Archiv für März 2010

„Buchland DDR“ – Slogan made in DDR

ofenschlot ist offensichtlich auch bienenfleißig. Jedenfalls hat er folgendes auf seinem Blog gepostet:

Texte, die schon länger an abgelegenen Orten des WWW vor sich hin mümmeln, scheinen den bienenfleißigen Internet-Archivaren nicht aufzufallen. Oder aber sie sind bereits kanonisiert, jeder kennt sie, jeder diskutiert sie, nur ich denke mal wieder: Mensch, warum redet eigentlich keiner über …
… über die Schwarzen Protokolle.
Die Schwarzen Protokolle sind – gerade auch in ihrer Verlaufsform – ein faszinierendes Dokument, einer marxistisch-libertären, anarchokommunistischen Strömung aus Westberlin. Sie waren ein schnell wirkendes Gegengift (man achte auf das Logo!) zum gruselig spießigen ML-Kult und zum ebenso unheimlichen RAF-Kult. Zwischen 1972 und 1977 erschienen 17 Ausgaben, von denen immerhin elf vom Papiertiger, einem real existierenden Berliner Archiv »der sozialen Bewegungen« (man kann da also richtig hingehen und recherchieren – irgendwie unfassbar im digitalen Zeitalter…), digitalisiert wurden.
Vorgängerblatt der Schwarzen Protokolle war das allzu kurzlebige Kompendium »Die soziale Revolution ist keine Parteisache« (erschien 1971 in bloß zwei Ausgaben), das sich ganz eng am klassischen Rätekommunismus (Cajo Brendel, Paul Mattick) orientierte. Der Titel der Zeitschrift nimmt Bezug auf eine gleichnamige antibolschewistische Polemik des Rätekommunisten Otto Rühle.
Die Schwarzen Protokolle knüpfen in ihren ersten vier Ausgaben unmittelbar an ihr Vorgängerblatt an, Schwerpunkt ist also die kommunistische Bolschewismuskritik, öffnen sich aber mit der fünften Ausgabe der bunten Welt des Libertären – zunächst in Form der Group Solidarity, einer situationistisch-linksradikalen Gruppe aus England um Maurice Brinton, von der sonst (leider!) kaum was nach Deutschland gedrungen ist.
Im Laufe der Jahre wurden die Protokolle hippiesker, feministischer, literarischer, surrealistischer, ausschweifender. Und man denkt sich so beim lesen: Es gibt vielleicht doch ein bisschen aus den westberliner 70er Jahren, was auch heute noch zu Rate ziehen könnte…

Dadurch bin ich wieder auf einen Artikel gestoßen, der mir lange in der Erinnerung geblieben ist, auch nachdem ich das Heft, in dem er damals erschienen ist, schon lange nicht mehr hatte:
„Buchland DDR“– Slogan made in DDR, erschienen in Heft 11, Mai 1975

Der reale Sozialismus war nämlich nicht mal auf dem Papier so gut, wie er immer von sich behauptet hat, um einen Kalauer zu benutzen.

„Zwischenbilanz der Transformation“ aus GSP 1-10 als PDF

Vor ungefähr fünf Jahren habe ich meinen ersten Leserbrief an die Redaktion des GegenStandpunkt geschrieben und Fragen zur Osterweiterung der Europäischen Union gestellt:

Peter Decker hat in seinem jüngsten Vortrag über den Stand und die Friktionen in der EU betont, daß jetzt für alle Nationalisten/“Partner“-Staaten das Heil in der Durchsetzung ihrer jeweiligen Nationalinteressen gegen den Rest der Welt bestünde. Jetzt wo es insgesamt mit der weiteren Kapitalakkumulation trübe ausssieht, muß eben jeder Staat (wieder vermehrt) darauf schauen, daß sich das Ganze auch und gerade da für ihn lohnt. Soweit so gut (oder genauer schlecht, denn es stimmt ja, daß einem das Lob auf die EU, sie habe bisher den Frieden unter den bis dato konkurrierenden bis verfeindeten europäischen Staaten gesichert, eigentlich zu denken geben muß, wie brutal ernst es denn bei diesem EU-Frieden zugeht).

Warum haben sich aber bei Gründung der EU bzw. bei deren Erweiterung diverse Staaten freiwillig darauf eingelassen, es in der EU mit dem relativ stärker werden zu versuchen, wenn doch auch schon damals allen halbwegs realistischen Leuten hätte klar sein müssen, daß Konkurrenz ja immer auch Verlierer bedeutet und sie höchstwahrscheinlich nicht zu den Gewinnern gehören werden?

