Austausch über „An Exchange on Nestor Makhno“

Neben der allseits bekannten Kronstadt-Debatte ist zwischen Anarchisten und Kommunisten in Bezug auf die Oktoberrevolution der Bolschewiki immer auch die Bewertung von Nestor Machno, dem ukrainischen Revolutionär hochgradig strittig gewesen. Nach dem anarchistischen Kongreß, der an Ostern 2009 in Berlin (unter Schwierigkeiten) stattgefunden hat, habe ich deshalb in alten Zeitungen gewühlt und einen Artikel im „Workers Vanguard“ der amerikanischen Trotzkisten Spartacist League /U.S., gefunden, in dem die Redaktion ausführlich auf einen Leserbrief eines amerikanischen Anarchisten eingeht. Diesen Artikel aus 1996 habe ich eingescannt und als PDF in meinen Downloadbereich gestellt.

Zudem habe ich ihn Amelie Lanier, die auf dem Kongreß einen Workshop gegeben hatte, zu lesen gegeben, die als nom de guerre unter „Nestor Machno“ firmiert, und mir jemand zu sein scheint, der auch was fundiertes zu dieser Streitfrage sagen kann.

Hier ihre prompte Antwort:

Das generelle Problem an dem Artikel über Machno ist das, daß Leute, die sich als Marxisten bzw. Kommunisten begreifen, oft ein parteiliches Verhältnis zu den Bolschewiken und zur Russischen Revolution haben. Irgendwie waren das doch aufrechte Kommunisten (obwohl man in der SU vor Stalin nicht von Kommunismus sprechen kann) und tüchtige Revolutionäre (was dann bei dieser Revolution für ein Scheißdreck herausgekommen ist, darüber schweigt man dann auch gerne taktvoll) und schon ist jeder, der gegen Lenin oder Trotzki was sagt, ein Antikommunist und Konterrevolutionär.

Es tritt irgendwie eine Usurpation des Begriffs Kommunismus durch die Sowjetpartie ein. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage der Beurteilung der Gewalt: Wenn die Bolschewiki recht haben, so ist die von ihnen ausgeübte Gewalt legitim, und ihre Gegner fallen zu Recht der Gewalt zum Opfer. Weil sie blamieren sich ja dadurch, daß sie Gegner der Guten sind.

Das ist also eine Argumentationslinie, die sich durch den ganzen Artikel zieht: Die Rote Armee vertritt das Proletariat, liegt also auf jeden Fall richtig, und die Machnowzy sind Kleineigentümer, die ihr Eigentum bewahren wollen. Bei allen Konflikten, die zwischen den beiden auftreten, haben daher immer die Bolschewiki recht.

Zur Eigentumsfrage: Die Ukraine war vor der Revolution durch den – größtenteils polnischen – Großgrundbesitz geprägt. Schon in der Revolution von 1905 war Machno bei einer Gruppe engagiert, die von einem tschechischen Arbeiter mit anarchistischer Literatur versorgt wurde und die Großgrundbesitzer enteignen wollte, und sich auch organisierte gegen die vom russischen und polnischen Grundherren ins Leben gerufenen Todesschwadronen. Dieser bewaffnete Widerstand von Machno und seinen Anhängern wird in der sowjetischen Historiographie so dargestellt, als sei er ein Wegelagerer gewesen, ein gewöhnlicher Krimineller also, der sich erst im Gefängnis eine politische Bildung zugelegt habe.

Nachdem er nach der Amnestie nach Guljaj-Polje zurückgekehrt war, fing er wieder dort an, wo er 1905 aufgehört hatte: Die Grundbücher wurden verbrannt, ein Dorfkomitee gegründet, das sich mit landwirtschaftlichen Fragen beschäftigte, und es wurde jedem freigestellt, Land in Eigenregie zu bestellen – die Zuteilung erfolgte durch das Dorfkomitee – oder gemeinschaftlich. Man muß hier ausdrücklich festhalten, daß Machno in der Ukraine kollektiviert hat, auf freiwilliger Basis, während Lenin mit dem Dekret über das Land Eigentum gesetzlich eingerichtet hat.

