Gelbe Gewerkschaften, Rote Gewerkschaften

Der Blogger ofenschlot hat folgendes Schnipsel „aus einem aufgegebenen Projekt“ gepostet. Da man bei ihm leider (noch) nicht kommentieren kann, habe ich den Text hier auch nochmal reingestellt.

Gelbe Gewerkschaften stammen ursprünglich aus dem katholischen Teil der französischen Arbeiterschaft, einem reaktionären, auch antisemitischen Milieu, in dem Vorstellungen von der höheren Einheit von Arbeiter- und Kapitalisteninteressen kursierten: Läuft das Unternehmen gut, profitieren auch die Arbeiter; Streiks sind in letzter Konsequenz autodestruktiv.

Diesen Sätzen stimmt heute jeder Gewerkschaftsführer zu. Dennoch wäre es falsch, den DGB resp. die Einzelgewerkschaften als »gelb« ab zu tun. Tatsache ist, dass die gelben Gewerkschaften – in Frankreich, wie in Deutschland – von Anfang an ein Instrument des Kapitals waren, eine authentische Interessensvertretung haben sie niemals formulieren können (und wollen). Die Real-Ideologie der gleichberechtigten Sozialpartnerschaft, wie sie sich nach dem zweiten Weltkrieg – auch unter Mithilfe der westlichen Besatzungsmächte – institutionalisierte, hat nichts mit dieser Instrumentalisierung zu tun. Diese Ideologie ist in der Tat authentisch, stammt mitten aus den Reihen jener Gewerkschaften, deren Vorläuferorganisationen aus der Weimarer Republik als rot galten, die aber bereits einem Modell der »Wirtschaftsdemokratie« und des »organisierten Kapitalismus« (Hilferding) anhingen. Getrost kann man dies als Frühform der Sozialpartnerschaft bezeichnen.

Die Existenz des DGB hat die Existenz von gelben Gewerkschaften weitgehend überflüssig gemacht hat. Umgekehrt hat der DGB alles Recht der Welt, den Vorwurf, er sei doch längst gelb, von sich zu weisen. Denn – in einem Satz: Die deutsche Gewerkschaft ist kein Instrument der Klassenspaltung (das ist in der Tat die historische Mission der Gelben), sondern Ausdruck einer Klassenstabilisierung; sie bewahrt die Arbeiterklasse vor ihrem materiellen Untergang, um den Preis, Abhängigkeit der Arbeiter vom Kapital noch zu verfestigen. Der von einst linken Gewerkschaftstheoretikern attestierte »Doppelcharakter der Gewerkschaften« (Rainer Zoll)– einerseits: Vertretung der Arbeiterinteressen; andererseits: Partnerschaft mit dem Kapital – ist kein prekäres Gleichgewicht, dass sich unter großer Kraftanstrengung nach links hin kippen ließe. Es ist dieser Doppelcharakter, der die Stabilisierungsfunktion erst bedingt!

Gewerkschaften beziehen ihre Stärke gegenüber dem Kapital aus der Produktionsmacht, die sie repräsentieren (»Alle Räder stehen still …«). Aber diese Stärke realisiert sich erst, wenn die Gewerkschaft ihrem Verhandlungspartner signalisiert, dass sie die Produktionsmacht der Arbeiter unter Kontrolle hat. Nur dann, wenn sie für Ruhe in den eigenen Reihen sorgen kann und allzu aufmüpfige Proleten abserviert, wird sie als Verhandlungsmacht ernst genommen.


4 Antworten auf „Gelbe Gewerkschaften, Rote Gewerkschaften“


  1. 1 Neoprene 25. September 2009 um 9:47 Uhr

    ofenschlot behauptet Sachen, die nicht ganz zusammenpassen: Er fängt mit der korrekten Beschreibung an, daß in der zentralen Einschätzung der Lage der Arbeiterklasse „gelbe“ und heutige DGB-Gewerkschaften überhaupt nicht auseinanderliegen. Wieso dann aber der in der Tat unterschiedliche Beginn vor 100 Jahren für die Bewertung der heutigen Gewerkschaften zentral sein soll, ist nicht wirklich begründet:
    Sein Satz

    „Die Existenz des DGB hat die Existenz von gelben Gewerkschaften weitgehend überflüssig gemacht hat. Umgekehrt hat der DGB alles Recht der Welt, den Vorwurf, er sei doch längst gelb, von sich zu weisen. Denn – in einem Satz: Die deutsche Gewerkschaft ist kein Instrument der Klassenspaltung (das ist in der Tat die historische Mission der Gelben), sondern Ausdruck einer Klassenstabilisierung“

    unterstellt ja, daß damalige Spaltung und heutige Integration unterschiedlichen Ziel geschuldet sind. Das wage ich doch zu bezweifeln.

