Leserbrief von Peter Decker an die NN

Bsi dato scheint der GegenStandpunkt seinen Leserbrief zum Artikel in der NN aus Anlaß seiner Veranstaltung zum letzten Krieg Israels im Gazastreifen nicht veröffentlicht zu haben. Weil ich den Hinweis erhalten habe „Den … kannst du selbstverständlich veröffentlichen“, bringe ich den nun wenigstens hier. Anders als der GegenStandpunkt offensichtlich meint, denke ich nämlich nicht, daß es was nützt, sich angesichts der besorgniserregenden Hetze im wesentlichen wegzuducken. Mag sein, daß auch so OB Maly sein Recht bekommt. Aber wenigstens dagegenhalten und richtig stellen, da wo es nötig ist, sollte man schon. Das wird ja nicht der einzige Angriff bleiben, so wie es ja auch nicht der erste war.

Leserbrief zum Artikel von Alexander Brock im Nürnbergteil der NN, S. 9 vom Samstag 14.2.09. mit der Überschrift: „Stadt bot Verfassungsfeinden ein Podium“, sowie dem Kommentar auf der folgenden Seite.

Wir, die Organisatoren der Diskussionsveranstaltung im Künstlerhaus am Donnerstag den 12.2. zum Krieg in Gaza, sehen uns durch Artikel und Kommentar von Alexander Brock in einer Weise verzeichnet und in die Nähe von Rechtsradikalen und Antisemiten gerückt, dass wir das doch zurechtrücken möchten.

Wir haben uns in keiner Weise gegen Juden als Menschen und als Religionsgemeinschaft geäußert. Die Kritik galt dem politischen Programm des Staates Israel – und zwar nicht etwa, weil wir diesen Staat besonders widerwärtig finden würden, sondern weil er ein Beispiel dafür abgibt, wie feindselig und gewalttätig die Aufteilung der Menschen in Nationen und Nationalstaaten ausfällt. Wir haben daran erinnert, dass die europäischen Juden in der furchtbarsten Weise Opfer des Nationalismus anderer Nationen, vor allem der deutschen, geworden sind. Wir haben die schlimme Lehre thematisiert, die die zionistische Bewegung aus der Ermordung der europäischen Juden gezogen hat: Als Opfer eines fremden Nationalismus fanden sie es richtig, eine machtvolle eigene Nation zu schaffen, die sich ihrerseits rücksichtslos und gewalttätig gegen fremde Ansprüche durchsetzen kann. Mit diesem Programm haben bewaffnete Verbände einen jüdischen Staat in einen längst besiedelten Raum hinein gepflanzt, die ansässige Bevölkerung verdrängt und die dort vorgefundenen Staaten amputiert. Als Reaktion auf seine Gründung und Expansion erlebt Israel, dass die palästinensische Bevölkerung – vertrieben, in Flüchtlingslager verbannt oder unter ausländischer Besatzung lebend – nun ebenfalls die zionistische Lektion lernt: Auch Palästinenser „brauchen“ einen machtvollen Nationalstaat, dessen Gründung natürlich ganz oder teilweise auf Kosten des israelischen Territoriums und Machtanspruchs gehen würde. So zeugt sich das Gift des Nationalismus fort und mündet in eine endlose Kette von Kriegen. Solange jedenfalls, wie die Menschheit nicht auf eine bessere Idee kommt, als sich in Form von sich abgrenzenden Völkern und Nationen zu organisieren.

In einer Welt der Nationen – so unser Flugblatt – sind Menschen „rechtlose Objekte fremder Macht, wenn sie nicht berechtigte Objekte einer einheimischen Staatsmacht sind“. Für dieses Privileg werden sie von ihrem Staat als seine lebendige Machtbasis in Anspruch genommen und, wo nötig, in den Kampf gegen konkurrierende Hoheitsansprüche geschickt. Für die Existenz des Staates wird die Existenz so mancher seiner Bürger geopfert. Israelis und Palästinenser töten und sterben, nicht etwa weil sie nicht miteinander leben könnten, sondern wegen der unverträglichen Staatsziele der nationalen Führungen, denen sie dienen.

