Marxistische Gruppe Sekte

Beim Durchschauen meiner Referer wurde mir die Google-Suche nach „Marxistische Gruppe Sekte“ angezeigt. Die Fundstellen von Google verweisen unter anderem auf einen Artikel aus der MSZ 1982 Ausgabe 4:

Was den westdeutschen Linken 1982 zur MG einfällt:
ENTLARVT!ENTLARVT!

Erstens ist sie unwichtig, die Marxistische Gruppe. Zweitens tritt sie ein bißchen zu häufig und zu zahlreich für den heutigen linken Geschmack auf, ist also störend.

So tönt es einhellig aus den Blättern von Vereinen, die sich bemüßigt fühlen, uns wieder einmal den richtigen Platz in der Geschichte zuzuweisen. Dabei sind gewisse Neuerungen nicht zu übersehen, wenn die kaum zu leugnende Diagnose „bedeutungslos“ mit einiger Mühe zum Argument gegen uns ausgebaut wird. „Entsprechend“ den Erfahrungen, die unsere linken Gegner ein Jahrzehnt lang ausgekostet haben, konfrontieren sie uns nicht mehr mit ihren wirklichen und vermeintlichen – Erfolgen, sondern mit solchen der „realen Bewegung“, die ihre berechnende Zuneigung auf sich gezogen hat. In dieser Bewegung sind wir nicht dabei – also eine „Sekte“. Aber nicht nur das: Wir wollen gar nicht dabei sein – und das ist nicht etwa ein Zeichen dafür, daß es uns auf etwas anderes ankommt. Die hoffnungslose Isoliertheit, die uns unentwegt attestiert wird, verdankt sich unserer angeblichen „Erkenntnis, daß alles eigentlich gar keinen Sinn hat und daß die Menschheit ihr Schicksal gar nicht besser verdient hat“ (Arbeiterkampf). Was also tut die MG? Sie „verordnet politische Enthaltsamkeit und (!) Abstinenz“ (DKP). Sie knüpft damit „an Erscheinungen der Resignation, des Ohnmachtgefühls, der Orientierungslosigkeit an …“ (DKP), ist also die „Opposition der Ohnmacht“ (MSB).

Fast ist man geneigt, bei der ehemals so stramm mit Parteiaufbau, Anleitung von Kämpfen und Zurückschlagen der Reaktion beschäftigten radikalen Linken um Entschuldigung nachzusuchen – dafür, daß es uns überhaupt noch gibt, während sie im Kampf mit der „Resignation“ liegt, die das gewöhnlich immer zum Umsturz aufgelegte Volk befallen haben soll. Dergleichen ist aber nicht nötig, denn eines ist unseren Gegnern aus der Welt unter 1icht abhanden gekommen: die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Ein schlechter Ruf

