Noch ein Schlußwort von Peter Decker

Bei einer Diskussion auf einem Blog habe ich mich an eine der wenigen Veranstaltungen erinnert, bei denen einem Vertreter des GegenStandpunkt mehr oder weniger Antideutsche entgegengetreten sind. Hier deshalb die letzten paar Minuten dieser Veranstaltung aus dem Jahre 2003 (die, glaube ich, hier noch downgeloaded werden kann):

Peter Decker: Ihr spekuliert, und das ist ja wohl klar, ihr spekuliert deswegen, weil ihr programmatisch erklärterweise sagt: Der wirklich Zweck, der hier im Spiele ist, Amerikas politische Ziele als Eroberer des Landes, der wirklichen Nutzen den Amerika daraus ziehen will, alles das nehmen wir zur Kenntnis, interessiert uns aber nicht. Die imperialistische Logik wissen wir, schenken wir dem anderen, der darüber reden will. Wir aber haben eine andere Sicht: Wir begrüßen das als die Bedingung der Möglichkeit des Auftretens einer kommunistischen Partei in Bagdad. Das ist eine Sorte Parteilichkeit für eine kommunistische Partei, die finde ich gnadenlos, bedenkenlos. Die Einrichtung von Verhältnissen, die der kommunistischen Partei bestimmt nicht viel besser tut, als die Lage unter Saddam Hussein, bestimmt nicht! Wenn Amerika, wie übrigens im Heimatland auch, sich davon überzeugt, dass Kommunisten keine Chance haben, dann lassen sie sie in ihren Hinterzimmern wohlmöglich rumturnen. Wenn sie zum Schluss kommen, Kommunisten haben eine Chance, dann ist es in Amerika auch früher schon immer lebensgefährlich gewesen, Kommunist zu sein. Und in der Bundesrepublik ist es auch heute nicht harmlos, jedenfalls wir haben erlebt, daß es in einer gewissen Phase nicht harmlos war. Von wegen, das sind Bedingungen, da freut sich der Kommunist! Da hat er es gut! Was soll die ganze Überlegung, sich ausdrücklich nicht um das zu kümmern, was passiert und den Grund davon, sondern zu sagen, ich habe eine aparte Sicht, mir ist das alles wurscht, warum das alles passiert, was daran alles kritikabel sein kann, ich habe eine aparte Sicht: Ich begrüße alles, was ich als Bedingung der Möglichkeit der Kritik des Kapitalismus zu deuten vermag. Dann befreie ich mich von den Beweis, ob es überhaupt eine Kritik des Kapitalismus ist, ob es zu einer kommt, ob die Kritik eine Chance hat, ob die Kritik sich gar verwirklichen kann, von alldem befreie ich mich, denn ich bin ja schon zufrieden über die Bedingungen der Möglichkeiten der Kritik. Noch nicht einmal, ob es Kritik gibt, ist euch wichtig, ihr begrüßt Verhältnisse als günstig, bloß unter dem Gesichtspunkt, unter denen könnte es Kommunisten geben.

Publikum: aber du musst doch zugeben, dass Demonstrationen gegen die Machthaber jetzt möglich sind, vorher waren sie das nicht!

Peter Decker: Aber da merkt man, dass du ein gnadenloser Demokratieanhänger ist. Das Demonstrationen möglich sind ist Klasse, dass sie nötig sind ist schon wieder wurscht! Wozu soll denn eine Demo gut sein, wenn sie sowieso nichts bewirkt?

Publikum: Gab es da einen Fortschritt oder nicht?

Peter Decker: Keinen! Es gab einen Fortschritt des amerikanischen Imperialismus. Es gibt vielleicht einen Fortschritt der amerikanischen Beherrschung der Welt. Du meinst doch einen Fortschritt in menschlicher Hinsicht, einen Fortschritt der jenseits des Ami-Standpunktes ein Fortschritt wäre. Da sage ich: Null Fortschritt! Eine blutige Herrschaft wird durch eine ausländische Besatzung abgelöst, die setzt jetzt ihre Ziele durch, die haut jetzt auf die drauf, die sie für ihre Hindernisse hält. Jetzt habt ihr halt das Beispiel, die Kommunisten in Bagdad hält sie jetzt unter den Verhältnissen des Besatzungsregime es nicht für das wichtigste Hindernis. Wartet es ab! Wenn die etwas zu Stande bringen, dann halten es die Amerikaner für ein Hindernis. Wenn sie nichts zu Stande bringen, und die Amerikaner sich mit saddamgetreuen Terroristen herumschlagen müssen, dann lassen sie die Kommunisten demonstrieren, dann ist ihnen das wurscht.

