Renate Dillmann: CHINA Ein Lehrstück

Im VSA-Verlag wird im September 2009 ein Buch über die VR China erscheinen:

60 Jahre Volksrepublik China – ein Lehrstück über einen sozialistischen Gegenentwurf und die Geburtsstunde eines neuen Kapitalismus.

China ist ein bemerkenswerter Sonderfall: Es schafft eine wahrhaft nachholende „Entwicklung“, schließt zu den etablierten Nationen auf, wird kapitalistische Weltmacht. Anhänger einer früher antikapitalistisch inspirierten Drittwelt-Bewegung können sich heute fragen, ob es das war, wovon sie geträumt haben… Renate Dillmann geht der Frage nach, wie die 30 Jahre Aufbau des Sozialismus und die 30 Jahre Aufbau des Kapitalismus eigentlich zusammenpassen, die in China unter derselben KP-Führung auf die Tagesordnung gesetzt und durchgezogen wurden. Wo ist der rote oder weniger rote Faden?

Die zentrale These ihres Buches: Schon in Theorie und Praxis der KP unter Mao ist die Unterordnung aller sozialistischen Ambitionen unter das Ziel der Befreiung, Einigung und schließlich des Aufbaus einer machtvollen chinesischen Nation grundgelegt, das dann unter Deng und den Nachfolgern weiter verfolgt, mit „kapitalistischen Methoden“ vorangetrieben und zu erstaunlichen Erfolgen geführt wird. Die Autorin ist aber weit davon entfernt, ihre Erläuterung der Entwicklung Chinas auf einen simplifizierenden Nenner zu bringen. Ihre anschauliche, mit viel Material angereicherte Schilderung und begriffliche Durchdringung führt den Leser durch die Etappen der jüngeren chinesischen Geschichte. Westliche Freunde und Feinde des „Maoismus“ werden dabei ebenso kritisch gewürdigt wie die Urteile der bürgerlichen und linken Öffentlichkeit zur heutigen Volksrepublik.

Renate Dillmann
CHINA
Ein Lehrstück
Alter und neuer Imperialismus
Sozialistischer Gegenentwurf und seine Fehler
Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft
Aufstieg einer neuen Großmacht
400 Seiten (September 2009)
EUR 22.80 sFr 39.40
ISBN 978-3-89965-380-9


9 Antworten auf „Renate Dillmann: CHINA Ein Lehrstück“


  1. 1 Kohleofen 18. August 2009 um 22:53 Uhr

    »Die zentrale These ihres Buches: Schon in Theorie und Praxis der KP unter Mao ist die Unterordnung aller sozialistischen Ambitionen unter das Ziel der Befreiung, Einigung und schließlich des Aufbaus einer machtvollen chinesischen Nation grundgelegt, das dann unter Deng und den Nachfolgern weiter verfolgt, mit „kapitalistischen Methoden“ vorangetrieben und zu erstaunlichen Erfolgen geführt wird.«

