Archiv für Juli 2009

Ebel zum Imperialismus (konkret-Kongreß 1993)

Der Blogger ofenschlot hat jetzt einen interessanten, bisher weitgehend ignorierten Beitrag von Theo Ebel vom Konkret-Kongreß 1993, der bisher in erster Linie wegen seines Mitstreiters bei der MG (und später beim GegenStandpunkt) Karl Held berühmt geblieben ist, ins Netz gestellt, in dem dieser „Gegenfunktionär des Spitzenstandpunkts“ mit einem „kurzen klaren Statement“ die Schwächen der marxistischen Imperialismustheorie beschreibt.

Ich spiegel den hier auch:

Die ganze Schwäche aller Imperialismustheorien liegt darin, daß das Verhältnis des Kapitalismus, dieser Reichtumsquelle der Nationen, die ja jetzt überall auf der Welt gilt, zu den Staatsgewalten einfach nicht geklärt ist. Es gibt die beiden Extreme: Entweder werden alle Manöver einer Staatsgewalt einschließlich des Kriegs unmittelbar mit dem Nutzen fürs Kapital erklärt, oder die politischen Manöver haben gar nicht mehr mit der Reichtumsquelle zu tun. Ich will verdeutlichen, was ich für falsch halte an diesen Extremen, die gerade das Verhältnis des Kapitalismus als der Reichtumsquelle der Staaten zur Außenpolitik der Staaten nicht mehr erklären können.

Ich erinnere mich an die 70er Jahre, an den Vietnamkrieg. Blöd, wie wir damals noch waren, haben wir uns gefragt, was gibt es denn da für einen Rohstoff, was kann man denn da holen, warum führen die denn den Krieg da? Was hat denn das Kapital davon? Schließlich ist ein Schlaumeier hergekommen und hat festgestellt, daß es tatsächlich vor der Küste von Vietnam Ölvorkommen gibt. Was waren wir begeistert. Es hat nur nicht gestimmt. Anderes Beispiel. Selbst beim Falklandkrieg ist mir eine Spartakistin untergekommen, die auch schon wieder Öl entdeckt haben wollte auf den Falklandinseln, dabei gibt es da nur Schafe. Völlig absurd war das beim Falklandkrieg, wo die Ehre der englischen Nation angekratzt war, wo die den Krieg geführt hat, weil sie sich das mit Blick auf ihre imperialistische Stellung in der Welt nicht leisten konnte, weil sie sich erpreßbar macht, wenn sie das durchgehen lässt. An dieser Stelle unmittelbar den ökonomischen Nutzen zu suchen, das ist die eine extreme Seite einer falschen Imperialismustheorie. Das andere Extrem besteht darin, den Bezug zur Ökonomie gar nicht mehr zu sehen, den Zusammenhang ganz zu kappen und beispielsweise zu sagen, die Deutschen sind halt so. Das sind Leute, die streben nach Großmacht und reiten sich dabei immer in die Scheiße, das hat mit dem Kapitalismus gar nichts zu tun. Noch extremer ist die im bürgerlichen Lager sehr verbreitete Theorie, derzufolge ausländische Abenteuer gemacht werden, um das Volk nach innen zusammenzuschweißen, um von Widersprüchen im Inneren abzulenken.

Wie ist der wirkliche Zusammenhang? Wie kriegt man heraus, warum Staaten bis zum Krieg sich außenpolitisch so aufführen? Ein kurzer Hinweis aufs Innen, weil sich bereits da die Bedeutung der Gewalt für diese Produktionsweise zeigt. Kein Geschäft würde gehen, die Kapitalisten könnten zumachen, wenn nicht der Staat mit seiner Gewalt sowohl das Recht auf Eigentum garantieren würde wie auch die Konkurrenz der Kapitalisten untereinander. Dieses freie Konkurrenzgeschäft wäre ohne die staatliche Gewaltgarantie unmöglich. Erst recht nach außen. Es gibt keine Ware, die über die Grenze geht beim Warenexport, es gibt keinen Kapitalexport, ohne daß die Staatsgewalt diese Möglichkeit eröffnet bzw. die Zustimmung des fremden Willens einer anderen Staatsgewalt dazu vorhanden ist. Selbst der freie Weltmarkt ist ein Ergebnis des Einvernehmens dieser verschiedenen Staatsgewalten; und auch einen Multi gäb’ es nicht, wenn nicht die Staatsgewalt dahinter stecken würde. Der Weltmarkt – dahinter lauert an allen Ecken und Enden Gewalt. Weiter noch: Wenn es auf dem Weltmarkt Gewinner und Verliere gibt, Nationen, deren Währung schlecht dasteht, die schlechte Außenwirtschaftsbilanzen haben, dann merkt man, daß sie schon wissen, wie man sich dagegen wappnen muß, als Verlierer dazustehen, nämlich mit seiner Gewaltmaschinerie.
Es muß einfach erklärt werden, warum es eine Selbstverständlichkeit aller dieser kapitalistischen Staaten ist, soundsoviel an Reichtum in ihr Militärpotential zu stecken. Es muß erklärt werden, warum die Nationen so viel Wert darauf legen, außenpolitisch sich andere Nationen gefügig zu machen. Hier ist der Knackpunkt. Wenn es bei internationalen Geschäften, bei Ausnutzung von Reichtum, Land und Leuten anderer Nationen so sehr auf die Gewalt ankommt, die das absichert, die das erst eröffnet, dann trennen sich tatsächlich Außen- und Militärpolitik völlig von jeglicher Nutzenkalkulation, die da besagen würde, daß es auf den Profit ankommt, der damit gesteigert wird. Das führt wirklich ein Eigenleben.

Es stimmt, daß Imperialismus so etwas wie Machtpolitik pur ist. Daß es nicht darauf ankommt, was das Militär kostet, daß es da nicht darauf ankommt, was dabei unmittelbar fürs Kapital herausspringt. Diese Trennung ist die ganze Schwierigkeit. Das ist implizit und explizit in sämtlichen Referaten hier so gewesen, daß man sich daran abarbeitet und nicht rauskriegt, wie das Verhältnis ist, daß man den Zusammenhang nicht erklären kann, warum sich denn außenpolitische Gewalt von der kapitalistischen Grundlage und dem Geschäftsmäßigem trennt. Der Grund ist die Ökonomie, die Reichtumsquelle; die Form ist das Ausüben von Gewalt, das Streben danach, Einfluß zu haben, zuständig zu sein, andere Länder erpressen zu können, abhängig zu machen. Nur wenn der Zusammenhang so gefaßt wird, läßt sich erklären, daß es tatsächlich auf diesem Felde der politischen Konkurrenz, der militärischen Konkurrenz, ein Ideal gibt: nämlich Weltmacht zu werden. Alle anderen Nationen sich unterzuordnen, damit über die Unterordnung diese anderen Nationen zu benutzen sind. Da sind wir wieder beim Reichtum. Nur so ist zu erklären, daß die USA es ja tatsächlich schon verwirklicht haben, als Weltmacht eine ganze Weltordnung zu bestimmen und lauter supranationale Institutionen einzurichten zum eigenen Nutzen.

Wenn man das hat, dann kann man auch die Frage beantworten – das geht jetzt auf den deutschen Imperialismus –, was wollen die denn mit Europa, was haben die denn da sich vorgenommen. Ja, klar: gegenüber den USA nicht einfach eine ökonomische konkurrenzfähige Macht aufzustellen, sondern eine politische Macht. Das ist das Ziel gewesen, von Anfang an, eine politische Weltmacht aufzubauen und die Unterordnung unter die USA zu beenden. Zweiter Punkt: Was wollen denn die Deutschen in Jugoslawien? Da ist von Nutzen ökonomischer Art hinten und vorne nichts zu sehen. Alle Staaten erklären sich zuständig, und was findet statt? Ein Kampf um diese Zuständigkeit zwischen Deutschland und den europäischen Nationen und den USA. Nur so ist zu erklären, was da gegenwärtig abläuft. Oder: Was wollen denn die Deutschen in Somalia? Gibt es da was zu holen? Das ist ein Schritt der Deutschen, um in dem Ding »Weltordnung«, das während der Existenz der Russen zustandegekommen ist, weiter zu kommen und diese Weltordnung mitzubestimmen.
Ein letzter Punkt: die Wichtigkeit des Rückzugs, des selbständigen, freiwilligen Rückzugs der Russen als Gegner des westlichen Imperialismus. Alles, was unter der Konkurrenz zwischen den Systemen zustandegekommen ist, die westliche Weltordnung, wird gegenwärtig in Frage gestellt. Während der Existenz der Sowjetunion war die Konkurrenz der Nationen im Westen sistiert. Das ist jetzt vorbei, man merkt, daß die Nationen gegenwärtig dabei sind, sich aus diesen Bündnissen zu emanzipieren. Es gibt sie noch, das ist ja auch das Problem, aber die Nationen, die Deutschen vor allem, arbeiten sich daran ab, sich aus diesen Bündniszusammenhängen, aus dieser Unterordnung unter die USA zu emanzipieren.

Auszug aus dem Protokoll des jf zu GS 1-09 und 2-09

Fragen zum Gegenstandpunkt

— Im GS 1/09 wird in der Fußnote S. 56 Gretchen Binus wie folgt kritisiert: – „Die Politik der Verarmung breiter Schichten habe zwar die Renditen der Unternehmen gesteigert – und darum geht es ja wohl im Kapitalismus –, aber auf eine Weise, die die Produktion von Massengütern weniger rentabel gemacht und dadurch das Wachstum der Produktion beschädigt habe – als ob die Produktion Zweck der kapitalistischen Wirtschaft wäre.“ – Die Kritik des GS unterstellt also G. Binus die Behauptung, dass die Produktion Zweck der kapitalistischen Wirtschaft sei. Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen.

Binus Behauptung ist, das Kapital mit seiner Akkumulation stürze in eine Krise, weil es zu viel Kapital, das es durch Verelendung akkumuliert, nicht mehr in die – unrentabel gewordenen – produktiven Sektoren steckt, sondern in das unproduktive Finanzkapital. Darin steckt die Unterstellung, dass eigentlich die Produktion von Waren und deren wachsender Absatz die krisenfreie Akkumulationsbedingung für das Kapital sei.

— Das ist doch eine funktionalistische Gleichgewichtsvorstellung: das Ganze funktioniert nur, wenn die Kapitalisten nicht zu sehr den Lohn drücken. Es ist also im ureigensten Interesse des Kapitals, auf ein ausgeglichenes Verhältnis von Kapital und Arbeit in der Realwirtschaft zu achten.