Publikum: Wenn ich das ernst nehme, dann ist es also egal, ob ich einem Hitler oder einem Busch gegenüberstehe?

Peter Decker: Ach Gott, ob es praktisch egal ist, darüber könnte man vielleicht sogar noch reden, das dann aber der Kommunist den Übergang macht: Jetzt werde ich zum Freund Bushs, weil ich den als Vermeidung von Hitler betrachte, das ist die Tour, da kann man für alles sein. Ihr begrüßt einen Fortschritt in der Beherrschung der Welt durch Amerika, weil wir einen anderen Standpunkt anlegt, als den, zu beurteilen, welcher Zweck gewinnt hier, welcher Zweck regiert hier? Dieser Standpunkt ist euch gleichgültig, da sagt ihr, das wisst ihr schon, das ist aber wurscht, euch interessiert etwas ganz anderes: Ist das ein Fortschritt in Sachen Bedingung der Möglichkeit der Kritik des Kapitalismus. Und mit der Perspektive, meine Güte, da kannst du für alles sein. Wenn der französische Innenminister gegen türkische Mädchen die Kopftücher verbietet, dann kannst du dafür sein. Obwohl es auch bloß der Nationalismus der Franzosen ist, und nichts befreiendes an sich hat. Das war schon bei Marx nicht gut, dass er gesagt hat, er ist immer dafür, das die großen Staaten gewinnen und die Kleinen untergehen, dann findet der Kapitalismus wenigstens in großen Revieren statt. Das war schon nicht gut, was hat denn der parteilich zu sein für die Auseinandersetzung zwischen Zwecken, wo seiner in gar keiner Weise vorkommt?

Publikum: das müsste man erst einmal nachweisen, dass der Zweck von Marx da gar nicht vorkommt.

Peter Decker: Wenn der deutsche Kaiser gewinnt und der Fürst von Sachsen-Coburg-Gotha abtreten muss, wenn der bayerische König degradiert wird und der deutsche Kaiser der Staatschef von ganz Deutschland wird, wo ist denn da der Kommunismus? Dann kommt halt ein großer Staat zustande statt 15 kleinen. In der Konkurrenz mit anderen Staaten ist das vielleicht ein Fortschritt für den deutschen Staat. Aber wo da der Fortschritt des Kommunismus ist, da sehe ich nichts. Außerdem: man soll praktisch orientiert sein, man soll sich mit dem Ärgernissen und Feind Seligkeiten und Bedeutungen befassen, unter denen man leidet und man soll nicht so tun, als wenn man strategische Parteinahme in einer Welt verfolgen würde, bei deren Alternativen überhaupt nicht abzusehen ist, was die mit dem eigenen Anliegen zu tun haben. Mit dieser Art Argumentation, da hängen sich Leute, die links argumentieren, einmal an die amerikanische Durchsetzung in der Dritten Welt, ein anderes mal hängen sie sich an das Werden der Europäischen Union, das ist auch ein Fortschritt! Das dritte mal hängen sie sich an die Entlassung von Hunderttausenden durch die elektronische Revolution, das ist auch ein Fortschritt! Was ist denn das für ein Denken? Man muss das kritisieren, was einen stört und nicht sagen, finde ich einen Umweg zu einer Parteinahme für das störendes. Aber genau das machen sie.


1 Antwort auf „Noch ein Schlußwort von Peter Decker“


  1. 1 Moritz 23. Mai 2015 um 11:55 Uhr

    Ergänzende Abschrift der o.a. Veranstaltung (Nürnberg, 5. Oktober 2006):

    Schon wieder Krieg im Nahen Osten: Israel bombardiert den Libanon und Gaza
    Das grenzenlose Sicherheitsbedürfnis Israels und sein Nutzen für die amerikanische Kontrolle der Welt.

    Peter Decker:
    Aus der Geschichte der feindseligen Nationen kann doch jeder mit vollem Recht an das Unrecht der anderen erinnern, gegen das sich zu verteidigen, das eigene Lebensinteresse und die eigene höchste Pflicht ist. Also das ist doch nichts Besonderes bei den Juden. Besonders ist an dem ganzen Scheiß eigentlich nur eins: nämlich dass deutsche junge Intellektuelle so betroffen von dem sind, dass ihr Deutschland mal so daneben gelangt hat. Das sie im Lichte dieser Erinnerung alles umwerten was sie ansonsten schlecht finden. Nur DAS ist besonders. Ansonsten ist am jüdischen Staat, weder was seine Ideologie betrifft, noch was seine Praxis ist, wunder was Besonderes.

