Der Spiegel: Neues Denken nötig

„Der Spiegel“ läßt in seiner Nummer 46 vom 10.11.2008 gleich einen ganze Reigen von Wirtschafts-Nobelpreisträgern auftreten. Schon der erste Absatz des ersten „Wissenschaftlers“ ist erste Sahne:

Es ist absurd, vom „Ende des Kapitalismus“ zu sprechen, wie manche Europäer dies derzeit tun. Ein gutes Leben setzt einen einträglichen, interessanten Arbeitsplatz voraus – einen, der Veränderungen und Herausforderungen mit sich bringt. Und dazu braucht es einen funktionierenden Kapitalismus.

Ich bin mir nicht mal sicher ob die Betonung der „Veränderungen und Herausforderungen“ nun ein Lob oder eine Drohung an die ist, die im Kapitalismus in der Tat einen „einträglichen“ Arbeitsplatz bräuchten aber nicht kriegen, weil es ja in der Tat stimmt, daß der Kapitalismus so funktioniert.


10 Antworten auf „Der Spiegel: Neues Denken nötig“


  1. 1 Krim 10. November 2008 um 15:25 Uhr

    Der Schreiber treibt sich einfach innerhalb des falschen Bewusstseins rum. Ohne Kapitalismus keine Arbeitsplätze. Da ist schon unterstellt, dass man sich gar nichts mehr anderes vorstellen kann als einen Lohnarbeitsplatz als Lebensmittel. Lohnarbeit ist die quasi natürliche alternativlose Voraussetzung der eigenen Existenz. Soll nochmal einer sagen, Lohnarbeiter könnten nicht für’s Eigentum sein. Schließlich brauchen sie einen Arbeitsplatz! Denn: „Ein gutes Leben setzt einen einträglichen, interessanten Arbeitsplatz voraus“ und ohne Eigentum, gibt’s den nicht.

  2. 2 Neoprene 10. November 2008 um 16:08 Uhr

    Der Typ ist ja noch nicht mal in sich stimmig: Ausgangspunkt ist doch, daß selbst in den Augen „mancher Europäer“ und natürlich auch vieler US-Bürger das Funktionieren des Kapitalismus, so wie die Leute ihn die letzten Jahre erleben durften/mußten, zu einem gewissen „Ende“ gekommen ist. Das meinen die sicher nicht im Sinn von hoffnungslos vorbei. Aber vielen Leuten ist doch gerade die bisherige Überzeugung, daß der Kapitalismus wenigstens soweit „funktioniert“, daß sie ein Leben führen können, das sie sich als „gut“ einreden, durch die Krise und all das, was da noch zu erwarten ist, wenn nicht abhanden gekommen, dann doch ganz schön erschüttert worden. Und dann setzt der nur lahm dagegen: „Aber es braucht doch einen funktionierenden Kapitalismus!“ Das werden die ja noch nicht mal bestreiten wollen, sie sind sich nur nicht mehr so sicher, ob sie sowas wie bisher zukünftig noch mal kriegen werden.

  3. 3 Krim 10. November 2008 um 17:50 Uhr

    Fällt dir denn was nicht lahmes ein. Klar! Man könnte versprechen, dass es besser wird. Aber offensichtlich wollen sie das nicht, sondern sie wollen, dass sie die Leute mit der Alternativlosigkeit des Kapitalismus abfinden auch wenn für sie nichts bei rumkommt.
    Begeistert müssen sie ja nicht sein. Allerdings ist es schon ein Härte, wenn man verlangt, dass die Armen die Ausweglosigkeit als Argument für den Kapitalismus akzeptieren sollen.
    Das ist schon zu wünschen, dass der eine oder andere ins Grübeln kommt.

  4. 4 Neoprene 10. November 2008 um 17:59 Uhr

    Es ist ja in der Tat schon eine ganze Weile so, daß Tatsachenfeststellungen, die sehr viel früher mal Kommunisten um die Ohren gehauen worden sind als ganz üble Diffamierungen dieses schönen Ladens, heute von Publizisten, Politikern oder Arbeitgeberverbandsvertretern als Argument dafür hergenommen werden, daß die Leute diese ihre Wahrheiten zu fressen hätten, weil das Beschriebene eben auswegslos sei. Da hast du wohl Recht.

  5. 5 frere 16. November 2008 um 12:36 Uhr

    Eure Argumente sind für sich genommen nicht verkehrt, aber dieser Schreiber sagt doch:

    „Kapitalismus wird es immer geben, weil die Leute für ein gutes Leben Arbeitsplätze brauchen. Und was alle WOLLEN, kann schließlich nicht einfach verschwinden, bloß weil’s mit der Wirtschaft nicht so klappt.“

    Der redet also weder von ausweglosen Sachzwängen oder gar von „Härten“ für irgendwen, sondern verlässt sich auf die gute Kinderstube von braven Bürgern, die ihre eigenen Abhängigkeiten gutheißen, und deduziert die gültige Geschäftsordnung aus dem Willen der Beteiligten. Deswegen nennt der Arbeitsplätze „interessant“ und eine „Herausforderung“ – sollte euch unter anderem Vorzeichen bekannt vorkommen.