ist in einer solchen Linken leicht zu kriegen. Die MG hat sich laut „Arbeiterkampf“ einer in allen deutschen Großbetrieben hochangesehenen Zeitung – „mittlerweile den Ruf einer Landplage erworben“. Und diesen Ruf möchten die Kämpfer aus dem Norden offenbar gerne fördern. So beteuern sie erst einmal, daß wir die Würdigung des Blattes eigentlich gar nicht verdienen: „Nicht durch wirkliche politische Bedeutung, aber durch zahlreiche spektakuläre Auftritte… einen Namen gemacht.“ Daß es bisweilen sehr gute Gründe gibt für linke Menschen, durch ein Spektakel Protest anzumelden und sich Gehör für ein abweichendes Argument zu verschaffen, weiß man allerdings auch im KB. Also wird ganz schnell Verständnis dafür aufgebracht, daß „mancher dieser Auftritte hier und da in der Linken auf klammheimliche Freude stoßen“ mag, um zur Sünde zu kommen: „…suchen sie auch linke Veranstaltungen und Seminare heim, um mit Schlaumeiereien, abseitigem Geschwätz oder nötigenfalls auch mit massiver Provokation die Sache platzen zu lassen.“ Klar, sowas ist verwerflich! Wen interessiert da noch der gar nicht abseitige und ohne jede Schlaumeierei propagierte Quark, der heute fester Bestandteil bürgerlicher Weltanschauung und sozialdemokratischer Politik ist, also als links gilt! Das einzige, was zählt, ist schließlich die Bereitschaft oder Weigerung, bei allem, was heute für links ausgegeben wird, dabei zu sein, „positiv“ mitzumischen – aber genau das: „positive Aktionsvorschläge, praktische Alternativen, Aktionsbündnisse gibt es bei der MG überhaupt nicht.“ Wie wär’s denn mal, liebe Freunde, mit einem Versuch? Habt ihr schon einmal geprüft, ob es nicht genügend Gemeinsamkeiten in der einen oder anderen Sache mit uns gibt – so daß ein „Aktionsbündnis“ zustandekommt? Ja? Und ihr habt dafür keine Grundlage entdeckt? Seht ihr, genauso geht es uns auch! Wir fragen nämlich schon danach, was andere Vereine so wollen, wen sie mit welchen Gründen für ihren Gegner halten und was sie wissen – oder glauben! Vom Urteil über die Politik der Bundesregierung, der NATO, der Sowjetunion, über die Techniken und Zwecke der Ökonomie und ihrer gewaltsamen Absicherung hängt es – man verzeihe uns den Dogmatismus – schon ein wenig ab, was einer vorhat! Und sooft Leute daherkommen und eine Bewegung aufmachen, die den Staat und das Kapital kritisiert und angreift, sind wir schon deshalb zur Stelle, weil uns viel daran liegt, daß sie das richtig und effektiv tun. Wenn wir sie dabei auf Fehler hinweisen und sie umgekehrt uns, so halten wir das für die normalste Sache von der Welt – dann muß eben geprüft werden, was an den gegensätzlichen Auffassungen dran ist.

Seltsamerweise wird uns eben diese Verfahrensweise zur Last gelegt, und zwar nicht einmal von den armen Opfern unseres Auftretens, die sich schon selbst zu helfen und zu entscheiden wissen, wenn sie mit unseren Auffassungen konfrontiert sind. Die Linken erklären sich zu den Anwälten der MG-geschädigten Welt, die sie höchst anerkennend „wirkliche Bewegung“ tauften: „Alles, was sich an wirklicher politischer Bewegung zeigt, ist den Marxistischen Gruppen nur Hohn und Spott wert.“ (Arbeiterkampf) Und angesichts dieses „Vergehens“ stellen sie dann die saudumme Frage: „Entgegen dem allgemeinen Abwärtstrend der radikalen Linken haben die MG in den letzten Jahren offensichtlich kräftig an Zulauf bekommen. Wieso eigentlich?“

Wieso eigentlich sind linke Vereine nicht zufrieden damit, endlich ihren Idealen einer Arbeiterbewegung samt Avantgarde abgeschworen zu haben?

Wieso eigentlich freuen sie sich nicht ganzen Herzens darüber, Parteigänger von etwas Wirklichem geworden zu sein?

Wieso eigentlich werfen sie einer Sekte, die „nicht linker als Poona“ einzuordnen ist, vor, daß sie „in keiner einzigen praktischen Bewegung“ anzutreffen ist?

Sie haben doch alles, was sie brauchen: eine wirkliche Bewegung, eine praktische dazu, auf die sie setzen können und mit der sie zumindest nns ständig blamieren!