Es soll in seinem Interesse sein, auf ein Gleichgewicht zwischen Akkumulation und Absatz der Waren an die arbeitende Masse zu achten. Auf die Idee, dass das die Funktionsbedingung kapitalistischer Akkumulation sei, kommt man nur von einem Versorgungsidealismus her – um diese müsste es dem Kapital bei seiner Akkumulation gehen. Wenn das Wachstum des Kapitals daran scheitert, dass es diese Funktionsbedingung verletzt, dann steckt darin ein Urteil darüber, worum es dem Kapital bei seiner Akkumulation eigentlich gehe, wovon es abhängt und was es leisten muss, damit es auf seine Kosten kommt.

— Im GS 2/09 S. 51, steht: „In den Bilanzen des Finanzgewerbes stellt sich die Gesamtertragskraft eines kapitalistischen Geschäftslebens als die ökonomische Leistung des Geldkapitals dar.“. Das ‚Gesamt-’ ist mir nicht klar – das eine ist der Ertrag eines kapitalistischen Geschäftslebens, das andere sind die Bilanzen des Finanzkapitals, da ist die ganze Spekulation darauf noch mit drin. Das sind doch zwei verschiedene Sachen.

Das sind auch zwei verschiedene Sachen, sie stehen aber in einem bestimmten Verhältnis zueinander, weshalb man sie nicht als Gegensatz formulieren sollte. Was geben die Ziffern der Zeitungen wieder, die den Geldbesitzern als Informationsgrundlage dienen und die in eng bedruckten Seiten mitteilen, wie es um Aktien- und Rentenfonds, den DAX und einzelnen Aktienkursen steht? Sie geben immer schon die Kombination wieder aus den Erträgen, die irgendwo erwirtschaftet werden und die Spekulation auf die Firmen, die diese Erträge zu erwirtschaften versprechen – und daran orientieren sich Geldbesitzer. Das fängt im Börsengeschehen selber an, wenn Figuren im Auftrag ihrer Bank – und die Bank hat wieder Aufträge ihrer Kundschaft – auftreten und sagen, dass bei einem bestimmten Wert eine Aktie ge- bzw., verkauft wird. Inzwischen lässt sich ja per Computertechnik im voraus festlegen, dass bei einem bestimmten Stand einer Spekulation die (Ver)Kaufsorders in Kraft treten – das ist nur die Technisierung dessen, woran sich die Welt der Investoren orientiert. Was spiegelt der Kurs einer Aktie wider? Die Kursbestimmung einer Aktie enthält zwei Momente: Das eine ist, was ein Unternehmen erwirtschaftet, wie es in der Konkurrenz in der Vergangenheit dastand und zukünftig (voraussichtlich) dastehen wird, welche Umsatzrendite es erwirtschaftet – das ist immer die Grundlage für das, was der Aktienkurs ausdrückt. Das andere, das in den Aktienkurs eingeht, ist die Spekulation auf die zukünftige Entwicklung des Unternehmens, in die alle möglichen Umstände eingehen. Erst im Band III des „Kapital“ ist die Rede davon, dass der Verwertungsprozess eines Kapitals, der in irgendeinem Unternehmen passieren soll, selber spekulativ bewertet wird. Wenn eine Aktie auf das Dreifache hoch spekuliert wird, dann wird offensichtlich drauf gesetzt, dass sich das lohnt, man sie also um den dreifachen Preis noch verkaufen kann.

An der Börse werden durch die dortige Investoren-Mannschaft Verwertungsprozesse – von denen sie keine sonderlichen Kenntnisse zu haben braucht – bewertet, und zwar im Hinblick auf die Chancen, die dieser Verwertungsprozess im Vergleich zu anderen für die Zukunft verspricht. Die Aussage dieses Artikels über das Finanzkapital im GS soll gerade sein, dass in der fertigen kapitalistischen Welt die Bewertung kapitalistischer Verwertungsprozesse kein nebensächlicher Zusatz ist, den man der Spekulanten-Mafia überlassen und von dem sich ein ehrlicher Kapitalist fernhalten könnte. Die Bewertung, die diese praktisch durch das Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren mit den tatsächlichen Verwertungsprozessen des Kapitals einer Nation oder auch Region vornimmt, ist das Entscheidende. Im KI hat man gelernt, dass der Verwertungsprozess durch Einsaugung unbezahlter Arbeit die Verwertung des Kapitals zustande bringt, aus der sich dann eine Rendite ergibt, die in der Marx’schen Nomenklatur Profitrate heißt. Die Behauptung ist jetzt, dass das alles im fertigen Kapitalismus dadurch relativiert ist, dass es vom Standpunkt des Finanzkapitals diese eigentlich entscheidende Bewertung erfährt.

Die Ausgabe von Aktien ist eine besondere Art der Kreditaufnahme: Das ist kein rückzahlbarer Kredit, sondern es wird Geld eingenommen, das unwiderruflich in der Firma selbst bleibt. Dafür bekommt der Geldeinleger einen Schein, den er weiterverkaufen kann – er verfügt also weiterhin über sein Eigentum. Die Trennung zwischen dem Eigentum des Aktionärs und dem Eigentum der Firma ist in der Aktie institutionalisiert. Das Kapital, mit dem die Firma wirtschaftet, ist die Grundlage für die Verwertungsprozesse, die sie anstellt. Der Aktionär seinerseits freut sich an der Dividende und deren Anwachsen und über das Anwachsen des Vermögens der Firma, mit dem der Anteilsschein darauf mit wächst. Dazwischen steckt allerdings immer das Urteil der Spekulantenwelt – u. U. sieht sie irgendwelche furchtbaren Schwierigkeiten für die Firma heraufziehen und gibt ein negatives Urteil ab über deren Wachstum und das schlägt durch auf die Aktie. Sie repräsentiert also den spekulativ bewerteten Verwertungsprozess der Firma, und zwar von Anfang, also vom Gründungsakt, an: Beim Börsengang stellt sich die spannende Frage, wie hoch der Aktienkurs überhaupt angesetzt wird, denn selbst wenn „50 Euro“ auf der Aktie steht, heißt das noch lange nicht, dass der erste Kurs an der Börse genau 50 Euro ist. (In der Fußnote 9 wird kurz beschrieben, wie so etwas läuft: Firmen machen Testverkäufe oder fordern die Banken auf, Angebote zu machen, was testet, wie die Geldanleger das Geschäftsvorhaben bewerten.)
Die spekulative Bewertung eines Unternehmens hat für dieses einige Konsequenzen bezüglich dessen, wie es in der Konkurrenz dasteht, mit wie viel Kapital es wirtschaften kann, wie kreditwürdig es ist, ob es überhaupt in der Lage ist, neue Aktien herauszugeben, mit denen es neue Vorhaben finanzieren kann oder eben auch nicht.

Es ist falsch, eine Trennung zu machen zwischen dem Gewinn, den ein Unternehmen erwirtschaftet, und dem durch Spekulation erreichten Wertzuwachs. Denn es gibt die in der Wirtschaft tätigen Firmen ausschließlich als Objekt einer Spekulation, die entscheidet über ihr Wirtschaften, angefangen von der Ausstattung mit Kredit bis zum Handel an der Börse, an der sich der Erfolg oder Misserfolg des Wirtschaftens einer ganzen Nation zusammenfasst. Deswegen wird tagtäglich an der Börse zwar auch gefragt, wie es um dieses oder jenes Unternehmen steht, aber im Prinzip geht es darum, ob der DAX steigt oder fällt, wie es also um das Wachstum der Nation bestellt ist. Das hat dann Konsequenzen für das Wirtschaften der Unternehmen. Das obige Zitat ist ein resümierender Satz, eine Zusammenfassung, die die ganzen Ausführungen, die jetzt noch mal gemacht worden sind, unterstellt.

Diese Ausführungen im Artikel hätte man gut auch als die praktischen Lehren aus der Krise darstellen können. Was bedeutet die ständig vorgebrachte Sorge, dass die Wirtschaft in eine Kreditklemme geraten könne, weil die Banken bei der Vergabe von Krediten so heikel sind? Man bekommt da doch täglich den Umstand serviert, dass der Akkumulationsprozess des realen Kapitals mit der Zuwendung des Finanzkapitals steht und fällt. Die Formen der Kreditvergabe mögen verschieden sein, aber auf jeden Fall wird der Satz von Marx anschaulich vorgeführt, dass im fertigen Kapitalismus jedes vorgeschossene Kapital geborgtes Kapital ist (Fußnote 6). Und dann ist nicht nur der Rechtsakt des Borgens dazwischen, sondern in diesem Rechtsakt ist der gesamte spekulative Eifer, auch die spekulative Kritik des Geldkapitals an seinen Investitionsgelegenheiten enthalten. Erst über die Spekulation bekommt die kapitalistische Gewinnemacherei ihre Bedeutung – das ist eine der fortgeschrittenen – aber sehr logischen – Verrücktheiten des Kapitals, wenn es bei allem Produzieren sowieso nur auf das Geld ankommt. Es ist nicht so, dass das Finanzkapital eine völlig neue Qualität in das kapitalistische Gewese bringt, sondern es ist die Realisierung der Absurdität, die im schlichtesten Kapitalismus im Sinne von KI schon enthalten ist. Wenn es im ganzen Lebensprozess einer Gesellschaft ausschließlich darauf ankommt, wie sich womit Geld verdienen lässt, dann ist es logisch, dass die, die über das Geld verfügen und es leihweise in diesen Prozess hineinstecken, darüber entscheiden, was in diesem Prozess wie viel wert ist; und dann ist die Frage, was die gesellschaftliche Reproduktion in kapitalistischer Form für die Spekulanten taugt, das Entscheidende.

Alle bürgerliche und linksbürgerliche Kritik hat den Mangel, dass die Bedeutung des Finanzkapitals nicht begriffen worden ist. Sie haben offensichtlich nicht mitbekommen, dass im Kapitalismus der Überbau den Unterbau regiert. Sie trennen zwischen den dienstbaren Leistungen des Kredits für die Produktion und der Spekulation, so verpassen sie, dass das Kreditgeben selber ein Teil der Spekulation ist, wenn alles Anlageobjekt ist. Das kommt davon, wenn man von dem Ideal einer krisenfreien Geldwirtschaft nicht lassen mag, in der die Produktion der Zweck ist und das Geld das Mittel (sofern nicht ‚übertrieben’ damit spekuliert wird).