    Ist das wirklich die zentrale These? Ich hoffe doch nicht, sie wäre nämlich Schrott.
    1. Eine KP »unter Mao« hat es nie gegeben. Mao mag phasenweise dominiert und man mag ihm einen Personenkult angehängt haben, aber er war nie unumstritten: nicht während der ersten Revolution (1927-31), nicht während des langen Marsches, nicht während des antijapanischen Befreiungskrieges, nicht während der Nachkriegszeit. Es hat – bis zur Abservierung der Vierer-Bande 1978 – stets den »Kampf der zwei Linien« gegeben, eben die populistisch, rätedemokratische (sic!), sich auf die Bauernmassen stützende, die permanente Revolution propagierende Linie Maos (richtig gelesen – Mao ist so etwas wie ein erfolgreicher Trotzki, und eben kein chinesischer Stalin!); und dagegen die urbane, eine Arbeiteraristokratie heranzüchtende, offensiv auf Staatskapitalismus – zunehmend durchsetzt mit privaten Elementen – setzende Linie um Deng und Liu. Deng hat die chinesische Geschichte nach 1949 genau so geprägt wie Mao, und er hat ganz gewiss NICHT die Politik Maos weiter verfolgt.
    2. »Unterordnung der sozialistischen Ambitionen«: Mao und selbst Deng gingen davon aus, dass die Befreiung und Einigung der Nation identisch sind mit dem Aufbau und der Verwirklichung des Sozialismus. Es gibt da kein Unterordnungsverhältnis. Sämtliche Analysen der 20er, 30er und 40er Jahre der chinesischen Kommunisten über die Entwicklung des Imperialismus (sic!) in China kommen zu dem Schluss, dass China der eigenständige Weg zum Kapitalismus von vornherein versperrt ist, weil China seit dem 19. Jahrhundert ein Opfer brutalsten Imperialismus geworden ist. Der Unterschied zwischen den zwei Linien besteht darin, dass die Deng-Linie sich der Dynamik des Staatskapitalismus sehr früh (mit dem ersten, strikt an russischen Vorgaben ausgerichteten 5-Jahres-Plan) überantwortet hat, während Mao – seit 1950 im Prinzip immer aus der Defensive und nie mit dauerhaftem Erfolg operierend – doch ständig den Sprung aus der Geschichte (Volkskommunen-Modell, Abschaffung der doppelten Buchführung, Kulturrevolution) gesucht hat.

    Hey, ich bin kein Maoist, ich will auch nicht die Idealismen der alten Parteiführer gegen die realkapitalistische Wirklichkeit des heutigen Chinas verteidigen. Aber so glatt, wie die obige These suggeriert – ich gehe zugunsten der Autorin davon aus, dass es in erster Linie Verlagsgeklapper ist –, ist es nun mal nicht. Dummer Spruch, aber wahr: In China gehen die Uhren anders. Die Revolution in China folgt keinem uns bekannten Revolutionsmodell, sie ist streng genommen noch nicht einmal das Paradigma der Revolutionen in der so genannten Dritten Welt (Kuba passt viel eher in das Schema eines radikalen Jakobinismus – Vietnam, Algerien: das sind in der Tat nationale Einigungs- und Befreiungskriege mit a bisserl sozialistischem Beiwerk gewesen). Es ging den Kommunisten um nichts weniger als die restlose Tilgung des bürokratisch-despotischen konfuzianischen Chinas (wir reden hier von 3000 Jahre Geschichtsballast). Das feiere ich nicht noch empöre ich mich, aber man sollte es doch zu Kenntnis nehmen.

  2. 2 bla 19. August 2009 um 2:25 Uhr

    »Unterordnung der sozialistischen Ambitionen«: Mao und selbst Deng gingen davon aus, dass die Befreiung und Einigung der Nation identisch sind mit dem Aufbau und der Verwirklichung des Sozialismus.

    Ich zitiere dazu einfach mal die entsprechende Stelle aus dem älteren GS Artikel zu China:

    „Das oberste Ziel Deng Xiaopings ist es, zu seinen Lebzeiten die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß China sich zu einer starken und wohlhabenden Weltmacht entwickelt und künftig wieder den Platz als „Reich der Mitte“ der Welt einnimmt.“

    Müßig zu fragen, ob die Wiedergewinnung des „Reichs der Mitte“ und die Herabsetzung des Rests der Welt zur Peripherie immer schon der ganze Inhalt der chinesischen Sozialismusdefinition gewesen waren. Die Zusammenfassung der demoralisierten und hungernden Bauernmassen zu einem Volk und zur Basis einer Nation hat seinerzeit schon etwas mehr erfordert als die Sehnsucht nach nationaler Größe: nämlich die von der Partei geleistete Organisation des Lebens und des Lebensunterhalts. Ob diese Interessensidentität von Volk und Führung – der Gehalt des chinesischen Sozialismus und der Grund für die Macht der Partei – von allem Anfang an nur das Mittel der Wiedererrichtung eines großen China, oder auch ein bißchen der Zweck des kommunistischen Umsturzes war, die Parteileute sind die Letzten, die den Unterschied begreifen würden.