Ein guter Ruf

ist bei dieser Linken offenbar noch leichter zu kriegen als ein schlechter. Die Anzahl der in Sachen Frieden aufgebrochenen Menschen, und erst einmal gar nicht ihr politischer Wille – der um nichts praktischer oder wirklicher ist als der der Marxistischen Gruppe verbietet da von vorneherein zuviel Distanz. Zumindest für Leute, die sich den Sektierervorwurf zu Herzen genommen haben. Und das sind sie, unsere unerbittlichen, Kritiker. Ein Jahrzehnt haben sie ihren Adressaten den festen Willen zum Sozialismus unterstellt und sie über die Machenschaften sämtlicher Feinde und Nutznießer der „Massen“ unterrichtet; nie ist ihnen in den Sinn gekommen, objektive Auskünfte über den Gang der Ausbeutung und der politischen Herrschaft als etwas anderes denn als „Geschwätz“ auszugeben; immer haben sie unter Beschwörung ihrer Parteilichkeit die schlechten Erfahrungen der arbeitenden Klasse, gute Erfahrungen ihres Kampfes (zumeist erfundene) und eine heiße Perspektive als Argument verkauft. Den Glauben an die Arbeitersache haben sie zur Schau gestellt und dabei nicht einmal bemerkt, daß sie Menschen mit Willen und Bewußtsein vor sich haben, die sich in ihrer Abhängigkeit von Kapital und Staat notgedrungen einrichten, die auf das Zurechtkommen mit den Zumutungen von Kapital und Klassenstaat setzen – und sich ein entsprechendes Weltbild zurechtlegen. Der Glaube an die offenkundige Notwendigkeit eines Umsturnes, der für die meisten Linken der BRD nach wie vor echte Demokratie, echte Freiheit, echte Gleichheit herzustellen hat und einen ganz gerecht mit guten Arbeitern umgehenden Staat herbeiführt – dieser Glaube hat viele seiner Träger enttäuscht. Mit dem Bekenntnis zum Kampf der Arbeiter kann man eben keinen Arbeiter überzeugen, mit dem Lob der Arbeit, die alles – vor allem Kapital – schafft, niemanden zur praktischen Kritik bewegen. Leider hat sich mit der Enttäuschung über das Ausbleiben von Zulauf nicht das Weltbild unserer linken Gegner geändert. Sie haben nicht von der Chimäre gelassen, daß Sozialisten gute Menschen und gute Menschen derselben Sache verpflichtet sind wie die anderen – vornehmlich wie die Erniedrigten und Beleidigten. Daß Kommunismus hauptsächlich darin besteht, jedem Geschädigten der Klassengesellschaft zu raten, „gemeinsam“ und „für unsere Interessen“ einzutreten, möglichst entschieden natürlich, finden sie immer noch. Ihre „Selbstkritik“ nach 10 Jahren Parteiaufbau betrifft nicht die Idiotie der Mitteilung „Wir wollen doch nur dasselbe wie ihr!“ (1. eine Lüge, 2. als Agitation verrrückt), sondern lediglich die in Erfahrung gebrachte Differenz zu den „Massen“, die den eigenen Behauptungen so offensichtlich widersprach, wurde für einen Fehler gehalten – und seitdem haben sich die paar tausend Revisionisten daran gemacht, sich zu verändern.

Nur auf diese Weise „bekehrte“ Sozialisten bringen es zuwege, jede Kritik an der Friedensbewegung zurückzuweisen, indem sie auf die „Einheit höchst unterschiedlicher Strömungen“ aufmerksam machen. Da wird in großspuriger historischer Gesamtschau, so als wäre es ein Urteil und nicht eine Einstellung zum Treiben der Friedensbewegung, verkündet, daß „natürlich jede wirkliche politische Bewegung ihre Befehle, ihre Defizite, ihre Beschränktheiten und Absonderlichkeiten“ (AK)

hat – und vor allem der MG das Recht bestritten, diese „Defekte“ beim Namen zu nennen und den Versuch zu unternehmen, die Friedensfreunde von ihren Fehlern abzubringen. Nein, eine „wirkliche Bewegung“ verdient erst einmal Unterstützung – und wer die Brauchbarkeit ihres Anliegens mit Argumenten bezweifelt, vom da praktizierten politischen Anspruch, von den Forderungen etc. nichts hält, ist -

Zyniker

Seit die MG in größerem Maßstab auftritt, bekommt sie dieses Etikett angehängt. Als ob es eine Schande und eine Lüge dazu wäre, zu behaupten, daß sich die arbeitende Klasse, der „kleine Mann“ und treue Staatsbürger einseifen ließen. Abgesehen davon, daß wir das ohnehin nicht für eine übermäßig brauchbare Mitteilung halten und uns gewöhnlich aufs „Wie“ konzentrieren – die Analyse von ökonomischen Techniken in der Fabrik, von politischen Verfahren der Bürgerbetörung scheint uns eben tatsächlich wichtig zu sein –, können wir uns jedenfalls nichts Überflüssigeres vorstellen als Kommunisten, die den Gedeckelten des neudeutschen Imperialismus den Hof machen und ihnen erzählen, sie würden schon richtig liegen oder zumindest fast!

