Karl Held gegen Gremliza und Pohrt, KONKRET-Kongreß 1993

“Es geht um folgendes: Sind vorgelesene Gedichte, die man selber komponiert hat, die korrekte Beurteilung dessen, was in Deutschland jetzt abläuft? Ihr habt beide [Gremliza und Pohrt] zwei Gedichte vorgelesen und weiter nichts. Und in den Gedichten sind Sachen vorgekommen, die eines Kommunisten unwürdig sind, und so einer bin ich nun mal zufällig. Z.B. “Webfehler” – bei dir jetzt Pohrt – und “Konditionierung”. Glaubst du ernsthaft, jemand, der auf einen Ausländer losgeht, macht das nicht mit Willen und Bewusstsein? Das Bewusstsein mag falsch, brutal, blutig sein, aber der ist doch nicht konditioniert wie a Ratz! Das sind doch leibhaftige Leute, die in der Hauptschule waren. Die haben Lesen und Schreiben gelernt, und sie haben sich eingebildet, dass, was immer sie als untragbar in dieser Nation empfinden, daran liegt, dass die Ausländer da sind, zu viele sind, geduldet wurden usf. Die Logik dieses Schlusses ist zu erläutern und nicht in die psychologische Ecke mit Webfehler und Konditionierung zu stellen. Das ist die Differenz zwischen uns. (…)

Ich vermisse bei euch eine Frage. Nämlich: Worin hat dieses Land seine Grundrechnungsart, seine Erfolgskriterien? Worin hat dieses Land ein Instrument für seinen Erfolgsweg? Daheim: im toten und lebenden Inventar; auswärts: in Welthandel, D-Mark. Aber das interessiert euch alles nicht, ihr wollt ja lieber dichten. Das ist euch ja viel wichtiger. Ich muß euch jetzt provokatorisch mal was hinsagen: Die Ausländeranzünderei ist eine blutige, das schon, aber nur eine Fußnote des Imperialismus, der von dieser Nation ausgeht. Ich drücke es methodisch aus, damit wir uns nicht in falsche Polemiken verrennen. Ich meine folgendes: Was würdet Ihr [Gremliza und Pohrt] mit euren Gedichten an dieser Nation auszusetzen haben, wenn sich jetzt nicht aktive Zündler, Faschisten usw. betätigen würden? Hat man da von KONKRET je etwas erfahren? Wie viele Leute sind auf Kosten der Außenpolitik Genschers verhungert in Afrika?

Das ist die Konsequenz dieser Exportnation, dass sie ihre einheimischen Menschen ermuntert zu sagen, die Schuld an allem, was in Deutschland fehlt, ist, dass das Ausland sich Deutschland gegenüber nicht genehm verhält und die Ausländer hier zu viele sind. Das ist keine Psychologie, das ist eine Logik. Eine Nation besteht seit 40 Jahren darauf, dass sie in den Kreis der maßgeblichen Nationen durch Wirtschaftskraft, durch Fabriken, durch Export, durch Import usw., zurückkehrt ist, durch Rüstung, durch Eintritt in die NATO usf. Ich sage, die Zündeleien sind der Gipfelpunkt auf einem Erfolgsweg der deutschen Nation, der sich ganz anders erklärt als über: Die Deutschen drehen durch. Das geht ganz anders. Das ist eine Konsequenz dieses Systems, dieser Demokratie. Und nicht, das ist ein Verstoß gegen sie. Die Differenz zu Gremliza und Pohrt ist, hier wird nicht gegen die Staatsräson Demokratie usw. verstoßen, hier wird nicht etwas versäumt oder kaputtgemacht, was im Grunde gut wäre. Sondern das ist die haarscharfe Konsequenz davon. So sind die schon immer. (…)

Der Pohrt legt allen Ernstes Wert darauf zu sagen, er kann die Phrasen vom Anti-kapikapikapi usw. nicht mehr hören. Der soll sie doch erst mal lernen, der soll erst einmal das Argument lernen, das mit der Kritik am Kapital gemeint ist. Übrigens, das meine ich ernst, Pohrt, du willst sie doch gar nicht lernen. Du wirst doch nie in deinem Leben einmal die Preisform durchnehmen oder sagen, was ein Wechselkurs zwischen Deutschland und der Türkei ist, was ein Waffenexport ist, das willst du doch gar nicht wissen. Du hast doch dein Genüge daran zu sagen: Schau’ dir die bösen Deutschen an, die zündeln. Immerzu mit Geistesblitzen über die blutigsten Angelegenheiten herfallen. Immer sich selbst darstellen, wenn was Bitterernstes zur Sache steht. (…)