Den Machnowzy sozusagen zu unterstellen, sie seien eigentlich Kulaken gewesen, die sich auf Kosten des Proletariats bereichern wollten, nur weil sich die Bauern den Requirierungen widersetzt haben, ist halt auch eine recht tendenziöse Deutung der Ereignisse.

Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Großgrundbesitzern und Bauern – nicht nur den Anhängern Machnos – war während des Hetmanats. Skoropadski, selbst zaristischer Offizier und Grundherr, hat diese Kießling-Rolle deshalb angenommen, weil er sich damit der deutschen und österreichischen Truppen zur Niedermachung der aufrührerischen Bauern bedienen konnte. Die deutschen und ö. Truppen plünderten die Ukraine aus und das wiederum verlängerte den Weltkrieg, der sonst wegen Versorgungsengpässen der Mittelmächte schneller vorbei gewesen wäre. Guljaj-Polje wurde in dieser Zeit von den vereinigten deutsch-ukrainischen Truppen eingenommen und zwei von Machnos Brüdern hingerichtet. Er selbst überlebte nur, weil er nicht dort war. Machno hat es der sowjetischen Führung immer sehr verübelt, mit dem Friedensschluß von Brest-Litowsk die Ukraine an die Achsenmächte und die Grundbesitzer ausgeliefert zu haben und damit diese Repressionswelle und Massaker an ukrainischen Bauern ermöglicht zu haben.

Die Frage der Progrome gegen die Juden ist das beliebteste Motiv in der sowjetischen und prosowjetischen Geschichtsschreibung, um die Machnowzy als Judenfresser und Machno selbst als Antisemiten hinzustellen. Der Artikel legt noch dazu ein Schäuferl zu und bezeichnet ihn als verlogenen Antisemiten: tut judenfreundlich, in Wirklichkeit aber …

Arschynow, sein Mitarbeiter, leugnet gar nicht den unter den Machnowzy verbreiteten Antisemitismus, aber hält fest: “Antisemitismus gibt es in Rußland genauso wie in einer Reihe anderer Länder. In Rußland, und konkret in der Ukraine, trat er nicht auf als Resultat der revolutionären Epoche oder aufständischer Bewegungen, sondern als Erbe der Vergangenheit.“ Daß Machno und sein Mitarbeiterstab alles gemacht haben, um dem entgegenzutreten, gibt ja sogar der Artikel implizit zu. Noch etwas anderes ist zu bedenken: Die Machnowzy waren auf Grundlage völliger Freiwilligkeit organisiert. Von anderen Dörfern und Gegenden kamen Freiwillige, um sich entweder den kämpfenden Verbänden anzuschließen oder aus den Erfahrungen der Dorfkomitees etwas mitzunehmen an Erfahrungen. Ganze Dörfer deklarierten sich als Teil des “befreiten Gebietes“ und Anhänger Machnos. Und so ist es natürlich auch vorgekommen, daß Banden, die Pogrome veranstalteten und deutsche und jüdische Dörfer plünderten, sich als Machnowzy deklariert haben, ohne das geringste mit Machno zu tun zu haben.

Ein weiterer Punkt ist die Frage der Bildung: Machno und seine Anhänger werden gern als Primitivlinge, ungebildete Bauerntrampeln hingestellt, so auch in dem Artikel, die niedrige Instinkte bedient und spontane Entschlüsse gefaßt haben, ohne Nachdenken. Machno kam 1917 aus der Butyrka nach Hause mit nichts als einem großen Sack voller Bücher. Das war für ihn das Wichtigste, das er aus Moskau nach Guljaj-Polje bringen wollte. Während des Bürgerkrieges warben die Machnowzy aus den Städten Leute mit etwas Schulbildung an, um mit ihnen ein System von Dorfschulen nach dem Vorbild der Escuela Moderna von Francisco Ferrer einzurichten. Die Verbitterung Volins, Machnos und Arschynows über das mangelnde Interesse der russischen Anarchisten hat auch darin ihren Grund, daß ihnen Intellektuelle fehlten, die das Publikationswesen betreiben, bei schwierigen ökonomischen Entscheidungen helfen und die Volksbildung vorantreiben hätten können.

