen man in seiner Freizeit mit einem Pogrom überraschen darf: Antideutsche Kanacken und asoziale Arbeitsverweigerer immer gerne, Juden erstmal besser nicht, denn die gehören aus Gründen der Imagepflege zum Abendland, jedenfalls solange, bis die Sache mit den ehemaligen Alliierten und diesem einen Staat im Nahen Osten zur Zufriedenheit der Volksgemeinschaft geklärt ist.

Sei mal realistisch,
Dein Genosse Hirschfeld

PS: Hast Du Dich wirklich erschreckt, als Du die Zahlen gelesen hast? Wovor denn? Das hier ansässige Volk könntest Du besser kennen.

Karl Held zu Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie

Es hatte mal jemand Karl Helds Einleitung zu Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie (Hamburg 1972) gepostet. Dieser OCR-Scan war aber etwas wüst geraten, ich habe die Zeilenumbrüche deshalb nochmal überarbeitet. Das hätte ich schon lange tun sollen, aus gegebenem Anlaß passierte es eben erst jetzt (Der Text ist immer noch nicht ganz astrein, mir fehlt aber das Buch, um die letzten Fehler noch ausbügeln zu können).

EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise setzen sich hinter dem Rücken der Produzenten durch: An die Stelle bewußter Gestaltung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses treten die verselbständigten Bewegungen der Waren und des Kapitals, das Wertgesetz. Die Bildung des gesellschaftlichen Bewußtseins der Menschen vollzieht sich an den Erscheinungsformen, die ihnen in ihrer alltäglichen Praxis gegenübertreten: Sie handeln unter den Zwangsgesetzen der Konkurrenz und erliegen – zunächst – deren Schein.

Die historische Entwicklung des Kapitalismus erzeugt auf Grund der Formbestimmungen der kapitalistischen Produktion jene Teilung der körperlichen von der geistigen Arbeit, die dazu führt, daß die «geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses» den Arbeitern «als fremdes Eigentum und sie beherrschende Macht» gegenübertreten. Diese Trennung der geistigen von der materiellen Produktion wirkt sich auch auf die sozialistische Bewegung aus: Das Kapital erzeugt im materiellen Produktionsprozeß das Proletariat als seine eigene Negation, bildet es zur Klasse heran, die in der Lage ist, das Kapitalverhältnis aufzuheben. Im Bereich der geistigen Produktion erzeugt es seine theoretische Negation: Die widersprüchliche Entwicklung der bürgerlichen Philosophie und Wissenschaft konnte durch die Arbeit der Klassiker in die theoretische Analyse der kapitalistischen Gesellschaft umschlagen und den wissenschaftlichen Sozialismus hervorbringen. Die Existenz der revolutionären Klasse ermöglichte die Ausarbeitung der revolutionären Theorie. Das Verhältnis von Arbeiterbewegung und wissenschaftlichem Sozialismus bildet seitdem einen zentralen Gegenstand der Auseinandersetzung in allen Organisationen, die sich die Zerschlagung des Kapitalismus zur Aufgabe gemacht haben.

Es gibt kaum eine Diskussion innerhalb von revolutionären Bewegungen, in der nicht die eine Seite der anderen den Vorwurf der falschen Behandlung des Verhältnisses von Theorie und Praxis gemacht hätte. Zitate finden sich in hinreichendem Maße für den der Theorie wie der Praxis; sie wurden ausgekramt und der Gegenseite an den Kopf geschleudert. Meist münden sie in Aussagen über die Potenz des Proletariats ein: Das LENINsche Diktum vom Proletariat, das aus seiner eigenen Erfahrung der Widersprüche des kapitalistischen Produktionsprozesses nur ein tradeunionistisches Bewußtsein entwickeln könne, wird je nach Bedarf aufgegriffen oder fallengelassen. Will man die Relevanz der sozialistischen Intellektuellen und ihre Tätigkeit für den Kampf der Arbeiterklasse hervorheben, hält man fest an der These, daß das sozialistische Bewußtsein von außen in das Proletariat getragen werden müsse. Glaubt man einen „Seminarmarxisten“ zu entdecken, wirft man ihm vor, die „revolutionäre Praxis“ bedürfe seiner intensiven Beschäftigung mit MARX nicht, der Praxis nämlich gebühre die Priorität.

