Michael Heinrich: Tulpen sind Aktien?

Michael Heinrich hat vor recht genau einem Jahr in Phase 2. 28, Juni 2008, S.56-59 einen Artikel zur Krise veröffentlicht. Dort heißt es:

Man sollte sich diese Krise also etwas genauer anschauen. Ihren Anfang nahm sie in einer Überspekulation mit anschließendem Platzen der spekulativen Blase. Seit der holländischen Tulpenkrise im frühen 17. Jahrhundert haben diese Spekulationskrisen immer wieder denselben Verlauf genommen: Ein bestimmtes Vermögensobjekt (seien es nun Aktien, Häuser oder eben Tulpenzwiebeln) wird immer höher bewertet, was die Nachfrage nach diesem Objekt ankurbelt, denn alle wollen am scheinbar unaufhaltsamen Wertzuwachs teilhaben. Das eigene Vermögen, schließlich auch Kredite werden zum Erwerb des Spekulationsobjektes benutzt. Aufgrund der großen Nachfrage steigt dessen Preis weiter, was zu weiterer Nachfrage führt. Doch irgendwann ist dieser Anstieg erschöpft. Es wird schwieriger, neue Käufer zu finden, und die ersten Anleger wollen ihre Gewinne realisieren und verkaufen. Der Preis des Spekulationsobjektes fällt. Jetzt wollen alle aussteigen, um keine Verluste zu machen, was aber den Preis noch weiter drückt. Viele von denen, die spät in die Spekulation eingestiegen sind und zu einem hohen Preis gekauft haben, machen jetzt hohe Verluste. Da mit diesen Verlusten auch ein allgemeiner Nachfrageeinbruch verbunden ist, kann sich eine solche Spekulationskrise auf die gesamte Wirtschaft auswirken. Im Prinzip ist deren Verlauf heutzutage auch denjenigen bekannt, die sich an der Spekulation beteiligen. Doch ist eben nicht klar, in welcher Phase der Spekulation man sich befindet: relativ am Anfang, wo noch gute Gewinnchancen existieren, oder eher am Ende, kurz vor dem Platzen der Blase. Jeder hofft, dass er noch bei den Gewinnern sein kann, auch wenn er weiß, dass der Absturz kommen wird.

Ich bin mir nun nicht sicher, ob die Gleichsetzung genuiner Waren, die auch etwas Nützliches sein müssen, um überhaupt Waren mit Bezahlanspruch zu sein, also in seinem Beispiel die berühmten Tulpen (semper augustus!!) aus der ersten kapititalistischen(?) Spekulationskrise mit reinen Rechtsansprüchen auf spätere Zahlungen (wie bei dem meisten Finanzmarktpapieren und erst recht bei den Derivaten, bzw. Hoffnung auf solche (wie bei Aktien) überhaupt zulässig ist.

Ich habe früher, auch hier, gegen die häufig allzuvorschnelle Unterscheidung zwischen „echten“ Werten in der „Real“wirtschaft und den Werten des „fiktiven Kapitals“ anargumentiert, deshalb meine ich jetzt aber nicht, daß es der Analyse gut tut, da gar keinen Unterschied mehr zu machen. Letztlich ist das also wieder die leidige Frage nach der relativen Verselbständigung des Finanzkapitals, bzw. wie elastisch das Band ist, was die klassischen Waren produzierenden Kapitale und die ach so modernen Finanzkapitale, die über deren Begrenzungen schon weit hinaus waren, zusammenhält.


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