Was soll zynisch daran sein, wenn wir zeigen, daß ein aus christlicher Überzeugung gegen die „Nachrüstung“ antretender Friedensdemonstrant sich sehr gründlich täuscht über 1. Waffen, 2. Politik, 3. Zweck des Klassenstaates? Darf und soll man ihn nicht polemisch darauf hinweisen, daß seine Staatsmänner die Entscheidungen in Rüstungsdingen nicht nach den Maßstäben irgendeiner Moral fällen? Daß sie umgekehrt die moralischen Vorstellungen ihrer Untertanen sehr cool zur Beschönigung ihrer „Verantwortung“ – für Geschäft und Gewalt – hernehmen?

Was fällt unseren linken Gegnern eigentlich ein, wenn sie – in internen Debatten der Friedensbewegung selbst Opfer des antikommunistischen Abgrenzungswahns – uns rechtgeben und zurückweisen zugleich:

„Völlig (!) frei erfunden sind die Polemiken der M G nicht einmal: Auf bestimmte Strömungen… auf manche anzutreffende Vorstellungen treffen die zitierten Beschreibungen mehr oder weniger zu.“

Na klar, Leute vom AK, eben auf die, die gerade kritisiert werden! Aber ihr wollt ja Unrecht verhindern, und dazu fallen euch andere ein; „einfach pauschal der gesamten Bewegung angedichtet “ heißt dann der empörte Tadel, als ob eine Kritik an Bastian, an einem Grünen und an einem Christen ausgerechnet bei uns nicht auseinanderzuhalten wären!

„Wirkliche Bewegung“ – das ist etwas aus höchst verschiedenen Strömungen zusammengesetztes, also auch aur differenziert zu würdigendes Ding – so lautet die eine Verteidigung. Und es ist eine sehr prinzipielle Verteidigung einer Bewegung, zu der sich die Linken bekennen und von der sie sich distanzieren zugleich. Denn mit Verlaub: Welcher unserer Einwände ist denn eigentlich zurückgewiesen mit eurem einschätzenden Sachverstand bezüglich der „besseren Tendenzen“, die wir immer nicht sehen wollen?

„Wirkliche Bewegung“ – da kommt es nicht so sehr auf die Unterschiede, sondern mehr auf die Größe an, denn die ist entscheidend, z.B. für die Verhinderung der neuen Raketen. So lautet die andere Verteidigung, die die Einheit beschwört:

„Gerade in dieser allerwichtigsten Frage fällt die MG mit Argument und Tat (Spaltungsdemonstration) der Friedensbewegung in den Rücken. Das ist reaktionär – das nützt der anderen Seite.“ (MSB)

Und auch hier ist die Verteidigung einer Bewegung, an die man sich wegen „wirklich und praktisch“ anwanzt, gepaart mit Distanz. Von uns darauf aufmerksam gemacht – was ihr verehrter Lenin an korrekten Dingen zum Pazifismus gedacht hat –,daß wir in der Friedensbewegung weder den Zweck noch die Mittel entdeckt haben, die Freiheit des Klassenstaates zu beschränken (sie soll alternativ und volksfreundlich-friedlicher gebraucht werden!) – haben fündige MSBler den Zynismus und „Nutzt der Reaktion“-Bescheid um die Auskunft erweitert, natürlich müsse die Friedensbewegung mit der Arbeiterbewegung vereint werden!

Vielleicht ist es nicht unnütz, darauf hinzuweisen, wieso ausgerechnet wir uns „Zynismus“ vorwerfen lassen dürfen: Weil es uns an der schulterklopferischen Kumpanei mangelt, die andere Linke immer pflegen, sobald sich einer ihrer Adressaten auch nur über etwas beschwert. Weil wir auf den Charakter und Inhalt der Beschwerde achten – und sie nicht in „Tendenzen“ einordnen, die wir hoffnungsvoll begrüßen. Weil wir folgendes Rezept, das der AK bei uns nicht berücksichtigt sieht, für Quark und moralischen dazu halten:

„Widersprüche überhaupt wahrzunehmen, Entwicklungstendenzen zu erkennen und gar auf dieser Grundlage auch noch praktische Politik zu machen.“