Peter hat ja auch auf die Beschwichtigungsmaßnahmen hingewiesen, die deshalb historisch immer fällig waren. War im langen wirtschaftlichen Aufschwung der Zweifel, der jetzt überall hochkommt, daß es vielleicht doch die anderen sind, die was von diesem schönen großen Markt haben, einfach nur vom absoluten Wachstum überdeckt, weil die relative Zurückdrängung durch die Zentralmächte und deren Industrie leichter zu verschmerzen war? Spielte die antisowjetische Einheitsfront eine Rolle, die alle zusammenstehen ließ, auch wenn es für einige schon damals nur mit Zähneknirschen zu ertragen war? Das ganze Arsenal von Handelshemmnissen, daß mit der EG/EU im Laufe der Zeit abgeschafft wurde, hatte doch vorher seinen ganz nationalistischen Sinn gehabt für die Staaten, die sich nur damit gmeint hatten, behaupten zu können.

Peter ist sehr vorsichtig gewesen, dem ganzen verrückten Projekt verstärkte Integration irgendwelche Überlebenschancen zu- oder abzusprechen, bzw. dessen Endpunkt zu beschreiben. Er hat nur betont, daß zumindest jetzt allseits die vorherrschende Meinung ist, die jeweils eigenen nationalen Interessen eben in und durch die EU besser durchzudrücken. Letztlich geht das aber nicht, irgendwer muß ja irgend wann jemand Anderen entscheidend über den Tisch ziehen, dann wird es doch Ärger geben müßen. Historisch war dies immer eine Gewaltfrage zwischen den Staaten, der deutsche „Einigungsprozeß“ wurde doch zum ersten Mal auch 1866 in Königgrätz entschieden (und 1938 dann auch ganz handfest durch Hitler)

(Ich habe darauf, glaube ich, damals leider keine Antwort erhalten, oder sie ist mir inzwischen abhanden gekommen). Mit dem umfangreichen Artikel im Heft 1-10 hat der GegenStandpunkt sozusagen auch darauf jedenfalls nun eine eindrucksvolle Antwort gegeben. Ironischerweise bzw. genauer naheliegenderweise läuft die zum Schluß auf den gleichen Gedanken hinaus, den ich mir damals auch schon gemacht hatte.

Man kann den Artikel jedenfalls bei mir im Download-Bereich als OCR-PDF runterladen.

Peters zum NVK der VR Chinas in der jungen Welt: Nichts, oder nur geringfügig!

Helmut Peters, der sich vor einiger Zeit mit seinem Weggefährten Berthold mit Renate Dillmann über den Charakter der VR China in die Wolle gekriegt hatte (17.12.09 in der Ladengalerie der jungen Welt, ) hat am 29.03.10 in der „jungen Welt“ einen längeren Kommentar geschrieben zum politischen Stand nach den Tagungen des Nationalen Volkskongresses (NVK) und der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes (PKKCV) in der ersten Märzhälfte.

Von blöden und unehrlichen Gemeinplätzen mal abgesehen („überraschend vielfältige und weiterführende Einblicke in das gesellschaftspolitische Leben des Landes“), kann man seinen Ausführungen schon einiges entnehmen, was die „weitere Entwicklung des Landes … wesentlich prägen werden“ wird:

Peters schreibt einfach so hin

„Wenn die Partei überleben wolle, hieß es damals, dann müsse sie die tatsächlichen Interessen des Volks zur Kenntnis nehmen, sie zur Grundlage ihrer Politik machen, und dafür brauche sie das Einverständnis des Volkes mit ihrer Politik“

als wenn das nicht ein vernichtendes Urteil wäre über die politischen Macher, die selbst für Peters in den letzten Jahrzehnten offensichtlich alles andere getan haben. Auch sein Optimismus

„Die Herausbildung einer aktiven Partizipation des Volkes an der politischen Macht scheint in diesem Prozeß möglich“

klingt irgendwie irre in Bezug auf eine Partei, die diesen Sinnspruch doch schon seit 60 Jahren den Leuten vorgehalten hat und schon immer auch als verwirklicht angesehen hat, schließlich hat sie ihren Staat ja extra deshalb Volksdemokratie genannt.

Wo er recht hat, hat er recht:

„In der gesellschaftlichen Strategie der KP Chinas dominiert die nationale gegenüber der sozialen Frage.“

Das sehen andere ja auch so und beschreiben das auch als die zentrale Krux dieser „Kommunisten“. Mehr als einen

„gesetzlich fixierten, relativen und längerfristigen Ausgleich zwischen den sozialen Interessen der verschiedenen Klassen, sozialen Schichten und Gruppen“

kriegt man dann eben nicht hin.

