Opfermut versus Risikobereitschaft

M-L hatte auf meinen letzten Beitrag im Marxistischen Diskussionsforum geantwortet (link). Dazu von mir:

„Dein Beitrag ist zur Hälfte ein Rumprügeln auf selbstgebaute Pappkameraden, in dem du einen merkwürdigen Übergang von der Kritik an nationalistisch begründeter Gewalt zur (Gegen-)Gewalt von Streikenden und Kubanern drechselst.“

Ja, um den Ausgangspunkt der jetzigen Debatte, Israel versus Hisbollah, geht es mir (erst mal) weniger). Nach einer zugegebenermaßen scharfen Abbiegung sind wir dann aber bei meinem eigentlichen Thema, daß ja beileibe nicht unwichtiger ist (bzw. auf historische Beispiele bezogen, die du so leicht abtust). Recht ähnlich wie du jetzt hat mir vor Kurzem ein GSPler geantwortet, den ich (u.a.) folgendes gefragt hatte:

„soviel wirst du doch sicherlich auch konzedieren, daß der anfängliche enorme Einsatzwille von kommunistischen Arbeitern (und Bauern), der überhaupt erst den Sieg der Oktoberrevolution und ihre Behauptung im Bürgerkrieg möglich gemacht hat, nicht gleichzusetzen ist mit den matten Appellen meinetwegen eines DDR-BGLers für Sonderschichten, damit man planmäßig doch noch gerade so die Kurve kriegt (ein Fehler, der mir selber übrigens jüngst in einer Diskussion passiert ist).“

Die Antwort lautete:

1. Dass die Arbeiterklasse, wenn sie über ihre schädliche Abhängigkeit vom Fortgang der Kapitalakkumulation im Klaren ist, sich aus wohlverstandenem Materialismus eine wahrhaft große Sache vornehmen muss, ist richtig und wird von mir weder damals noch heute kleingeredet. Sich einen Umsturz und den Aufbau einer neuen, den eigenen Bedürfnissen dienenden Gesellschaft vorzunehmen, verlangt eine Distanzierung von den eigenen, tatsächlichen, von der Eigentumsordnung aufgenötigten Gelderwerbsinteressen.

(Diese Distanzierung fordern wir von unseren Adressaten stets in der theoretischen Auseinandersetzung – auch ein unvoreingenommenes Urteil über die eigene Lage ist nur unter dieser Bedingung zu haben –; und sogar daran scheitern wir schon. Die Leute sagen uns, sie müssten sich ums Geldverdienen kümmern, dafür würden unsere kritischen Gedanken nicht bringen – und sie halten mit solchen Zurückweisungen für schlaue Materialisten und uns für Spinner)

Um eines zukünftigen besseren Lebens willen müssen Leute, die die Ausweglosigkeit ihrer Lage im Kapitalismus kapieren, also zusätzlich zu dem Lebenskampf, in dem sie ohnehin stehen, Zeit und Kraft und Geld, wenn nicht noch mehr für ihre neue Sache opfern. Aber eben für ihre Sache. Opfer – des Arbeitsplatzes, der bürgerlichen Existenzgrundlagen, der Gesundheit und des Lebens – sind im politischen Umsturzgeschäft, so gut es irgend geht, zu vermeiden. Auf keinen Fall darf man sie verherrlichen. Das stellt nämlich das ganze Verhältnis des Revolutionärs zu seiner Sache auf den Kopf, macht den Träger des Willens zum Werkzeug – sozusagen zum Soldaten – einer historischen Mission, der er nur dient – und tilgt letzten Endes den einzig rationellen Grund, warum einer sich überhaupt zum Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals aufmachen sollte.