Die wechselnden Allianzen Machnos werden als Zeichen seiner Wankelmütigkeit hingestellt, dabei hat das halt seinen Grund im Verlauf des Bürgerkriegs in der Ukraine: Als die Machnowzy 1919 Jekaterinoslaw (heute Dnepropetrowsk) einnahmen, ergaben sich die verteidigenden Truppen Petljuras, und schlossen einen Waffenstillstand mit den Machnowzy. Dafür wurden sie nicht entwaffnet. Dann öffneten die Machnowzy das Gefängnis, und es kam zu Plünderungen. Daraufhin verbündeten sich die Bolschewiki in der Stadt mit den Petljura-Truppen und die warfen die Machnowzy wieder hinaus.

Zu mühsam wäre es jetzt, auf die ganzen militärischen Fragen einzugehen. Kein Teil der späteren Sowjetunion hatte mehr ausländische Interventionsarmeen zu bekämpfen als die Ukraine: Die Machnowzy kämpften gegen die Deutschen und Österreicher, gegen die Truppen Wrangels und Denikins. Ohne die militärischen Erfolge von ihnen hätte die Ukraine nicht der späteren Sowjetunion eingegliedert werden können. Gerade Trotzki hatte großes Interesse daran, die militärische Leistung der Machnowzy zu leugnen, weil die historische Wahrheit ihn eher alt ausschauen hätte lassen.


5 Antworten auf „Austausch über „An Exchange on Nestor Makhno““


  1. 1 Entdinglichung 30. April 2009 um 16:29 Uhr

    der Link auf die pdf-Datei funktioniert nicht

  2. 2 Neoprene 30. April 2009 um 16:37 Uhr

    Stimmte. Ist jetzt korrigiert. Danke.

  3. 3 Koza 30. April 2009 um 20:31 Uhr

    Zur „allseits bekannten Kronstadt-Debatte“ mag man sich evtl. auch hier -
    http://www.geocities.com/revolutiontimes/kron.htm
    noch sachkundig machen.
    Eine Broschüre „Die Kronstadt-Rebellion. Alle Macht den Sowjets, nicht den Parteien!“ ist ebenso über die Homepage der „Revolution Times“ -
    http://www.geocities.com/revolutiontimes/index.htm
    erhältlich.

  4. 4 Neoprene 30. April 2009 um 21:23 Uhr

    Noch eine Einschätzung über Kronstadt, hier von der IKL, übersetzt aus SPARTACIST,
    ENGLISCHE AUSGABE NR. 59, FRÜHJAHR 2006 der Artikel

    Russische Archive: Anarchistische Lügen abermals widerlegt
    Kronstadt 1921: Bolschewismus gegen Konterrevolution

  5. 5 Koza 02. Mai 2009 um 10:34 Uhr

    Zum Kronstädter Aufstand und zur Machno-Bewegung gibt’s über die klassischen und die bereits empfohlenen Texte hinaus in der Tat schon im Internet [zu ergoogeln etwa: Anarchopedia: Kronstadt, Wikipedia: Kronstädter Matrosenaufstand, Nestor Machno und Volin], aber auch in Printform [u.a. Unrast Verlag] noch sehr viel Material.