Wie Peters zum wohlfeilen Rat kommt,

„Die Konsumtion der Bevölkerung verzeichnete 2009 mit 43 Prozent den geringsten Anteil am BIP seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik vor 30 Jahren, während die Investitionen in ihrer Höhe einen historischen Rekord vermelden konnten. Damit sich die Wirtschaft selbständig und weitaus weniger von der äußeren Nachfrage abhängig entwickeln kann, bedarf es jetzt einer deutlichen Steigerung des Anteils der Konsumtion der Bevölkerung“

wo er doch gerade erst zugestanden hat, daß die chinesische

„Wachstumsweise, … vor allem auf der billigen (im Preis billig gehaltenen) Arbeitskraft beruht“

ist mir schleierhaft. Macht aber nichts, denn es gilt ja

„Wir sitzen alle im selben Boot, streben gemeinsam nach Wachstum und fördern erfolgreich die Entwicklung“

so jedenfalls zitiert er einen chinesischen Gewerkschaftler, der ausnahmsweise auch mal was zum NVK beitragen durfte.

Dank der chinesischen Gewerkschaften sei es immerhin

„bis Ende 2009 gelungen, mit den Unternehmern bzw. Managern von über 630000 Unternehmen mit über 80 Millionen Beschäftigten eine Grundsatzvereinbarung zu treffen. Sie legt fest, »niemand oder nur wenige« zu entlassen, den Lohn »nicht oder nur geringfügig« zu kürzen und neue Löhne zu vereinbaren.

Ohne sich irgendwas dabei zu denken, hängt Peters einen eigentlich vernichtenden Kommentar an: „(Näheres dazu wird nicht mitgeteilt – H. P.). Er kritisiert eben auch nichts oder nur geringfügig, bin ich geneigt, festzustellen.

Michael Krätke über Marx beim WDR

Das Audioarchiv kritischer Theorie & Praxis hat folgenden Hinweis:

Das phi­lo­so­phi­sche Radio (WDR 5) hat Micha­el Krät­ke ein­ge­la­den, um über Karl Marx zu spre­chen. Down­load, Back­up (24,5 MB, 53 m)

Ich hab mir das zwar selber noch nicht angehört, habe aber von Krätke schon interessante Sachen gelesen (zu Marx und zur Finanzkrise), jedenfalls für jemand, der eigentlich aus dem DKP-Umkreis kommt.

Wie Theologie, Pädagogik und Pädophilie zusammengehören

Diesen Kommentar habe ich dem Blog vonmarxlernen entnommen [die haben den aber schon wieder vom Netz genommen]:

Pädophilie
Skandal: Jede Menge Kindsmißbrauch in Schule, Internat, Kirche

Jeder verurteilt diese Taten von Erziehern und Kirchenmännern. Jeder scheidet aber auch fein säuberlich zwischen den guten edlen Aufgaben von Pädagogen und religiösen Hirten und deren verdammenswürdigen Übergriffen auf die ihnen anvertrauten Kinder. Als ob es die Erziehungsgewalt, die diese Herrschaften verliehen bekommen und ausüben und dann in schlimmer Weise überschreiten, nicht sowieso ganz schön in sich hätte. Kindern etwas Nützliches beibringen – lesen, schreiben, rechnen (beim Kirchenmann fällt einem schon gleich nichts Vergleichbares ein!) – ist eine Sache. Sie, ihren Geist und ihren Willen, so zu formen und zu triezen, dass/bis sie genau die Regeln des moralischen Anstands und deren religiöse Überhöhung beachten lernen, die nur für das Leben in einer staatlich verwalteten Konkurrenzgesellschaft nützlich und unentbehrlich sind, das ist ein Übergriff auf die Kinder, der sich gewaschen hat. Der aber geht in Ordnung, ist gesellschaftlich erwünscht.
Der andere nicht.

Es lohnt sich vielleicht ein Blick auf den schönen Geist und das notorisch gute Gewissen von Kinderführern und –verführern.

Wie Theologie, Pädagogik und Pädophilie zusammengehören

Natürlich gedeiht die verpönte Kinderliebe in allen Kreisen und Berufsgruppen. Aber vor die Frage gestellt, ob es nicht doch eine gewisse `natürliche´ Nähe der Pädagogen und Priester zum Päderastentum gebe, tut man sich doch schwer, nein zu sagen.

Diese Berufe widmen sich bevorzugt dem Kinde, weil es hier besonders viel zu investieren gilt und man viel Gutes bewirken kann.