Nun beruht das Handeln der Menschen im Kapitalismus, wie eingangs angedeutet, gerade auf der Bewußtlosigkeit bezüglich der gesellschaftlichen Prozesse, die ihm zugrunde liegen. Revolutionäre Praxis als Praxis, die die Aufhebung des Kapitalismus zum Ziel hat, muß aber dessen Bewegungsgesetze zum Ausgangspunkt nehmen, darf nicht bloß Reaktion auf die unmittelbare Erfahrung sein. Die Überlegung, was denn nun der Grund für die erfahrenen Widersprüche sei, muß also, will man revolutionär handeln, der Aktion vorausgehen: Revolutionäre Theorie ist konstitutiv für revolutionäre Praxis. Die Analyse des Bestehenden liefert die Strategie für den Kampf. Hierin liegt die Berechtigung für LENINS vielzitierten Satz: «Ohne revolutionäre Theorie kann es keine revolutionäre Praxis geben.» (mehr…)

Karl Held ist gestorben

Was ich schon seit Tagen befürchtet habe (denn unter den Referern des Blogs gab es zuletzt mehrere Suchen dazu) ist nun doch wahr geworden:

Karl Held, einer der schon wegen des berühmten Konkret-Kongresses in 1993 wohl bekanntesten zentralen Wortführer schon der früheren Marxistischen Gruppe, dann des GegenStandpunkts, ist gestorben. Ich vermute nach langem schweren Leiden, jedenfalls habe ich in die Richtung schon vor einiger Zeit Vermutungen gehört.

wikipedia gibt den 11. Oktober 2010 als seinen Todestag an.

Update: Der Tod von Karl Held wurde mittlerweile durch Theo Wentzke bestätigt. Er hat als korrekten Todestag aber den 9. Oktober 2010 angegeben.

Möge die Erde ihm leicht werden.

(Diesen Grabspruch habe ich erst vor Kurzem auf einem alten römischen Grabstein in Köln gesehen)

Marx-Herbstschule – III. Band des Kapital 29.-31.10. 2010 Berlin

Ich habe es über TOP-Berlin mitgekriegt:

Marx-Herbstschule – III. Band des Kapital
29.-31.10. 2010 Berlin

Die Herbstschule geht dieses Jahr in die dritte Runde. Und es gibt den dritten Band des Kapitals. Die Schule richtet sich vor allem an Interessierte, die bereits einen Einstieg in Marx’ Kapital hinter sich haben. Da wir aber die AGs nach unterschiedlichen Vorkenntnissen einrichten, ist sie auch für Teilnehmer/innen mit wenig oder keinen Vorkenntnissen offen. Zudem wird es diesmal parallel eine eigenständige AG “Einführung in den ersten Band“ geben.

Der sog. Finanzkapitalismus mag geschichtlich gesehen eine besondere Phase des Kapitalismus unserer Zeit sein. Gleichwohl ist er im Begriff des Kapitals enthalten, d.h. in der Funktions- und Wirkungsweise seiner Kategorien, insbesondere im Banken- und Kreditsystem, im Zins, im Aktienkapital und fiktivem Kapital. Und ausgerechnet Karl Marx, zu dessen Zeit der Kapitalismus angeblich ein (ganz) anderer gewesen sein soll, hat diese Dynamik bereits behandelt – im dritten Band des Kapitals. Nachdem er im ersten Band die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise entwickelt und diese Produktionsweise im zweiten Band in ihre Zirkulationskreisläufe auseinandergelegt hat, betrachtet er im dritten Band den Gesamtprozess des Kapitals.

Das Rahmenprogramm der Herbstschule ist in diesem Jahr ebenfalls ganz auf den dritten Band und seine Aktualität ausgerichtet. Am Freitag gibt es eine Einführung von Ingo Stützle, am Samstagabend eine Podiumsveranstaltung im Festsaal Kreuzberg zur aktuellen Situation 2 Jahre nach Ausbruch der Krise, und am Sonntagvormittag wird dann Fritz Fiehler die internationale Diskussion zur Finanzkrise vorstellen.

Die Veranstaltung findet – wie in den letzten beiden Jahren – in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt (Franz-Mehring Platz 1, 10243 Berlin, 1. OG). Für die dreitägige Schule, inklusive Abendveranstaltung und Catering erheben wir einen Unkostenbeitrag von 10 Euro, den wir am Freitag Abend vor Beginn der Marx-Herbstschule gerne einsammeln würden.

Wenn Ihr Euch anmeldet wollt, dann schreibt eine Email an herbstschule@top-berlin.net. Die zu lesenden Textstellen, das komplette Herbstschulenprogramm und weitere Infos findet Ihr unter http://www.marxherbstschule.net.