Es gibt einen Weltmarkt, auf dem werden nicht alle Leute für Lohnarbeit gebraucht, für Verköstigung schon gleich gar nicht, das Prinzip gibt es gar nicht in dem System. Und jetzt laufen die Leute in der Welt auf der Suche nach der Möglichkeit einer Verköstigung auf Deutschland zu, und da hat Deutschland beschlossen, das gibt es nicht. (…) Dieser Beschluss der Nation (…) verfängt bei Leuten, ob sie 16 Jahre sind oder 32, ob sie 48jährige Faschisten oder Demokraten sind: Ja stimmt, da haben wir die Wurzel des Übels. Im Unterschied zu uns sind andere überflüssig, und die Nation tut nichts dagegen, dass die Überflüssigen uns belästigen. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt, zu sagen: Was der Staat nicht vermag, was er nicht gescheit und herzhaft in die Hände nimmt, das mache ich mit Privatgewalt. (…)

Warum empört ihr euch denn eigentlich über die Zündelei, wenn ihr gar nicht gegen den Grund seid? Das ist der Unterschied zwischen uns: Ich halte nichts von Webfehlern und Konditionierung, wie schon gesagt, ich sage, es ist eine Benutzung von Nationalisten unten, von Bürgern, jugendlichen Bürgern, Leuten, die sich ewig die demokratische Grundlüge, der Staat sei mit seiner Ordnung, mit seinem Vorgehen, mit seinen Plänen eine Erfolgsgarantie für die Bürger, zum Lebensmittel zurechtmachen, die damit Ernst machen, in einer Phase, wo des Staat das nicht nur offenkundig nicht mehr ist, sondern selber zu Programmen der Pauperisierung fortschreitet und immerzu sagt, die Notwendigkeit dieser Pauperisierung liegt am Ausland – das ist das Standortargument – oder an den Ausländern, diesen überflüssigen Kreaturen, die den Weg bis hierher geschafft haben. (…) Die glauben, dieser Staat kann mir nicht mehr zu Diensten sein, gerade wo er ihre Lebensmittel angreift. Warum?: Das Ausland oder die Ausländer hindern ihn daran. Ich sage, der Rassismus dieser blutigen Prägung heute ist ein Produkt dieser Demokratie und nicht ein Produkt von Adolf Hitler. Das hat dieser Staat hervorgebracht. Versteht das mal.”

[Quelle: Reader zum KONKRET-Kongress “Was tun”,1993, Seite 26ff, zitiert nach dem Beitrag von Max bei MPunkt, offensichtliche Rechtschreibfehler korrigiert]


12 Antworten auf „Karl Held gegen Gremliza und Pohrt, KONKRET-Kongreß 1993“


  1. 1 dorfdisco knows best 14. Oktober 2007 um 19:52 Uhr

    Hier das Ganze noch mit visueller Unterstützung: Held gegen antideutsche Dichter

    …wie krass Gremliza da abgeht. Ob er das wirklich ernst meint, dass weil Held „Ausländeranzündelei“ sagt Leute umgebracht werden würden?

  2. 2 Neoprene 14. Oktober 2007 um 20:27 Uhr

    MPunkt hat die youtube-links zu den Videos vom Konkret-Kongreß dauerhaft in seinem Downloadbereich http://mpunkt.blogsport.de/download/

  3. 3 max 14. Oktober 2007 um 21:09 Uhr

    @ dorfdisco

    Klar meinen der Gremliza, der Pohrt und der zum Winkel das ernst. Die haben doch damals schon in ihrer eigenen Welt gelebt.

    Gremliza:

    „Offenbar ist das Bedürfnis auch der linken Intelligenz Deutschlands, mit dem Erstarken dieser Weltmacht selbst zu erstarken, jedenfalls groß genug, um dem das Wort zu reden, was hier in den verschiedensten Beiträgen angeklungen ist: einen Schlussstrich unter die Geschichte zu machen, sich nicht länger in der Gefangenschaft des deutschen Faschismus aufzuhalten, sondern sich daraus zu befreien. Auch in einem Vokabular, das ich für diese Veranstaltung für unmöglich gehalten habe. Dieses Bedürfnis ist zum Ausdruck gekommen, als beispielsweise ein Satz gesagt wurde, der da lautet: Die Geschichte mit dem Ausländeranzünden ist für die Nation ärgerlich.