Ein Kind, das ist das Ethos dieser Berufe, verlangt geradezu danach, die spezielle Zuwendung zu erhalten, derer ein Pädagoge oder Priester fähig, zu der er ausgebildet ist. Es bedarf zu seinem Glück der mannigfachen Erziehung, des Herausgeführtwerdens aus seiner unverschuldeten Unmündigkeit. Und seine Seele lechzt danach, einer Gotteserfahrung teilhaftig und der eigenen Unzulänglichkeit inne zu werden.

Diesen im Kinde angelegten Bedürfnissen, die die Pädagogik und die Theologie wissenschaftlich ermittelt haben, kommt der einzelne Berufsausübende ganz konkret, als individuelle Inkarnation des Berufsethos nach. Er in seiner individuellen Persönlichkeit ist es, der dem Kinde das schenkt, worauf es in seinem Innersten hinaus will, wovon es aber meist gar keine rechte Ahnung hat.

Diese mit einem Hauch von Schuld befleckte Unschuld des Kindes ist reizend und reizt den einen oder anderen eben ganz besonders. Manch einer geht in seiner Liebe zu dem kleinen Wesen, das aufblüht, wenn man seine Seele bildet, sehr weit und schließt den Körper, der um die Seele ist, gleich mit ein. Um ihm auch so seinen Stempel aufzuprägen. Zur eigenen Lust und zur Untermauerung des ganz speziellen Vertrauensverhältnisses, in das man das liebe Kleine verstrickt hat.

Arschlöcher!“

Hierzu als ausführliche weiterführende Lektüre empfehle ich das Buch von Freerk Huisken:

Erziehung im Kapitalismus
Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten.

Studienausgabe der Kritik der Erziehung, Band 1 und 2
1998 • (VSA) ISBN 3-87975-722-4, 20,40 €, 480 Seiten
Das Buch fasst die beiden zunächst getrennt erschienenen Bücher „Die Wissenschaft von der Erziehung“ (1991) und „Weder für die Schule noch fürs Leben“ (1992) zusammen.

Heftarchiv der Prokla online

ofenschlot hat schon darauf hingeweisen:

Seit einiger Zeit online ist das gesamte Heftarchiv der Prokla (früher: Probleme des Klassenkampfs).

Ehe gefeixt wird, wie implizit hirnrissig es ist, von den Problemen des Klassenkampfes zu reden – als ob damit ein notwendiger Mangel der revolutionären Theorie ausgedrückt werden sollte, den es fortlaufend – akademisch betreut – zu bearbeiten gälte [ich erinnere mich noch an eine Kritik in diese Richtung von Genossen, die später in die MG gegangen sind], muss aber auch gesagt werden: Es sind dort bis etwa Mitte der 80er Jahre verdammt viele verdammt gute (vulgo: brauchbare) Texte erschienen. Hier eine kleine Handreichung:

* Wolfgang Müller /Christel Neusüss: »Die Sozialstaatsillusion und der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital« (1970/71. Für alle, die die einschlägige TOP-/Um’s Ganze-Broschüre bereits gelesen haben, noch lesen wollen, nie zu lesen vorhaben.)

* Hans Ulrich: »Die Einschätzung von kapitalistischer Entwicklung und Rolle des Staates durch den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsverbund« (1973. Der Name ist vermutlich ein Pseudonym. Grundlegende, historisch aufgezäumte Gewerkschaftskritik.)

* Anwar Shaikh: »Eine Einführung in die Geschichte der Krisentheorien« (1978. Der maßgebliche Aufsatz. Wann immer heutzutage, zumal in Deutschland, ein Marxist eine Einführung in die Krisenthematik bei Marx gibt und dazu auch auf die Ideologien eingeht, die Marx mal mehr, mal weniger implizit kritisiert, kann man sich sicher sein: insgeheim referiert er oder sie Shaikh.)

* Eberhard Seifert: »Die Räte-Kommunistische Tradition von ›Ökonomie der Zeit‹. Wider die Halbheiten der neuerlichen Erledigungen der Marx’schen Phrase von der ›Parallele zur Warenproduktion‹« (1983. Ein bemerkenswerter Irrläufer der marxistisch-akademischen Schwundevolution: Eine Auseinandersetzung mit negristischen Positionen aus, nomen est omen, rätekommunistischer Perspektive.)

* Paul Mattick: »Wert und Kapital« (Deutsche Erstveröffentlichung 1984, der posthume Text stammt aus der zweiten Hälfte der 70er Jahre und gibt einen Einstieg, sehr komprimiert, in Matticks vor allem krisentheoretisch fundierte Ökonomiekritik.)