Archiv für November 2008

700 Milliarden? Ha! Es sind 8500 Milliarden

Fed: 5500 Mrd. Dollar
Im Nachhinein ist schwer zu sagen, ob der Damm erst nach der Lehman-Pleite brach – oder schon im vergangenen Dezember, als die Kreditmärkte einzufrieren drohten und die Fed den angeschlagenen Banken erstmals im ganz großen Stil zu Hilfe eilte. Diesen Herbst jedenfalls, nach dem Lehman-Bankrott, legte die Notenbank zwei Fazilitäten namens „Commercial Paper Funding“ und „Money Market Investor Funding“ auf. Mit den beiden Kreditprogrammen stützten die Währungshüter in erster Linie Geldmarktsfonds – Fonds also, die zum Beispiel in kurzfristige Unternehmensanleihen (Commercial Papers) investieren. Die Risiken, die der Fed laut Bloomberg aus den beiden Fazilitäten erwachsen, liegen bei 2700 Mrd. $. (mehr…)

„It’s a Free World“ — Ken Loach zum Film

Auch ohne den neuen Film von Ken Loach „It’s a Free World“ über Globalisierung und Billiglöhne schon gesehen zu haben, er läuft ja erst jetzt in den deutschen Kinos an (obwohl er in Großbritannien schon vor einem Jahr zu sehen war), kann man doch schon ein grundsätzliches Urteil fällen über die Message des Films:
Ken Loach antwortet im ersten Satz seines Interviews im „Tagesspiegel“ vom 26.11.2008 auf die Frage von C. Tilmann,

Mister Loach, Angie, die Hauptfigur in „It’s a Free World“, ist eine Ihrer komplexesten Heldinnen. Sie ist mutig, kämpferisch, lässt sich nichts gefallen – und gerät doch in ein System, in dem sie zur Ausbeuterin wird. Was ist schiefgegangen?

Ihre Ziele waren ja richtig: Sie sucht Arbeit, will ihr eigenes Unternehmen aufmachen – aber um bei der Konkurrenz zu bestehen, muss sie billiger als die anderen sein. Und billiger zu sein heißt, Menschen zu engagieren, die für weniger Geld arbeiten als die anderen. So ist das Geschäft. Das ist der Geist unserer Zeit: die Marktwirtschaft bestimmt, wie wir leben müssen. Und wenn wir so leben, sind Menschen wie Angie das Ergebnis.

Nein, schon ihre Ziele, die ja die Ziele der meisten Menschen sind, sind falsch. Das „weiß“ zwar letztlich auch Ken Loach, sonst würde er wohl kaum einen Film darüber machen, wohin man als eigentlich sympathischer Mensch mit solchen Zielen in dieser „Marktwirtschaft“ also im Kapitalismus kommt, aber dennoch billigt er letztlich, daß von Lohnarbeit Abhängige wie Angie daran festhalten wollen, daß das doch auch gehen müsse, und wenn schon nicht als Lohnabhängige, dann eben als kleine Selbstständige.

Wir Opelianer

Norbert Blüm, der immer großen Wert darauf gelegt hat, daß er mal als Lehrling bei Opel Rüsselsheim angefangen hat, erzählt im Tagesspiegel vom 19.11.2008 wieder einmal die Geschichte seiner großen Liebe. Zum Schluß versteigt er sich zu folgenden Sätzen:

Das Beste, was den Opelianern passieren kann, ist, dass sie wieder mehr selbst bestimmen können, was sie bauen, und nicht um die Früchte ihrer Arbeit gebracht werden. Die Opelianer in Deutschland brauchen keine Almosen, sondern nur das Geld, das ihnen die Konzernzentrale in Detroit vorenthält. Denn die Schwierigkeiten in Deutschland sind die Schulden, die die Konzernzentrale nicht zurückzahlen will oder kann.

Es wäre paradox, dass ausgerechnet dann, wenn es bei Opel wieder aufwärts geht, gute Autos gebaut werden, die Opelianer wieder Fuß fassen, ihnen der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Opel muss überleben. Opel hat es nicht verdient, die Suppe auszulöffeln, die ihnen General Motors eingebrockt hat. Ich jedenfalls fahre treu und brav meinen Opel Astra weiter.

Zwar ist eigentlich schon mit seiner Überschrift der ganze Inhalt seines Artikels erzählt, als erfahrener Politiker walzt er diese schlichte Lüge aber noch in unzähligen Varianten aus: Die Opelianer brauchen „Selbstbestimmung“. Und die kriegen die heutigen Bandarbeiter und Werkzeugmacher, wenn der hiesige Opel-Vorstand mehr zu sagen hat als der GM-Vorstand? Wo sie doch buchstäblich nichts bestimmen in einer Produktion, der sie nur ausgeliefert sind und die auch gar nicht für sie da ist?