    (Zwischenruf Karl Held: „Prüf‘ doch mal den Wahrheitsgehalt des Satzes“)

    Der Wahrheitsgehalt dieses Satzes ist leider, dass der, der ihn spricht, ein Problem ist für eine linke Politik. Es gibt keine „Geschichte mit der Ausländeranzünderei“ in diesem Land, es gibt etwas anderes. Wer das nicht versteht, dem werde ich es nicht erklären können.

    (Zwischenruf Karl Held: Tu’s doch erst einmal. … Die Nation, Gremliza, es ist banal … diskutier doch mal mit deinen Kontrahenten …“)

    Ich sage noch einmal, dass es keine Anzünderei von Ausländern gibt, und den Satz möchte ich hier nicht noch mal hören. Mit diesem linken Faschistengeschwätz muss jetzt mal Schluss sein. Es gibt tote Türken, es gibt keine Ausländeranzünderei.

    (Zwischenruf Karl Held: „Doch, gibt’s jeden Tag.“)

    Weil Leute darüber so quatschen wie du.

    (Zwischenruf Karl Held: „Deswegen gibt’s die?“)

    Unter anderem auch.

    [Hier bricht der Reader-Text ab]

    (Zwischenruf Karl Held: „Gremliza, du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass weil ich so quatsche, angenommen ich mach einen Fehler, dass deswegen das passiert. Jetzt reiss dich doch mal wieder a weng zammen. Das kannst du doch nicht ernsthaft behaupten.“)

    [Quelle: Reader zum KONKRET-Kongress “Was tun”,1993, Seite 50f]

  4. 4 narodnik 14. Oktober 2007 um 22:43 Uhr

    Dieser Dialog ist einfach Kult. Padawan Pohrt als devoter Schildknappe von Gremliza – Karl Held als hemdsärmeliger Dorf-Wüterich. Naja jedenfalls hat der Karl in diesem Fall sehr recht – und gerade die Tatsache daß er angesichts der heißen Temperaturen im Saal zuviel Bier intus hatte zeugt von Authentizität. Im krassen Gegensatz zu den 12.-Klasse-Referaten der antideutschen Häuptlinge.

  5. 5 der Klassensprecher von 1984 15. Oktober 2007 um 10:26 Uhr

    Ich habe mich gestern nach Lesen des Kommentars auf die Suche nach den Videos gemacht und bin dann schliesslich bei youtube fündig geworden; allerdings würde ich mich freuen, wenn jemand die nicht umcodierten Originalfiles plus die youtube FLVs inklusive einer kurzen Beschreibung auf archive.org stellen würde.

    Das hilft dann auch beim Auffinden via Google.

  6. 6 MPunkt 15. Oktober 2007 um 11:47 Uhr

    Ich hatte die Dateien ja damals schon bei filecache hochgeladen, dort scheinen sie aber mittlerweile verschwunden zu sein. Vielleicht uppe ich sie irgendwann auch noch einmal bei archive.org, aber Dringlichkeit hat das ja nun wirklich nicht. Es gibt ja auch noch emule:

    Teil 1:
    ed2k://|file|Konkret-Kongress-93%20Held-1%20[found%20via%20www.FileDonkey.com].mpg|57202936|C7006B5413C50E0593F7071E4928FDBD|h=D3BQ7RBNGMV6O3TYKA4YV4XRFTCYNWK6|/

    Teil 2:
    ed2k://|file|Konkret-Kongress-93%20Held-2.mpg|58592688|2A596C15CC8E55079E877FAD715260B3|h=3TRB53RBIGQKGUH3MXGKOAWIS6NYUY3J|/

  7. 7 MPunkt 15. Oktober 2007 um 11:48 Uhr

    Hmmm, Mist, das zerhaut die ed2k-Links :(

  8. 8 MPunkt 15. Oktober 2007 um 11:51 Uhr

    So, die korrekten Links für emule:

    Teil 1

    Teil 2

  9. 9 max 15. Oktober 2007 um 12:27 Uhr

    Es spricht schon sehr viel für eine permanente Verfügbarkeit und unkompliziertes Downloaden wie beim archive.org. Solltest du die Dateien also mal dort eingestellt haben, packst du die Links in deine Downloadabteilung und fertig ist die Laube. Bei zukünftigen Nachfragen – die Dinger haben mittlerweile offenbar schon den Status von Klassikern – kann dann darauf verwiesen werden.