  3. 3 bigmouth 19. August 2009 um 2:55 Uhr

    „kp unter mao“ heisst doch einfach nur: mao war vorsitzender. es wird auch „spd unter müntefering“ geschrieben

  4. 4 Neoprene 21. August 2009 um 18:07 Uhr

    Doch, eine KP »unter Mao« hat es gegeben. Man muß wahrlich kein Maoist gewesen sein, um dessen zentrale Rolle für die Entwicklung der KPChinas zur Kenntnis zu nehmen. Und daß es da fast immer den mehr oder weniger unsäglichen „Kampf zweier Linien“ gegeben hat, daß ist zwar formell gesehen richtig, relativiert aber sowohl an der Einschätzung Maos als auch an der seiner politischen Gegner in der Partei wenig. (Was natürlich noch zu beweisen wäre.) Auch wenn es mittlerweile ein müßiger Streit geworden zu sein scheint, sich über Mao zu fetzen (vor 30 Jahren war es allerdings innerhalb der weitgehend maoistisch beeinflußten Linken in der BRD noch sehr wichtig), so möchte ich doch folgendem Satz widersprechen:

    „populistisch, rätedemokratische (sic!), sich auf die Bauernmassen stützende, die permanente Revolution propagierende Linie Maos (richtig gelesen – Mao ist so etwas wie ein erfolgreicher Trotzki, und eben kein chinesischer Stalin!)“

    Erstmal fällt ja auf, daß mit „populistisch“, „(räte)demokratisch“ und „sich auf die Bauernmassen stützend“ buchstäblich nichts über den politischen Inhalt der „Linie Maos“ gesagt ist. Ob da die Leute für ein vernünftiges Projekt oder eine ihnen abträgliche Sache gewonnen oder auch nur in Anspruch genommen wurden, ist ja damit noch gar nicht gesagt. Auch dein Mao gleich Trotzki und ungleich Stalin ist erstmal inhaltsleer. Du wirst dich nicht groß wundern, wenn ich genauso apodiktisch das Resümee genau andersrum ziehen würde, ohne damit auch nur ein Jota mehr Argumente vorgebracht zu haben.

    Genauso ist die Charakterisierung der Deng Xiaoping/Liú Shàoqí-Gruppe so verkürzt wie vorgebracht eher falsch als treffend: Die Abkehr von jeglicher im klassischen leninistischen Sinne „proletarischen“ Perspektive nach der Katastrophe des Endes Blocks der vier Klassen mit dem Massaker in Shanghai 1927, also die Hinwendung zur Masse der chinesischen Bevölkerung, den Bauern sowohl in organisatorischer Hinsicht, die KP verzog sich ja aus den Städten als auch programmatisch, also weg von der Zentralität der industriebasierten Planwirtschaft war nichts Tolles. Zudem „urban“ und „arbeiteraristokratisch“ und „staatskapitalistisch“ auch wieder nicht gleichzusetzen sind und vor allem es nicht um die alternative „Bauernsozialismus“ oder „Arbeiterkapitalismus“ gegangen ist bzw. hätte gehen sollen.
    Und von einem wohlmöglich bei Trotzki abgeschautem Programm der „permanenten Revolution“ bei Mao zu reden, erscheint mir besonders daneben zu liegen. Bei Trotzki war damit jedenfalls gemäß wikipedia folgendes gemeint:

    „Trotzki resümierte, dass die nationale Bourgeoisie im Laufe der kapitalistischen Genesis ihre fortschrittliche Rolle eingebüßt hatte, sie somit in einem rückständigen Land wie dem damaligen Zarenreich, welches vor der Erfüllung der Aufgaben der demokratischen Revolution (Bodenreform, Schaffung der parlamentarischen Demokratie etc.) stand, notwendigerweise eine passive bis konterrevolutionäre Rolle einnehmen würde, wie die Erfahrungen von 1905 und 1917 beweisen. Seiner Ansicht nach müsste die Arbeiterklasse als einzige konsequent oppositionelle Kraft die Führung übernehmen, und gleichzeitig zunächst den allgemeinen Kampf der Bauernschaft animieren, während die Revolution später ihre Säule auf dem Land in der Dorfarmut finden würde.“

