Postkoloniales Gedöns — Attacke einer sozialdemokratischen Geistesgröße

Lysis weist auf folgenden Artikel von Joachim Zeller, (einem Berliner Historiker und Lehrer?) , zur deutschen Geschichts“wissenschaft“ hin:

„Postkoloniales Gedöns“. Die Attacke von Hans-Ulrich Wehler gegen die „Modeströmung der ‚postkolonialen Studien’“

Die „nichtwestlichen Regionen des Globus (hätten) aus Mangel an einem hinreichenden endogenen Entwicklungspotenzial durch den westlichen Imperialismus gewaltsam (…) an die moderne Welt angeschlossen werden müssen. (…) die deutsche Arbeitspolitik in den Kolonien (habe gar nicht anders gekonnt), als die Einheimischen in einem langwierigen Disziplinierungsprozess an regelmäßige Arbeit im europäischen Sinn zu gewöhnen“.

Solche kruden modernisierungstheoretischen Argumentationsmuster ins Feld zu führen, die den Kolonialismus als eine frühe Form der Entwicklungshilfe verklären, ja das Bild vom „Müßiggang des Negers“ heraufzubeschwören, das war bisher die Domäne Ewiggestriger. Die Feststellungen stammen aber von einem der führenden bundesdeutschen Historiker: Hans-Ulrich Wehler. Der Bielefelder Emeritus gefällt sich hier einmal mehr in der Rolle als Provokateur, so wie er in den vergangenen Jahren mit einer ausgesprochenen Lust am politisch unkorrekten immer wieder von sich Reden gemacht hat. Noch in guter Erinnerung ist seine – mit geradezu islamophoben Äußerungen durchsetzte – Stellungnahme gegen einen EU-Beitritt der Türkei.

Kürzlich bedachte er die viel diskutierte „Transnationale Geschichte“ mit einer Generalkritik (Hans-Ulrich Wehler: Transnationale Geschichte – der neue Königsweg historischer Forschung?, in: Gunilla Budde / Sebastian Conrad / Oliver Janz [Hg.]: Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006, S. 161-174). Generös gesteht er ein berechtigtes Interesse an der Transfergeschichte, den „entangled histories“ zu, tue man doch gut daran, den muffigen Provinzialismus, den Germano- und Ethnozentrismus endlich hinter sich zu lassen. Zweifellos sei die Geschichtsschreibung hierzulande viel zu sehr auf die nationaldeutsche Geschichte fixiert. Besonders polemisiert er gegen die jüngeren bundesdeutschen Historikerkollegen, die sich seit einigen Jahren verstärkt mit den nach seiner Auffassung „wenig verlockenden Problemen des deutschen Kolonialimperialismus“ auseinandersetzen. Öfters „ziemlich unreflektiert, um nicht zu sagen naiv“ seien sie der „Modeströmung der ‚postkolonialen Studien‘ gefolgt“. Dabei gäbe es sehr viel ergiebigere Ansätze als den Fokus auf den „kleinen Teilbereich“ der deutschen Kolonialgeschichte zu richten. Wehler folgt damit seinen früheren Überblicksdarstellungen zur deutschen Geschichte, in denen er die kolonialimperialistische Tradition lediglich als quantité négligeable behandelt. Die überseeische Kolonialherrschaft des Kaiserreiches von 1871 ist bei ihm allenfalls eine Fußnote der deutschen Geschichte und gilt ihm lediglich als Ergänzung der wilhelminischen Innenpolitik.
Für Wehler, der darum bat, vom „postkolonialen Gedöns“ verschont zu werden, ist es unverständlich, „warum ein realgeschichtlich derart sekundäres Phänomen wie die kurzlebige deutsche Kolonialgeschichte ein solches Interesse auf sich zu ziehen vermag.“ Dessen Hinweis auf die Kurzzeitigkeit der deutschen Kolonialperiode ist jedoch längst passé, da in der neueren Forschung der deutsche Kolonialismus eben nicht auf die drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg beschränkt wird. Ganz offensichtlich hat es sich noch nicht bis zu ihm herumgesprochen, dass formale Kolonialherrschaft nicht mit Kolonialismus und kolonialem Denken verwechselt werden sollte, denn Deutschland hatte mit und ohne seine Kolonien Anteil am europäischen Kolonialprojekt. Aber es ist gerade dieser Ansatz, den er – im Ton der Besserwisserei – mit einem Federstrich beiseite fegt.