Wir freuen uns auf die Schule!

die Organisatorinnen der Marx-Herbstschule

*Helle Panke Berlin *

*Rosa-Luxemburg-Stiftung *

*Top B3rlin und Ums-Ganze!*

*Marx-Gesellschaft e.V. *

*Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition*

Neben Sabine Nuss (von der RLS) könnte man am Samstag bei denen auch wieder mal Robert Kurz hören, er wird bei der Podiumsdiskussion teilnehmen. Aber auch andere, die im Dezember beim UG-Kongreß dabei sein werden, sind bei dieser Marxschule auch schon dabei.

David Harvey’s Kapitaleinführung demnächst auf deutsch

Per Zufall (über die Referenten des anstehenden UG-Kongresses) bin ich darauf gestoßen, daß jetzt im November bei VSA die deutsche Übersetzung von David Harvey’s Einführung ins Kapital erscheinen wird:

Marx »Kapital« lesen: Ein Begleiter für Fortgeschrittene und Einsteiger [Broschiert]
David Harvey (Autor), Christian Frings (Übersetzer)
Preis: EUR 24,80

Update: Ich habe mir leider sagen lassen müssen, daß das Buch doch noch nicht fertig ist und es im Augenblick so aussieht, als ob das vor Mai 2011 wohl nicht wird erscheinen können. Schade eigentlich.

aus dem Ankündigungstext von VSA:

Die größte Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression und der Versuch, die Ursprünge dieses aktuellen Dilemmas zu verstehen, hat das Interesse an Karl Marx‘ Werk – quer durch die politischen Lager – beträchtlich ansteigen lassen.
David Harvey, marxistischer Humangeograph und Sozialwissenschaftler, forscht und unterrichtet seit fast 40 Jahren zum »Kapital«. Hervorgegangen aus seinen Vorlesungen zur Kapitallektüre, denen große internationale Aufmerksamkeit zuteil wurde, zielt dieser Band darauf, die Substanz dieser Lektionen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Das »Kapital«, Band 1, vollständig zu erschließen und es in Marx‘ eigenen Begriffl ichkeiten verständlich zu machen – das ist das Ziel von David Harvey. Seine Darstellung richtet sich zum einen an Neu-LeserInnen von Marx, die einem faszinierenden und zutiefst lohnenden Text begegnen. Denjenigen wiederum, die bereits mehr oder weniger intensiv in Marx‘ Werk eingestiegen sind, bietet sein Wegweiser originelle und kritische Interpretationen eines Buches, das den Lauf der Geschichte geändert hat und sich, wie Harvey zu verstehen gibt, erneut anschickt, dies zu tun.

Ich hatte hier schon auf seine Vorlesungsmitschnitte zum Thema hingewiesen.

Aus der Serie „Traurig aber wahr“: Sabine Nuss zum Eigentum

Auf dem Blog von Straßen aus Zucker wird auf ein kleines YouTube-Videoschnipsel von leftvision hingewiesen:

Sabine Nuss zum Begriff des Eigentums [Diskurskombinat]

Natürlich kommt zum Schluß (also schon nach 4:17 Minuten, es ist wie gesagt nur ein Schnipsel) die obligatorische Frage nach der „Alternative zum Eigentum“. Sabine Nuß antwortet darauf:

„Ha, das ist eine große Frage. … Alles für alle oder Commons, Gemeineigentum, das klingt immer ganz schön. Aber ich fände es nach wie vor besser zu überlegen, …vor ein paar monaten ein paar Jahren hat da in der Region eine Fabrik zugemacht, die ist jetzt dicht, die Leute sind entlassen, da stehen aber immer noch die Maschinen, man könnte morgen aufmachen und was produzieren, laßt uns doch dahin gehen und die Fabrik aneignen und gucken, das wir da was herstellen zu den Bedingungen, wie wir uns das wünschen.

Das hat mich mich an einen Tiefpunkt meiner früheren trotzkistischen Propagandabemühungen erinnert, was ich schon mal irgendwo beschrieben habe:

Die Frage, was man in einer solchen typisch üblen Situation überhaupt anbieten kann, ist ja eine ganz alte und wichtige. Die klassische reformistische Antwort ist immer die Verstaatlichung gewesen. Auf deren Kritik will ich hier nicht eingehen. Aber was dann? Wenn man nicht sagen will, da geht eben nichts unterhalb eines Arbeiterstaates, der die Internationale des Kapitals wenigstens für einige Zeit vom Hals halten könnte, kommt man manchmal richtig auf Blödsinn: Die amerikanische Sektion der internationalen Spartacist Tendency hat während der Chryslerkrise vor 25 Jahren wie folgt argumentiert:

„Wenn Chrysler bankrott geht, dann sollten die Arbeiter die Fabriken besetzen und verteidigen. Nicht Piraterei sondern Meuterei.“

„Eine Arbeiterauktion?