    Wenn er zum Charkter der Gewrkschaften schreibt:

    Doppelcharakter der Gewerkschaften« (Rainer Zoll)– einerseits: Vertretung der Arbeiterinteressen; andererseits: Partnerschaft mit dem Kapital – ist kein prekäres Gleichgewicht, dass sich unter großer Kraftanstrengung nach links hin kippen ließe

    und deshalb auch so endet:

    Nur dann, wenn sie für Ruhe in den eigenen Reihen sorgen kann und allzu aufmüpfige Proleten abserviert, wird sie als Verhandlungsmacht ernst genommen.

    dann dürfte er große theoretische Schwierigkeiten haben, z.B. den GDL-Streik unter seinen Hut zu kriegen, denn die waren doch historisch viel eher gelb als DGB und haben trotzdem gestreikt gegen eine Transnet, die in der Tat den Polizeiknüppel gegen deren Landfriedensbruch geschwungen hat, wo sie nur konnte.

  2. 2 Hurvinek 25. September 2009 um 10:16 Uhr

    Die Ausführung verstehe ich so noch nicht.
    In wie fern ist die GDL historisch eine „gelbe“ Gewerkschaft gewesen? Insbesondere mit Blick auf das vergangene Bahnbeamtentum…

  3. 3 Neoprene 25. September 2009 um 10:27 Uhr

    Natürlich ist/war die GDL keine klassische gelbe Gewerkschaft. Sie ist überhaupt einer der ältesten Gewerkschaften und von damals her eben sehr „ständisch“ eng berufsmäßig aufgestellt. Ein Betrieb eine Gewerkschaft ist ja auch wahrlich nicht überall und immer das Organisationsprinzip gewesen. Mit Sicherheit aber ist die GDL historisch nie als „fortschrittliche“ „linke“ „klassenkämpferische“ Gewerkschaft aufgefallen. Nur jetzt hat sie auf den Putz gehauen und Transnet hätte sie am liebsten in den Boden gestampft, bzw. stampfen lassen durch Gerichte, Polizei, Politik und Suckale.

  4. 4 Kohleofen 25. September 2009 um 10:54 Uhr

    Lieber Neoprene!

    »… unterstellt, daß damalige Spaltung und heutige Integration unterschiedlichen Zielen geschuldet sind. Das wage ich doch zu bezweifeln.« … Unterschiedlichen STRATEGISCHEN Zielen, um genau zu sein. Das gesellschaftliche Ziel der »Gegenseite«, Aufrechterhaltung des Kapitalverhältnisses, bleibt davon unberührt.
    Vielleicht habe ich mich zu knapp ausgedrückt: Der DGB hat die Existenz gelber Gewerkschaften dadurch überflüssig gemacht, dass er nicht selbst gelb geworden ist – also keine direkte Strategie zur Zerstörung von Solidarität und einheitlichen Kampforganisationen verfolgt –, sondern sein Appeasement ist aus der Dynamik der eigenen Geschichte zu begreifen. Die Pointe liegt darin, die Empörung des DGB über die wieder sprießenden gelben Gewerkschaften (die sich aber nach einer kleinen Offensive vor zwei, drei, vier Jahren – AUB bei Siemens! – übrigens nicht haben etablieren können) für voll zu nehmen und dabei zu zeigen, dass man nicht »gelb« sein muss, um kapitalkonservierend zu sein. Im Gegenteil: Die Heilige Allianz, in die der DGB eingebunden ist (gerade weil er sich als »Gegenmacht« versteht) und die er auch in sich verkörpert – insofern in seinen Einzelgewerkschaften von Christen bis Marxisten friedlich vereint kooperieren resp, kooptieren –, ist letztlich das brutalere Mittel der Klassenherrschaft.
    Zur GDL (und auch zum Marburger Bund – Ärztestreik 2006!) später an anderer Stelle mehr!
    Nach Diktat mal wieder (ächz) verreist.

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