Da wird nämlich die banale Kategorie „Widerspruch“ zum Hoffnungschimmer, und die großspurig als „revolutionär“ gepriesene Theorie und Praxis entpuppt sich als Politik, die den „Tendenzen“ gerecht wird, mit denen der Imperialismus der achtziger Jahre schwanger geht. Mit dieser methodischen Idiotenformel entdeckt nicht zufällig jeder Verein das Seine – vom Untergang des geschwächten Imperialismus, der aus purer Not einen Krieg anzettelt, über die klassenkampfträchtige Szene in den Rheinauen bis zu den herrlichen Widersprüchen im Deutschen Gewerkschaftsbund. Das alles können Linke ausnützen, vorausgesetzt, sie sagen nicht einfach, warum sie wovon nichts halten oder doch etwas.
In Sachen DGB

haben wir uns nicht nur von den offiziellen Verwaltern der deutschen Wertarbeit eine kleine Fahndungskampagne und gründliche Zurückweisung eingehandelt. Die Linke, seit Jahren selbst mit der säuberlichen Gegenüberstellung von Führung (böse) und Basis (gut) befaßt, hat sich angelegentlich unseres Manifests gegen den DGB zum kämpferischen Anwalt der Gewerkschaft und der Arbeiter in ihr entwickelt. Ein Verein, der unter dem Kürzel KABD auftritt, hält einerseits folgendes für eine „Tatsache“ :

„Die DGB-Führer haben die Gewerkschaften von Kampforganisationen zu Verhandlungsorganisationen heruntergewirtschaftet. Statt das Kapital zu bekämpfen, arbeiten sie mit ihm zusammen.“

Für den Schluß:

„Drei Jahrzehnte DGB sind genug!“

ist er aber nicht zu haben. Denn mit seiner Venrteilung einer böswilligen Führung will er offenbar gar nicht den Zweck angreifen, den die westdeutschen Staatsgewerkschaften tatsächlich verfolgen, sondern an den edleren Zweck – „Kampf“ – erinnern, der ihm zum Stichwort „Gewerkschaft“ einfällt, und zwar mit so tödlicher Sicherheit einfällt, daß sich jede Befassung mit dem tatsächlichen Anliegen und Kämpfen des DGB erübrigt. Eine Abweichung vom vorgestellten wahren Ziel einer Gewerkschaft festzustellen, gilt ihm bereits als scharfsinniges und erschöpfendes Urteil über die wirkliche Politik der wirklichen Gewerkschaft. Und wer sich so in dem idyllischen Trost gefällt, der DGB täte, was er tut, nur deswegen, weil seine Führung ihn von seinen eigentlichen Idealen und Vorhaben „heruntergewirtschaftet“ hätte, dem leuchtet natürlich auch der ehrenvolle Auftrag ein, ihn von der Basis her wieder zur vollen Höhe gewerkschaftlicher Kampfmoral „hinaufzuwirtschaften“.

Mit der „Basis“, die ja immerhin einstweilen noch ihre Führung ziemlich ungehindert wirtschaften läßt, kann ein linker Verein, der sie zur Sanierung des westdeutschen Gewerkschaftswesens mobilisieren möchte, natürlich auch nicht voll zufrieden sein. Ehe er aber einräumt, daß deutsche Arbeiter einen enormen Fehler machen, wenn sie sich als „Basis“ einer „Führung“ aufführen, die beispielsweise mitten in einer Lohnsenkungs-Tarifrunde keine größeren Sorgen kennt als die moralische Sauberkeit ihrer öffentlichen Vertreter, – da würde ein linker Gewerkschaftsverbesserer sich lieber die Zunge abbeißen. Selbst wo er den geliebten Massen mit onkelhaften Mahnungen daherkommt -