Wenn Chrysler pleite ist, entweder weil sie schlecht investiert haben oder weil sie von ausländischer Konkurrenz geschlagen wurden, dann soll der Laden eben untergehen statt diesen riesigen Verlustmacher weiter zu subventionieren. Warum sollten die Steuerzahler die Zeche bezahlen? All das Gerede der Sozialdemokraten reden von einer Verstaatlichung von Firmen, die Verluste einfahren ist nur die Verschleierung der Forderung nach staatlichen Subventionen.

Der einzige Weg, bei dem Arbeiter auch nur eine Hoffnung auf eine Lösung der Situation einer untergegangenen Firma haben, ist die Betriebsbesetzung. Nicht Piraterei sondern Meuterei. Entweder Chrysler ist pleite oder es ist es nicht. Wenn Chrysler pleite ist sollten die Arbeiter demokratisch einen ausschuss wählen, der Chrysler liquidiert. Aber keinen Cent an die Wall Street Aktionäre von Chrysler! Sollen doch die Aktien, anleihen und Bankschulden den Bach runter gehen! Alles Geld, was bei den Versteigerungen der Vermögensgegenstände reibkommt, sollte an die Chryslerarbeiter gehen, einschliesslich der Immigranten. Wenn man den gegenwärtigen Marktwert nimmt, dann sind das rund $ 55.000 pro Beschäftigtem.

Nemmt es, es gehört euch!

Die reformistische Praxis der Nationalisierungen und zwar nur der am uneffektivsten kapitalistischen Unternehmen ist in gewisser Weise das exakte Gegenteil einer sozialistischen Enteignung. Sozialistische Wirtschaftsplanung basiert gerade auf der Enteignung der fortschrittlichsten Produktionsmittel.

Arbeitslosigkeit, infaltion und die Verwüstungen der Krise werden die Arbeiter plagen solange der Kapitalismus bestehen bleibt. Unsere Antwort heisst deshalb: eine Arbeiterregierung, die die grossen Ölkonzerne, General Motors, Ford und die den Rest der produktiven Resourcen an sich reisst und sie im Interesse der Arbeitenden organisiert, damit endlich alle einen Arbeitsplatz und einen anständigen Lebensstandard kriegen können“.

Das klingt doch ziemlich wüst, jedenfalls völlig irre in seiner pseudokonkreten Schimäre eines Arbeiterparadieses auf dem Betriebsgelände eines Schrottladens. Wurde übrigens auch nichts draus, weder aus der Chryslerbesetzung und Verscherbelei noch aus der iST. Daß eine Redakteurin der „Prokla“ (deren Chefredakteur Michael Heinrich ist), die schon lange nicht mehr „Probleme des Klassenkampfes“ mehr heißen mag (so habe ich sie vor vielen Jahren gekannt) so punktgenau auf die gleichen „Lösungen“ kommen wie Trotzkisten, die sich viel auf ihre revolutionäre Stringenz einbilden, das hat mich dann doch verwundert.

Hier ein Beitrag mit längeren Zitaten aus den damaligen Artikeln im Workers Vanguard

Zum „interessierten Denken“ (aus dem Quadfasel-Thread bei contradictio)

Weil mit dem Begriff des „interessierten Denkens“ allgemein recht viel Schindluder getrieben wird, hier ein wie ich meine interessanter Wortwechsel von contradictio aus dem Thread über Lars Quadfasels MG-Kritik

Jona am 6. Oktober, 10:03 Uhr

Apple behauptet:
“Diese Frage beantwortet man, so meine ich, indem man sich die Theorien der PÖ anschaut, ihre Fehler – so sie denn welche hat – aufzeigt und dann am Lauf ihrer Argumentation, theorieimmanent nachweist, dass da interessiert gedacht wurde. Smith fragt sich z.B. gar nicht, was der Wert ist, sondern wie der Wert – und damit meint er den produzierten Gewinn – auf die drei Klassen Kapitalbesitzer, Arbeiter und Grundeigentümer zu verteilen ist. ”

In der Tat ist es so, dass man erklären muss, warum die einen dem Fetisch aufsitzen, der Marx aber dahinterkommt. Dass Apple das gleich mit dem cui-bono-Argument macht, zeigt nur, dass GSP-Denke nichts als bürgerliche Ideologie ist. Man lese Holbach und man hat die ganze GSP-Priestertrugtheorie. Ihr kennt’s ja ohnehin nur “Interessen”, alles andere ist Euch Schmu. Warum fragt Smith nicht (ich dachte, man könne nicht erklären, warum einer was nicht denkt?)? Weil er interessiert ist! Das ist Apples Antwort. Aber warum ist er nicht interessiert? Weil er böse ist. Das wäre die neuerliche Antwort. Weil sein Interesse innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft geprägt wird und nicht rational durchblickt, was diese Gesellschaft ist, also dem Fetisch erliegt (innerhalb der fetischisierten Formen überhaupt erst gebildet wird) ist meine Antwort (und die von Marx)