Die Unterscheidung, was ordentlich erwirtschaftet und was nur spekulativ ist, kommt überhaupt erst auf, wenn das Spekulative zusammenkracht – bis dahin ist alles ganz normaler Beitrag zum Wachstum und wird in der Gesamtbilanz einer Nation nicht getrennt. Insofern kann das Schiefgehen durchaus lehrreich sein: Solange alles seinen normalen Gang geht, gehört die Illusion, der ganze Kapitalismus sei doch dazu da, damit die Gesellschaft sich ordentlich reproduziert, zum verkehrten Alltagsbewusstsein und schlägt sich in Auslassungen der Art: „Der Kapitalismus bereichert die Menschheit und ernährt sie“ nieder, und das ist nicht nur eine Grundweisheit aller VWL-Professoren, sondern der Standpunkt jedes mündigen Mitglieds dieser Gesellschaft. Die Krise könnte insofern aufklärend wirken, als da deutlich wird, dass der Reproduktionsprozess der Gesellschaft völlig subsumiert ist unter das Wohlergehen des Gewinnemachens und dieses wieder subsumiert ist unter die Selbstvermehrungsmacht des Geldes, wie sie im Geldkapital als Norm für alles Wirtschaften existiert. Aber lieber jammert man über die Gier der Banker, als dass diese Einsicht mal um sich greift. Und auch alles, was sich heutzutage als links begreift, ist nicht bereit zu der Einsicht, was für eine abgeleitete, x-fach funktionalisierte Größe der gesellschaftliche Reproduktionsprozess einschließlich der Erhaltung der Massen im Kapitalismus nur ist – stattdessen wird an dem Idealismus festgehalten, dass es eigentlich hierzulande darum ginge und dieses ‚eigentlich’ wird gegen alles gehalten, was einem an Ungutem so auffällt.

Kann Marx zum Verständnis der aktuellen Wirtschaftskrise beitragen?

Aufgrund des Verweise von „Schwarz“ auf „Nestor“, hier ein Luxemburger Anarchist, „Zur evtl. Erweiterung des Papiergeld-Horizontes“, hier noch nachgereicht ein link zu dessen Übersicht „Kann Marx zum Verständnis der aktuellen Wirtschaftskrise beitragen? (Résumé)
Hier, zum besseren Überblick, was wir bisher bei der Beschäftigung mit Marx und Krise gelernt haben“

(Es irritiert dann doch etwas, das dieser Nestor-Fan ausgerechnet für „Wahrheit“ und „Recht“ ins Feld zieht. Er mag ja manches tatsächlich wahr sein, zumindest interessant, konsistent aber mit Sicherheit nicht.)

Fegefeuer, zum x-ten mal

Günther Sandleben zitiert, ich nehme an zustimmend, unter dem Titel „„Eure Ordnung ist auf Sand gebaut“. Chancen für eine sozialistische Veränderung“ Eugen Varga, einen der bedeutendsten Ökonomen der Komintern, der 1934 geschrieben hat:

Im Mittelpunkt der Analyse der Zyklen steht bei Marx immer die Krise als jene Phase des Zyklus, in der alle Widersprüche des Kapitalismus zum offenen, gewaltsamen Ausbruch kommen, die Gefüge der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bis in seine Tiefen erschüttern, das Proletariat von jenen Illusionen, die in den Prosperitätsphasen entstehen, befreien, den historisch vorübergehenden Charakter des Kapitalismus kraß demonstrieren.“ (Die Entwicklung zur Depression (1934)

Wenn doch nur die „Kraßheit“ dazu geführt hätte, das der Kapitalismus „vorübergeht“. Bekanntlich war damals davon leider keine Rede und ist es heute auch nicht. Weil, wie man an diesem historischen Beispiel wieder lernen könnte: Die pure Erfahrung der Schrecken des kapitalistischen Lebens lehrt die Leute einen Scheißdreck. Weshalb auch alle diejenigen als zynische Ignoranten zurückzuweisen wären, die darauf hoffen, daß es irgendwie besser würde, wenn es nur drastisch schlechter wird. Das Zweite ist billig zu haben, das Erste eben nicht.

Die „Evokation“ des Willens zur eigenen Nation. Oder so.

Wieder mal ein Beispiel, daß ein elend langer, ausgeuferter Thread wie er bei MPunkt, der zu einem Seminar von junge Linke zum Antisemitismus angefangen hat, doch auch nach 180 Kommentaren was Brauchbares mit sich bringt: Ein sich diesmal „Willi“ nennender Mitdiskutierer hat dort folgendes gepostet:

„man ist mit der nation konfrontiert, zu der man sich stellen muss, und man stellt sich dazu in der regel bejahend. der wille zur nation wird evoziert.“

Ah, schau an. Haben wir noch ein weiteres Wort gefunden, mit dem man sich um die Entscheidung drücken kann, ob der Nationalismus nun dem Willen der Nationalisten entspringt oder nicht. Der GSP sagt dazu jain. Einerseits werden die armen gezwungen, indoktriniert, sozialisiert, kriegen einen Pass verpasst, andererseits wollen sie die Nation aber auch. Dieses Jain drückt sich dann in so schönen Wortschöpfungen aus, in denen man sich Zwang und freier Wille gleichzeitig denken kann. Und wie man sieht kommt alle Jahre wieder ein neues dazu. Vokabeln die ein jain ausdrücken sind: 1. zustimmen – zu etwas was dem Einzelnen zwangsweise aufgetischt wird), 2. nachvollziehen – Herrschaft denkt vor, Untertan vollzieht nach 3. akzeptieren, annehmen – Zwangsanträge des Staates werden akzeptiert vom Volk 4. opportun sein – Zustimmung aus einer Nutzen/Schadensabwägung heraus, nicht aus Überzeugung 5. sich zu eigen machen – von fremden Ansprüchen 6. evozieren (neu) – bedeutet hervorrufen, aufrufen – das geht noch stärker in Richtung Manipulation, ein Wille zur Nation wird quasi erzeugt. Man hat ihn gar nicht selbst.

Das sind alles Vokabeln, die sich um die einfache Tatsache herumdrücken wollen, dass eine Sache entweder gewollt wird oder nicht. Der Wille zur Nation kommt darin immer gleichzeitig mit einer Entschuldigung daher. Die Wollen zwar, aber (Entschuldigung) bloß weil der böse Staat sie zwingt, sie indoktriniert, sie sozialisiert, anstiftet, in ihnen Nationalismus hervorruft, sie abhängig macht usw. Ihr Wille ist demnach gar nicht ihr richtiger Wille. Das ist blöd. Nationalisten haben eigene Gründe für ihren Nationalismus und sie werden nicht halb gezwungen halb bequatscht und halb manipuliert.

Es wäre auch ein Zeichen bedenklich nachlassenden Interesses gewesen, wenn niemand sich des schönen neuen GSP-Wortes „Evokation“ angenommen hätte.

Marx versus Keynes: Warum Staatsinterventionismus die Krise nicht stoppen kann

Ein führender Wortführer der sich wieder stark fühlenden Linkskeynesianer ist Joachim Bischoff, unter anderem Mitherausgeber der Zeitschrift Sozialismus. (Bischoff war bis Ende 2004 Mitglied der PDS. In den 1990er Jahren sowie kurzfristig im Jahr 2000 war er Mitglied des Bundesvorstands der Partei. Er arbeitete unter anderem in der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftspolitik mit. 2004 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der WASG, bis April 2006 war er Mitglied des Bundesvorstands der Partei. Seit ihrer Gründung 2007 ist er Mitglied der Partei Die Linke. Bei der Wahl 2008 in Hamburg wurde er für diese Partei in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt.)

Gestern hat er in bei den Linken Buchtagen 2009 in Berlin sein Buch „Jahrhundertkrise des Kapitalismus – Abstieg in die Depression oder Übergang in eine andere Ökonomie?“ vorgestellt. Wie im Buch waren da viele Fakten und Zahlen zur aktuellen großen Krise zu hören und wie im Buch diente die ganze Beschreibung, wie schrecklich das doch alles schon eine Weile läuft, auf nicht anderes hinaus, als zum x-ten Mal eine weitere Version von keynesianischer Regulierungspolitik zu fordern und das auch noch als den wahren Marxismus unserer Tage zu verkaufen, von dem sein ideologischer Mitstreiter vom Verlag VSA mir dann sogar noch vorgehalten hat, daß der Keynes damals um Längen vernünftiger, geradezu marxistischer argumentiert hätte als die damaligen ökonomischen Koryphäen der Komintern wie Jürgen Kuczynski und Eugen Varga!

Ich hatte Bischoff entgegengehalten, daß er und die seinen so völlig ausblenden, daß vor 35 Jahren der bis dahin in der Tat recht einflußreiche sozialdemokratische Keynesianismus der Nachkriegszeit weithin als Sachgasse für die Rettung des Kapitalismus angesehen wurde. In dieses Horn bläst auch der folgende Artikel, ein wiederveröffentlichter Artikel von Joseph Seymour, dem „Chefökonom“ der trotzkistischen IKL, den der 1975 geschrieben hatte:

From the Archives of Workers Vanguard
Fiscal Fiddling Can’t Stop Depression
Marx vs. Keynes

By Joseph Seymour
The deepening economic crisis has meant the loss of jobs, homes and savings for millions of working people. It has also demonstrated the utter fallacy of the economic doctrine of monetarism, which maintained that economic crises could be minimized, if not eliminated, by adjusting the amount of money in the banking system along with interest rates. Monetarism was the gospel for bourgeois economists in the right-wing climate marked by the ascendancy of Ronald Reagan and Britain’s Margaret Thatcher in the 1980s. The counterrevolutionary destruction of the Soviet Union in 1991-92 and the attendant “death of communism” triumphalism in the western imperialist countries, centrally the U.S., put more wind in the sails of the “free market” ideologues of monetarism.

Today, with the monetarist myth in tatters, bourgeois economists have rushed to embrace the ideas of John Maynard Keynes, the British economist who, during the Great Depression of the 1930s, championed the notion that capitalist economic crises could be overcome through government deficit spending. That is the idea behind President Barack Obama’s “stimulus” package, an expenditure of almost $800 billion financed by government borrowing that is supposed to “jump start” the economy. In reality, Keynesian economic schemes, no less than monetarist ones, run up against the destructive irrationality of the capitalist system, analyzed and explained by Karl Marx and highlighted by the boom-and-bust cycle.

The article reprinted below, first published in WV No. 64, 14 March 1975, presents a Marxist critique of Keynes’s economic theory. (mehr…)

Kritik der Sicht der SDAJ auf den Bildungsstreik

Folgenden Kommentar habe ich auf dem Blog der „AMS – Marxistische Hochschulgruppe Jena Assoziation Marxistischer Studierender AMS Jena Logo Hochschulgruppe “ gepostet zu einem Artikel mit dem Titel „Die Notwendigkeit für Marxistinnen und Marxisten, sich an den Hochschulen klar zu positionieren und aktiv in Diskussionen und Proteste einzubringen, wurde deutlich. Jetzt geht es um die weitere Vernetzung marxistischer Studierender“, da ich aber bei DKP/SDAJ-Blogs durchweg nicht zugelassen werden[Korrektur: mittlerweile wurde der folgende Kommentar dort freigeschaltet und sogar auf die hiesige Diskussion verlinkt!], das hier nochmal:

Es wäre ja schön gewesen, wenn tatsächlich Zehntausende „für eine radikale Wende“ auf die Straßen gegangen wären. Aber war dem denn überhaupt so? Was wurde denn während der Kampage an grundlegender Kritik an Zweck und Aufgabe des Schul- und Bildungswesens laut? Es ist doch alles anderes als radikal, noch nicht einmal wirklich kritisch, wenn buchstäblich in erster Linie nur mehr Geld für dieses Bildungssystem gefordert wurde.