    (Ich will mich jetzt hier nicht auf den geschichtsteleologischen Gehalt dieser Theorie einlassen, das erforderte ein noch weiteres Ausholen) Wichtiger Hinweis dort, daß dieses Programm immer im scharfen Gegensatz zum „Sozialismus in einem Lande“, von Stalin zuerst 1924 in der Sowjetunion eingeführt stand und auf „Weltrevolution“ abzielte und diese für den kommunistischen Erfolg sogar als letztlich unabdingbar eingeschätzt hat. Davon konnte bei Mao wie seinen Gegnern buchstäblich nie die Rede sein. Die haben den alten Block mit Chiang Kai-shek doch alle z.B. in Indonesien bis zum Inferno 1965, dem Untergang der zahlenmäßig größten sich kommunistisch verstehenden Bewegung/Partei der westlichen Welt, wacker mitgetragen (übrigens genauso wie die Moskauer Stalinisten, soweit auseinander lagen die eben alle nicht).

  5. 5 Kohleofen 21. August 2009 um 23:46 Uhr

    Es hat in China eine Jahrhunderte währende Tradition der Bauernaufstände gegeben. Und sie waren alle erfolglos. Mao sieht die Ursachen in der Hartnäckigkeit der chinesischen Bürokratie, in der Duldsamkeit einer konfuzianischen Mentalität. Seit dem 19. Jahrhundert passiert aber folgendes: China wird Opfer der imperialistischen Mächte. Und was es für ein Opfer wird: Die Verhältnisse auf dem Land zerbröseln völlig, die Armut nimmt schier gigantische Ausmaße an, die Menschen sterben wie die Fliegen – ist alles bei Mike Davis, »Die Geburt der Dritten Welt« bis zum Erbrechen ausführlich nachzulesen. Gleichzeitig erweist sich die Gentryclass, die, sagen wir (auch wenn’s nicht korrekt ist, da europäisch), feudalen Großgrundbesitzer, nicht als Hemmnis der imperialistischen Politik, sondern entweder als Vollstrecker bzw. deren willfähriges Anhängsel. Mao also kommt auf den Schluss, dass der Sieg über die Imperialisten mit der Bezwingen der Kompradorenbourgeoisie identisch ist – deshalb stehen für ihn Sozialismus und Nationalbefreiung nicht in einem Widerspruchsverhältnis. Mehr noch, dass das alte, tiefgestaffelte konfuzianische Regime nur durch einen Sprung (as you like) aus der Geschichte möglich ist: Sozialismus. Dessen Inhalt sei hier referiert: gemeinsame Verwaltung der Dörfer und Regionen (das ist der rätedemokratische Aspekt), gemeinsame Bewirtschaftung des Bodens (im China der 50er Jahre müssen die Bauern, zumindest ein sehr großer Teil, nicht in die Genossenschaften gezwungen werden, die taten das von sich aus), Autarkie der Volkskommunen (»Der Volksstahlofen im Hinterhof«), um darüber den Stadt-Land-Unterschied abzuschmelzen, und umgekehrt: Abzug von ausgebildeten Fachkräften aufs Land, schließlich Gleichrangigkeit von Volk und Partei (als Avantgarde ist die Partei nur Koordinatorin der Bauernspontaneität, verselbstständigt sie sich, gehört sie – »Rebellion ist gerechtfertigt« – bekämpft). Versuche der Umsetzung des Programms hat es in den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren durchaus gegeben (siehe die Quellen-Edition »Räte-China«, die Anfang der 70er Jahre sogar bei Ullstein erscheinen konnte), und auch in den ersten 30 Jahren der Volksrepublik – vor allem in der Zeit des Großen Sprungs und dann in der Kulturrevolution. Ich weiß, dass wir hier über Katastrophen, mit im Prinzip unbekannten, aber höchstwahrscheinlich sehr sehr hohen Todeszahlen, reden. Neoprene, genug Inhalt?