    Ihr seid einfach nicht bereit euch von der Schande eurer Väter so weit zu distanzieren, dass ihr sagt: „Was die Arschlöcher gemacht haben geht mich nichts an.“ Ihr wollt einfach immer noch sagen: „Es geht uns noch an und es ist eine Verpflichtung, wenigstens eine geistige, für mich heute.“ Als Kommunist will man sich doch von Verpflichtungen mal frei machen und sagen: „Gehen mich nichts an, diese Verpflichtungen. Ich bilde mir ein freies Urteil. Ich lasse mich nicht in irgend eine Pflicht nehmen, auch nicht in eine moralische.“ Und DAS tut ihr nicht. Das ist der einzige große Unterschied.

    Zuhörer:
    Aber wenn der Überfall von was weiß ich, irgendwelchen Kaisern der Pfalz verglichen wird mit Auschwitz, dann tut es mir leid, dann ist quasi eins wie das andere. Dann ist eins das eine und andere das andere. Wenn eins das Besondere bleibt, dann stehe ich dazu, dass es was Besonderes ist. Im Gegensatz zu dem… Da brauchen wir nicht weiter reden. Für euch ist das alles gleich. (…) Da haben die Amerikaner die Indianer ausgerottet. Da sind Leute gestorben und in Auschwitz sind auch Leute gestorben. Das stimmt einfach nicht, das ist Blödsinn.

    Peter Decker:
    Schau mal. Ich bin doch jeder Zeit bereit darüber zu reden wo der Unterschied liegt. In der Sache ist die Botschaft doch, alles einzelne ist was Besonderes. Der Überfall des Sonnenkönigs in der Pfalz ist was Besonderes und Auschwitz ist auch was Besonderes. Muss man halt die Besonderheit sagen. Aber man soll die Allgemeinheit über die Besonderheit nicht dementieren; nicht vergessen was das Gemeinsame ist von dem Besonderen. Du kennst im Namen dieses Besonderen „Auschwitz“ nichts Allgemeines mehr. Du streichst das einfach durch. Du sagst: „Das ist SO besonders, da gibt’s nichts Allgemeines mehr.“ Warum eigentlich? Warum soll das so besonders sein? Warum soll das nicht auch eine besondere Ausprägung von dem Allgemeinen sein, was Nation und was Nationalismus ist? Ich hab’s ja gerade sogar erläutert wo das herkommt und alle Schritte habt ihr sogar mitgemacht, wenn ich das Nicken richtig verstanden habe. Alle einzelnen Schritte hin zum dem Zeug, die macht ihr mit. Und die Erklärung, die soll dann nicht die Erläuterung sein, wieso dieses Besondere – Endlösung der Juden, Ausrottung der Europäischen Juden – wieso dieses Besondere nicht auch ein Besonderes vom dem Allgemeinem Nation und Nationalismus ist.

    (…)

    Zuhörer, jetzt über Israel:
    Aber irgendwie muss er (der Staat) sich ja auch verteidigen. Dazu braucht er Soldaten. Das ist nunmal leider so. Er baut z.B. eine Mauer und das hat ja den Effekt das die Selbstmordattentate zurückgegangen sind.

    Peter Decker:
    Ja klar. Du bist in der Hinsicht einfach brutal. Eine Mauer, man sperrt die einfach ein. Na klar, können so nicht mehr so viele Selbstmordattentäter rüber. Ist doch richtig. Sperren wir sie ein, drehen wir ihnen das Wasser ab, können sie nicht mehr so viel saufen, können sie nicht mehr so viele Kinder machen, Sterben sie, macht aber nichts. Weniger ist besser bei denen usw. usw. usw. Du bist entschlossen einfach alles zu verstehen WEIL es die sind. Jeder andere der das machen würde – stell dir vor die Thailänder würden das mit einem Volksstamm bei ihnen machen – du würdest schimpfen, wenn du überhaupt schimpfen würdest. Du würdest natürlich alles Schlechte dort sehen. Stell dir vor, das würden die Deutschen mit ihren Sorben machen, was würdest du den deutschen Nationalismus schlimm finden. Genau dasselbe bei Israel: ist es akzeptiert. Es ist nicht dasselbe, denn DIE haben einen guten Grunde dafür. Wenn die andere Leute umbringen damit ihrem Staat keiner ans Bein pinkeln kann, dann ist es gut. Wenn andere Staaten andere Leute umbringen damit sie als Staaten souverän und mächtig sind und ihnen niemand anderes was kann, dann ist es schlecht. Da kann ich bloß sagen: das ist peinlich. Das ist einfach Brunz-dumm, sowas macht kein Mensch. Ich verstehe es einfach nicht, wie ein gescheiter Mensch sowas machen kann.

