Der historische Beruf des Proletariats: Verantwortungsbursche

Normalzustand Rot hat so nebenbei auf ein Marxzitat hingewiesen:

Soweit solche Kritik überhaupt eine Klasse vertritt, kann sie nur die Klasse vertreten, deren geschichtlicher Beruf die Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise und die schließliche Abschaffung der Klassen ist – das Proletariat.

[Nachwort zur zweiten Auflage „Das Kapital“, Bd. I, MEW S.22]

Dazu paßt ganz gut eine Diskussion, die ich vor Jahren mit Genossen des GegenStandpunkts zum Thema geführt habe. Ich hatte vor Jahren im Internet Mitschnitte eines Arbeitskreises ausgegraben, bei dem Peter Decker und Heinz Scholler von der damaligen Marxistischen Gruppe in erster Linie für DDRler im Dezember 1989 in Berlin einen Arbeitskreis zur Kritik der DDR-Ökonomie abgehalten haben (hier verfügbar: http://neoprene.blogsport.de/2006/05/25/archiv-des-todes-revisited-iii/). Dabei hat Peter Decker folgendes gesagt:

Auch die Arbeiterklasse hat einen historischen Beruf. Die sollen die Revolutionen auch nicht einfach nur für sich machen, sondern weil sie den historischen Beruf haben, alle Klassengesellschaften zu überwinden. So spricht man nicht den Materialisten im Arbeiter an, sondern den Verantwortungsburschen, den verantwortlichen Staatsbürger, der für die Gesellschaft Verantwortung übernehmen möchte. Deswegen gibt es ja auch die im Westen immer wieder kolportierten Späße, dass der Osten ganze Generationen von Arbeitern einspannt, um in irgendeiner lichten Zukunft ein wunderbares Arbeiterparadies herzustellen. Ja klar, wenn man so denkt, wenn man den Arbeiter nicht als Materialisten anspricht, sondern als gesellschaftlichen Verantwortungstypen, dann soll er auch quasi Opfer bringen für den Fortschritt der guten Sache.

Ich habe daraufhin Peter Decker folgendes gefragt:

Mir scheint, daß hier – wie häufiger bei euch – damit die Situation der Arbeiter (und des Arbeiterstaates, wenn man diese Kategorie überhaupt nehmen will, du hast es dir damit immer einfach gemacht und das selbstgewählte Label von drüben, „Realer Sozialismus“ genommen) ausschließlich vom Ende her beurteilt wird. Und damit wieder mal die These bebildert wurde, daß da eine bruchlose jedenfalls nicht qualitative Entwicklung stattgefunden hat.

Denn soviel wirst du doch sicherlich auch konzedieren, daß der anfängliche enorme Einsatzwille von kommunistischen Arbeitern (und Bauern), der überhaupt erst den Sieg der Oktoberrevolution und ihre Behauptung im Bürgerkrieg möglich gemacht hat, nicht gleichzusetzen ist mit den matten Appellen meinetwegen eines DDR-BGLers für Sonderschichten, damit man planmäßig doch noch gerade so die Kurve kriegt (ein Fehler, der mir selber übrigens jüngst in einer Diskussion passiert ist).

Letzlich kommt es wohl darauf hinaus, daß ich den Mangel, die Eingeschränktheit der Situation am Anfang der damaligen Revolution betone und du dem einen erstmal inhaltslosen(?) „Materialismus“ entgegenstellst. Oder einen kurzsichtigen, engstirnigen, rückständigen Geist?

Peter hat mir darauf geantwortet:

Halte doch bitte folgenden Unterschied fest:

1. Dass die Arbeiterklasse, wenn sie über ihre schädliche Abhängigkeit vom Fortgang der Kapitalakkumulation im Klaren ist, sich aus wohlverstandenem Materialismus eine wahrhaft große Sache vornehmen muss, ist richtig und wird von mir weder damals noch heute kleingeredet. Sich einen Umsturz und den Aufbau einer neuen, den eigenen Bedürfnissen dienenden Gesellschaft vorzunehmen, verlangt eine Distanzierung von den eigenen, tatsächlichen, von der Eigentumsordnung aufgenötigten Gelderwerbsinteressen. (Diese Distanzierung fordern wir von unseren Adressaten stets in der theoretischen Auseinandersetzung – auch ein unvoreingenommenes Urteil über die eigene Lage ist nur unter dieser Bedingung zu haben –; und sogar daran scheitern wir schon. Die Leute sagen uns, sie müssten sich ums geldverdienen kümmern, dafür würden unsere kritischen Gedanken nicht bringen – und sie halten mit solchen Zurückweisungen für schlaue Materialisten und uns für Spinner) Um eines zukünftigen besseren Lebens willen müssen Leute, die die Ausweglosigkeit ihrer Lage im Kapitalismus kapieren, also zusätzlich zu dem Lebenskampf, in dem sie ohnehin stehen, Zeit und Kraft und Geld, wenn nicht noch mehr für ihre neue Sache opfern. Aber eben für ihre Sache. Opfer – des Arbeitsplatzes, der bürgerlichen Existenzgrundlagen, der Gesundheit und des Lebens – sind im politischen Umsturzgeschäft, so gut es irgend geht, zu vermeiden. Auf keinen Fall darf man sie verherrlichen. Das stellt nämlich das ganze Verhältnis des Revolutionärs zu seiner Sache auf den Kopf, macht den Träger des Willens zum Werkzeug – sozusagen zum Soldaten – einer historischen Mission, der er nur dient – und tilgt letzten Endes den einzig rationellen Grund, warum einer sich überhaupt zum Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals aufmachen sollte. Der enorme revolutionäre Idealismus der russischen Massen, den du ansprichst, ergab sich daraus, dass sie nun eine neue Welt bauen wollten, die endlich ihnen ein anständiges Leben ermöglichen sollte. Ob das der wahre und ganze Zweck des revolutionären Aufbauwerks war, an dem sie sich beteiligten, ist damit nicht gesagt; das ließe sich nur anhand seiner Programmatik und ihrer Umsetzung entscheiden. Sie hielten’s eben dafür; und wurden zum Teil blutig auf den Realismus eines Staatsaufbaus gestoßen, der die revolutionären Massen tatsächlich zu seiner Machtbasis und zu Instrumenten seines industriellen, materiellen und rüstungstechnischen Fortschritts machte. Ob Stalin dabei der große Verräter besserer Intentionen war oder der würdige Vollender des Programms einer wahrhaft sozialen Staatmacht – die große Frage der Trotzkisten –, ist mir nicht besonders wichtig. Ganz sicher hat sich das Projekt des Realen Sozialismus erst über die Reihe der Entscheidungen der Partei und ihrer Führung präzisiert und herausgeschält; anfangs war Kommunismus und Arbeiterstaat sicher nur für Leute unterscheidbar, die es theoretisch sehr genau nahmen. Aber es genügt doch auch, wenn wir heute auf die Ansätze aufmerken, die schon bei Lenin in die falsche Richtung wiesen.

2. Wenn also damals die Propagandisten der Revolution die Massen damit gewinnen wollten, dass sie ihnen erzählten, sie seien in historischer Mission zur Befreiung der ganzen Menschheit unterwegs, und sollten sich nur getrost der großen Sache der Zukunft zur Verfügung stellen, dann war das schon damals ein Fehler. Solche Propaganda trennt, wie gesagt, zwischen dem Revolutionär und seiner Sache, die damit für ihn einen verpflichtenden, gegenüber seiner Rechnung unbedingten Charakter annimmt: Die zum bürgerlichen Staat gehörige Trennung vom bloß partikularen Interesse des einzelnen und einem davon unterschiedenen, höheren und höherwertigen Gemeinwohl wird sozialistisch fortgeschrieben. Der Einzelne wird dadurch sowohl kleiner wie auch größer gemacht, als er wirklich ist. Kleiner, weil es um ihn und sein materielles Interesse nicht gehen, weil er nur Diener einer großen heiligen Sache sein soll; größer, weil der so verstandene Revolutionär selbst im Namen eines verpflichtenden höheren Gemeininteresses unterwegs ist, sich also zu so mancher Rücksichtslosigkeit gegen andere, bloß partikulare Interessen berechtigt weiß. (Wir kennen das übrigens auch aus den linken Debatten unserer Tage: So leicht begnügt sich da keiner damit, zu sagen, was er denkt, bloß für seine Auffassung zu stehen und zu werben: Am liebsten sprechen auch die Linken im Namen des großen, nun eben linken „Wir“, im Interesse der Menschheit , ihres Überlebens etc.)

Mögen diese Töne des Opferidealismus in den Zeiten der russischen Revolution und der ersten Aufbaujahre mehr oder weniger virulent gewesen sein, Marx‘ Sprüche vom historischen Beruf der Arbeiterklasse und von der sozialistischen Revolution als einer, die nicht eine neue herrschende Klasse an die Stelle der alten setzt, sondern das Interesse der Menschheit gegen die kapitalistische Ordnung vertritt, ist zum Ausgangspunkt für eine Lesart der Revolution geworden, die das Falsche vom Arbeiterstaat deutlich herausstellt – so sehr die Eroberung und Verteidigung der Macht im Land eine leidige, wegen der Reste der alten Gesellschaft und wegen des feindlichen Auslands auch für längere Zeit unvermeidliche Notwendigkeit sein mag.