Wenn man nicht deutlich sagt, daß dieses System der Selektion der Menschen von früh an bis zum Arbeitsmarkt in diejenigen, die schon sehr bald von Staats wegen gesagt und definitiv beschieden bekommen, daß aus ihnen garantiert nichts wird und die relativ wenigen, die sich um die paar besseren Jobs prügeln dürfen, die die Ausbeutung in diesem Land in den Betrieben und im Staatswesen organisieren und überwachen bzw. ideologisch betreuen, dann braucht man auch nicht über z.B. Bachelor und Master jammern.

Wie überhaupt die Klage über die Selektion am Ende des Ausbildungswesens, also an den Unis regelmäßig die Vorselektion an den Schulen ausblendet. Und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, die selbst nach einem fiktiven idealen nichtselktiven Bildungssystem, was ja manche gerne hätten, weiterhin gilt.

Von daher ist es auch nur so billige leere Empörung, wenn wie hier jetzt auch gejammert wird „Es kann nicht sein, daß Banken …, und an der Bildung weiter gespart wird“. Das können doch alle sehen, daß das nicht nur sein kann, sondern so sein soll und zwar aus „gutem“ Grund für die Herren dieser Welt: Das haben sie doch erkannt als Hebel, das ganze Schul- Uni- und sonstige Ausbildungswesen noch besser auf das hinzuschneidern worum es in dieser Gesellschaft ausschließlich geht: Deutschland braucht Arbeitskräfte, die möglichst wenig kosten, also auch möglichst wenig Bildung erfordern, damit man mit ihnen eine möglichst rentable Produktion hinkriegt. Und dazu passen all die Reformen der letzen Jahre doch genauso, wie die frühere „alte“ Schule und Uni denen früher den Herrschenden als optimal erschienen ist.

Wenn man nicht den Charakter und Zweck von kapitalistischer Schule überhaupt kritisieren mag, z.B. am Notenwesen aufzeigen will, wie das Zwangsgesetz der Selektion auf die Berufs- und Arbeitsplatzhierarchie hin durchgeführt wird, dann braucht man auch nicht über „Verschulung“ jammern. Wenn einem nicht die Regulierung der Unis für den Zweck der bürgerlich/kapitalistischen Elitebildung ein Dorn im Duge ist, dann sollte man auch gar nicht erst von der „Überregulierung“ reden. Wenn man den Schülern und Studenten nicht zumuten will, daß der ganze Zweck des Schul- und Unibetriebs es ist, für Profitzwecke brauchbare Arbeitskräfte in den Relationen auszuspucken, die die Wirtschaft (und der Staat) im Schnitt so brauchen, dann kann man sich die Proteste gegen „weitere Einflußnahme von Wirtschaftsinteressen“ auch sparen.

Deshalb ist die ja nun wirklich bei praktisch jedem Protestierenden zu findende Kritik am „Mangel an Lehrkräften und Räumen“ auch nichts, was man so einfach stehen lassen sollte, sondern die Nachfrage wert, was sich den dadurch ändern würde, wenn die Selektion in kleineren Gruppen abläuft? Wenn eh vorgegeben ist, daß nur X % eines Jahrgangs zum Abitur kommen sollen oder nach dem Bachelor zum Master-Studium zugelassen werden sollen, dann ist es doch völlig piepegal, wie groß der Hörsaal oder das Klassenzimmer ist, in dem die entscheidenden Klausuren stattfinden. Und wenn es nur 10 sind, die da zusammensitzen, wissen die dann doch auch, daß meinetwegen Zweidrittel von ihnen rauszufliegen haben.

Nur zur Erinnerung: In Folge der 68er Bewegung haben in den 70ern manche fortschrittlichen Professoren beschlossen, nur noch gute Abschlüsse zu vergeben, um nicht die eigentlich ihnen aufgegebe Selektion durchführen zu müssen. Was war das Ergebnis? Jeder bessere Personalchef hat doch gewußt, an welchen Unis in seinem Sinne „wertlose“ Abschlüsse produziert wurden. Man kann doch der harten Realität der Selektion nicht mit Wegtauchen zu entkommen suchen.

Kurz: Man sollte also Schüler, Studenten und vor allem alle Lohnabhängigen dazu bringen zu erkennen, daß dieses Bildungswesen zu *diesem* System gehört und deshalb dieses System der kapitalistischen Wirtschaftsweise (und ihr demokratischer Staat, der das immer wieder aufs Neue dementsprechend in allen Bereichen hinorganisiert) weggeräumt werden müssen, damit man sich dann, wenn man sich in der Gesellschaft „nur“ noch die vernünftige Frage stellen braucht, was die Leute so alles zum Leben brauchen, auch fragen wird, was sie an Wissen brauchen, um das vernünftig hinzukriegen. Daß das dann ein nun wirklich radikal anders aussehendes System der Wissensvermittlung erfordert, das liegt auf der Hand. In diesem unserem System gehört aber geradezu notwendigerweise dazu, daß es auf wirkliches Wissen, vor allem über gesellschaftliche Zusammenhänge auch gar nicht ankommt, solange die Schule brave Lohnarbeiter und Staatsbürger hervorbringt.

Der Staat als Adressat von Forderungen

Freerk Huisken hat am 30.06.09 in Leipzig einen Vortrag „Hochschulreform als Standortfaktor – Mit verschärfter Konkurrenz dem Denken Beine machen“ gehalten. Der steht mittlerweile zum download bereit steht, MPunkt hat darauf hingewiesen.

Einerseits hat er da der leider fast kompletten „Bildungsstreik“-Bewegung gehörig die Leviten gelesen. Aber auch wieder einen Punkt gebracht, der so, wie er und Seinesgleichen ihn regelmäßig formulieren, falsch ist: Wieso fordert ihr Studis eigentlich ausgerechnet von dem Staat, der euch all diese offensichtlichen Verschärfungen eingebrockt hat, und der das nicht aus Jux und Dollerei gemacht hat, sondern weil er damit was Bestimmtes bezweckt, der möge euch ein paar Gefallen tun? (Ist jetzt meine Version, nicht die von Freerk)

Da könnte man doch ganz einfach darauf kommen zu sagen, ja von wem denn sonst! Was Arbeiter fordern, richten die doch auch immer entweder direkt an „ihre“ Kapitalisten oder bei sozialen und politischen Forderungen an „ihren“ Staat, dessen Politik ihnen mißhagt. Auch wenn ich um einen Antagonismus weiß, z. B. in der Lohnfrage, sind doch Arbeiter, die ihre Position durch Kämpfe verbesserrn wollen, gezwungen, ihre Kampfziele an ihren Klassengegner zu richten. Wenn ihre Daumenschrauben hinreichend Druck ausüben können, kriegen sie vielleicht etwas, wenn nicht eben gar nicht.

(Freerk hat in diesem Zusammenhang auch auf den offensichtlichen Mißbrauch des Wortes Streik im Zusammenhang mit Schülern und Studenten hingewiesen: Deren ein paar Tage, oder eben auch ein paar Wochen oder Monate nicht Lernen stört regelmäßig die Schulverwaltung oder Univerwaltung herzlich wenig, denn damit schneiden sich die Streikenden ja regelmäßig eher ins eigene Fleisch, weil ihnen dann ihre credit points, ihre Scheine etc. flöten gehen, die sie als ja weiterhin als Studenten durch Leben gehen Wollende ja letztlich doch brauchen.

Wenn Arbeiter streiken kostet die das zwar auch immer was, solange fällt ja der Lohn aus, den man regelmäßig so bitter nötig hat, daß man ja gerade deshalb für bessere Entlohnung ins Feld zieht, aber immerhin fällt bei jedem Streik ja auch die Produktion aus, also das Geldmachen der Kapitalisten. Und nur, weil auch der Staat vom erfolgreichen Geldmachen seiner besitzenden Klasse abhängt, können Streiks auch den ab und an zu Konzessionen zwingen. Studenten können dies praktisch nie.)

A. Lanier: Was ist Geld? und eine Kritik der Freiwirtschaftslehre von Gesell

Amelie Lanier hat mittlerweile das Skript zu ihrem Geld-Workshop Ostern 2009 in Berlin online gestellt. Man kann es hier bei ihr nachlesen.

Ich habe mir den 2. Teil des Veranstaltungsmitschnitts der Leipziger Veranstaltung vom 11.06.2009 mit dem Titel „Erst krachten die Banken, jetzt die ganze Weltwirtschaft – Warum? Gegen das Hoffen auf und das Bangen um die baldige Gesundung „unserer“ Wirtschaft“ angehört, bei der Theo Wentzke vom GegenStandpunkt referiert hat. Nicht völlig überraschend hat sich dort auch wieder mal ein Gesellianer z uWort gemeldet. Zu meiner Überraschung hat Theo darauf so reagiert:

„Es gibt verschiedene Vorschläge (in der Nachfolge von Silvio Gesell, das ist der Theoretiker, der sich das ausgedacht hat), die der Meinung sind, daß man Planwirtschaft und Geldwirtschaft, beides machen könnte. Das wäre dann mal einen Abend wert, sich damit zu befassen.“(16:30 Minuten vor dem Ende des Mitschnitts)

Ich habe mich nun wirklich in meinen Leben in der Tat nicht sonderlich viel länger als einen Abend mit den gesellianischen Vorstellungen vom Schwundgeld befaßt. Eigentlich nur vor und bei dem Workshop von Amelie. Bisher ist da meine Erkenntnis, daß Gesell nun wirklich alles andere als ein Propagandist einer kommunistischen Planwirtschaft gewesen ist, sondern sozusagen neuproudhonistisch der Vorkämpfer für endlich von den Geldsorgen befreites Warenproduzieren. Also ein moderner Vordenker der klassischen Kleinbourgeoisie, der nur aus taktischen Gründen heraus, mit seinem Zeugs bei allem, was da so politisch gekreucht und geflogen ist, hausieren gegangen ist. Selbst die Bolchewisten hat er nach der Oktoberrevolution nicht in Ruhe gelassen, um die von deren unheilvollem Marxismus vielleicht doch noch abbringen zu können.

Sollte ich da den wahren Gesell so völlig verkannt haben? Oder habe ich nur wieder mal nur Theo Wentzke mißverstanden?

Michael Heinrich: Tulpen sind Aktien?