Mehr Selbstbestimmung heißt, nicht um die „Früchte der Arbeit“ gebracht zu werden? Wo eh die ganzen Autos, die die Opelianer zusammenbauen nur Opel gehören und nicht den Opel-Arbeitern? Wo deren „Früchte“ dank Standortsicherungsbemühungen der Vergangenheit sich weitgehend darin erschöpfen, überhaupt noch ins Werk zu dürfen?

Die Opelianer brauchen keine „Almosen“. Das ist wohl richtig, warum sollten sie sich dann aber mit dem (gemessen an den Reichtümern, die sie produzieren) kärglichen Lohn zufrieden geben, der ihnen gnädig gewährt wird?

Die „Schwierigkeiten“, also auf gut deutsch, die Verluste, die Opel im Augenblick einfährt, liegen ausgerechnet an der GM-Zentrale und nicht an der Profitrechnung des Betriebes?

Es ist alles andere als „paradox“, daß Opel-Arbeitern der „Teppich unter den Füßen weggezogen wird“, damit „es bei Opel wieder aufwärts geht“. Denn jeder Euro, den Opel an die Opelianer zahlen muß, ist ja Abzug am Gewinn, um den es Opel wie GM geht. Und wenn der mit weniger Opelianern genauso gut zu machen ist, dann ist sogar deren Teppich, also deren Arbeitsplatz weg. Das hat doch selbst so jemand wie Herr Blüm lange miterlebt.

Jetzt werden also „gute Autos“ gebaut. Und warum wurden früher lausige Kisten gebaut? Beides doch aus dem buchstäblich gleichen Kalkül: Man wollte und will damit Gewinne machen. Früher schien es profitabler, wenn man vergleichsweise einfache billiger zu produzierende Kisten hinstellt, jetzt hat man erkennen müssen, daß damit doch kein Geld zu machen war, also versucht man es jetzt mit einem „guten“ Auto (z.B. dem Insignia, der ja allenthalben schon viele Vorschußlorbeeren bekommen hat). In den USA war es übrigens lange Zeit andersrum, dort ließen sich gerade große technisch schlichte Wagen mit enormen Gewinnspannen verkaufen (big cars big profit), also wurden dort kleine „gute“ Autos gar nicht erst ins Programm aufgenommen, wie der Teufel das Weihwasser vermeidet.

„Opel muß überleben“. Schon immer hat das nicht geheißen, daß dann auch die Opelianer überleben durften. Im Zweifelsfall mußten die dafür auch nach Hause. So wie die vielen Millionen anderer Arbeiter, die auch schon ins Heer der Arbeitslosen geworfen wurden, damit ihr jeweiliger Laden überleben möge.

Die Opelianer haben es jedenfalls nicht verdient, die „Suppe auszulöffeln“, die ihnen Opel und GM eingebrockt haben. Solange sie sich aber als Opelianer verstehen, werden sie sich wohl auch eher noch vor leere Teller setzen lassen, als daß sie „ihrem“ Betrieb die Nibelungentreue aufkündigen. Die fahren dann auch noch als Arbeitslose Ex-Opelianer den Opel-Astra wie Herr Blüm aus nostalgischen betriebspatriotischen Gründen, das will ich schon glauben.

Wird es besser , wenn es schlechter wird?

Peter Decker ist bei seiner Nürnberger Werbe-Veranstaltung (am 8.11.2007) für ein neues Kapitallesen zum Schluß auf ein Argument aus dem Publikum eingegangen, das auch mir immer wieder entgegengehalten wird: Muß das Ganze nicht irgendwann automatisch umkippen, zwingt nicht irgendwann die Erfahrung des Elends die Leute zum Aufruhr? Dazu antwortete Peter:

„Das Lineare, wovon jetzt auch die Rede war von dir, produziert jetzt schon seit über Hundert Jahren Zumutungen für einen großen Teil der Bevölkerung, die sind enorm und nicht ganz neu, überhaupt nicht neu. Ich habe dann auch gesagt: Es gibt da eine Eskalation der Absurdität. Die Eskalation ist, dass die Armut zunimmt in dem Maße, in dem der Reichtum zunimmt. Die kapitalistische Gesellschaft, oder sagen wir noch mehr die kapitalistische Wirtschaftsweise hält das Alles prima aus! Wenn es die Arbeitslosen es aushalten, wenn es die Millionen aushalten, die heute, auf der jetzigen Stufe des materiellen Reichtums kapieren, wir müssen ärmer werden, damit es mit der Wirtschaft weiter geht. Ja und es ist ja so: Die Löhne müssen runter! Die Lokführer haben vorgerechnet, sie mussten zehn Prozent Reallohnsenkung in den letzten Jahren hinnehmen. Und andere kriegen gesagt: Wir brauchen einen Niedriglohnsektor, usw., wir müssen uns beschränken. Das bekommen sie alle gesagt, das ist ja nicht bloß bei der Eisenbahn so.