Dem habe ich erwidert:

ganz so glatt will ich dir das dann doch nicht durchgehen lassen: Ein zentraler Satz in deinen Ausführungen lautet:
„Der enorme revolutionäre Idealismus der russischen Massen, den du ansprichst, ergab sich daraus, dass sie nun eine neue Welt bauen wollten, die endlich ihnen ein anständiges Leben ermöglichen sollte. Ob das der wahre und ganze Zweck des revolutionären Aufbauwerks war, an dem sie sich beteiligten, ist damit nicht gesagt; das ließe sich nur anhand seiner Programmatik und ihrer Umsetzung entscheiden.“

Wohl war. Und was hat diese Untersuchung ergeben? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage. Freerk Huisken habe ich sie ähnlich formuliert vor einer Weile auch schon gefragt, um von ihm eine erstaunlich ähnlich vage, unentschlossene Antwort zu bekommen:

„Auch der Krieg gegen/mit der SU hat insofern „keine gerechte Seite“ – das mit dem „gerecht“ übersetze ich mal mit: „der man sich anschließen kann“– , als sich die SU längst als Staatsmacht aufgestellt hatte, der es nicht mehr darum ging, den Klassenkampf in den kap. Metropolen durch Stützung von KPs o.ä. voranzutreiben. Längst hatte sie sich zum Programm gemacht, sich als Staatsmacht innerhalb der imp. Konkurrenz und gegen sie zu behaupten. So ein Programm, das Diplomatie betreibt wie jeder bürgerliche Staat, der die zugeordneten KPs zu innenpolitischer Rücksichtnahme verdonnert, wenn es mit deren Heimatstaat „gute Beziehungen“ gab etc., der „verteidigt“ eben nicht mehr die Oktoberrevolution; wenn es da denn überhaupt noch was zu verteidigen gab.“

Ich hatte ihn dann zurückgefragt:

„“Längst“ ist, glaube ich, daß Schlüsselwort zu deiner Antwort zum „Klassencharakter der Sowjetunion“. Als Trotzkist bin ich traditionell jemand gewesen, der in der „Russischen Frage“ den Schlüssel zu revolutionärer Politik gehalten hat. Die „Verteidigung der Errungenschaften“ gegen innere Konterrevolution und imperialistische Angriffe von außen war da immer A und O jeglicher Politik. Verkürzt zu griffigen Parolen wie, „Die Verteidigung der SU beginnt in XXX“. Und für XXX habe ich dann El Salvador genauso genommen wie Afghanistan (oder die DDR, um etwas näher ran zu kommen). Und, wie du sicher auch weißt, war die Voraussetzung für diese Position der militärischen Verteidigung der gemeinhin „degenerierten“ (im Fall der SU) und „deformierten“ „Arbeiterstaaten“ (im Fall des Ostblocks nach 45, der VR China, Vietnams und Kubas) die Identifikation jener „Errungenschaften“ (im wesentlichen die Enteignung der jeweiligen Bourgeoisien, die Etablierung einer Planwirtschaft mit Außenhandelsmonopol). So richtig wohl dabei ist mir nicht mehr, die Auskramung auch alter trotzkistischer Kamellen, nämlich die politischen Auseinandersetzungen um die Einschätzung der Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der die trotzkistische Bewegung durchgeschüttelt hat, wo der Streit darum ging, wie die entstandenen „Volksdemokratien“ einzuschätzen seien, ob „Arbeiterstaaten“ (deformiert, weil offensichtlich ohne proletarische Revolution, also aufgrund der bewußten politischen Intervention wenigstens der „fortgeschrittenen“ Arbeiter, sondern auf den Bajonetten der Roten Armee ins Land gebracht, respektive im Fall der VR China ganz und gar ohne Arbeiter) „gesund“ (weil wir im Fall Jugoslawien, die SU nicht Geburtshelfer war) oder „Staatskapitalismus“ oder sogar neuartige Klassenherrschaft? Pablo als Wortführer des offiziellen Nachkriegstrotzkismus in der IV. Internationale prägte ja die berühmt/berüchtigte Einschätzung daß die Stalinisten wohlmöglich für Jahrhunderte herrschen könnten, ehe es dann richtig abgeht in den Sozialismus.

Was also heißt für euch terminlich und vor allem natürlich inhaltlich „längst“?

Leider steht die Antwort darauf noch aus. Ich habe das Gefühl, als ob sie euch auch gar nicht wichtig wäre (So wichtig, wie ich diese Scheidelinie früher genommen habe, ist sie vielleicht auch gar nicht, aber selbst darüber bin ich mir nicht im Klaren). Als wenn die heute korrekte Indifferenz dem bürgerliche politischen Treiben bruchlos zurück in die Geschichte projeziert würde und ausnahmslos nur gegnerische Interessen und Fehler der ihnen Ausgelieferten auszumachen wären.


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