    Was das mit dem eher en passant von mir erwähnten Trotzki zu tun hat? Recht viel. Der Kampf gegen die Parteibürokratie, die Fortführung der Revolution durch forcierten Aufbau des Sozialismus auf der einen, Durchsetzung von Rätedemokratie auf der anderen Seite. Was Mao von Trotzki unterscheidet (außer dass er Erfolg gehabt hat …) ist a) die Fixierung auf die Bauern, b) der strikt nationale Aspekt der chinesischen Revolution. Ob Trotzki im Endeffekt wirklich eine andere Politik als Stalin durchgezogen hätte – ist müßig, darüber zu spekulieren. Willy Huhn, ein Rätekommunist, hat’s ja gemacht und die sehr böse Essayreihe »Trotzki – der gescheiterte Stalin« verfasst. Darüber dann mal an anderer Stelle.

    Zum Abschluss (trifft einiges):

    »Zu Zeiten der Kulturrevolution zeugte das Ideal einer einvernehmlichen Mobilisierung der Volksmoral für einen ökonomischen Aufbau gegen alle politisch beseitigten Abhängigkeiten wenigstens von einer Ahnung bei den leitenden Nationalkommunisten davon, daß Schulden nach innen ein Mittel der Ruinierung des Volkes und nach außen ein Hebel der Erpressung des Staates sind; daß der Verfall der Währung (und seine staatlich organisierten Folgen, die Verarmung der Massen) für ein Land wie China der Ausdruck der Unterordnung unter die ökonomische Potenz kapitalistischer Nationalökonomien ist; daß Produktion für den Weltmarkt das arbeitende Volk dem von vornherein entschiedenen Vergleich mit der Produktivität kapitalistischer Reichtumsvermehrung aussetzt und daß die Exploitation der Bodenschätze zur Devisenbeschaffung nicht der Entwicklung des Landes, sondern der Akkumulation in den kapitalistischen Industrienationen zugutekommt und deswegen auch keine eigene Reichtumsproduktion in Gang setzt.
    Der verrückte Stolz, in der puren Begeisterung des größten Volks der Erde die nationale Kraft zu besitzen, die jedes Almosen überflüssig macht, den faulenden Imperialismus übertrumpft und aus den nationalen Naturquellen einen Reichtum macht, mit dem sich der Staat sehen lassen kann, sorgt allerdings dafür, daß es trotz bzw. wegen aller wirklich durchgesetzten Unabhängigkeit nur eine trübe Ahnung ist.«

    (Quelle: http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/82/82_1/china2.htm)

  6. 6 Schwarz 24. August 2009 um 3:03 Uhr

    Die junge Welt vom 24.08.2009 rezensiert ein weiteres Buch über Chinas Weg:

    http://www.jungewelt.de/2009/08-24/024.php

    Nachfolgend der kopierte Text:

    Buchrezension

    24.08.2009 / Politisches Buch / Seite 15

    Chinas Weg
    Rolf Berthold hat Quellen zu Geschichte und Perspektiven, Strategie und Taktik der KP Chinas erschlossen

    Von Bernd Gutte

    Die aufstrebende Wirtschaftsmacht China ist ein Fakt, und nur die Geschwindigkeit des Wachstums läßt zuweilen Freund wie Feind erschrecken. Aber wie steht es um die kommunistische Partei in der Volksrepublik? Ist das Land noch ein sozialistisches? Rolf Berthold erschließt in seinem Buch »Chinas Weg – 60 Jahre Volksrepublik« zentrale Quellen. Der Autor gehört zu denen, die das Land wirklich kennen. Er hat in Peking studiert, war seit 1962 als Mitarbeiter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR mit China und dem Fernen Osten befaßt und von 1982 bis zum Ende der DDR deren Botschafter in der Volksrepublik.