Der enorme revolutionäre Idealismus der russischen Massen, den du ansprichst, ergab sich daraus, dass sie nun eine neue Welt bauen wollten, die endlich ihnen ein anständiges Leben ermöglichen sollte. Ob das der wahre und ganze Zweck des revolutionären Aufbauwerks war, an dem sie sich beteiligten, ist damit nicht gesagt; das ließe sich nur anhand seiner Programmatik und ihrer Umsetzung entscheiden. Sie hielten’s eben dafür; und wurden zum Teil blutig auf den Realismus eines Staatsaufbaus gestoßen, der die revolutionären Massen tatsächlich zu seiner Machtbasis und zu Instrumenten /seines industriellen, materiellen und rüstungstechnischen Fortschritts machte. Ob Stalin dabei der große Verräter besserer Intentionen war oder der würdige Vollender des Programms einer wahrhaft sozialen Staatmacht – die große Frage der Trotzkisten –, ist mir nicht besonders wichtig. Ganz sicher hat sich das Projekt des Realen Sozialismus erst über die Reihe der Entscheidungen der Partei und ihrer Führung präzisiert und herausgeschält; anfangs war Kommunismus und Arbeiterstaat sicher nur für Leute unterscheidbar, die es theoretisch sehr genau nahmen. Aber es genügt doch auch, wenn wir heute auf die Ansätze aufmerken, die schon bei Lenin in die falsche Richtung wiesen.

2. Wenn also damals die Propagandisten der Revolution die Massen damit gewinnen wollten, dass sie ihnen erzählten, sie seien in historischer Mission zur Befreiung der ganzen Menschheit unterwegs, und sollten sich nur getrost der großen Sache der Zukunft zur Verfügung stellen, dann war das schon damals ein Fehler. Solche Propaganda trennt, wie gesagt, zwischen dem Revolutionär und seiner Sache, die damit für ihn einen verpflichtenden, gegenüber seiner Rechnung unbedingten Charakter annimmt: Die zum bürgerlichen Staat gehörige Trennung vom bloß partikularen Interesse des einzelnen und einem davon unterschiedenen, höheren und höherwertigen Gemeinwohl wird sozialistisch fortgeschrieben. Der Einzelne wird dadurch sowohl kleiner wie auch größer gemacht, als er wirklich ist. Kleiner, weil es um ihn und sein materielles Interesse nicht gehen, weil er nur Diener einer großen heiligen Sache sein soll; größer, weil der so verstandene Revolutionär selbst im Namen eines verpflichtenden höheren Gemeininteresses unterwegs ist, sich also zu so mancher Rücksichtslosigkeit gegen andere, bloß partikulare Interessen berechtigt weiß.

(Wir kennen das übrigens auch aus den linken Debatten unserer Tage: So leicht begnügt sich da keiner damit, zu sagen, was er denkt, bloß für seine Auffassung zu stehen und zu werben: Am liebsten sprechen auch die Linken im Namen des großen, nun eben linken „Wir“, im Interesse der Menschheit , ihres Überlebens etc.)

Mögen diese Töne des Opferidealismus in den Zeiten der russischen Revolution und der ersten Aufbaujahre mehr oder weniger virulent gewesen sein, Marx‘ Sprüche vom historischen Beruf der Arbeiterklasse und von der sozialistischen Revolution als einer, die nicht eine neue herrschende Klasse an die Stelle der alten setzt, sondern das Interesse der Menschheit gegen die kapitalistische Ordnung vertritt, ist zum Ausgangspunkt für eine Lesart der Revolution geworden, die das Falsche vom Arbeiterstaat deutlich herausstellt – so sehr die Eroberung und Verteidigung der Macht im Land eine leidige, wegen der Reste der alten Gesellschaft und wegen des feindlichen Auslands auch für längere Zeit unvermeidliche Notwendigkeit sein mag.“