„…Gewerkschaften… wieder zu Kampforganisationen machen, indem wir uns von dem Sozialpartnerschaftsdenken lösen, das sowohl Kapitalisten als auch Regierung und Gewerkschaftsführung verbreiten“ (KABD) –,

will er keinen Fehler kritisiert haben, sondern unter den Massen für die richtige Stimmung sorgen – die hat der „Basis“ ja auch als einziges noch gefehlt! Einen Menschen, der einen Arbeiter schlicht als denkendes Subjekt anreden und darauf aufmerksam machen, was für einen schädlichen Fehler er sich leistet, wenn er sich die hierzulande übliche patriotische Moral zueigen macht und dem Gewerkschaftsleben unterwirft, das ist für die Linke in dieser Republik eine Todsünde. Ehe sie sich dazu versteht, auch nur einen Millimeter kritischer Distanz zwischen sich und den Gewerkschaftsmassen aufkommen zu lassen, widerruft sie notfalls lieber die Differenz zwischen „Führung“ und „Basis“, aus der sie ansonsten ihre eigene Tätigkeit überhaupt bloß begründet, und entschuldigt jeden politischen Fehler, den sie selber mal festgestellt haben könnte, ausgerechnet damit, daß es doch ein Fehler der geliebten Arbeiter ist:

„Bei einer gründlichen Analyse hätte sie (die MG) feststellen müssen, daß die Gewerkschaft schlicht und ergreifend die Organisation der Arbeiterklasse ist. Ihre Politik, in allem was daran richtig oder falsch ist, entspricht (!) dem Stand der gesamten Arbeiterklasse in der BRD heute.“ (KHB vom „Arbeiterbund“)

Schlichter und ergreifender läßt sich die eigentümliche Einheit von Idealismus und Opportunismus, die die westdeutsche Gewerkschaftslinke auszeichnet, gar nicht ausdrücken. Im Namen einer idealistischen Überhöhung des tatsächlichen Gewerkschaftslebens zur (wie auch immer mangelhaften) Verwirklichung des linken Ideals einer kämpfenden Arbeiterklasse – einer Deutung, die zur Begründung nur noch platt darauf verweist, daß die Arbeiterklasse keine andere Organisation habe! – wird der Praxis des Gewerkschaftslebens mit bedingungslosem Opportunismus die Treue gehalten. Die Arroganz, mit der da „der gesamten Arbeiterklasse in der BRD heute“ die Diagnose gestellt wird, nicht um eine „falsche Politik“ zu beseitigen, sondern um den Arbeitern zu bescheinigen, daß die falsche Politik ihnen ganz offenkundig „entspricht“; diese Manier, sich zum Proletariat als einer denkunfähigen Manövriermasse zu stellen, die ein linker Kritiker nicht zu agitieren, sondern sorgfältig zu beobachten hat; dieser Überrest von linker Besserwisserei, gepaart mit untertäniger Anbetung des „wirklichen Standes“ der Dinge: das beseelt eine Gewerkschaftspolitik, die Kritik als Anbiederung, linke Kritik als besonders scham- und bedingungslose Anbiederung versteht und praktiziert.

Und für die, das versteht sich von selbst, unsere Kritik schon allein deswegen ein Verbrechen ist, weil sie es an Devotion vor dem Objekt linker Begierden, der wie und wozu auch immer organisierten Arbeiterklasse, so offenkundig fehlen läßt. Nicht, als ob der KB bei der Begutachtung der letzten Lohnrunden zu freundlicheren Befunden gelangt wäre als wir -

„die tiefgründige Erkenntnis“, „eine geringere Lohnsteigerung“ wäre „noch nicht das gleiche wie eine Lohnsenkung, auch wenn durch die Inflation diese geringere Lohnerhöhung zu einer geringeren Kaufkraft führt“, blieb bislang Privateigentum der Frankfurter „Alternativen Zeitung“! –;

aber ausgewachsene Arbeiter darauf aufmerksam zu machen, daß sie hier wieder einmal ihr Fell haben verkaufen lassen, das gar noch massenhaft, und

