Archiv für Januar 2009

GSP 4-08 zur geistigen Bewältigung der Finanzkrise

Im Artikel „In der Not zeigt der marktwirtschaftliche Expertenverstand, was er vermag“ aus dem gerade erschienenen Heft 4-08 des GegenStandpunkt heißt es unter III. „Der Ertrag der Meinungsbildung“ (auf Seite 24):

Neuer, härterer Schaden wird den Leuten offensiv angekündigt, um sie auf den Standpunkt der existenziellen Mit-Betroffenheit durch die Vermögensverluste in den höheren Etagen der Marktwirtschaft einzuschwören, auf die Lüge von der Interessensgleichheit zwischen dem kapitalistischen Reichtum und dessen lohnabhängigen Produzenten, auf bedingungslose Parteinahme für die Sicherung bzw. Wiederherstellung der kapitalistischen Funktionstüchtigkeit dieses Reichtums.
Dass irgendwer aus der Prognose eines demnächst vergrößerten Elends den umgekehrten Schluss ziehen könnte -nämlich: sich der Zunutung einer klassenübergreifenden Solidarität der diensttuenden Opfer des Systems mit dessen Nutznießern zu verweigern und auf gründlichere Abhilfe zu sinnen: Das scheinen die Fachleute der öffentlichen Meinungsbildung nicht zu befürchten; es gibt ja auch weit und breit keine Organisation und keine Mannschaft, die bereit und fähig wären, der Geldwirtschaft in der Stunde ihrer selbstfabrizierten Not die überfällige Absage zu erteilen.

Da bin ich nicht so sehr über das „fähig“ gestolpert, denn das ist ja offensichtlich. Aber doch über das „bereit“: Wofür agitieren denn Artikel wie dieser, wenn nicht dafür, mehr Leute zu finden, die die Befürchtungen der Fachleute der öffentlichen Meinungsbildung, und nicht nur deren, endlich wahrwerden lassen. Und wenigstens die Schreiber und zustimmenden Leser sollten doch schon „bereit“ sein, oder?

Rolf Röhrig (und Bert Brecht) zu vernünftiger Erziehung

Gegen Ende der Nürnberger Veranstaltung des GegenStandpunkt zur Kritik der Erziehung im Kapitalismus am 15.01.2009 sagte der Referent Rolf Röhrig folgendes:

Ein solches Projekt [rationelle Erziehung] stößt sehr schnell an sehr harte Grenzen: ein Kind, mit einem wahren Urteil ausgerüstet über die Schule, wird in dieser schulischen Welt, in der es ja pflichtgemäß eingetopft ist, sofort Schiffbruch erleiden. Es wird ein unguter Dialog, wenn ein Zwerg seiner Lehrerin begegnet mit dem Argument, erstens stimmt es nicht, was Sie über die Demokratie behaupten, es ist kein Abstimmungsverfahren, für das der Marktplatz zu klein war, und zweitens wird es auch noch zum Zwecke der Selektion missbraucht, das falsche Argument. Das richtige Argument hat in dieser Welt keine Chance. Und das Wissen, auf das eine vernünftige Erziehung aus wäre, wäre auch in dieser Welt nicht nur nicht gebraucht, sondern unerwünscht. Was in dieser Welt gebraucht wird an Arbeitsplätzen, wo Leute verschlissen werden, weil ihre Leistung für das Wachstum zählt, das ist Anforderungen zu genügen, und sich nicht aus eigenem Urteilsvermögen heraus Zwecke zu setzen, sondern Zwecken dienstbar zu sein, denen sie unterworfen sind. Insofern ist meine Kritik an der Erzeihung im Kapitalismus nicht ein Pladoyer für eine rationelle Erziehung gewesen, sondern dafür, den kapitalistischen Sumpf, der so eine Erziehung notwendig macht, trocken zu legen.

Mich haben diese Ausführungen an eine berühmte Stelle aus Brechts Flüchtlingsgesprächen erinnert, wo der geschrieben hatte:

Eine halbwegs komplette Kenntnis des Marxismus kostet heut, wie mir ein Kollege versichert hat, zwanzigtausend bis fünfundzwanzigtausend Goldmark und das ist dann ohne die Schikanen. Darunter kriegen Sie nichts Richtiges, höchstens so einen minderwertigen Marxismus ohne Hegel oder einen, wo der Ricardo fehlt usw. Mein Kollege rechnet übrigens nur die Kosten für die Bücher, die Hochschulgebühren und die Arbeitsstunden und nicht was Ihnen entgeht durch Schwierigkeiten in Ihrer Karriere oder gelegentliche Inhaftierung, und er läßt weg, daß die Leistungen in bürgerlichen Berufen bedenklich sinken nach einer gründlichen Marxlektüre; in bestimmten Fächern wie Geschichte oder Philosophie werdens nie wieder wirklich gut sein, wenns den Marx durchgegangen sind.“ (Flüchtlingsgespräche, in: werkausgabe Bd. 14, Ffm. 1975, S. 1440)

Zu „Tucholsky „Wenn die Börsenkurse fallen“"

Folgendes Gedicht geht zur Zeit mächtig durch die Lande, selbst mein Chef hat es mir in den Postkorb gelegt:

Kurt Tucholsky 1930 (Veröffentlicht in „Die Weltbühne“)

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf. (mehr…)