  10. 10 MPunkt 15. Oktober 2007 um 20:37 Uhr

    So, auf der Downloadpage verweise ich jetzt auch auf die Möglichkeit eines Downloads der Videos bei archive.org, auch wenn ich nicht so recht weiß, warum die Videos bei youtube nicht reichen sollen. Egal, hier der archive.org-Link:

    http://www.archive.org/details/konkretVerlagKarlHeldgegenantideutscheDichterTeil1und2

  11. 11 der Klassensprecher von 1984 16. Oktober 2007 um 12:01 Uhr

    Danke.
    Wenn man die Videos bloss im Briefmarkenformat ansehen will, dann mag youtube ausreichen; aber zur Weiterbearbeitung und/oder Wiedergabe in besserer Qualität braucht man die Originale.
    Ausserdem scheint mir archive.org eine bessere Anlaufstelle als youtube zu sein.

  12. 12 Kowalski 10. September 2011 um 20:57 Uhr

    Eine deutlich erweiterte Fassung:

    KONKRET-Kongress: „Was tun? Über Bedingungen und Möglichkeiten linker Politik und Gesellschaftskritik“

    Podiumsdiskussion: „Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht“
    mit Thomas Ebermann, Georg Fülberth, Hermann L. Gremliza, Karl Held, Wolfgang Pohrt, Sahra Wagenknecht

    (…)

    „Wolfgang Pohrt:
    Wenn 16jährige sich wie alte Stammtischbrüder volllaufen lassen, statt hinter den Mädchen her zu sein; wenn wenn sie im Suff dann nicht etwa die Kontrolle über die Motorik dergestalt verlieren, daß die Hand landet, wo sie nicht hingehört, wobei die Hand auch zur Faust geballt sein kann oder nicht; wenn also der Alkohol ganz andere Wünsche offenbart als die, die Freundin etwas fester zu drücken oder dem Rivalen ein blaues Auge zu verpassen; wenn die Enthemmung statt dessen zu planvollem Handeln führt; wenn die Enthemmten, statt auf den unmittelbaren Lustgewinn erpicht zu sein, weder Aufwand noch Mühe scheuen; wenn sie sich dann, besoffen, wie sie sind, an die Arbeit machen; und wenn diese Arbeit darin besteht, ein Mietshaus in ein Krematorium zu verwandeln, dann stimmt mit diesen Deutschen etwas nicht. Dann muß die Bevölkerung einen schweren Webfehler haben, unter der diese 16jährigen aufgewachsen sind. Nicht, daß die Menschen von Natur aus Engel wären. Aber so wie diese 16jährigen sie sie von Natur aus auch wieder nicht. Um so wie diese 16jährigen zu werden, bedarf es einer Abrichtung, Konditionierung, die zu leisten nur die Mehrheit die Macht besitzt. (…)

    Karl Held:
    Dank an Gremliza, Dank an Pohrt: Ich bin eine Fehlbesetzung hier. Aber wir wollen wenigstens noch in aller Ruhe klären, wo die Differenzen sind. Ich versuche es. Daß wir, wir als unsere Zeitung oder die ehemalige MG, überhaupt für euch in die Schußlinie geraten, da muß bei euch etwas nicht richtig ticken, denn die Differenz zwischen euch und uns ist die, daß wir andere Ursachen angeben für die momentane rassischtische Bewegung und Betriebsamkeit. Der Unterschied besteht tatsächlich darin, daß wir sagen, es liegt an was anderem, als die Autoren von KONKRET behaupten.

    Es geht um folgendes: Sind vorgelesene Gedichte, die man selber komponiert hat, die korrekte Beurteilung dessen, was in Deutschland jetzt abläuft? Ihr habt beide [Gremliza und Pohrt] zwei Gedichte vorgelesen und weiter nichts. Und in den Gedichten sind Sachen vorgekommen, die eines Kommunisten unwürdig sind, und so einer bin ich nun mal zufällig. Z.B. “Webfehler” – bei dir jetzt Pohrt – und “Konditionierung”. Glaubst du ernsthaft, jemand, der auf einen Ausländer losgeht, macht das nicht mit Willen und Bewusstsein? Das Bewusstsein mag falsch, brutal, blutig sein, aber der ist doch nicht konditioniert wie a Ratz! Das sind doch leibhaftige Leute, die in der Hauptschule waren. Die haben Lesen und Schreiben gelernt, und sie haben sich eingebildet, dass, was immer sie als untragbar in dieser Nation empfinden, daran liegt, dass die Ausländer da sind, zu viele sind, geduldet wurden usf. Die Logik dieses Schlusses ist zu erläutern und nicht in die psychologische Ecke mit „Webfehler“ und „Konditionierung“ zu stellen. Das ist die Differenz zwischen uns.