Marx wirft der PÖ glücklicherweise nicht bloß “interessierte” Denke vor – das macht er vornehmlich mit der Vulgärökonomie. Er wirft Smith u.a. tatsächlich methodische Fehler vor (Smith hat sich im Material verloren, hat die Abstraktionen in der Analyse nicht weit genug getrieben, hat verschiedene Abstraktionsstufen der Erklärung vermischt) und zeigt, dass sie diese Fehler machen, weil sie den nur schwer zu entziffernden Erscheinungsformen der bürgerlichen Gesellschaft aufsitzen (das ist doch der Sinn der drei Bände, dass Marx auf jeder Ebene immer auch zeigt, wie hier der Reichtum in Gestalten erscheint, die sein wahres Wesen verdecken). Dass der Empirismus, entgegen Apples Behauptungen (“Smith hat natürlich nicht einfach nur “die Oberfläche” wiedergegeben, sondern versucht Erklärungen dafür zu bieten, warum die Dinge auf der Oberfläche so sind, wie sie sind.”), auf allen Ebenen der Smithschen Theorie wirksam wird, liegt einfach daran, dass Smith a) gar nicht beansprucht, “Erklärungen dafür zu bieten, warum die Dinge auf der Oberfläche so sind, wie sie sind” (Apple), weil er gar keine Unterscheidung von Wesen und Erscheinungsform hat (denn er hat ein empiristisches Selbstverständnis) und b) die – von außen als nichemprisch behaupteten – Aussagen von Smith anthropologisch sind (und so wieder Effekt des Fetischs, dass die Reichtumsformen als natürlich erscheinen). Althusser hat das irgendwo einen paradoxen “Empirismus des Wesens” gennant. Am besten zeigt sich das bei Smiths Wertbegriff und Arbeitswerttheorie, die rein empiristisch ist (Tausch resultiert aus Neigung zum Tausch; bewusste Arbeitsleidmengenrechnungen haben den Austausch in der Vergangeheit geregelt usw.) und gar keine Wesensebene kennt.
Also ist der GSP-Hinweis: “Die machen einen Fehler” richtig, aber der Fehler ist nicht nur durch schlechtes Nachdenken, sondern auch durch die Erscheinungsformen des Reichtums bedingt (nicht determiniert). Im Übrigen finden sich solche Fehler auch noch bei Marx und noch mehr bei Engels. Waren also offenbar bürgerlich-interessiert die Herren, oder was? Oder haben einen Fehler gemacht, weil sie zu blöd waren, oder was? Nein, weil es schwierig ist, sich dem Fetischismus zu entwinden. Warum das so ein nur voluntaristisch zu lösendes (“interessiertes Denken”) Rätsel sein soll, dass man nicht hinter die Frage der Wertentstehung kommt, das kann man nur behaupten, wenn man meint, die Menschen seien mit Marx’ ‘Kapital’ im Kopf geboren.

Hammacher on Oktober 6th, 2010 at 10:36:
Also Leute! Die einen sagen, die Fehler resultieren aus dem, Interesse, die anderen, sie resultieren aus dem Fetisch. Der GSP tut so, als gäbe es ein wie auch immer zu erklärendes blankes Interesse und dann kommen da Denkverbote an bestimmte Hirnregionen raus. Klar klar! So wird’s sein. Nur, dass dann noch mehr Determinismus waltet, als im Fetischismusansatz. Die Alternative wäre es, eine bewusste Boshaftigkeit anzunehmen (und damit wieder bei der Sündenfallgeschichte zu landen). Irgendwie unbefriedigend. Dann doch lieber das Argument: „Es liegt ja auf der Hand so zu denken, weils erstmal so aussieht“ und auch wenn man sich begrifflich abmüht, schießt einem die „Evidenz“, wie sich der Elbe vornehm ausdrückt, dazwischen.
Andererseits: Wenn man so mit VWLern zu tun hat, dann ist da auch massives Interesse, einfach karriereschädliches Denken anzuwehren, erst gar nicht in solche „Spinnerkreise“ wie GSP oder so zu geraten und außerdem führt das doch alles in de Gulag. Aber dass Smith kein wissenschaftliches Interesse hatte, das ist eine schöne psychologische Einsicht, die man erstmal gewinnen muss. Wo kann man das lernen, beim GSP? Und dass was böse interessiert ist, weils Falsch ist, ist eine ex-post-Konstruktion, wie sie in der VWL gang und gäbe ist, nur mit dem Nutzensteigerungsargument.