„dabei womöglich gleich einen Satz heiße Ohren zu riskieren“,

das will einer Zeitung mit dem Wörtchen „…kampf“ im Titel nicht in den Sinn. Na gut, ihr braucht euch ja auch nicht durch Agitation zu kompromittieren, wenn ihr Liebeserklärungen an Lohnempfänger im Sinn habt. Bloß: Weshalb meint ihr eigentlich, ihr müßtet dieses liebenswerte Volk ausgerechnet vor uns ganz furchtbar i n Schutz nehmen? Es mag ja sein, daß ihr selbst den Gegensatz zwischen Kritik und Publikumsbeschimpfung nicht kennt; nur: weshalb haltet ihr es dann für so überaus notwendig, die „beschimpften“ Massen darüber „aufzuklären“, wir hielten sie für „dämlich“ und „bescheuert“? Es mag ja sein, daß ihr nichts als Schadenfreude empfindet, wenn der DGB seine Schlägertrupps gegen uns losschickt, so als wäret ihr als Fans einer wahren Gewerkschaft im Schoße der wirklichen warm und sicher aufgehoben; aber müßt ihr dann gleich auch noch euer Publikum dazu aufrufen, der MG eine „bundesweite Abfuhr“ zu erteilen? Ist euch noch nicht einmal aufgefallen, daß der Kampf um die unbefleckte Ehre der Arbeiterklasse, den ihr da stellvertretend für diese, rhetorisch und manchmal schon nicht mehr bloß rhetorisch gegen uns führt, unter dem westdeutschen Proletariat wohl kaum mehr und größeres Interesse findet als unsere Kritik, gegen die ihr da eifert? Merkt ihr noch nicht einmal mehr den lächerlich farcenhaften Charakter des Stellvertreterkriegs, den ihr euch leistet – und von dem die „verteidigten“ Massen noch nicht einmal Notiz nehmen?!
Gute, edle Menschen

seid ihr; ‚das geben‘ wir gerne zu. Arbeiterfreunde mit all der kläglichen Berechnung, die allemal hinter der Anbetung einer „Bewegung“ steckt, der ihr als höchstes Lob das Attribut „wirklich“ zuerkennt. Opportunisten im Namen der idealistischen Vorstellung, die „Wirklichkeit“, die ihr so schätzt, wäre ein Stück Verwirklichung eurer linken Sehnsüchte nach einer Welt edelmütiger Kämpfer.

Bloß: Meint ihr im Ernst, genau und nur das hätte der Menschheit gerade noch gefehlt?


4 Antworten auf „Marxistische Gruppe Sekte“


  1. 1 Nix Neues im Westen 16. November 2006 um 17:40 Uhr

    Tja, was das mit dem Sektenvorwurf angeht, hat sich tatsächlich rein gar nichts geändert bei den bescheuerten Linken. Wie u.a. die zahllosen Hohlbirnen im „kommunistischen“ Forum eindrucksvoll belegen.

  2. 2 Erdogan 16. November 2006 um 19:01 Uhr

    Der – zugegeben immanente Witz – ist obendrein der, dass das, was als Kriterien für Sekte gebracht wird, so solche überhaupt mal genannt werden, so unbestimmt und abstrakt daherkommt, dass es letztlich auf ziemlich alle linken Organisationen ebenfalls passt. Aber Sekte, das sind immer die anderen! :-)

  3. 3 neoprene 17. November 2006 um 0:10 Uhr

    Mit dem Vorwurf Sekte ist auch schon abgehakt, daß die „guten“ religiösen Menschen, sich natürlich keinen inhaltlichen Vorwurf gefallen lassen brauchen.
    Zumeist fällt der Vorwurf ja auch nur einfach damit zusammen, daß der Sektenanhänger eben Leuten nachläuft, die es nicht weit gebracht haben, im Gegensatz zu den großen etablierten Religionen und Parteien, die schon deshalb eigentlich grundsätzlich Recht haben. Das Bestehen darauf, es anders zu sehen als die Mehrheit, ist solchen Anklägern per se verdächtig. So was tut man einfach nicht, und wenn, dann nur weil man irgendwie verbohrt, verhetzt, indoktriniert, etc ist.

  4. 4 On Rampage 29. November 2006 um 15:53 Uhr

    Also ich muss dazu mal sagen, dass ich den Text durchweg amüsant finde, besonders die DKP- und MSB-Zitate sind nicht nur kurios, sondern ein Witz schlechthin. Zum Standpunkt gegenüber dem DGB muss man glaub ich nicht mehr viel sagen.
    Einzig bleibt festzustellen, dass in der „Linken“ immer schon eine Tendenz vorhanden war, jene die unangenehme Wahrheiten aussprechen zu diskreditieren.

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