    Ich komme hierher, bin nackt wie die Sau, auf einmal werde ich zweimal zitiert. Womit habe ich das verdient? Ich habe doch nie dem Rassismus Vorschub geleister. Mein Freund Kuhn hat euch gewarnt in einem Aufsatz in KONKRET. Gebt mir das doch mit gleicher Münze zurück. Sagt doch nicht über die deutschen Rassisten quasi als Retourkutsche, das wären häßliche Deutsche. Sagt doch lieber, was die Wahrheit dieser Typen ist. Mehr war doch der Antrag in unseren Aufsätzen gar nicht. Jetzt fallt ihr über uns her, als wenn wir jemanden angezündet hätten. Ihr Dichter, ihr lest hier Gedichte vor und meint, ihr müßt gegen die paar übriggebliebenen Kommunisten dieselbe Hetze veranstalten wie gegen Zündelbrüder. Das ist nicht sauber, was ihr hier macht.

    Selbst wenn sich in dieser Diskussion herausstellen sollte, daß wir den einen oder anderen argumentativen Fehler gemacht haben, dann wird er bereinigt, von euch oder von uns.

    Jetzt komme ich zur Sache. Lieben wir dieses Land? Wir haben doch diese Frage nicht aufgemacht, also ich nicht. Ein Land kann man schlechterdings sowieso nicht gut lieben. (…)
    Ich meine, es geht gar nicht so einfach um ein Land, das ist immer eine Nation, das ist ein Herrschaftssystem, das ist eine Souveränität, das ist ein Gewaltmonopol, das zu lieben ist sowieso sehr schwer. Da hat der Pohrt mit seiner Einleitung Recht gehabt, ja wer tut das schon einfach so von sich aus. Also stellt die Frage gar nicht erst so blöd. Stellt sie einfach, wie sie sich für Linke ordentlich gestellt gehört: Was ist dieses Land – damit ist die Nation gemeint samt lebendem Inventar –, was ist diese Nation, worin hat sie ihre Ziele, worin hat sie ihre Mittel, wie geht sie deswegen gegen ihre eigenen Leute, gegen Ausländer sogar mit Hilfe ihrer eigenen Leute vor, wozu geben sich Leute her? Ihr selbst habt in eurer blöden Frage doch den Unterschied zwischen Land und Leuten gemacht, den Unterschied gibt’s immer, selbst dann noch, wenn alles zusammenfällt, selbst wenn – ich nehm’ mal den Faschismus als Beispiel – die meisten hinter der Flagge herlaufen. Immer noch ist Nutzen und Schaden der Nation etwas anderes als Nuzten und Schaden bei den Bürgern, bei den Arbeitern, bei den Bauern bei den Soldaten usw. Wenn die sich einbilden, es fiele sowieso alles in eins, dann kritisiert die Einbildung, aber bitte korrekt, nicht mit „Webfehler“.

    Ich vermisse bei euch eine Frage. Nämlich: Worin hat dieses Land seine Grundrechnungsart, seine Erfolgskriterien? Worin hat dieses Land ein Instrument für seinen Erfolgsweg? Daheim: im toten und lebenden Inventar; auswärts: in Welthandel, D-Mark. Aber das interessiert euch alles nicht, ihr wollt ja lieber dichten. Das ist euch ja viel wichtiger. Ich muß euch jetzt provokatorisch mal was hinsagen: Die Ausländeranzünderei ist eine blutige, das schon, aber nur eine Fußnote des Imperialismus, der von dieser Nation ausgeht. Ich drücke es methodisch aus, damit wir uns nicht in falsche Polemiken verrennen. Ich meine folgendes: Was würdet Ihr [Gremliza und Pohrt] mit euren Gedichten an dieser Nation auszusetzen haben, wenn sich jetzt nicht aktive Zündler, Faschisten usw. betätigen würden? Hat man da von KONKRET je etwas erfahren? Wie viele Leute sind auf Kosten der Außenpolitik Genschers verhungert in Afrika?