    Bertholds Darstellung von Geschichte und Perspektiven, Strategie und Taktik der Kommunistischen Partei Chinas basiert auf deren eigener Sicht. Im Mittelpunkt des Buches steht die übertragene »Kurze Geschichte der KP Chinas« des Institutes für Parteigeschichte beim Zentralkomitee der KP Chinas: Gründung und Erstarken der Partei, Kampf im Krieg gegen Japan und Zerschlagung der Kuomindang. Der Gründung der Volksrepublik und dem Übergang von der »Neuen Demokratie« zum Sozialismus, wie auch der Erkundung des eigenen Weges für den Aufbau des Sozialismus sind weitere Abschnitte gewidmet. Kritisch wie ernsthaft setzt sich die Partei mit dem Chaos der Kulturrevolution auseinander, bis endlich mit der 3. Tagung des XI. ZK eine neue Periode der Entwicklung des Sozialismus eingeläutet wird. Eine Periode der Öffnung und der Reformen. Der historische Exkurs führt weiter von 1982 bis in die Mitte der 90er Jahre, in denen theoretisch und praktisch der Weg eines Sozialismus chinesischer Prägung beschritten wurde.

    Berthold läßt den historischen Faden nicht im vergangenem Jahrhundert abreißen (die »Kurze Geschichte« ist 2001 im Verlag für Geschichte der KP Chinas veröffentlicht worden), er erschließt dem Leser die zentralen Dokumente über die wichtigen Parteitage 2002 und 2007 bis hin zum Statistischen Jahresberichts über die Volkswirtschaftliche Entwicklung 2008. Hinzu kommt das Programm KP Chinas. Bertholds Buch ist ein Muß für alle Freunde Chinas, wie für seine Kritiker und Feinde.

    Rolf Berthold: Chinas Weg – 60 Jahre Volksrepublik. Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2009, 302 Seiten, 12 Euro * Buchvorstellung in der jW-Ladengalerie mit Rolf Berthold am Dienstag, 25. August, 19 Uhr

  7. 7 Schwarz 24. August 2009 um 12:19 Uhr

    “Wer eine Sache nicht studiert, hat kein Recht mitzureden. Hast du in irgendeiner Frage keine Untersuchungen vorgenommen, dann verlierst du das Recht, darüber mitzureden. Ist das nicht zu barbarisch? Nein, keineswegs! Hast du nämlich den augenblicklichen Stand der Frage und ihre Geschichte nicht geprüft, weißt du nicht, worum es sich in Wahrheit handelt, dann wirst du folglich, wenn du dich zu dieser Frage äußerst, unvermeidlich in den Tag hinein schwatzen. Bekanntlich löst man mit bloßer Faselei keine Fragen. Warum sollte es denn ungerecht sein, wenn dir in diesem Fall das Mitspracherecht entzogen wird? Viele Genossen reden den ganzen Tag lang mit geschlossenen Augen ins Blaue hinein. Für einen Kommunisten ist das eine Schande. Wie kann denn ein Kommunist vor der Wirklichkeit die Augen verschließen, dafür aber den Mund voll nehmen?
    Unmöglich!
    Ausgeschlossen!
    Das Hauptgewicht auf die Untersuchungen legen!
    Schluß mit dem Geschwätz!“

    Im Sinne dieser warnenden einführenden Worte des Großen Vorsitzenden und Steuermanns MAO TSE-TUNG gegen die Buchgläubigkeit seien noch zur Lektüre empfohlen:

    Zur Wissensaneignung, evtl. auch nur Kenntnisauffrischung, immer noch von ausnehmender informativer Qualität:

    http://www.sinistra.net/lib/upt/kompro/cipu/cipuhgibid.html

    http://www.sinistra.net/lib/upt/kompro/cipi/cipifdubed.html

    Zum Quellenstudium über LIN BIAO::

    Wichtige Dokumente der Großen Proletarischen Kulturrevolution. Verlag für Fremdsprachige Literatur. Peking 1970.