Dein Hauptpunkt geht um „Der echte Revolutionär ist auch bereit, Opfer zu bringen.“ Wenn du dazu sagst „das finde ich reichlich schief, um es mal vorsichtig auszudrücken. Denn das „Opfer“ des Lebens ist natürlich immer sinnlos, und Leute, die bereit sind, für ihre Ziele auch „massive Schäden in Kauf zu nehmen“, sind gefährliche Spinner – so was wie Selbstmordattentäter, nämlich Leute, denen es nur darum geht, moralisch recht zu behalten, und eben nicht gut materialistisch darum, in Zukunft gescheit leben zu können.“ finde ich das wiederum vorsichtig gesprochen reichlich schief: Die Risiken, die selbst deine Revolutionäre hinzunehmen bereit sein müssen, sind doch konkret genau die „massiven Schäden“, die bei den Spinnern als Verrücktheit wiederfindest.

Ich war mal in der damaligen Parteizentrale des KBW, der hatte im Erdgeschoß einen Buchladen und der hatte offensichtlich keine normalen Fensterscheiben, sondern massives Panzerglas. Aus guten Grund, meine ich. (So, wie selbst DKP-Buchläden, wenn sie vernünftig waren, wie in Freiburg, abends schwere Holzplatten vor ihre Fenster klappten, denn wenn sie es nicht taten, wie in Frankfurt, dann wurden sie eben gebrandschatzt. Und das waren ja noch nicht mal Kommunisten, wenn man genau hingeschaut hat).

Es geht doch nun wirklich um mehr, als nur damit aufzuhören, „seine eigene bürgerliche Existenz als „Chance“ aufzufassen“. Dein vollmundiges „Ich riskiere nichts, wenn ich meine bürgerliche Existenz riskiere.“ in allen Ehren, aber so billig ist eine Revolution noch nie zu haben gewesen und ich befürchte, daß es auch in dieser Hinsicht nicht besser geworden ist. Den der ja nun wirklich nicht zu bestreitende Grundsatz “ Opfer – des Arbeitsplatzes, der bürgerlichen Existenzgrundlagen, der Gesundheit und des Lebens – sind im politischen Umsturzgeschäft, so gut es irgend geht, zu vermeiden.“ konkretisiert sich doch erst bei all den Entscheidungen, vor die man gestellt wird oder in die man selber offensiv reingeht. Deshalb habe ich ja reihenweise Beispiele gebracht, um den damaligen oder heutigen ideellen GSP-Möchtegern-Revolutionär darauf abzufragen, wie er sich konkret entschieden hätte. Wofür ich da jeweils eingetreten wäre, habe ich ja hinreichend bekannt gegeben, bei welchen Kämpfen man auch GSP-nahe Mitkämpfer hätte sehen können, ist mir nicht klar geworden. Um hier nochmals auf die Oktoberrevolution und den nachfolgenden Bürgerkrieg zurückzukommen: Wenn der GSP-Genosse hierzu knapp sagt: „anfangs war Kommunismus und Arbeiterstaat sicher nur für Leute unterscheidbar, die es theoretisch sehr genau nahmen. Aber es genügt doch auch, wenn wir heute auf die Ansätze aufmerken, die schon bei Lenin in die falsche Richtung wiesen.“ genügt mir das eben nicht, denn damit ist ja immer noch nicht beantwortet, ob man als klitzekleine Vor-GSP-Propaandatruppe in Moskau oder St. Petersburg nun Agitation fürs Mitmachen oder für Desertion gemacht hätte. Manchmal gilt es eben doch: Tertium non datur!


1 Antwort auf „Opfermut versus Risikobereitschaft“


  1. 1 Neoprene 20. August 2006 um 19:21 Uhr

    mpunkt hat mir folgenden Kommentar zukommen lassen, der sich in meiner Blogeinstellung aufgehängt hatte:

    Vielleicht solltest Du ja mal die Argumente des GSPs zur Sache prüfen, statt immer wieder mit der
    ohnehin spekulativen Frage anzukommen, wie der es gehalten hätte, wäre er damals in Russland
    dabeigewesen. Als würde eine Antwort darauf irgendetwas ändern …

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