Michael Heinrich hat vor recht genau einem Jahr in Phase 2. 28, Juni 2008, S.56-59 einen Artikel zur Krise veröffentlicht. Dort heißt es:

Man sollte sich diese Krise also etwas genauer anschauen. Ihren Anfang nahm sie in einer Überspekulation mit anschließendem Platzen der spekulativen Blase. Seit der holländischen Tulpenkrise im frühen 17. Jahrhundert haben diese Spekulationskrisen immer wieder denselben Verlauf genommen: Ein bestimmtes Vermögensobjekt (seien es nun Aktien, Häuser oder eben Tulpenzwiebeln) wird immer höher bewertet, was die Nachfrage nach diesem Objekt ankurbelt, denn alle wollen am scheinbar unaufhaltsamen Wertzuwachs teilhaben. Das eigene Vermögen, schließlich auch Kredite werden zum Erwerb des Spekulationsobjektes benutzt. Aufgrund der großen Nachfrage steigt dessen Preis weiter, was zu weiterer Nachfrage führt. Doch irgendwann ist dieser Anstieg erschöpft. Es wird schwieriger, neue Käufer zu finden, und die ersten Anleger wollen ihre Gewinne realisieren und verkaufen. Der Preis des Spekulationsobjektes fällt. Jetzt wollen alle aussteigen, um keine Verluste zu machen, was aber den Preis noch weiter drückt. Viele von denen, die spät in die Spekulation eingestiegen sind und zu einem hohen Preis gekauft haben, machen jetzt hohe Verluste. Da mit diesen Verlusten auch ein allgemeiner Nachfrageeinbruch verbunden ist, kann sich eine solche Spekulationskrise auf die gesamte Wirtschaft auswirken. Im Prinzip ist deren Verlauf heutzutage auch denjenigen bekannt, die sich an der Spekulation beteiligen. Doch ist eben nicht klar, in welcher Phase der Spekulation man sich befindet: relativ am Anfang, wo noch gute Gewinnchancen existieren, oder eher am Ende, kurz vor dem Platzen der Blase. Jeder hofft, dass er noch bei den Gewinnern sein kann, auch wenn er weiß, dass der Absturz kommen wird.

Ich bin mir nun nicht sicher, ob die Gleichsetzung genuiner Waren, die auch etwas Nützliches sein müssen, um überhaupt Waren mit Bezahlanspruch zu sein, also in seinem Beispiel die berühmten Tulpen (semper augustus!!) aus der ersten kapititalistischen(?) Spekulationskrise mit reinen Rechtsansprüchen auf spätere Zahlungen (wie bei dem meisten Finanzmarktpapieren und erst recht bei den Derivaten, bzw. Hoffnung auf solche (wie bei Aktien) überhaupt zulässig ist.

Ich habe früher, auch hier, gegen die häufig allzuvorschnelle Unterscheidung zwischen „echten“ Werten in der „Real“wirtschaft und den Werten des „fiktiven Kapitals“ anargumentiert, deshalb meine ich jetzt aber nicht, daß es der Analyse gut tut, da gar keinen Unterschied mehr zu machen. Letztlich ist das also wieder die leidige Frage nach der relativen Verselbständigung des Finanzkapitals, bzw. wie elastisch das Band ist, was die klassischen Waren produzierenden Kapitale und die ach so modernen Finanzkapitale, die über deren Begrenzungen schon weit hinaus waren, zusammenhält.

Ofenschlot: Adam Smith zur Immobilienkrise

Wieder ein schönes Fundstück von ofenschlot:
Zitat Anfang:

A dwelling-house, as such, contributes nothing to the revenue of its inhabitant ; and though it is, no doubt, extremely useful to him, it is as his clothes and household furniture are useful to him, which, however, make a part of his expense, and not of his revenue. If it is to be let to a tenant for rent, as the house itself can produce nothing, the tenant must always pay the rent out of some other revenue, which he derives, either from labour, or stock, or land. Though a house, therefore, may yield a revenue to its proprietor, and thereby serve in the function of a capital to him, it cannot yield any to the public, nor serve in the function of a capital to it, and the revenue of the whole body of the people can never be in the smallest degree increased by it.

Dieses Zitat aus „Wealth of Nations“ kursiert bereits durch die Blogs, u.a. wurde es gleich zweimal auf der ödkonservativen, aber viel gelesenen ACHSE DES GUTEN aufgerufen. Klar, in Zeiten der Not versichert sich der Bürger gerne mal wieder bei seinen Alten. Dabei ist das Schicksal Smiths in der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft noch ärger ausgefallen als das Marxens im Realsoz. Marx MUSSTE man lesen (durfte aber keine eigenen, parteiunabhängigen Schlüsse daraus ziehen); Smith WIRD GAR NICHT MEHR GELESEN (gilt aber als unumschränkter Klassiker). Dass in diesem Zitat schon die ganze objektive Werttheorie steckt (soll heißen: die einzig taugliche Werttheorie, die Marx vorfand); dass dieses Zitat eine revolutionäre Haltung zum Ausdruck bringt (die des produktiven Bürgers, der im Gegensatz zu den Feudalherren tatsächlich Werte schafft) --- das spielt ja alles keine Rolle mehr.
Smith hat selbstverständlich eine ernsthafte Lektüre verdient.

Hier die deutsche Belegstelle, zitiert wird aus der aktuellen, gelungenen Übersetzung von Monika Streissler.
Adam Smith, Untersuchungen über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker (2 Bände). Herausgegeben und eingeleitet von Erich W. Streissler, Verlag Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 1999. 1. Band, 2. Buch („Wesen, Anhäufung und Verwendung von Vermögen“), 1. Kapitel („Die Gliederung des Vorrats oder Vermögens“), S. 317

Ein Wohnhaus trägt als solches zum Einkommen seines Bewohners nichts bei, und obwohl es ihm ohne Zweifel äußerst nützlich ist, ist es das ebenso, wie seine Kleidung und seine Möbel ihm nützlich sind, die aber einen Teil seiner Ausgaben und nicht seines Einkommens ausmachen. Soll es einem Mieter gegen eine Miete überlassen werden, so muß der Mieter, da das Haus selbst nichts hervorbringen kann, die Miete stets aus einem anderen Einkommen bezahlen, das er entweder aus Arbeit oder Vermögen oder Grundbesitz bezieht. Obwohl also ein Haus seinem Eigentümer ein Einkommen liefern und für ihn insofern Kapitalfunktion haben kann, kann es doch der Allgemeinheit keines erbringen und für diese keine Kapitalfunktion haben, und das Einkommen der Gesellschaft insgesamt kann sich dadurch niemals auch nur im geringsten vergrößern.

Zitat Ende

Das „fiktive Kapital“ in der „Real“wirtschaft

Das Handelsblatt hat in seiner Ausgabe vom 06.07.09 einen Artikel zum Thema Abschreibungen auf Geschäfts- oder Firmenwerte (Goodwill). Er zeigt, wie in der ganzen kapitalistischen Welt Ertragserwartungen genauso wie Ertragsversprechungen hochgerechnet werden zu aktuellen Kapitalwerten. Jedenfalls werden diese Erwartungen bezahlt und deshalb offensichtlich auch von der erwerbern buchstäblich für bare Münze genommen. Das geht solange gut, wie es gut geht. Und dann sind diese wahren Werte eben weg, wie jetzt. Insofern ist dies aber nur die konzerninterne Variante dessen, was die Börsen eh Tag und Nacht mit dem Firmenwerten anstellen, indem sie die Zukunftserwartungen schon immer so gut sie das eben können in die aktuellen Kurse einfliessen lassen. Vorher ist sowas dann immer ein bombensicherer Zukunfstsmarkt. Hinterher die vermeidbar gewesene Blase.

Der historische Beruf des Proletariats: Verantwortungsbursche

Normalzustand Rot hat so nebenbei auf ein Marxzitat hingewiesen:

Soweit solche Kritik überhaupt eine Klasse vertritt, kann sie nur die Klasse vertreten, deren geschichtlicher Beruf die Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise und die schließliche Abschaffung der Klassen ist – das Proletariat.

[Nachwort zur zweiten Auflage „Das Kapital“, Bd. I, MEW S.22]

Dazu paßt ganz gut eine Diskussion, die ich vor Jahren mit Genossen des GegenStandpunkts zum Thema geführt habe. Ich hatte vor Jahren im Internet Mitschnitte eines Arbeitskreises ausgegraben, bei dem Peter Decker und Heinz Scholler von der damaligen Marxistischen Gruppe in erster Linie für DDRler im Dezember 1989 in Berlin einen Arbeitskreis zur Kritik der DDR-Ökonomie abgehalten haben (hier verfügbar: http://neoprene.blogsport.de/2006/05/25/archiv-des-todes-revisited-iii/). Dabei hat Peter Decker folgendes gesagt:

Auch die Arbeiterklasse hat einen historischen Beruf. Die sollen die Revolutionen auch nicht einfach nur für sich machen, sondern weil sie den historischen Beruf haben, alle Klassengesellschaften zu überwinden. So spricht man nicht den Materialisten im Arbeiter an, sondern den Verantwortungsburschen, den verantwortlichen Staatsbürger, der für die Gesellschaft Verantwortung übernehmen möchte. Deswegen gibt es ja auch die im Westen immer wieder kolportierten Späße, dass der Osten ganze Generationen von Arbeitern einspannt, um in irgendeiner lichten Zukunft ein wunderbares Arbeiterparadies herzustellen. Ja klar, wenn man so denkt, wenn man den Arbeiter nicht als Materialisten anspricht, sondern als gesellschaftlichen Verantwortungstypen, dann soll er auch quasi Opfer bringen für den Fortschritt der guten Sache.

Ich habe daraufhin Peter Decker folgendes gefragt:

Mir scheint, daß hier – wie häufiger bei euch – damit die Situation der Arbeiter (und des Arbeiterstaates, wenn man diese Kategorie überhaupt nehmen will, du hast es dir damit immer einfach gemacht und das selbstgewählte Label von drüben, „Realer Sozialismus“ genommen) ausschließlich vom Ende her beurteilt wird. Und damit wieder mal die These bebildert wurde, daß da eine bruchlose jedenfalls nicht qualitative Entwicklung stattgefunden hat.

Denn soviel wirst du doch sicherlich auch konzedieren, daß der anfängliche enorme Einsatzwille von kommunistischen Arbeitern (und Bauern), der überhaupt erst den Sieg der Oktoberrevolution und ihre Behauptung im Bürgerkrieg möglich gemacht hat, nicht gleichzusetzen ist mit den matten Appellen meinetwegen eines DDR-BGLers für Sonderschichten, damit man planmäßig doch noch gerade so die Kurve kriegt (ein Fehler, der mir selber übrigens jüngst in einer Diskussion passiert ist).

Letzlich kommt es wohl darauf hinaus, daß ich den Mangel, die Eingeschränktheit der Situation am Anfang der damaligen Revolution betone und du dem einen erstmal inhaltslosen(?) „Materialismus“ entgegenstellst. Oder einen kurzsichtigen, engstirnigen, rückständigen Geist?