    Das ist die Konsequenz dieser Exportnation, dass sie ihre einheimischen Menschen ermuntert zu sagen, die Schuld an allem, was in Deutschland fehlt, ist, dass das Ausland sich Deutschland gegenüber nicht genehm verhält und die Ausländer hier zu viele sind. Das ist keine Psychologie, das ist eine Logik. Eine Nation besteht seit 40 Jahren darauf, dass sie in den Kreis der maßgeblichen Nationen durch Wirtschaftskraft, durch Fabriken, durch Export, durch Import usw., zurückkehrt ist, durch Rüstung, durch Eintritt in die NATO usf. Ich sage, die Zündeleien sind der Gipfelpunkt auf einem Erfolgsweg der deutschen Nation, der sich ganz anders erklärt als über: Die Deutschen drehen durch. Das geht ganz anders. Das ist eine Konsequenz dieses Systems, dieser Demokratie. Und nicht, das ist ein Verstoß gegen sie. Die Differenz zu Gremliza und Pohrt ist, hier wird nicht gegen die Staatsräson Demokratie usw. verstoßen, hier wird nicht etwas versäumt oder kaputtgemacht, was im Grunde gut wäre. Sondern das ist die haarscharfe Konsequenz davon. So sind die schon immer. (…)

    Der Pohrt legt allen Ernstes Wert darauf zu sagen, er kann die Phrasen vom Anti-kapikapikapi usw. nicht mehr hören. Der soll sie doch erst mal lernen, der soll erst einmal das Argument lernen, das mit der Kritik am Kapital gemeint ist. Übrigens, das meine ich ernst, Pohrt, du willst sie doch gar nicht lernen. Du wirst doch nie in deinem Leben einmal die Preisform durchnehmen oder sagen, was ein Wechselkurs zwischen Deutschland und der Türkei ist, was ein Waffenexport ist, das willst du doch gar nicht wissen. Du hast doch dein Genüge daran zu sagen: Schau’ dir die bösen Deutschen an, die zündeln. Immerzu mit Geistesblitzen über die blutigsten Angelegenheiten herfallen. Immer sich selbst darstellen, wenn was Bitterernstes zur Sache steht. (…)

    Es gibt einen Weltmarkt, auf dem werden nicht alle Leute für Lohnarbeit gebraucht, für Verköstigung schon gleich gar nicht, das Prinzip gibt es gar nicht in dem System. Und jetzt laufen die Leute in der Welt auf der Suche nach der Möglichkeit einer Verköstigung auf Deutschland zu, und da hat Deutschland beschlossen, das gibt es nicht. (…) Dieser Beschluss der Nation (…) verfängt bei Leuten, ob sie 16 Jahre sind oder 32, ob sie 48jährige Faschisten oder Demokraten sind: Ja stimmt, da haben wir die Wurzel des Übels. Im Unterschied zu uns sind andere überflüssig, und die Nation tut nichts dagegen, dass die Überflüssigen uns belästigen. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt, zu sagen: Was der Staat nicht vermag, was er nicht gescheit und herzhaft in die Hände nimmt, das mache ich mit Privatgewalt. (…)

    Warum empört ihr euch denn eigentlich über die Zündelei, wenn ihr gar nicht gegen den Grund seid? Das ist der Unterschied zwischen uns: Ich halte nichts von „Webfehlern“ und „Konditionierung“, wie schon gesagt, ich sage, es ist eine Benutzung von Nationalisten unten, von Bürgern, jugendlichen Bürgern, Leuten, die sich ewig die demokratische Grundlüge, der Staat sei mit seiner Ordnung, mit seinem Vorgehen, mit seinen Plänen eine Erfolgsgarantie für die Bürger, zum Lebensmittel zurechtmachen, die damit Ernst machen, in einer Phase, wo des Staat das nicht nur offenkundig nicht mehr ist, sondern selber zu Programmen der Pauperisierung fortschreitet und immerzu sagt, die Notwendigkeit dieser Pauperisierung liegt am Ausland – das ist das Standortargument – oder an den Ausländern, diesen überflüssigen Kreaturen, die den Weg bis hierher geschafft haben. (…) Die glauben, dieser Staat kann mir nicht mehr zu Diensten sein, gerade wo er ihre Lebensmittel angreift. Warum?: Das Ausland oder die Ausländer hindern ihn daran. Ich sage, der Rassismus dieser blutigen Prägung heute ist ein Produkt dieser Demokratie und nicht ein Produkt von Adolf Hitler. Das hat dieser Staat hervorgebracht. Versteht das mal.