Wenn die Leute sich die Zumutungen und die wachsenden Zumutungen oder die selbe Zumutung angesichts des noch größer gewordenen Reichtums, die dadurch auch eine noch größere Zumutung geworden ist, wenn sie sich die gefallen lassen, der kapitalistischen Wirtschaft ist das wurscht. Es hängt alles davon ab, ob die Leute sich das bieten lassen. Und ob die sich das bieten lassen oder nicht, das hängt alles davon ab, wie sie sich die Härten, die sie erleben, erklären. Das ist sehr wichtig, dieser Gedanke! (mehr…)

Ganz schön abgeklärt, die Genossen

pro_kommunismus hat auf seinem Blog auf einen kurzen Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 10.11.08 berichtet, in dem diese auf die Positionen des GegenStandpunkts zur aktuellen Finanzkrise eingen und zu obigem abschließenden Urteil „Ganz schön abgeklärt, die Genossen“ gekommen sind.

pro_kommunismus hat dem folgende Hinweis angehängt:

Gegenstandpunkt. Politische Vierteljahreszeitschrift, 15 Euro, www.gegenstandpunkt.com

Ganz besonders abgebrüht von den (wohl ehemaligen Genossen) Redakteuren der FR, daß sie ihren Artikel in der Tat schon selber mit diesem Hinweis haben enden lassen.

Der Spiegel: Neues Denken nötig

„Der Spiegel“ läßt in seiner Nummer 46 vom 10.11.2008 gleich einen ganze Reigen von Wirtschafts-Nobelpreisträgern auftreten. Schon der erste Absatz des ersten „Wissenschaftlers“ ist erste Sahne:

Es ist absurd, vom „Ende des Kapitalismus“ zu sprechen, wie manche Europäer dies derzeit tun. Ein gutes Leben setzt einen einträglichen, interessanten Arbeitsplatz voraus – einen, der Veränderungen und Herausforderungen mit sich bringt. Und dazu braucht es einen funktionierenden Kapitalismus.

Ich bin mir nicht mal sicher ob die Betonung der „Veränderungen und Herausforderungen“ nun ein Lob oder eine Drohung an die ist, die im Kapitalismus in der Tat einen „einträglichen“ Arbeitsplatz bräuchten aber nicht kriegen, weil es ja in der Tat stimmt, daß der Kapitalismus so funktioniert.

Entweder oder = Sowohl als auch!

Entdinglichung hat auf eine „Betriebszeitung von und für kämpferische Arbeiterinnen und Arbeiter im Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen“ hingewiesen, die auf ihre eigene, nicht unberechtigte Frage „Was tun?“ die wunderschöne Antwort gibt:

Das Gejammer der Kapitalisten ist der Hohn
KÄMPFEN wir für MEHR LOHN!
KÄMPFEN wir GEGEN das LOHNSYSTEM!

Leider gehen sie im in ihrem 2-Seiter dann aber auf diesen Spagat gar nicht weiter ein. Vielleicht sind sie auch nur der fälschlichen Auffassung, daß beide Forderungen eh ins eins fallen.

Zitat des Tages: „Es fällt nichts vom Himmel“

Harald Wolf ist seit 2003 Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen in Berlin. Außerdem ist er ein führender Vertreter der Partei Die Linke. Und alle naselang ist er zu folgenden Unsäglichkeiten in der Lage:

Als ich etwa zehn Jahre alt war, habe ich bei meinem Onkelt immer den Hof gekehrt. Zwei Mark habe ich dafür bekommen, das war damals eigentlich eine ganz ordentliche Bezahlung für mich. … Ich muß sagen: Das war eine gute Erfahrung für mich. Ich habe gelernt, dass das Geld nicht vom Himmel fällt und man hart dafür arbeiten muß.

(zitiert nach der Kolumne „Mein erstes Geld“ im Berliner „Tagesspiegel“ vom 3.11.2008)

Bei solchen reifen Erkenntnissen bietet es sich geradezu an, Harald Wolf auch zu einem Teamer der von der studentischen Jugend der Linkspartei ausgerufenen neuen Kapitallesebewegung zu machen. Vielleicht könnte er da anknüpfen an seine, wenn auch schon recht weit zurückliegende und im übrigen von ihm auf seiner Homepage verleugnete trotzkistische Vergangenheit. Vielleicht sind dort die Teamer aber eh schon auf seinem Niveau angekommen.