Peter hat mir darauf geantwortet:

Halte doch bitte folgenden Unterschied fest:

1. Dass die Arbeiterklasse, wenn sie über ihre schädliche Abhängigkeit vom Fortgang der Kapitalakkumulation im Klaren ist, sich aus wohlverstandenem Materialismus eine wahrhaft große Sache vornehmen muss, ist richtig und wird von mir weder damals noch heute kleingeredet. Sich einen Umsturz und den Aufbau einer neuen, den eigenen Bedürfnissen dienenden Gesellschaft vorzunehmen, verlangt eine Distanzierung von den eigenen, tatsächlichen, von der Eigentumsordnung aufgenötigten Gelderwerbsinteressen. (Diese Distanzierung fordern wir von unseren Adressaten stets in der theoretischen Auseinandersetzung – auch ein unvoreingenommenes Urteil über die eigene Lage ist nur unter dieser Bedingung zu haben –; und sogar daran scheitern wir schon. Die Leute sagen uns, sie müssten sich ums geldverdienen kümmern, dafür würden unsere kritischen Gedanken nicht bringen – und sie halten mit solchen Zurückweisungen für schlaue Materialisten und uns für Spinner) Um eines zukünftigen besseren Lebens willen müssen Leute, die die Ausweglosigkeit ihrer Lage im Kapitalismus kapieren, also zusätzlich zu dem Lebenskampf, in dem sie ohnehin stehen, Zeit und Kraft und Geld, wenn nicht noch mehr für ihre neue Sache opfern. Aber eben für ihre Sache. Opfer – des Arbeitsplatzes, der bürgerlichen Existenzgrundlagen, der Gesundheit und des Lebens – sind im politischen Umsturzgeschäft, so gut es irgend geht, zu vermeiden. Auf keinen Fall darf man sie verherrlichen. Das stellt nämlich das ganze Verhältnis des Revolutionärs zu seiner Sache auf den Kopf, macht den Träger des Willens zum Werkzeug – sozusagen zum Soldaten – einer historischen Mission, der er nur dient – und tilgt letzten Endes den einzig rationellen Grund, warum einer sich überhaupt zum Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals aufmachen sollte. Der enorme revolutionäre Idealismus der russischen Massen, den du ansprichst, ergab sich daraus, dass sie nun eine neue Welt bauen wollten, die endlich ihnen ein anständiges Leben ermöglichen sollte. Ob das der wahre und ganze Zweck des revolutionären Aufbauwerks war, an dem sie sich beteiligten, ist damit nicht gesagt; das ließe sich nur anhand seiner Programmatik und ihrer Umsetzung entscheiden. Sie hielten’s eben dafür; und wurden zum Teil blutig auf den Realismus eines Staatsaufbaus gestoßen, der die revolutionären Massen tatsächlich zu seiner Machtbasis und zu Instrumenten seines industriellen, materiellen und rüstungstechnischen Fortschritts machte. Ob Stalin dabei der große Verräter besserer Intentionen war oder der würdige Vollender des Programms einer wahrhaft sozialen Staatmacht – die große Frage der Trotzkisten –, ist mir nicht besonders wichtig. Ganz sicher hat sich das Projekt des Realen Sozialismus erst über die Reihe der Entscheidungen der Partei und ihrer Führung präzisiert und herausgeschält; anfangs war Kommunismus und Arbeiterstaat sicher nur für Leute unterscheidbar, die es theoretisch sehr genau nahmen. Aber es genügt doch auch, wenn wir heute auf die Ansätze aufmerken, die schon bei Lenin in die falsche Richtung wiesen.

2. Wenn also damals die Propagandisten der Revolution die Massen damit gewinnen wollten, dass sie ihnen erzählten, sie seien in historischer Mission zur Befreiung der ganzen Menschheit unterwegs, und sollten sich nur getrost der großen Sache der Zukunft zur Verfügung stellen, dann war das schon damals ein Fehler. Solche Propaganda trennt, wie gesagt, zwischen dem Revolutionär und seiner Sache, die damit für ihn einen verpflichtenden, gegenüber seiner Rechnung unbedingten Charakter annimmt: Die zum bürgerlichen Staat gehörige Trennung vom bloß partikularen Interesse des einzelnen und einem davon unterschiedenen, höheren und höherwertigen Gemeinwohl wird sozialistisch fortgeschrieben. Der Einzelne wird dadurch sowohl kleiner wie auch größer gemacht, als er wirklich ist. Kleiner, weil es um ihn und sein materielles Interesse nicht gehen, weil er nur Diener einer großen heiligen Sache sein soll; größer, weil der so verstandene Revolutionär selbst im Namen eines verpflichtenden höheren Gemeininteresses unterwegs ist, sich also zu so mancher Rücksichtslosigkeit gegen andere, bloß partikulare Interessen berechtigt weiß. (Wir kennen das übrigens auch aus den linken Debatten unserer Tage: So leicht begnügt sich da keiner damit, zu sagen, was er denkt, bloß für seine Auffassung zu stehen und zu werben: Am liebsten sprechen auch die Linken im Namen des großen, nun eben linken „Wir“, im Interesse der Menschheit , ihres Überlebens etc.)

Mögen diese Töne des Opferidealismus in den Zeiten der russischen Revolution und der ersten Aufbaujahre mehr oder weniger virulent gewesen sein, Marx‘ Sprüche vom historischen Beruf der Arbeiterklasse und von der sozialistischen Revolution als einer, die nicht eine neue herrschende Klasse an die Stelle der alten setzt, sondern das Interesse der Menschheit gegen die kapitalistische Ordnung vertritt, ist zum Ausgangspunkt für eine Lesart der Revolution geworden, die das Falsche vom Arbeiterstaat deutlich herausstellt – so sehr die Eroberung und Verteidigung der Macht im Land eine leidige, wegen der Reste der alten Gesellschaft und wegen des feindlichen Auslands auch für längere Zeit unvermeidliche Notwendigkeit sein mag.

Dem habe ich erwidert:

ganz so glatt will ich dir das dann doch nicht durchgehen lassen: Ein zentraler Satz in deinen Ausführungen lautet:
„Der enorme revolutionäre Idealismus der russischen Massen, den du ansprichst, ergab sich daraus, dass sie nun eine neue Welt bauen wollten, die endlich ihnen ein anständiges Leben ermöglichen sollte. Ob das der wahre und ganze Zweck des revolutionären Aufbauwerks war, an dem sie sich beteiligten, ist damit nicht gesagt; das ließe sich nur anhand seiner Programmatik und ihrer Umsetzung entscheiden.“

Wohl war. Und was hat diese Untersuchung ergeben? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage. Freerk Huisken habe ich sie ähnlich formuliert vor einer Weile auch schon gefragt, um von ihm eine erstaunlich ähnlich vage, unentschlossene Antwort zu bekommen:

„Auch der Krieg gegen/mit der SU hat insofern „keine gerechte Seite“ – das mit dem „gerecht“ übersetze ich mal mit: „der man sich anschließen kann“– , als sich die SU längst als Staatsmacht aufgestellt hatte, der es nicht mehr darum ging, den Klassenkampf in den kap. Metropolen durch Stützung von KPs o.ä. voranzutreiben. Längst hatte sie sich zum Programm gemacht, sich als Staatsmacht innerhalb der imp. Konkurrenz und gegen sie zu behaupten. So ein Programm, das Diplomatie betreibt wie jeder bürgerliche Staat, der die zugeordneten KPs zu innenpolitischer Rücksichtnahme verdonnert, wenn es mit deren Heimatstaat „gute Beziehungen“ gab etc., der „verteidigt“ eben nicht mehr die Oktoberrevolution; wenn es da denn überhaupt noch was zu verteidigen gab.“

Ich hatte ihn dann zurückgefragt:

„“Längst“ ist, glaube ich, daß Schlüsselwort zu deiner Antwort zum „Klassencharakter der Sowjetunion“. Als Trotzkist bin ich traditionell jemand gewesen, der in der „Russischen Frage“ den Schlüssel zu revolutionärer Politik gehalten hat. Die „Verteidigung der Errungenschaften“ gegen innere Konterrevolution und imperialistische Angriffe von außen war da immer A und O jeglicher Politik. Verkürzt zu griffigen Parolen wie, „Die Verteidigung der SU beginnt in XXX“. Und für XXX habe ich dann El Salvador genauso genommen wie Afghanistan (oder die DDR, um etwas näher ran zu kommen). Und, wie du sicher auch weißt, war die Voraussetzung für diese Position der militärischen Verteidigung der gemeinhin „degenerierten“ (im Fall der SU) und „deformierten“ „Arbeiterstaaten“ (im Fall des Ostblocks nach 45, der VR China, Vietnams und Kubas) die Identifikation jener „Errungenschaften“ (im wesentlichen die Enteignung der jeweiligen Bourgeoisien, die Etablierung einer Planwirtschaft mit Außenhandelsmonopol). So richtig wohl dabei ist mir nicht mehr, die Auskramung auch alter trotzkistischer Kamellen, nämlich die politischen Auseinandersetzungen um die Einschätzung der Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der die trotzkistische Bewegung durchgeschüttelt hat, wo der Streit darum ging, wie die entstandenen „Volksdemokratien“ einzuschätzen seien, ob „Arbeiterstaaten“ (deformiert, weil offensichtlich ohne proletarische Revolution, also aufgrund der bewußten politischen Intervention wenigstens der „fortgeschrittenen“ Arbeiter, sondern auf den Bajonetten der Roten Armee ins Land gebracht, respektive im Fall der VR China ganz und gar ohne Arbeiter) „gesund“ (weil wir im Fall Jugoslawien, die SU nicht Geburtshelfer war) oder „Staatskapitalismus“ oder sogar neuartige Klassenherrschaft? Pablo als Wortführer des offiziellen Nachkriegstrotzkismus in der IV. Internationale prägte ja die berühmt/berüchtigte Einschätzung daß die Stalinisten wohlmöglich für Jahrhunderte herrschen könnten, ehe es dann richtig abgeht in den Sozialismus.

Was also heißt für euch terminlich und vor allem natürlich inhaltlich „längst“?

Leider steht die Antwort darauf noch aus. Ich habe das Gefühl, als ob sie euch auch gar nicht wichtig wäre (So wichtig, wie ich diese Scheidelinie früher genommen habe, ist sie vielleicht auch gar nicht, aber selbst darüber bin ich mir nicht im Klaren). Als wenn die heute korrekte Indifferenz dem bürgerliche politischen Treiben bruchlos zurück in die Geschichte projeziert würde und ausnahmslos nur gegnerische Interessen und Fehler der ihnen Ausgelieferten auszumachen wären.