    Man mag sich darüber oder auch anderswo informieren, wie der Schutz der selbst proklamierten Macht die Notwendigkeit standrechtlicher Erschießungen, von Hinrichtungsdrohungen, Einkerkerungen und Verhaftungen mit sich führte, weil sich der bolschewistische Putsch in die Praxis einer kommunistisch paraphrasierten Pseudo-Revolution prolongierte. Die Denkkraft der zur Staatspartei mutierten Avantgarde war dermaßen von der Rettung und Rechtfertigung eines auch noch sowieso nur fingierten Erfolgs einer ursprünglich anvisierten Abschaffung des Kapitalismus absorbiert, dass ihr im Interesse der Selbstverteidigung schon minimalste Menschlichkeit ein Grauen war, sich das Anliegen einer Befreiung der vielen Bauern und wenigen Arbeiter fast ausschließlich in die Identifizierung und Liquidation realer und phantasierter Feinde verkehrte, wenn denn die Theorie dazu je eine andere war. Denn dass die abstrakte Negation des kapitalistischen Systems ihren Bezugsrahmen innerhalb dessen selbst noch hat, war ja auch damals das schon vor dem Willen zur Besitzergreifung der Macht verkannte Problem.

    Ob bei den Aufständischen wenigstens nicht auch noch so etwas wie ein akzeptables soziales Interesse am Werke war, oder ob auch ihr Handeln nur bzw. wesentlich durch ihre eigenen Verblendungen bestimmt war, ist in einer Nachbetrachtung deshalb auch ganz nebensächlich. Doch genau dieses Bedürfnis, exakte Feindbilder anhand einer ob ihrer Bedeutungslosigkeit nur noch am bizarren Vokabular festzumachenden Differenz marxistisch-leninistischer Sekten untereinander und dieser wiederum mit Anarchisten und sonstigen Abweichlern von der aufrechten Lehre zu liefern, befriedigt der von Neoprene eingestellte Spartacist-Text aus 2006. Jedes Massaker ist in dieser an jedem bis dato unbekannten Material zelebrierten Nabelschau eigener Kontinuität von Lenins, Trotzkis und einer Vierten Gnaden retrospektiv dienlich, um die eigene Standortbestimmung als immer schon korrekte Linie in der Konkurrenz historischer Polit-Transfigurationen, jede Abweichung als konterrevolutionär und dem verdienten Tod überführt auszuweisen. Selbst ihre Rehabilitierung durch einen in der KPdSU hausgemachten und für gewöhnlich unzurechnungsfähigen Trottel wie Jelzin ist für diesen absurden Zweck beweisfähig, denn in der Negativität seiner Person gewinnt das Ahndungsinteresse der Spartacisten erst so richtig verleiblichte Gestalt:

    „Rund um die Kronstädter Meuterei gibt es einen grandiosen Mythos, den die Anarchisten eifrig verbreiten, der aber auch von einem ganzen Aufgebot antirevolutionärer Kräfte, von Sozialdemokraten bis hin zu Verfechtern der zaristischen Ordnung, begierig aufgegriffen wird. Vorrangiges Ziel dieses „Zetergeschreis um Kronstadt“ war es schon immer, den Kampf der Marxisten für die Diktatur des Proletariats über die Bourgeoisie zu diskreditieren und insbesondere den Trotzkismus, die heutige Verkörperung des authentischen Leninismus, zu besudeln.“

    Man muß nichts hinzudichten, um zwischen diesen Zeilen die Diktatur des Proletariats über die Bourgeoisie als einen die absolut grundlose Parteinahme erfordernden immerwährenden Kampf um Leben und Tod jedes damit auch nur irgendwie konfrontierten Individuums erkennen zu können. Es sind mit alttestamentarischem Gedankengut verschnittene Exzesse und Orgien, die hier im Namen des Kommunismus Urständ’ feiern. Natürlich müssen sich die Autoren und Aktivisten solcher selbstbewussten Dummheiten als Vollstreckungsbeauftragte ihrer Hirnrisse wähnen. Politisiert man sich in diese Sphäre quasi-religiöser Irrationalität, hat man im Genuß einer verrückten Tradition noch die idiotische Genugtuung, im Kampf für eine Revolution, die es nur in um jedes Zipfelchen an richtigem Gebrauch des Verstandes gebrachten MLern gegeben hat, auf der richtigen Seite zu sterben.

    Hoch leben die authentischen Schattenkämpfe leninistischer Sekten! Vielleicht sollte man ihre bühnenreife Ausschmückung aber doch eher den Künsten überlassen. Lang leben deshalb das Theater und der Roman!

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