Den zahlreichen, in den letzten Jahren erschienenen kultur- und mentalitätsgeschichtlich ausgerichteten Studien zum deutschen Kolonialismus spricht er die empirischen Grundlagen ab. „Von einer historisch solide fundierten Diskursanalyse kann bei diesem luftigen Kulturalismus allerdings kaum die Rede sein. Man sucht vergebens nach der sozialkulturellen Verankerung der jeweiligen Diskursgemeinschaften, nach dem Nachweis der Repräsentanz der zitierten Stimmen (…) nach dem Stellenwert des Kolonialdiskurses im Kontext zahlreicher anderer, gleichzeitig ablaufender Diskurse“. Zwar ist eine solche Kritik an der postmodernen Diskursverehrung nicht unberechtigt, doch ist vor ihm schon wiederholt auf dieses Problem hingewiesen worden, wenn auch keineswegs in so pauschalisierender Weise. Davon abgesehen scheint Wehler entgangen zu sein, dass zwei vor und nach dem Ersten Weltkrieg erschienene Kolonialromane zu den auflagenstärksten Büchern ihrer Zeit gehörten, nämlich „Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugsbericht“ (1906) von Gustav Frenssen und „Volk ohne Raum“ (1926) des völkischen Schriftstellers und literarischen Heros der deutschen Kolonialbewegung Hans Grimm. Und welche Spuren der Kolonialismus auf der mental map hinterlassen hat, darüber liegt eine mittlerweile kaum noch zu überblickende Fachliteratur vor. Für viele Wissenschaftsbereiche wie die Medizin, die Geografie bis hin zur Ethnologie – ganz zu schweigen von den pseudowissenschaftlichen Disziplinen Eugenik und Rassenkunde – stellte der Kolonialismus mit seinen Experimentiermöglichkeiten eine wichtige Durchgangsstation ihrer Fachgeschichte dar.
Voreilig sind auch Wehlers Äußerungen zu den möglichen Kontinuitäten zwischen dem Völkermord 1904-08 in Deutsch-Südwestafrika und der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten – im übrigen eine auf Hannah Arendt zurückgehende These, die die Kolonialkriege als Vorläufer des Totalen Krieges und des NS-Genozids deutete. Auch hier ist in seinen Augen die einschlägige Forschung empirisch unterfütterte Nachweise bisher schuldig geblieben. Man kann allerdings nicht umhin, Wehler zu unterstellen, dass er die sehr kontrovers geführte Debatte zu dieser Fragestellung schlichtweg nicht vollständig zur Kenntnis genommen hat, um sich dazu ein abschließendes Urteil erlauben zu können. Gleiches gilt für die Einwirkung des kolonialen Rassismus auf das Kaiserreich, welche ebenfalls nicht überzeugend nachgewiesen worden sei. Wehler meint, auch in diesem Fall eine endgültige Antwort parat zu haben. Nach seinem Dafürhalten könne die Analyse des Sozialdarwinismus und des Antisemitismus für das Verständnis des deutschen Rassismus viel ergiebiger ausfallen. Woher er letzteres so genau weiß, bleibt sein Geheimnis. Die sehr differenziert geführten Diskussionen über die Biologisierung des Politischen sind jedenfalls im vollen Gange und noch längst nicht abgeschlossen. Manches gewichtige Argument spricht dafür, die Aufteilung der sozialkulturellen Welten nach den Kategorien von „Rasse“ als eines der „unheilvollsten Vermächtnisse des europäischen Kolonialismus“ (David M. Ciarlo) zu sehen.
So lehnt Wehler die Übertragung des postkolonialen Forschungsansatzes auf die deutsche Geschichte rundweg ab, den er nur für die ehemaligen großen Imperialmächte wie England, Frankreich, Spanien oder Holland für sinnvoll erachtet. Doch wie komplex sich die Frage nach der wechselseitigen Beeinflussung von Metropole und Kolonien darstellt, wird am Beispiel Englands deutlich. Selbst dort ist kürzlich die einleuchtende These, das Jahrhunderte währende Empire habe einen grundlegenden Bestandteil britischer Kultur und nationaler Identität gebildet, von Bernard Porter zurückgewiesen worden. Wie ungleich diffiziler es sich gestaltet, die koloniale Interaktion im Kontext der deutschen Historie nachzuweisen, bedarf keiner weiteren Begründung. Regelrecht abstruse Züge nehmen Wehlers Ausführungen an, wenn er den „unheilvollen Einfluss von Foucault“ bei jenen Historikern am Werke sieht, deren Forschungsinteresse verstärkt der deutschen Kolonialgeschichte gilt. Bei Foucault findet sich bekanntlich das Leitmotiv vom modernen „Kerkerstaat“ mit seinen allumfassenden Disziplinierungsmethoden, eine Vorstellung, die sich mühelos auf die koloniale Situation übertragen ließe. Auch an diesem Punkt könnte man ganz anders argumentieren, nämlich mit dem Hinweis darauf, dass selbst die Ende des 1960er Jahre entstandene antiimperialistisch eingestellte Dritte-Welt-Bewegung trotz aller Identifikation mit den „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon) nur in ganz seltenen Fällen den deutschen Kolonialismus und seine Langzeitfolgen aufgearbeitet hat. Man war mit Vietnam beschäftigt, kaum aber mit Namibia.

Wie auch immer, simplifizierend von der „Alternativlosigkeit der imperialistischen Welterschließung“ zu schwadronieren, das ist für einen Historiker vom Range Wehlers unter Niveau. Solcherart Apologetik bediente sich einst der weiße Herrenmensch zur Legitimation seiner kolonialen Expansion, die im Gewand einer Zivilisationsmission daher kam. Der Ambivalenz des kolonialen Projektes mit seiner „Zwangsmodernisierung“ wird man damit jedenfalls nicht gerecht, noch werden damit die Handlungsoptionen und Gestaltungsräume der vormaligen Kolonialuntertanen in Afrika, Asien oder Amerika gewürdigt, die keineswegs nur passive Opfer kolonialer (Gewalt-)Herrschaft waren. Welche Bedeutung dem Kolonialismus im Kontinuum der deutschen Geschichte bzw. für Europa insgesamt zukommt, ist eine spannende, vor allem aber eine noch offene Frage.

Mit alternativen Forschungsfeldern – von Wehler als „aussichtsreich“ empfohlen – wie etwa dem Konzept und der Geschichte der Globalisierung ist es auch so eine Sache. Ob er die Texte von Charles S. Maier gelesen hat? Maier äußerte sich dahingehend, dass im Kontext einer globalisierten Weltordnung die Geschichte des Kolonialismus sich als eine neue Meistererzählung durchsetzen und andere, in Konkurrenz dazu stehende Erzählungen der Moderne – etwa die des Fortschritts oder des Holocaust – ablösen könnte. Eine solche Entwicklung würde bestimmt nicht spurlos an Deutschland vorbeigehen.


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