Der Kapitalismus ist scheiße, aber alternativlos

Ich war etwas verwundert, daß der Spiegel-Leitartikel „Das Prinzip Gier“ vom 11.05.2009, den ich hier selber kommentiert hatte, so gar kein Echo hervorgerufen hat. Dem hat sich nun der GegenStandpunkt erbarmt und im Heft 2-09 folgenden Kommentar veröffentlicht:

Der Kapitalismus ist scheiße, aber alternativlos
„Die Krise“ – zum neuen Sprachdenkmal gewordene Bezeichnung dafür, dass diverse Profitansprüche momentan nicht aufgehen – frisst sich inzwischen ein gutes halbes Jahr durch alle Abteilungen unserer Wirtschaft. Jedem ist bekannt, dass noch eine ganze Reihe mehr oder weniger spektakulärer Einbrüche in der so genannten Realwirtschaft bevorstehen und mit noch mehr Arbeitslosen zu rechnen ist. Das abhängig beschäftigte Volk hält still – durchaus zur Verwunderung der politischen Klasse, die es verwaltet. Die weiß offenbar sehr gut, mit welchen Zumutungen sie ihre Massen momentan konfrontiert, und erlaubt sich den Spaß, über die Möglichkeit von „sozialen Unruhen“ zu räsonieren, die keiner wollen kann, das Volk, das sie allenfalls anzetteln könnte, zuallerletzt.
Die Krise „herrscht“ also auf unabsehbare Zeit und ihre Wirkungen entfalten sich in schöner Negativität in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft – ein beredtes Zeugnis dafür, dass und wie hierzulande alles davon abhängt, dass die Geldrechnungen der Finanz- und sonstigen Kapitalistenklasse aufgehen. Angesichts dessen stellen die öffentlichen Vordenker der Nation anscheinend eine gewisse Verlegenheit fest: Ihre Textbausteine von gestern, die die kapitalistische Marktwirtschaft als „effizientestes“, „innovativstes“ „produktivstes“ und überhaupt einfach bestes System lobpreisen, lassen sich nicht mehr wie gewohnt einfach ausschneiden und einfügen. Natürlich kann man auch stur bleiben: „Sie können sicher sein: Der moderne Kapitalismus ist garantiert auch in seiner größten Krise dem Sozialismus überlegen. Turmhoch.“ (BILD, 20.5.09) Dem gehobenen Journalismus ist diese Tour einfach zu durchsichtig. Klar – das Ergebnis soll schon so rauskommen, aber irgendwie doch ein wenig reflektierter, begründeter, nicht so plump apologetisch. Also führt man in einigen deutschen Schreibstuben eine herrliche Debatte auf hohem Niveau. In der geht es um nicht weniger als „die Systemfrage“, die sich jetzt angeblich allen stellt. Mit Verve tut man selbst in ,Zeit‘ und FAZ so, als befinde man sich gerade in einem Werbespot der „Gesellschafter“. Künstlich naiv, so als gäbe es keine durch staatliche Gewalt gültig gemachten Interessen, denken Mitglieder und Eliten dieser kapitalistischen Gesellschaft allen Ernstes darüber nach: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“
Insbesondere legt sich der SPIEGEL kritisch ins Zeug. „Warum der Kapitalismus nicht aus seinen Fehlern lernen kann“ (SPIEGEL, 11.5.), titelt das Blatt und überrascht seine Leser zunächst einmal damit, alle möglichen Erklärungen, die seine Redakteure selbst ein ums andere Mal aufgetischt haben, in einem großen Rundumschlag zu widerlegen. Gier lässt sich demnach gar nicht von Profit trennen – nachdem man genau das in den letzten Monaten erbittert durchkonjugiert hat! Die Real- gegen die Finanzwirtschaft auszuspielen, ein Standardgedanke des bisherigen Krisenjournalismus – grober Unsinn, überall dasselbe Prinzip am Werk, das in die Krise führt! Den Grund für die Krise den Amis zuschustern, auch da war der SPIEGEL ganz vorne dabei – absolut ignorant gegenüber den allgemeinen Gesetzen der Marktwirtschaft! Also nicht Einzelphänomene, sondern, man denke nur, „System“, und was für eines: „Wer im Kapitalismus ein System sieht, das eine schöne Idee ist, die von Gierigen leider missbraucht wird, der ist ungefähr so weltfremd wie ein Marxist, der glaubt, Sozialismus sei eine gute Idee, die leider von Lenin, Stalin und Fidel Castro missbraucht worden sei.“ Selbst „die Kapitalisten wundern sich am lautesten über ihren Kapitalismus“, und eigentlich sei schon jetzt allen klar, dass der Versuch des Staates, die Krise zu bekämpfen, höchstens „ein Problem löse, indem er zwei neue produziere, mehr Staatsverschuldung und drohende Inflation“.
Mit einer in diesem Stil seitenlang aufgeblasenen Tirade , die völlig abgeklärt mit allem abrechnet, was man bis gestern behauptet hat und demnächst sicher auch wieder steif und fest behaupten wird, steuert der Artikel zielstrebig darauf hin, dass sich der Kapitalismus diesmal nicht in einer seiner üblichen Verwertungskrisen befindet, die dann die Restwelt auszubaden hat. Es ist viel schlimmer: „Die systemische Erkenntnis dieser Krise ist nicht, das der Markt systemisch zu Krisen führt, das wusste man vorher; die Erkenntnis ist, dass die ideologische Hülle der Marktwirtschaft zerstört ist, wohl für immer.“ Mein Gott! Keine Ideologien mehr zur Marktwirtschaft – das ist natürlich wirklich grässlich, nicht auszudenken und schon gar nicht auszuhalten. Wie soll es da weitergehen? „Nackt steht die Marktwirtschaft da, ein kaltes Gerüst, dem Gespött ausgeliefert.“ Schon entdeckt der SPIEGEL fürchterliche Tendenzen: „SAP-Gründer Hasso Plattner hat bemerkt, dass es so eine Stimmung im Land gibt, dass wir Kapitalismus eigentlich gar nicht mehr wollen, sondern was anderes, Netteres“. Bei der bisher „anachronistisch“ in der Ecke stehenden Sarah Wagenknecht ist ein Lächeln der „Genugtuung“ zu sehen angesichts der „antikapitalistischen Schlagzeilen der vergangenen Wochen“, und das Ami-Magazin „Newsweek“ behauptet „We are all socialists now“. Die Lage ist also wirklich ernst.
Aber dann doch: Entwarnung!, der Artikel biegt auf die Zielgerade ein. „Ein schlüssiges Gegenkonzept zum Kapitalismus gibt es nicht“ – das sagt ausgerechnet seine Gegnerin Wagenknecht, und die muss es ja wissen. Sonst nimmt ein Spiegel-Redakteur den „Spinnern von links“ ihre Einsichten und Kritiken zwar nicht ab, aber in diesem Fall? Eine Kommunistin als Kronzeugin dafür, dass es zum Kapitalismus keine Alternative gibt – bingo! Das ist es doch, wonach man in der Krise verzweifelt gesucht hat: Legitimation ohne den Umweg über eine momentan unglaubwürdige Schönfärberei! Der Kapitalismus steht mit seiner Krise vielleicht „nackt“ da, muss aber einfach sein – ohne aufwendige Begründung, ohne großartige Versprechen, ohne lateinische Adjektive. Das System ist große Scheiße, mangels Alternative aber unumgänglich und notwendig – wenn das mal nicht ein geradliniger Schluss ist und eine Werbung für den Laden, die überzeugender nicht ausfallen kann.

Gerechtigkeit für Kautsky (und Bernstein)! Ein Fundstück und seine heutige Editionsgeschichte

Ein neuer Blogger namens „Ofenschlot“, der auf seinem Blog leider keine Kommentare zuläßt, scheint ein klassischer Bücherwurm zu sein, heutzutage muß man sowas wohl Webcrawler nennen. Jedenfalls hat er zwei interessante Fundstücke ausgegraben, die ich hier auch noch mal reintun will, damit man das doch kommentieren kann, wenn man denn will:

Peter Hacks und die MG: »Um die Wirklichkeit zu begreifen, sind sie manchmal zu klug.« (MPunkt hat das schon vorher gefunden und mit dem klassischen Zitat bedacht)

Peter Hacks, erster, aber nicht letzter Vertreter der Sozialistischen Klassik, schreibt einen Brief an seinen Schriftstellerkollegen Dieter Noll. Es ist der 14.11. 1990, Hacks setzt sich jetzt also auch mit Noll, der ihm zu DDR-Zeiten kaum das Wasser zu reichen vermochte, nun aber, nach der Schreckenswende, sich in den Augen Hacksens als standhafter Kommunist erwiesen hat, auseinander. Man sucht nach Orientierung. Noll hat aus diesem Grund offensichtlich eine Ausgabe des Organs der Marxistischen Gruppe: MSZ – Marxistische Streit- und Zeitschrift, gelesen und das Exemplar an Hacks weitergereicht. Hacks leist nach und bringt so einiges auf den Punkt. Kurios ist das Dokument allemal. Es ist die einzige ernstzunehmende MG-Rezeption aus der Sicht des Marxismus-Leninismus (vergesst den sozialdemokratistischen DKP-Quatsch à la Bernd Gäblers »Das Prinzip Ohnmacht. Eine Streitschrift zur Politik der MG«, Dortmund 1983).

Lieber Herr Noll, MSZ hat zu meiner Bildung beigetragen, ich danke für die freundliche Übersendung. Die Hauptaussage zu dem Blättchen, da sind wir einig, lautet: die Kritik und die Analysen sind fast immer richtig, vielleicht immer. Und der Fleiß, der da aufgewandt ist, ist enorm.
Die Sprache – und es liest sich, als ob ein einziges Riesenhirn oder ein Zentralkomputer (ZK) alle Artikel verfaßt habe – ist ein terroristisches Hegelianisch; in ihrer »wissenschaftlichen« Abstraktheit übersieht sie, flüssig wie sie sonst ist, manchmal das Konkrete an der Wahrheit. Zum Beispiel die PDS widerlegt unser ZK sehr gründlich und sehr überflüssiger Weise dem Begriff nach, statt daß er sie der politischen Funktion nach widerlegte.
Dahinter steckt ein zweifellos weltfernes Sozialismus-Ideal, (wobei gelobt sein muß, daß ZK den bisherigen Sozialismus immerhin als ein funktionierendes System begreift und daß er vor der Machtfrage keine Angst hat). Ich sage weder, ZK sei trotzkistisch, noch, er sei arbeiterdemokratisch. Ich sage nur, um die Wirklichkeit zu begreifen, ist er manchmal zu klug.
Ich habe, lieber Noll, äußerstes Lob und keinen Einwand gegen die MSZ, finde sie aber schwer zu lesen. Die Golf-Analyse ist, ohne Einschränkung gesprochen, brillant.
(…)

Nachtrag 1: Der Brief findet sich in der wundervollen Schatzkiste: Peter Hacks, »Verehrter Kollege. Briefe an Schriftsteller, Ausgewählt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rainer Kirsch. Berlin 2006: Eulenspiegel Verlag«.

Nachtrag 2: Hacks an Noll, nochmals zur MG. Der Brief datiert vom 2.12.1990:
Dank für den Herrn Held, den man nun anfängt kennen zu lernen. Der Mensch ist revolutionärer als Marx und Lenin, das ist vielleicht bissel sehr revolutionär. Gegen den Kapitalism ist er zu brauchen, für den Sozialismus gar nicht.

