Freiheit um den ganzen Globus

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß auch bei der GegenStandpunkt-Diskussion jetzt in Oakland, deren Thema die Gesundheitsreform unter Präsident Obama war, die Diskussion auf Freiheit, richtige und falsche, gekommen ist. Lohnt sich also auch hier, sich das anzuhören.


7 Antworten auf „Freiheit um den ganzen Globus“


  1. 1 Neoprene 12. Januar 2010 um 15:05 Uhr

    Es stimmt offensichtlich auch in den USA, daß Linke mit recht falschen Urteilen über das Gesundheitswesen im Kapitalismus unterwegs sind: Da hat sich der Referent alle Mühe gemacht, ausführlich zu zeigen, für welchen schlechten Zwecke Menschen von den kapitalistischen Staaten wieder fit gemacht werden (nämlich für eine Optimierung der Profitproduktion), und warum deshalb die Frage nach den „Visionen“ für eine gute Gesundheitsversorgung erstmal ideologischer Luxus sind. Aber das Publikum war noch nicht mal auf dem Level einer mittelmäßigen Folge von „Emergency Room“, bei denen sich Ärzte schon mal fragen durften, ob es denn wirklich was Vernünftiges ist, GIs wieder zusammenzuflicken, damit sie wieder Sturm auf Falludja machen können.

    Gerade der imperialistische Krieg straft doch die typische linke Illusion Lügen, daß es zwar schon stimmt, daß das Arbeiten als Lohnarbeiter einen kaputt macht, aber gottseidank der bürgerliche Staat da ist, der aus wahrer moralischer Verantwortung die Leute vor dem frühen Tod rettet, denn im Krieg wird die Kalkulation mit dem Menschenmaterial in beiderlei Hinsicht auf die Spitze getrieben: an der Front fallen die Soldaten zu Hauf und werden ganz bewußt „verheizt“, um die jeweiligen Kriegsziele zu erreichen und hinter der HKL werden sie, so gut es dort eben geht, wieder für den nächsten Einsatz zusammengeflickt. Da ist der Arzt im Lazarett doch genauso Teil des Kriegsapparats wie der Soldat, der die Flugzeuge wartet.

  2. 2 12. Januar 2010 um 17:37 Uhr

    Wenn die noch nicht mal auf dem „Level einer mittelmäßigen Folge von ‚Emergency Room‘ usw.“ sind, dann frag ich mich doch schon: Muss ich mir auch noch die amerikanische Blödheit der Amis antun? Mal reinhören.

  3. 3 Neoprene 12. Januar 2010 um 17:46 Uhr

    Liebe(r) Hammer und Sichel (echt geiler Avatar übrigens!), wenn du dir die Diskussion nicht antun willst, dann hör dir wenigstens die Präsentation an. Die ist vom englisch und vom Inhalt recht straight forward. Jedenfalls halte ich Joseph Patrick für einen recht anhörenswerten GSPler.

  4. 4 13. Januar 2010 um 18:03 Uhr

    Ich hab mir beides angehört. Gutes Referat zu einem Thema, das hier eher selten besprochen wird, und guter Referent, sogar den putzigen typischen GS-Tonfall konnte er an einer Stelle ins Englische übersetzen.
    Das Publikum fand ich so schlimm aber nicht, das ist doch hier bei Vorträgen (zumindest an Unis) auch nicht anders. Mich hat ja echt interessiert, wie in den Staaten die Marxisten oder solche in spe so drauf sind. Erwartungsgemäß wohl eher alternativ, ein bisschen Hippie, bisschen Esoterik und Philosophie.
    Schön zu sehen jedenfalls, dass sich auch dort ein paar Leute für sowas interessieren, zumal in so einer relativ kleinen Stadt.

  5. 5 Neoprene 13. Januar 2010 um 19:09 Uhr

    Oakland ist zwar technisch eine in der Tat relativ kleine Stadt, gehört aber zum großen Bay Aera Bereich und liegt nur ein paar Kilometer weg von San Francsico. Zudem hat es einen der größeren Häfen an der Westküste, ist eine der ethnisch vielfältigsten Städte der USA und die Gegend hat eine lange Geschichte von Gewerkschaftskämpfen und linker Organisationen, die Hafenarbeitergewerkschaftz.B. war sehr lange unter Einfluß der KPUSA, ungewöhnlich für die USA nach dem zweiten Weltkrieg.
    Von daher hat es mich auch nicht überrascht, daß jemand aus dem trotzkistischem Umkreis in der Diskussion aufgetreten ist (Er sprach von „transitional demands“, einem für Trotzkisten zentralen Begriff). Auch die anderen Diskutanten scheinen mir eher Alt- oder Exlinke Ex(-Aktivisten) als genuine Esoteriker oder sonstwelche Alternative gewesen zu sein, zumindest wohl eher ältere, akademische Linke als junge Militante/Studis oder so.

  6. 6 13. Januar 2010 um 21:07 Uhr

    Was ist denn ein transitional demand?
    Für Studis hab ich die Leute auch in der Tat nicht gehalten, eher eben für Alt-Alternative (-Aktivisten, -Linke usw.). Da war zum Beispiel die Rede von negativer vs. positiver Freiheit, „Freiheit von vs. Freiheit zu“ als wichtiger Bestimmung. Oder von „people in communities tend to take care of each other“.
    Was Oakland auszeichnet, davon hatte ich gar keine Ahnung, dass es aber so nah an San Francisco liegt, passt ja ganz gut zu meiner Einschätzung.