    Thomas Ebermann:
    (…)
    Wenn es in erster Linie darum geht, heute nicht sebstzufrieden festzustellen, daß wir Kongresse wie diesen machen, nicht weil wir dem Gang der Geschichte oder der Entwicklung Deutschlands in den Arm fallen können, sondern um nicht verrückt zu werden, und wenn wir wissen, daß das allein nur sehr schwer geht – wenn also publizistische Tätigkeit, die schlichte Erforschung der Wahrheit, Ideologiekritik, Bloßlegen von Interessen etc. zentral sind –, so muß dieser Teil der Arbeit immer ohne Rücksicht auf Bündnispartner erfolgen und zwar nicht, weil es sie gegenwärtig nicht gibt, sondern immer und prinzipiell.

    Dennoch lasse ich mir die Verteidigung des kleineren Übels nicht nehmen. Wenn ich mir vorstelle, es würde heute ein Russell-Tribunal geben gegen Deutschland, ein Russell-Tribunal wie es das in den 70er Jahren gab, das volle Breitseite von allen linken Deutschlandbefürwortern deswegen gekriegt hat, weil an Deutschland doch gar nicht Besonderes zu untersuchen sei, weil Deutschland doch zivilisiert sei, weil ausländische Kritik doch nur Ausdruck der Konkurrenzängste französischer und englischer Proimperialisten waren – wenn ich mir also vorstelle, ein Russell-Tribunal wie damals gegen Deutschland , seine aggressive Innen- und Außenpolitik , seine faschistoide Entwicklung würde es geben –, ich würde es nicht nur ertragen, daß ich dort mit Menschen zusammenarbeiten müßte, die ideologisch einen bürgerlichen Begründungszusammenhang ihrer Opposition haben, sondern ich würde das mehr begrüßen, als hier mit „linken“ Deutschlandbefürwortern die Klinge kreuzen zu müssen. Ich bedaure also den hier veranstalteten Pluralismus (…)

    Karl Held:
    Einigen wir uns doch erst einmal auf die Beurteilung dieser Nation, auf das, was ihr zu Gebote steht, wie sie gegenüber anderen auftritt, dann haben wir einen Begriff von Deutschland, und dann haben wir glatt die blutige Fußnote, nämlich die Mördereien in Solingen und überall. Einigen wir uns doch, was das eigentlich für eine Qualität dieser Nation ist. Statt dessen werde ich beschimpft: Ach, die MG weiß keinen Rat usw. Wer hat denn je behauptet, daß wir einen Rat wissen? Es geht doch um etwas ganz anderes. Es geht um die Beurteilung der Ziele, Zwecke und der Mittel dieser Nation. Und ein ausdrückliches Mittel sind die Nationalisten im eigenen Lande. Darüber hätten wir reden können, aber keiner wollte darüber reden. Deswegen war ich böse. Also: Wer nach wie vor nicht wissen will, wie das mit dem europäischen Geld, mit der Kreditaufnahme geht, wie man andere Nationen über den Außenhandel schädigt, über den Weltmarkt, der unter den USA eingerichtet worden ist, wer nach wie vor nichts darüber wissen will, warum eigentlich Deutschland mit der Wiedervereinigung gesagt hat: Jetzt haben wir größere Verantwortung, jetzt haben wir mehr Rechte, bis hin zum Sitz im Sicherheitsrat – wer darüber nicht diskutieren will, der kann über die MG polemisieren, die es ja nicht mehr gibt, der kann sich furchtbar ausgeifern, aber mein Rat wäre halt: Infomier’ dich, guter Freund, jenseits aller Polemik darüber, wie Deutschland auf Kosten anderer Nationen und auf Kosten der eigenen Manövriermasse vorgeht. (…)

    Thomas Ebermann:
    (…)
    Es ist doch nicht so, daß jetzt plötzlich so ein Streit entbrennt, denn wenn dieser Streit nur einer wäre darüber, ob man die imperialistische Strategie Deutschlands bekämpfen will oder ob man noch zusätzlich der Meinung sein sollte – die ich teile –, daß es so etwas wie einen historisch gewordenen deutschen Nationalcharakter gibt, dann hätte es keine relevanten Differenzen geben können in der Frage der Ablehnung der sogenannten Wiedervereinigung. Die hat’s aber gegeben.