Nachtrag 3 + 4: Auf der Gegenstandpunkt-Verlagsseite (www.gegenstandpunkt.de) findet sich ein MSZ-Archiv. Die PDS-Abrechnung findet sich gebündelt als »Kritik der Linie der PDS« und ist hier zu finden: www.dearchiv.de

Nachtrag 5: www.peter-hacks.de

Gerechtigkeit für Kautsky (und Bernstein)! Ein Fundstück und seine heutige Editionsgeschichte

I Das Fundstück

»Mit einem Antrag (Frankfurt an der Oder) glauben wir, eine Ausnahme machen zu müssen, weil er in verschiedener Form von verschiedenen Orten gestellt worden ist: der Antrag auf staatliche Unterstützung der Arbeitslosen oder: staatliche Sicherung der Arbeiter gegen Arbeitslosigkeit (…) Aus Hamburg kommt der Antrag, allen Erwerbslosen aus Staatsmitteln ausreichendes, den heutigen Kulturverhältnissen entsprechenden Unterhalt zu gewähren (…) Arbeitslosigkeit heißt nicht, dass der Arbeiter überhaupt keine Beschäftigung findet, auch unter den schlechtesten Bedingungen und von der gröbsten Art – sondern dass er keine Arbeit findet, zu der er sich eignet und ihm ein entsprechendes Einkommen garantiert.
In der Sache stehen wir vor der Frage: „Wer ist arbeitslos?“ Wer bestimmt, ob wirkliche Erwerbslosigkeit vorliegt? Es kann doch nicht Aufgabe der Sozialdemokratie sein, das Simulantentum systematisch zu fördern und die Großziehung des Lumpenproletariats auf Kosten des arbeitenden Teils der Bevölkerung zu verlangen! … heißt nicht nur jeden, der nicht Arbeit finden kann, sondern auch jeden, der nicht Arbeit finden will – und deren züchtet die Gesellschaft nur zu viele – auf den Staatstrog anweisen.
Arbeitslosigkeit, in die jeder Arbeiter zeitweilig verfällt – in den meisten Fällen mit großen Entbehrungen verknüpft – die beständige Gefahr steht als ein drohendes Gespenst hinter dem Rücken des Proletariats … die stets geschwungene Peitsche, die ihn zur Arbeit treibt – zugleich der Sporn, der ihn antreibt, für die Beseitigung einer Herrschaftsordnung zu wirken, in der er nur ein Sklave ist – sie ist der Aufhetzer, der den Proletarier zum geborenen Revolutionär macht. Wenn der heutige Staat diesem Unterhalt gewähren würde, würde das zur Folge haben eine vollständige Erschlaffung der Arbeiterbewegung – die Arbeiterklasse würde aufhören eine revolutionäre Klasse zu sein.
Den Arbeiter auf Staatsalmosen zu verweisen – Konsequenz wäre Staatssozialismus.«
[Friedrich Engels, zur Diskussion um das Erfurter Programm der SPD 1890, erstmals wiedergegeben in »Die Neue Zeit«, 9. Jahrgang 1890/91, Nr. 42, S. 49-52.]

II Seine Geschichte

Dieses Friedrich Engels zugeschriebene Zitat hat Frank Böckelmann im aktuellen Vorwort zur Neuausgabe seines Werks »Über Marx und Adorno. Schwierigkeiten der spätmarxistischen Theorie« (Ca Ira Verlag, Freiburg 1998, S.13 — »In den Diskussion über den Entwurf eines neuen Parteiprogramms im Jahre 1890 meldete sich auch Friedrich Engels zu Wort und nahm Stellung zu Anträgen bestimmter Ortsvereine.«) ausgegraben.
Der alte Engels klingt hier unerhört, aufregend – radikaler Anti-Etatismus!
Aber was tischt uns da Böckelmann eigentlich genau auf? Ist das wirklich ein authentischer Text vom Alten?
Fakt ist: In den MEW findet sich dieser Text nicht.
Er müsste sich in Band 22 finden, siehe www.mlwerke.de, dort befindet er sich aber nicht, stattdessen ein anderer Text »Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs«, geschrieben zwischen dem 18. und 29. Juni 1891 und zwar für Karl Kautsky. Kautsky veröffentlicht diese Kritik in: »Die Neue Zeit: Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie.«, 20. Jg, 1901/02, 1. Bd.(1902), H.1, S. 5-13
In diesem Text findet sich die oben genannte Passage nicht.
Nun ist bekannt, dass in den MEW Marx- und Engels-Texte fehlen, nicht nur, weil sie zum Zeitpunkt der Herausgabe noch unentdeckt waren, sondern weil sie der Partei (SED-KPdSU) nicht genehm waren. Das betrifft vor allem Russland-kritische Texte von Marx (»Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts«). Unwahrscheinlich, dass die Editoren ausgerechnet an der Sozi-Kritik des alten Engels herum geschnibbelt haben, dann hätten sie erst recht Marxens Randglossen zensieren müssen (»Kritik des Gothaer Programms«, 1875, MEW 19).
Und was sagt die MEGA? (Noch) Nichts. Der Band 31 (2.Abteilung), »Friedrich Engels: Werke, Artikel, Entwürfe Oktober 1886 bis Februar 1891«, enthält keine Erfurter Kritik. Der letzte Band (32) ist noch ediert.
Halten wir uns an Böckelmann! Er gibt ja eine Quelle an (s.o.). Sogar noch eine zweite: Der Text von Engels sei nachgedruckt in »Sozialistische Hefte«, München 1948, S. 45ff.
Wie der Zufall so will, hält die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung diesen Text als Online-Edition zugänglich: http://library.fes.de/prodok/fa00-03482.pdf
Und tatsächlich, der Text beginnt auf Seite 45 unter dem Titel, »Friedrich Engels, Der Entwurf des neuen Parteiprogramms«. Das Zitat Böckelmanns findet sich übrigens erst auf S. 84, und es zeigt sich, dass Böckelmann es ordentlich gekürzt hat, sodass erst durch die Kürzung der harte, anti-etatistische Sound entstanden ist. Der letzte Satz – »Den Arbeiter auf Staatsalmosen zu verweisen – Konsequenz wäre
Staatssozialismus.« – lautet vollständig:
»Daß der Staat und die Gemeinden solcher Arbeitslosigkeit, wie überhaupt der Not gegenüber MEHR tun können und daher auch sollen, als sie heute tun, das ist unbestritten, und daß die verabfolgte Unterstützung keine Beeinträchtigung der politischen Rechte der Unterstützten zur Folge haben soll, das sind Forderungen, denen auch wir uns gerne anschließen; aber generell und schlechtweg den Arbeiter auf STAATSALMOSEN verweisen, statt ihm zu zeigen, daß ›ausreichender, den heutigen Kulturverhältnissen entsprechender Unterhalt‹ vom heutigen Staat nun und immer gewährt werden kann, das halten wir für absolut verfehlt. Die Konsequenz dieses Vorschlags wäre der STAATSSOZIALISMUS, und man braucht wirklich kein Anarchist zu sein, um die ewigen Anweisungen auf den Staates des Guten zuviel zu finden.« (Hervorhebungen im Original)
Klingt doch schon ein bisschen anders, nicht wahr?
Auf S. 96 des Sozialistischen Heftes finden sich die Quellenangaben, dort ist ausgewiesen, dass »Der Entwurf des neuen Parteiprogramms« eben dort ursprünglich erschienen ist, wo ihn auch Böckelmann platziert.
Kürzen wir es ab: Böckelmann lag das »Sozialistische Heft«vor, aber nicht »Die Neue Zeit«. Er hat abgeschrieben, ohne zu überprüfen.
Die wunderbare Bibliothek der Friedrich Ebert Stiftung! Sie bereitet zurzeit eine komplette Online-Edition der Neuen Zeit vor, ein Teil der Hefte ist bereits Online, alle Jahrgänge bis zur Jahrhundertwende. Also auch der Jahrgang 1890/91.
http://library.fes.de/nz/index.html
Man kann ja mal suchen… Von einem explizit von Friedrich Engels unterschriebenen Aufsatz »Der Entwurf des neuen Parteiprogramms« keine Spur. Allerdings findet man diesen Aufsatz, er hat vier Teile, alle nicht namentlich gekennzeichnet, sie finden sich in den Heften 49, 50, 51 und 52 des zweiten Bandes der Jahrgangsausgabe 1890/91 (Böckelmann verwechselt die Hefte mit den Seiten). Die »Staatsalmosen«-Passage findet sich im vierten Teil, Heft 52, S. 825
Aber wer ist der Autor?
Kautsky listet in seiner Selbstdarstellung »Das Werden eines Marxisten« (1924, http://www.marxistsfr.org/deutsch/archiv/kautsky/1924/xx/werden.htm)
Seine für die »Neue Zeit« geschriebenen Aufsätze – darunter auch »Der Entwurf des neuen Parteiprogramms«! Aber nur die ersten drei Teile. Den vierten Teil nicht. Stammt also der vierte Teil doch von Engels? Eine kurze Literaturrecherche ergibt: In der Regel ist die Rede davon, dass Kautsky damals eine vierteilige Artikelserie veröffentlicht habe. Bisweilen wird aber auch Bernstein als Ko-Autor genannt!
Um es kurz zu machen: Bernstein und Kautsky lebten um 1890 in London und waren dort enge Mitarbeiter von Friedrich Engels (Kautsky reiste noch 1890 ab, um in Stuttgart die »Neue Zeit« zu redigieren). Beide verstanden sich als orthodoxe Marxisten, was sie schrieben, sollte sich noch unmittelbar an Engels anlehnen. Sagen wir also: Obiges Zitat stammt von Kautsky; ein Co-Autorschaft von Bernstein ist nicht unwahrscheinlich; dass der Text von Engels stammt, ist falsch. Dass er aber in dessen Geiste geschrieben wurde, vielleicht sogar direkt mit ihm diskutiert wurde, davon ist auszugehen.
Es gab damals ein Kontinuum sozialistischer Kritik, in dem auch Bernstein und Kautsky eingefasst sind. Über ihrer weiteren Lebensweg – kein Wort (an dieser Stelle)!
Hier soll nicht weiter herumorakelt werden. Das »Geheimnis« um diese Passage ist leicht aufzulösen, wahrscheinlich schon anhand eines Nachvollzugs der Briefwechsel zwischen Bernstein, Kautsky und Engels. Diese liegen vor.
Das setzt aber doch ein bisschen Archivarbeit voraus. Die sparen wir uns an dieser Stelle (wird aber bei Bedarf nachgereicht).
Aber sagen wir es so: Der Lektor bei Ca Ira, der dieses natürlich hochgradig brisante »Engels«-Zitat durchgewunken hatte, der hätte sich diese Arbeit nicht sparen sollen. Und Böckelmann ist ein kleiner Schlawiner. Eh klar.