Apple on Oktober 11th, 2010 at 16:28:
@ Jona:

“In der Tat ist es so, dass man erklären muss, warum die einen dem Fetisch aufsitzen, der Marx aber dahinterkommt. Dass Apple das gleich mit dem cui-bono-Argument macht, zeigt nur, dass GSP-Denke nichts als bürgerliche Ideologie ist”

Wo steht bei mir das cui-bono-Argument? Bitte belege. Wo habe ich geschrieben, dass Smith so argumentiert, weil es jemandem nützt? Und wem soll das nützen? Irgendwelchen Kapitalisten? Oder Smith selbst? Inwiefern? Dergleichen habe ich nie behauptet. Weil du interessiertes Denken nicht von einer Lüge um eines (materiellen?) Vorteils Willen unterscheiden kannst – hättest ja mal nachfragen können, wenn es dir nicht klar war – soll ich ein cui-bono-Agument verwendet haben. Pfft.

“Warum fragt Smith nicht (ich dachte, man könne nicht erklären, warum einer was nicht denkt?)?”

Und wo habe ich diese Frage gestellt? Wiederum: belege das bitte mal. Sich zu fragen, was Menschen daran hindert das Richtige zu denken, ist die Suche nach einer Revolutionsverhinderungstheorie, die Leuten unterstellt, dass sie eigentlicheigentlicheigentlich den Verhältnissen kritisch gegenüber stehen sollten und dann wird danach gesucht, was diese eigentliche kritische Haltung behindert. Damit habe ich nichts zu schaffen und das habe ich auch schon kritisiert.

“Weil er interessiert ist! Das ist Apples Antwort. Aber warum ist er nicht interessiert? Weil er böse ist. Das wäre die neuerliche Antwort.”

Und das steht wo? Beleg? – Aber nein, warte. Das ist ja gar nicht meine wirkliche Antwort. Das ist nur die Antwort, die du dir ausgedacht hast und die “neuerlich wäre”, damit du mich als Idioten darstellen kannst. Das ist wirklich unterstes Niveau. Anstatt nachzufragen, wenn du dir unsicher bist, was ich meine, unterstellst du mir einfach irgendeinen Scheiß, der dir in den Kram passt, um meine Theorie schlecht zu machen. Blödmann!

“Weil sein Interesse innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft geprägt wird und nicht rational durchblickt, was diese Gesellschaft ist, also dem Fetisch erliegt (innerhalb der fetischisierten Formen überhaupt erst gebildet wird) ist meine Antwort (und die von Marx)”

1) Dass das Interesse innerhalb der bürgerlichenn Gesellschaft geprägt wird und nicht einfach nur “böse” ist, habe ich im Gegensatz zu deiner Unterstellung nie bestritten. Das ist aber überhaupt gar kein Einwand gegen meine Bestimmungen des ideologischen Denkens bei Smith, weil es zwei verschiedene Gegenstände sind, die da angesprochen werden. Der eine ist, wie in der bürgerlichen Gesellschaft Interessen gebildet und formuliert werden, EIN ANDERER ist aber, wie durch die bornierten praktischen Interessen der bürgerlichen Subjekte auch ihre Theoriebildung affiziert ist. Um den zweiten Gegenstand ging es aber in der Diskussion. Dass du alles zusammenschmeißt und gar keine Unterschiedungen und Vermittlungsschritte kennen willst – Hauptsache es kommt ein “Fetisch! Fetisch! Die Verhältnisse beeinflussen das Bewusstsein!” raus – ist nicht auf meinem Mist gewachsen, also schieb es mir nicht in die Schuhe.

2) Die Antwort darauf, dass Smith die Verhältnisse nicht rational, sondern falsch “durchblickt”, sit also die, dass er “nicht rational durchblickt, was diese Gesellschaft ist, also dem Fetisch erliegt”. Echt schlau. Jemand denkt nicht rational, weil er nicht rational denkt. Sowas hätte ich Marx nicht zugetraut.

“Marx wirft der PÖ glücklicherweise nicht bloß “interessierte” Denke vor – das macht er vornehmlich mit der Vulgärökonomie.”

Na, wenn Marx das nicht macht, schweige ich nun auch betreten. Wieso sollen sich der Nachweis von methodischen und inhaltlichen Fehlern und der des interessierten Denkens ausschließen? Erklär das mal.