  6. 6 Krim 17. November 2008 um 13:38 Uhr

    „sondern verlässt sich auf die gute Kinderstube von braven Bürgern, die ihre eigenen Abhängigkeiten gutheißen, und deduziert die gültige Geschäftsordnung aus dem Willen der Beteiligten.“
    Auf die Kinderstube verlässt er sich vielleicht nicht, aber auf das notwendig falsche Bewusstein. Der verlässt sich einfach drauf, dass Arbeitsplätze als naturgegebenes Lebensmittel betrachtet werden und deshalb gewollt werden. Der Wissenschaftler will freilich keine Härte formuliert haben, sonst würde er sich nicht auf die Alternativlosigkeit des Lebensmittels Arbeitsplatz als Grund fürs Dafürsein berufen – trotzdem ist es eine. Als Ergänzung: Es fällt ja auf, dass er sich gar nicht direkt wörtlich auf den Willen beruft, obwohl er das meint. Er sagt: Arbeitsplätze – braucht man doch! Der tut so, als sei das dem Willen enthoben. Ja, was man braucht, braucht man eben, da erübrigt sich die Frage, ob man’s auch will. Da hat man keine Wahl. Als wolle er die Leser nicht drauf stoßen, dass es überhaupt was zu entscheiden gibt. Stattdessen verweist er sie auf die Grundlage ihres Willens. Was nötig ist, kann man vernünftigerweise gar nicht nicht wollen.

  7. 7 frere 17. November 2008 um 15:35 Uhr

    Ich wollte schon sagen „Einverstanden“.

    Aber ein Satz bedarf der Erläuterung:

    „Was nötig ist kann man vernünftigerweise(!) gar nicht nicht wollen.“

    Wie du selbst schon festgestellt hast, spricht der nicht einmal von Not oder Tugend, sondern erklärt den Willen zum „einträglichen und interessanten“ Arbeitsplatz zum Grund für das kapitalistische Paradies. Arbeit kommt bei dem nicht als Abhängigkeit vom Geld vor, sondern eben als „Herausforderung“. Streicht man die Überhöhung mal raus, verweist der nicht bloß auf tatsächliche Grundlagen, sondern verfabelt die Brutalität des gesetzlichen Zwangs, alles als Dienst am Eigentum auffassen zu müssen, in eine gewollte/erwünschte Bewährungsprobe.

  8. 8 Neoprene 17. November 2008 um 15:53 Uhr

    Daß „Veränderungen und Herausforderungen“ kaum verhüllte Drohungen sind für diejenigen, die ihnen ausgesetzt sind, sehen sicherlich selbst viele. Ebenso wie sie immer wieder leidvoll erfahren müssen, daß dem „Willen zum “einträglichen und interessanten” Arbeitsplatz“ leider in der realen Berufswelt solche nur sehr selten entsprechen. Aber das ist für die Leute zumeist nur der Grund dafür, sich dann eben noch mehr anzustrengen, denn dann muß das doch endlich klappen! Tut es aber bekantlich nicht.

  9. 9 Krim 17. November 2008 um 17:19 Uhr

    „Wie du selbst schon festgestellt hast, spricht der nicht einmal von Not oder Tugend,“
    Er gibt eine Abhängigkeit an: Arbeitsplatz ist eine Voraussetzung für gutes Leben.

    „sondern erklärt den Willen zum “einträglichen und interessanten” Arbeitsplatz zum Grund für das kapitalistische Paradies.“
    Ja schon. Er sagt aber nicht, die Leute wollen das halt, sondern er gibt einen Grund für das Wollen an (gutes Leben). Dass die Leute was wollen, kommt gar nicht vor, stattdessen nennt er nur den Grund des Wollens. Damit ist dann klar, dass das ein Grund fürs Dafürsein sein soll. Daran merkt man, dass er gar nicht die Not hat, irgendwen rumkriegen zu müssen, sondern er bezieht sich auf ein durchgesetzten Willen zu den Verhältnissen und liefert nur Gründe, die das Dafürsein füttern/pflegen.

    Hochgradig gelogen ist natürlich „das gute Leben“, das mit einem “einträglichen und interessanten Arbeitsplatz” erfüllbar sein soll. Dass das gelogen ist, weiß er, weil er die „Veränderungen und Herausforderungen“ eines solchen Arbeitsplatzes nicht verschweigt.

  10. 10 frere 17. November 2008 um 19:10 Uhr

    @neo

    Stimmt auch, aber das trifft den Spiegel-Schreiber nicht wirklich. Wie Krim richtig festhält, will der niemanden „rumkriegen“, die Beschönigungen stehen dafür, dass der den Leuten vorwirft, sich Kapitalismus falsch zurechtzulegen. „Herausforderungen“ sind für den ein Teil dessen, was die Leut eh wollen: Gutes Leben! Dass man dafür ausgerechnet kapitalistische Arbeitsplätze bräuchte, ist nicht nur ein Irrtum, der legt schwer wert auf den vermeintlichen MITTELCHARAKTER der aktuellen Ökonomie, daher die Lüge „Herausforderung“.

    @Krim

    ok

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