    Es ist ja nicht nur so, daß die DKP nicht darauf verzichten konnte, hinter ihren Parteinamen eine schwarz-rot-goldene Fahne aufblitzen zu lassen, sondern das allgemeine Gesülze bestand doch darin, daß diese Wiedervereinigung nicht etwa dazu führen wird, daß deutschimperiale Ambitionen, deutsche Geschichtsrevision dadurch leichter ins Werk zu setzen sein werden. Es war ein einziges Gesabbel um die Chancen, die darin liegen. Wiederum in verschiedenen Kostümen: Der eine sagte, die Kampfkraft der deutschen Arbeiterklasse sei deswegen so schwach, weil sie national gespalten sei; der andere witterte eher die Möglichkeit einer linken Verfassungsreform. Was dabei jetzt rauskommt, ist gut ersichtlich. Und dieses Wort von den Chancen, die darin liegen, mußte immer einhergehen mit einer spezifischen anderen Behauptung, nämlich der, daß Deutschland soweit normalisiert und zivilisiert sei, daß von ihm keine besondere Gefährdung ausgehen werde. Diese Schwüre hat nicht nur Antje Vollmer abgelegt, das ist doch nicht nur der Schwur von Karl Held, das ist doch auch der Schwur von Robert Kurz und vielen Referenten hier. Und weil das so ist, ist das angestrengte Getue, ob es nun wissenschaftlich begründet den Nationalcharakter gibt oder nicht, nur das wohlfeile Kostüm für die Identifikation mit dieser Nation und ihren zukünftigen Zielen. Alles andere ist dem untergeordnet. (…)

    Weil das so ist, ist es tatsächlich nicht so relevant, mit Karl Held zu streiten, da hat er recht. Das alles ist nicht sein Ding. Es ist relevant mit denen zu streiten, die die deutsche Nation in der Weltöffentlichkeit und hier retten wollen, und davon sind genug anwesend.“

    (…)

    Es folgt der bekannte „Dialog“:

    „Hermann L. Gremliza:
    So feuilletonistisch das Thema des heutigen Abends gestellt war, so hat es doch Resultate gebracht, gerade weil es so feuilletonistisch gestellt war, und es waren nicht durchweg beruhigende Resultate. Offenbar ist das Bedürfnis auch der linken Intelligenz Deutschlands, mit dem Erstarken dieser Weltmacht selbst zu erstarken, jedenfalls groß genug, um dem das Wort zu reden, was hier in den verschiedensten Beiträgen angeklungen ist: einen Schlussstrich unter die Geschichte zu machen, sich nicht länger in der Gefangenschaft des deutschen Faschismus aufzuhalten, sondern sich daraus zu befreien. Auch in einem Vokabular, das ich für diese Veranstaltung für unmöglich gehalten habe. Dieses Bedürfnis ist zum Ausdruck gekommen, als beispielsweise ein Satz gesagt wurde, der da lautet: Die Geschichte mit dem Ausländeranzünden ist für die Nation ärgerlich.

    (Zwischenruf Karl Held: “Prüf’ doch mal den Wahrheitsgehalt des Satzes”)

    Der Wahrheitsgehalt dieses Satzes ist leider, dass der, der ihn spricht, ein Problem ist für eine linke Politik. Es gibt keine “Geschichte mit der Ausländeranzünderei” in diesem Land, es gibt etwas anderes. Wer das nicht versteht, dem werde ich es nicht erklären können.

    (Zwischenruf Karl Held: Tu’s doch erst einmal. … Die Nation, Gremliza, es ist banal … diskutier doch mal mit deinen Kontrahenten …”)

    Ich sage noch einmal, dass es keine Anzünderei von Ausländern gibt, und den Satz möchte ich hier nicht noch mal hören. Mit diesem linken Faschistengeschwätz muss jetzt mal Schluss sein. Es gibt tote Türken, es gibt keine Ausländeranzünderei.

    (Zwischenruf Karl Held: “Doch, gibt’s jeden Tag.”)

    Weil Leute darüber so quatschen wie du.

    (Zwischenruf Karl Held: “Deswegen gibt’s die?”)

    Unter anderem auch.

    [Hier bricht der Reader-Text ab]

    (Zwischenruf Karl Held: “Gremliza, du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass weil ich so quatsche, angenommen ich mach einen Fehler, dass deswegen das passiert. Jetzt reiss dich doch mal wieder a weng z‘ammen! Das kannst du doch nicht ernsthaft behaupten!”)

    [Quelle: Reader zum KONKRET-Kongress “Was tun”, Hamburg 1994, Seite 24ff]

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