“Dass der Empirismus, entgegen Apples Behauptungen (“Smith hat natürlich nicht einfach nur “die Oberfläche” wiedergegeben, sondern versucht Erklärungen dafür zu bieten, warum die Dinge auf der Oberfläche so sind, wie sie sind.”), auf allen Ebenen der Smithschen Theorie wirksam wird, liegt einfach daran, dass Smith a) gar nicht beansprucht, “Erklärungen dafür zu bieten, warum die Dinge auf der Oberfläche so sind, wie sie sind” (Apple), weil er gar keine Unterscheidung von Wesen und Erscheinungsform hat (denn er hat ein empiristisches Selbstverständnis) und b) die – von außen als nichemprisch behaupteten – Aussagen von Smith anthropologisch sind (und so wieder Effekt des Fetischs, dass die Reichtumsformen als natürlich erscheinen).”

Es stimmt nicht, was du Smith unterstellst. Ein großer Teil vom Anfang des “Wealth of Nations” dreht sich z.B. darum, dass Smith zeigen will, was den ständig wechselnden Preisen der Waren zugrunde liegt. Die auf der “Oberfläche” scheinbar chaotisch steigenden und fallenden Preise der Waren changieren, so Smith, um ihren “natürlichen Preis”, also ihren Wert und wie dieser Wert zustande kommt und wie seine Größe bestimmt ist – darum geht es im weiteren Verlauf des Buches. Smith hat also sehr wohl den Anspruch, “Erklärungen dafür zu bieten, warum die Dinge auf der Oberfläche so sind, wie sie sind” und deine Unterstellungen werden ihm nicht gerecht und sind deshalb gar keine richtige Kritik an ihm. Er hat sich für eine lange Zeit hingesetzt, um ein Buch zu schreiben, dass anderen Leuten was über die Ökonomie erklärt, also war sich sehr wohl dessen bewusst, dass dem Normalsterblichen die Dinge anders scheinen, als ihm, dem Wissenschaftler. Das ist eigentlich offensichtlich, wenn man das Buch liest, und das habe ich auch schon in meinem letzten Beitrag gepostet. Du gehst aber gar nicht auf mein Argument ein und wiederholst stattdessen lieber die hohlen Sprüche, die cuccurucucu und du von Heinrich gelernt haben.

Grade der Verweis auf den anthropologischen Gehalt der Smith’schen Ideologie ist eine Kritik an deiner Interpretation der Fetischkritik. Zu sagen, dass hier alle Leute unentwegt miteinander tauschen, ist gewiss der unittelbaren Anschauung des kapitalistischen Alltags entnommen – das ist die “Evidenz”, die einem sofort ins Auge springt. Diese Aussage ist aber auch keine ideologische. Sie stimmt voll und ganz. Zu sagen, die Menschen würden miteinander tauschen, weil es ihrem natürlichen Tauschtrieb entspricht, der allen hochentwickelten und vernunftbegabten Lebenwesen gemeinsam ist (so sagt es Smith), ist Ideologie, ist falsch – ist aber wiederum ganz bestimmt nicht der unmittelbaren Anschauung entnommen. In der unmittelbaren Anschauung erscheinen weder die Umgangsformen der kapitalistischen Gesellschaft noch die Reichtumsformen “als natürlich”. An der Weinflasche hängt ein Preiszettel, man legt Geld hin, wenn man sie mitnehmen will – eine einfache Sache, wo erscheint da bitteschön die Natur des Menschen o.ä.? “Natürlichkeit” ist eine gedankliche Leistung, die ein Phänomen als den Menschen für immer und ewig angehörigen behauptet. Wie sollte so etwas auf der “Oberfläche” erscheinen? Das tut es nicht, “Natürlichkeit” springt einem nicht ins Auge.

Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass wenn du die Fehler von Smith erklären willst, dir nicht mehr einfällt, als den Sachverhalt, dass Smith Fehler gemacht hat, zu widerholen. “Positivismus” und “Anthropologisierung” sind nichts anderes als Abkürzungen dafür, dass da jemand “nicht rational”, nicht tief genug unter die “Oberfläche” gedacht hat, dass er historisch-gesellschaftliche Verhältnisse als natürlich Ausstattung des Menschen beschreibt. Ich dachte gerade diese Fehler wollte man erklären, man wollte erklären, warum Smith die Sache nicht richtig wiedergibt, sondern naturalisiert. Du dazu: Dass er das macht “liegt einfach daran, dass […] die – von außen als nichemprisch behaupteten – Aussagen von Smith anthropologisch sind”. Das ist überhaupt keine Erklärung dessen, woher seine Fehler kommen, sondern eine Verschlagwortung seiner Theorie.

“Im Übrigen finden sich solche Fehler auch noch bei Marx und noch mehr bei Engels. Waren also offenbar bürgerlich-interessiert die Herren, oder was? Oder haben einen Fehler gemacht, weil sie zu blöd waren, oder was? Nein, weil es schwierig ist, sich dem Fetischismus zu entwinden.”