  7. 7 Neoprene 13. Januar 2010 um 22:26 Uhr

    Übergangsforderungen sind ein zentraler Teil des von Leo Trotzki verfaßten „Übergangsprogramms“ (voller Titel „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der 4. Internationale (Das Übergangsprogramm)(1938) online hier: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/index.htm

    Ein zentraler Passus:

    „Gleitende Skala der Löhne und der Arbeitszeit

    Unter den Bedingungen des sich zersetzenden Kapitalismus führen die Massen weiter das düstere Leben von Unterdrückten, die jetzt mehr denn je von der Gefahr bedroht sind, in den Abgrund des Pauperismus geworfen zu werden. Sie sind gezwungen, ihr Stück Brot zu verteidigen, wenn sie es schon nicht vergrößern oder verbessern können. Es besteht weder Möglichkeit noch Notwendigkeit, hier all die verschiedenen partiellen Forderungen aufzuzählen, die jeweils aus den konkreten nationalen, lokalen und beruflichen Bedingungen hervorgehen. Aber zwei wirtschaftliche Grundübel, in denen sich die wachsende Sinnlosigkeit des kapitalistischen Systems zusammenfaßt, nämlich die Arbeitslosigkeit und die Verteuerung des Lebens, erfordern verallgemeinerte Losungen und Kampfmethoden.

    Die IV. Internationale erklärt die Politik der Kapitalisten einen unversöhnlichen Krieg, einer Politik, die zu einem beträchtlichen Teil – genauso wie die Politik ihrer Agenten, der Reformisten, – in dem Versuch besteht, auf die Arbeiterschaft die ganze Last des Militarismus, der Krise, der Zerrütung der Geldsysteme und andere Übel des kapitalistischen Niedergangs abzuwälzen. Sie fordert Arbeit und eine würdige Existenz für alle.

    Weder Inflation der Währung noch Stabilisierung können dem Proletariat als Losungen dienen, denn das sind nur die zwei Gesichter ein und derselben Medaille. Gegen die Teuerung, die mit dem Herannahen des Krieges einen immer zügelloseren Charakter annehmen wird, kann man nur kämpfen mit der Losung der Gleitenden Lohnskala. Die Tarifverträge müssen die automatische Erhöhung der Löhne gleichlaufend mit den Preissteigerungen der Verbrauchsgüter garantieren.

    Will es sich nicht selbst dem Untergang ausliefern, dann darf das Proletariat nicht dulden, daß ein wachsender Teil der Arbeiterschaft zu chronisch Arbeitslosen, zu Elenden gemacht wird, die von den Krümeln einer sich zersetzenden Gesellschaft leben. Das Recht auf Arbeit ist das einzig ernsthafte Recht, das der Arbeiter in einer auf Ausbeutung begründeten Gesellschaft besitzt. Ihm wird jedoch in jedem Augenblick dieses Recht genommen. Gegen die Arbeitslosigkeit – sowohl die strukturelle wie die konjunkturelle – ist es an der Zeit, neben der Parole der öffentlichen Arbeiten die Losung der Gleitenden Skala der Arbeitszeit auszugeben. Die Gewerkschaften und andere Massenorganisationen müssen diejenigen, die Arbeit haben, und diejenigen, die keine haben, durch die gegenseitige Verpflichtung zur Solidarität verbinden. Auf dieser Basis muß die verfügbare Arbeit unter alle vorhandenen Arbeitskräfte aufgeteilt und so die Dauer der Arbeitswoche bestimmt werden. Der Durchschnittslohn jedes Arbeiters bleibt der gleiche wie bei der bisherigen Arbeitswoche. Der Lohn, mit einem fest garantierten Minimum, folgt der Bewegung der Preise. Kein anderes Programm ist für die jetzige Periode der Katastrophen annehmbar.

    Die Besitzenden und ihre Anwälte werden die „Unmöglichkeit der Verwirklichung“ dieser Forderungen darlegen. Die Kapitalisten von geringerer Statur, insbesondere diejenigen, die dem Ruin entgegengehen, werden außerdem auf ihre Buchführung verweisen. Die Arbeiter werden kategorisch diese Argumente und Empfehlungen abweisen. Es handelt sich nicht um den „normalen“ Zusammenstoß entgegengesetzter materieller Interessen. Es geht darum, das Proletariat vor Verfall, Demoralisierung und Ruin zu bewahren. Es geht um Leben und Tod der einzig schöpferischen und fortschrittlichen Klasse und damit um die Zukunft der Menschheit selbst. Wenn der Kapitalismus unfähig ist, die Forderungen zu befriedigen, die unausweichlich aus den Übeln hervorgehen, die er selbst erzeugt hat, dann soll er untergehen! Die „Möglichkeit“ oder „Unmöglichkeit“, diese Forderungen zu verwirklichen, ist hierbei eine Frage des Kräfteverhältnisses, die nur durch den Kampf gelöst werden kann. Auf der Grundlage dieses Kampfes werden die Arbeiter – was auch immer seine unmittelbaren praktischen Erfolge sein mögen – am besten die Notwendigkeit begreifen, die kapitalistische Sklaverei zu liquidieren.“

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