    Zuhörer:
    (…) was wollen die einen (Hisbollah) für eine Gesellschaftsordnung und was wollen die anderen (Israel)? Und da weiß ich nicht, was an der Hisbollah verteidigenswert ist.

    Peter Decker:
    Ich auch nicht. Ich weiß aber auch nicht was am Staat Türkei verteidigenswert ist. Deswegen bin ich aber auch nicht gleich dafür, dass der Nachbar der Türkei sie überfällt. Was machst du denn für komplizierte moralische Konstruktionen? Weil die Hisbollah nicht kommunistisch ist, verdient sie ihre Ausrottung?! (Zuvor gab es eine kurze Frage danach wie weit Israel und wie weit die Hisbollah auf dem Weg zum Kommunismus sind) Naja, wenn wir so anfangen wollen, könnten wir ….

    Zuhörer:
    Wenn ich sage, die Hisbollah greift Israel an, steht sie feindlich zu dem Staat Israel, dann kann ich sagen, was hat denn die Hisbollah für eine Ideologie, warum steht sie feindlich zu Israel…

    Peter Decker:
    Die Hisbollah steht auf dem Standpunkt: Die Integrität vom Libanon ist wieder herzustellen und Israel hat sich wirklich aus dem libanesischen Territorium zurückzuziehen. Und zweitens stehen die auf dem weitergehenden Standpunkt, dass der Staat Israel ein Unrecht ist gegen die Bevölkerung dort und gegen die Araber überhaupt. Bekämpfen sie die halt, weil sie ein Feind Israels sind. Ist doch gar kein Rätsel.

    Zuhörer:
    Und woher kriegen sie dann die Waffen?

    Decker:
    Aus dem Iran – weißt du doch.

    Zuhörer:
    Und dann kann man sich mal den Iran anschauen, was das für ein Staat ist…

    Peter Decker:
    Und du meinst, der verdient seine Vernichtung?

    Zuhörer:
    Die Regierung auf jeden Fall

    Peter Decker:
    Du bist ein richtiger imperialistischer Wunschdenker. Wen möchtest du noch gerne alles vernichten? Wo treibst du dich denn geistig rum? Du sortierst die Staaten wirklich danach, welchen du die Vernichtung wünschst.“

    (…)

    Peter Decker:
    „Ich habe den Eindruck, zu dem Israel-Thema ist alles Nötige gesagt worden. Ich weiß nicht, was man den Argumenten noch hinzufügen sollte, die wir vorhin ausgetauscht haben. (…)

    Der Streit besteht in dem einen Punkt, nämlich: ‚na klar, alle Schweinereien des israelischen Staats sind uns bekannt, Schweinereien anderer Staaten sind uns auch bekannt, der einzige Streit ist, bei Israel machen wir mal eine Ausnahme, weil’s die Juden sind, die von den Deutschen mal Furchtbares erleiden mussten‘. Das ist der ganze Unterschied. Der eine Gedanke: Es sind die Juden, die von den Deutschen mal Furchtbares erleiden mussten. Deswegen ist denen alles verziehen, ist bei denen alles berechtigt, was bei jedem anderen ganz furchtbar wäre. Insofern kann man nicht weiter darüber reden, als zu fragen ‚wieso denn eigentlich bei denen?‘ Fertig.

    Ich halte das für eine Frage, bei der man gar nicht mehr argumentieren kann, sondern sich entscheiden muss: Halte ich die „Sünde“ der Deutschen für so überwältigend, dass das alle Argumente über Staaten wegschiebt, oder erkenne ich an der „Sünde“ der Deuschen, was Staaten für Gebilde sind. Ich sehe nicht, wie man in dieser Diskussion einen Schritt weiter kommen kann.“

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