Du wolltest doch erklärt haben, warum Smith es im Gegensatz zu Marx nicht hingekriegt hat. Jetzt sagst du: weil es schwierig ist. Und was soll das jetzt erklären? War es zu Smith Zeiten schwieriger? Oder hat Marx nicht so viel Fetisch abbekommen wie Smith? Oder war Smith einfach “zu blöd”, um mit der Schwierigkeit umgehen zu können? Wie erklärt deine “Es-ist-schwierig”-Theorie den Unterschied zwischen Wissenschaft und Ideologie?

“Warum das so ein nur voluntaristisch zu lösendes (“interessiertes Denken”) Rätsel sein soll, dass man nicht hinter die Frage der Wertentstehung kommt, das kann man nur behaupten, wenn man meint, die Menschen seien mit Marx’ ‘Kapital’ im Kopf geboren.”

Bitte? Nochmal: “Interessiertes Denken” bedeutet nicht, dass man in seinen Büchern die Welt wegen persönlichen Nutzens bescheißt oder dass man unverbesserlicher Opportunist ist oder sowas. Interessiertes Denken bedeutet, dass man an den zu erforschenden Gegenstand mit sachfremden Fragen (= Interessen) heran tritt. So eine Theorie wie bei Smith kommt heraus, wenn man sich nicht fragt: Was ist Profit? – sondern: Wie lässt sich der Profit für den Wohlstand der Nation am nützlichsten unter den Klassen aufteilen. Und das ist keine ex-post-Feststellung, sondern das lässt sich anhand seine Theorie nachvollziehen und nachweisen, dass ihn diese Frage umtreibt. Wenn man – bevor man den Gegenstand wissenschaftlich bestimmt hat – an ihn mit Fragen a la, wie er für das nationale Gemeinwesen richtig handhaben soll o.ä., herantritt, dann kommen keine richtigen, sondern ideologische Bestimmungen raus. So etwas nennt man auch Instrumentalisierung der Theorie und es gibt sogar im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb Leute, die davon eine vage Ahnung haben. Das soll nicht heißen, dass jeder Fehler einen ideologischen Ursprung hat. Ideologien und Fehler sind nicht automatisch dasselbe.

Zum Schluss: Es gibt eine Mindestanforderung an jede Diskussion, nämlich die, dass man sich damit auseindersetzt, was der Diskussionspartner wirklich von sich gegeben hat, und nicht mit seinem eigens wild erfundenen Zeug. Beherzige das mal, dann klappt es in Zukunft besser mir dem Kritisieren.

Jonas Köper: Bedingungsloses Grundeinkommen – Der Kapitalismus wird menschlich?

Update: Bei archive.org gibt es jetzt einen Mitschnitt der Veranstaltung.

Der GegenStandpunkt Verlag macht am 12.11.2010 in Berlin eine Veranstaltung in Berlin zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen . Referent wird der (nun ja Alt-MGler) Jonas Köper sein, der sonst zumeist in Bremen Veranstaltungen macht, (vor vielen Jahren aber auch mal eine Veranstaltung zum »System VW« und seinem angemessenem Abgang in Berlin gemacht hat).

Titel: Bedingungsloses Grundeinkommen – Der Kapitalismus wird menschlich?
Ort: »BAIZ«, Christinenstraße 1 (Ecke Torstraße, Nähe U-Bhf Rosa-Luxemburg-Platz), Berlin
Beginn: 18.30 Uhr

Die Berliner Genossen von http://www.kk-gruppe.net/ bewerben die Veranstaltung mit dem Text, der schon in Bremen benutzt wurde, ich habe ihn hier auch gebracht.

Veranstaltung 28.10.2010 Berlin: Huisken zu: Thilo Sarrazin und seine Kritiker

Thilo Sarrazin und seine Kritiker
Eine Debatte über deutsche Bevölkerungspolitik: dumm und gemein
Und was ist und macht deutsche Bevölkerungspolitik?

Referent: Freerk Huisken, Universität Bremen

Donnerstag 28.10.2010
Beginn: 18:30
Humboldt-Universität, Unter den Linden 6
Raum 3094/3096 im Hauptgebäude

Veranstalter: Fachschaftsrat der Sozialwissenschaften

Das Thema wird am Freitag, den 29.10.2010 um 17 Uhr mit einem Workshop zum Thema “Nationalismus” ergänzt/vertieft. Der genaue Veranstaltungsort wird am Donnerstag bekannt gegeben.

http://www.fhuisken.de/termine.html