    U.a. erhältlich über : http://www.antiquariatmagistertinius.de/

    __________________________________________

    Bei der Gelegenheit sei auch noch auf ein weiteres Büchlein aus dem Verlag Wiljo Heinen hingewiesen:

    Der Verleger selbst behandelt darin im auch amüsanten Dialog mit dem ratsuchenden Archie alias Manfred Hocke* bei beiderseits großer Sachkenntnis und in aller Kürze & Würze das Geld, den Markt, den Geldmarkt und die Illusionen, die man sich darüber, darum und warum macht.

    Und dies zum Preis einer Zigarettenschachtel, im Jackentaschenformat wie auch noch auf eine Weise aufbereitet, dass man meinen könnte, der Verf. hat sich die Arbeitsanweisung des Londoner Bibliophilen, aus den je moderneren Phänomenen der kapitalistischen Dynamik ihre je speziellen Formgesetze erst zu entwickeln, ganz besonders zu Herzen genommen.

    Da mögen doch einmal die Marxisten, die mit wissenschaftskritischer Borniertheit die Hilfsmittel der Methode und Didaktik pauschal negieren, die Vermittlungen studieren, an denen es ihnen nicht nur qua fehlender Beherrschung der Umgangssprache mangelt, um echte Kumpels zu gewinnen:

    http://www.verlag-wh.de/buecher/GeldMarktIllusion/index.html

    http://www.verlag-wh.de/buecher/GeldMarktIllusion/VirtuellesGeld.pdf

    http://www.verlag-wh.de/buecher/GeldMarktIllusion/SparenundKredit.pdf

    *Aus der 1 macht die Werbung, wenn’s denn gerne sein muß, eben auch schon mal die 2, ebenfalls hosengerecht im äquivalenten Tausch für ein besseres Bier:

    http://www.verlag-wh.de/buecher/Heimatsuechtig/index.html

    http://www.verlag-wh.de/buecher/Heimatsuechtig/HeimatsuechtigBBBAuszugWeb.pdf

    http://www.verlag-wh.de/buecher/Heimatsuechtig/HeimatsuechtigHoerspielAuszugWeb.pdf

  8. 8 rot 26. August 2009 um 1:10 Uhr

    Nicht zu vergessen: Charles Bettelheim: The Great Leap Backward ( http://www.marx2mao.com/Other/GLB78.html )

    „As I have said, the retreat from the proclaimed objectives of the Cultural Revolution did not begin at the end of 1976. It had begun much earlier, in connection with the ebb and flow of the class struggle. Nevertheless, the period which opened with the death of Mao Tse-tung and the elimination of the Four has been marked by the extent to which the leap backward has been accomplished and by the open abandonment of a series of analyses developed since 1966. This abandonment means a repudiation of the gains made for Marxism by the Chinese Revolution — in other words, a repudiation of Marxism itself.“

  9. 9 Schwarz 25. September 2009 um 6:12 Uhr

    Eine Vorstellung/Buchlesung des Dillmann-Chinabuches, am 12. Nov. 2009 in Marburg durch die Autorin selbst:

    Die Hinführung zum Sozialismus Mao Zedongs und zu Chinas Übergang in die Marktwirtschaft liest sich nun so:
    Ankündigung einer Veranstaltung mit der Autorin in Marburg:
    60 Jahre Volksrepublik China:
    Mao und seine Erben auf ihrem langen Marsch zur Weltmacht
    Eine marxistische Analyse
    Zeit: 12.11.2009, 20 Uhr
    Ort: KFZ , Schulstr. 6, Marburg
    Referentin: Renate Dillmann (Gastreferentin)
    Es wird inzwischen viel über China geredet – aber wie? Leitender Gesichtspunkt der China-Berichte in der bürgerlichen Öffentlichkeit ist die Frage, was der Aufstieg dieses Landes für „uns“ bedeutet. Der Eintritt Chinas in den freien Weltmarkt wird begrüßt und die Öffnung seines Marktes mit 1,3 Milliarden chinesischer Kunden stimmt uns enorm hoffnungsfroh; andererseits droht möglicherweise eine neue „gelbe Gefahr“. Denn dieses Mal tritt China an als kampfstarke wirtschaftliche Konkurrenz, die uns nicht nur mit ihren Dumping-Löhnen Teile des Weltgeschäfts abjagt und unsere Märkte überschwemmt, sondern längst zum organisierten Angriff auf unser Allerheiligstes, das technische Know-how des deutschen Mittelstands, geblasen hat. Politisch wiederholt sich die Ambivalenz: Deutschlands politische und ökonomische Elite verspricht sich durchaus einiges von der wieder erstarkten asiatischen Macht und den guten Beziehungen, die sie zu ihr unterhält. Andererseits registriert man in Berlin ebenso wie in Washington, dass man es mit einer zunehmend selbstbewussten Großmacht zu tun hat, die sich nicht so einfach einordnen und für eigene weltpolitische Interessen benutzen lässt. Bestürzt stellt man fest, dass die chinesische Führung eine Ansammlung „immer noch“ ziemlich „kommunistischer Betonköpfe“ ist, damit befasst, ihrem Volk Demokratie und Menschenrechte und dem Dalai Lama „sein Tibet“ zu verweigern. Von der Öffentlichkeit abgeschottet beschäftigt sie sich mit undurchsichtigen Intrigen und Konkurrenz um die Macht im Land, zu der bisher weder Oppositionelle noch westlich gesponserte NGOs Zutritt bekommen. Dass ihr das bisher ziemlich unangefochten gelingt, nötigt dann umgekehrt schon wieder Respekt ab. Es ist also eine ziemlich üble Mischung von Ignoranz, Feindschaft und Begeisterung, die das Urteil der bürgerlichen China-Beobachter kennzeichnet.
    Das China-Bild der links-alternativen Öffentlichkeit präsentiert sich keineswegs sachlicher. Es ist auf der einen Seite geprägt von sentimentalen Reminiszenzen an frühere Tage, als man in Mao, die Volkskommunen und die Kulturrevolution eigene Hoffnungen und Wünsche hineinprojiziert hatte. Dem gegenüber stellen sich Linke das heutige China gerne als Ausbund rohester kapitalistischer Verhältnisse vor. Ihre Reportagen und Analysen werden in vielen Fällen von Millionen hungernder Wanderarbeiter bevölkert – fast so, als wäre man in seiner Kapitalismuskritik entwaffnet, wenn es auch in China nach 30 Jahren Marktwirtschaft schon etwas gesitteter zuginge und als gäbe es an Chinas langem Marsch in den Kapitalismus nicht mehr zu erklären. Oder man bleibt einfach stur und schenkt der Kommunistischen Partei und ihren Interpretationen Glauben, denen zufolge sich das Land noch immer auf dem Weg zum Sozialismus befindet – nur dass dieser etwas länger ausfällt als angenommen und kleine kapit alistische Umwege zur Erhöhung der gesellschaftlichen Produktivkraft einschließt.
    Das Buch, das hier vorgestellt werden soll, stellt sich quer zu solchen Deutungen. Es kritisiert den Sozialismus Mao Zedongs, ohne Partei zu ergreifen für Chinas Übergang zur Marktwirtschaft. Es verfolgt den Aufstieg eines Entwicklungslandes zur kapitalistischen Großmacht, ohne den Fortschritt dieser Nation mit dem Wohlergehen des chinesischen Volks zu verwechseln. Es konstatiert den Erfolg des modernen China und die Eindämmungsbemühungen der etablierten Weltmächte, ohne in der Auseinandersetzung, die längst begonnen hat, Sympathien für eine der Seiten zu bekunden:
    China – ein Lehrstück über:
    • alten und neuen Imperialismus,
    • einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler, • die Geburtsstunde eines neuen Kapitalismus und • den Aufstieg einer neuen Großmacht.

    http://www.gs-marburg.de/neuigkeiten/2009-11-12dillmann.htm
    http://www.contradictio.de/blog/archives/1858

    [Anm. Koza: Ich bin gespannt auf die Erklärung des Übergangs vom Wertgesetz in das Wertgesetz, von der Lohnarbeit in die Lohnarbeit. Aber dazu nach Kenntnis des Buches vielleicht einmal mehr.]

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