Wir haben ferner die These vertreten, dass die heutige Fähigkeit Israels, mit enormer militärischer Überlegenheit seine Umgebung abzuschrecken und auf palästinensische Forderungen keine Rücksicht nehmen zu müssen, ihre Quelle nicht in den zionistischen Gründungsideen, sondern in der Funktion hat, die dieser Staat für die amerikanisch-westliche Kontrolle des Nahen Ostens erfüllt. Die imperialen Interessen der großen westlichen Mächte erlauben Israel seine Kompromisslosigkeit und liefern die dafür erforderliche militärische und finanzielle Ausstattung, – und die gewährt auch die Bundesrepublik nicht aus Scham über den Holocaust, sondern aus weltpolitischem Kalkül.

Solche Auffassungen passen nicht in die „Stadt der Menscherechte“, meint Alexander Brock in seinem Artikel und fordert von der Stadt, Veranstaltern wie uns Räume zu verweigern. Unliebsame Meinungen mundtot zu machen, findet er, passt nicht schlecht zur Stadt der Menschrechte.

Für die Redaktion der Zeitschrift Gegenstandpunkt
Dr. Peter Decker


10 Antworten auf „Leserbrief von Peter Decker an die NN“


  1. 1 herbert 25. Februar 2009 um 19:52 Uhr

    Ist der in der Zeitung veröffentlicht worden?

  2. 2 Neoprene 25. Februar 2009 um 20:38 Uhr

    Nein, soweit ich weiß, nicht. Per Google findet man ihn jedenfalls nicht.

  3. 3 lahmacun 25. Februar 2009 um 23:38 Uhr

    und die dort vorgefundenen Staaten amputiert

    ?

  4. 4 lahmacun 25. Februar 2009 um 23:45 Uhr

    ich finde, man könnte – nicht nur als peter decker – mal die pläne vergleichen. zB den plan vom britischen mandat mit dem teilungsplan der un. da hat man an die arabischen gebiete eher wieder was „rangenäht“ 1947.

  5. 5 doesn't mind 26. Februar 2009 um 0:08 Uhr

    Ach, wenn der Herr Dr. doch nur das geringste Bedürfnis hätte zu erfahren, wass mit Schuldabwehr bezeichnet wird, er könnte so viel von seinen eigenen Formulierungen lernen:

    „Wir haben die schlimme Lehre thematisiert, die die zionistische Bewegung aus der Ermordung der europäischen Juden gezogen hat: Als Opfer eines fremden Nationalismus fanden sie es richtig, eine machtvolle eigene Nation zu schaffen, die sich ihrerseits rücksichtslos und gewalttätig gegen fremde Ansprüche durchsetzen kann.“

    Denn die Ermordung der europäischen Juden war ja bekanntlich ein Versuch von unsererseits, sich rücksichtslos und gewalttätig gegen fremde Ansprüche durchzusetzen. Die Ansprüche waren ja sowas von fremd, man glaubt es kaum.

    Und für die Antwort auf die Frage, ob das britische Mandantsgebiet oder das Osmanische Reich nun Nationalstaaten waren, die hätten „amputiert“ werden können, oder ob Land und Leute erst von den Zionisten gelernt haben, dass es Nationalstaaten braucht, dafür werden demnächst schon nochmal Argumente gewogen, oder?

  6. 6 ghk 26. Februar 2009 um 15:23 Uhr

    @ doesn‘t mind
    soll „Schuldabwehr“ die psychologische Charakterisierung von Decker anhand des Zitates sein? In diesem Fall wäre eine Erläuterung Deinerseits ganz hilfreich.
    Deine Interpretation des Zitates scheint mir an dessen Gehalt vorbei zu gehen. In dem Zitat wird der nationalistischen Diagnose der Verteidigung eigener Rechte gegen fremde Ansprüche keinesfalls rechtgegeben, sondern sie wird lediglich als eine von den Israelgründungswilligen geteilte und als „schlimm“ bezeichnet. In der näheren Befassung mit ihr (z.B. im Buch vom GSP-Verlag zu Israel) wird dann geschildert, dass und inwiefern die von den Israelgründern gezogene nationalistischen Lehre ein Fehler und ihr Schaden ist.

  7. 7 doesn't mind 27. Februar 2009 um 14:53 Uhr

    @ghk:
    Genau daran, dass den Ansprüchen nicht rechtgegeben wird, lässt sich die Abwehr erkennen. Eine Abwehr bezieht sich ja auf etwas, was mit dem eigenen Selbstbild nicht vereinbar ist. Sie kann daher sehr gut in der Form des „ich bin dagegen“ vorgebracht werden. Ich sage ja nicht, Peter Decker ist ein Nationalist, sondern dass er die Spezifität des Nationalsozialismus zugunsten einer allgemeinen Kritik an „machtvollen Nationen“ abwehrt.

    Dass bei dem Manöver ein Schuldgefühl abgewehrt wird, schließe ich wiederum aus dem „ihrerseits“. Das ist meines Erachtens die psychologisch bedeutsamere Stelle. Das Wort „ihrerseits“ verweist auf eine Umkehrung, d.h. es sagt, dass bevor „die zionistische Bewegung“ den Schluss gezogen hat, etwas ihrerseits zu tun, müssen sie Opfer einer identischen Handlungsweise geworden sein. Will heißen, implizit steckt in dem Satz, dass sich die Deutschen mit dem Holocaust „rücksichtslos und gewalttätig gegen fremde Ansprüche“ durchgesetzt haben. Die vernichteten Jüdinnen und Juden hatten aber weder Ansprüche, noch waren sie rücksichtslos, gewalttätig und fremd. Die Schuldumkehr ist die Vorbedingung der Abwehr, denn die Abwehr funktioniert nur, wenn das Abgewehrte eigene am Anderen aufgefunden wird. Das der deutsche Nationalismus nicht im Sinne des GSP normal war, sondern einen subjektiven Überschuss beinhaltete, der die Taten als persönliche Schuld erscheinen lässt, wird daher in dem Satz abgewehrt.

  8. 8 Neoprene 27. Februar 2009 um 15:57 Uhr

    doesn‘t mind, warum geht dir bei Peter Decker eigentlich jedes elementare Leseverständnis ab?
    Wenn der schreibt, „Als Opfer eines fremden Nationalismus fanden sie es richtig, eine machtvolle eigene Nation zu schaffen, die sich ihrerseits rücksichtslos und gewalttätig gegen fremde Ansprüche durchsetzen kann“ dann beschreibt er doch offensichtlich zwei Vorgehensweisen: zuerst die rücksichtslose und gewalttätige von Nazideutschland gegen die europäischen Juden und dann die von ihm in der Tat ebenfalls als rücksichtslos und gewalttätig gekennzeichnete der zionistischen Staatsgründer/Verantwortlichen (von Deir Yassin bis zum Gaza-Streifen, bin ich geneigt hinzuzufügen). Der Text behauptet doch in keinster Weise deine Unterstellung, die vernichteten Jüdinnen und Juden wären selber rücksichtslos und gewalttätig gewesen. (Der Begriff „fremd“ ist mir hingegen auch fremd, ersetze es einfach durch „anders“ oder als „konkurrierend“ angesehen.)

  9. 9 doesn't mind 27. Februar 2009 um 17:02 Uhr

    @neoprene:
    Ich kann schon lesen und denken gleichzeitig. Du bist es, der oder die nur das „rücksichtslos und gewalttätig“ interpretiert, ich hingegen auch das „gegen fremde Ansprüche“ und das „ihrerseits“. Wenn sich etwas gegen etwas richtet, verlangt es die Logik zu schließen, dass dieses Etwas (hier die Ansprüche) dem, was dagegen geht, vorausgegangen sein muss. Und ob „fremd“ oder „anders“ oder „konkurrierend“, die Opfer des Holocaust waren alles drei nicht, bzw. konkurrierend waren sie selbstverständlich schon, aber das waren die TäterInnen untereinander auch, dass kann nicht als ursächlicher Sachverhalt gelten, auf den reagiert wurde.

    Du kannst es drehen und wenden wie du willst, in dem Satz steht implizit, dass ab 5:45 zurückgeschossen wurde.

    Die zwei Vorgehensweisen, von denen du sprichst, werden in dem Satz miteinander identifiziert, und darin liegt das Problem. Sie sind nicht einfach nur identisch. Die GSP Idee von der Identität aller Nationalismen hat eine Genese (= ihr liegt eine identifizierende Denkbewegung zugrunde), die Peter Decker hier ausgeplaudert hat. Und diese Denkbewegung dient der Schuldabwehr.

  1. 1 Das geprüfte Argument Trackback am 26. Februar 2009 um 8:38 Uhr

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